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Leselupe.de > Ungereimtes
Spielstraßen
Eingestellt am 17. 04. 2006 16:10


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HFleiss
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Spielstraßen


Blasse Kreidebilder
Auf seidenweichem Asphalt aus Übersee,
von der unglaublichen Insel Trinidad.
Lachende Menschenköpfe,
Bäume und ahnungsvolle Blumen
und Sonne Mond und Stern.

Mitleidlose Frühlingsgüsse
Spülen sie vom Straßenpflaster.
Ich Närrin mit den Narrenhänden.

Johannisbeeren grün
hinter organisierten Behelfszäunen,
unüberwindbaren,
und am Fenster ein tuberkulöses Kind
blinzelt in die Nebelsonne.

Nahe den verseuchten Kanalwassern
Rankt purpurn der Nachtschatten
Und wiegt sich die graue Melde.
Weiß blüht der Holunder mit
Dolden von Jahrhundertschwere.

Gleißende Schienen unterm Sonnenstrahl
auf nimmermüder Passage
In den kinderfressenden Bombentrichter
am Ende der menschenbelebten Welt.

In den leeren Kirchenkellern,
den Krypten des Heiligen Geistes,
Gehen die Gespenster um.
Noch immer pfeifen und
huschen die Ratten darinnen,
schon merklich gemästet.
Ach, mein Gott.

Brandig verrauchte Kinderspielstraßen
im gebrannten Unschuldsherzen.
Schatzinseln der kleinen Sehnsüchte,
Paradiese zerborstener Tage.

Eins
Das ist meins
zwei drei vier
das gönn ich dir
fünf sechs sieben
tot sind alle Lieben
acht neun zehn
du kannst gehn

Gestorben der menschenentblößte Nordhafen
Und der Schleppkahn abgesoffen,
Und auf der getarnten Fußgängerbrücke
Wehrhaft die lächerlich gekrümmten Toten im
Endsiegschlaf.

Mama, was heißt: Sie sind tot.
Kind, es heißt: gefallen.
Und was heißt: gefallen?
Sie sind tot, mein Kind.

Ausgejubelt die hohen Zeiten.

Skrofulös rauschen die Wasser der Panke,
unter der Brücke treiben
erschossene Kochtöpfe
und militärische Leichen
und mit der Strömung neigt sich
das gefällige Wassergras willig
grüneren Zeiten entgegen.

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Inu
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Liebe Hanna

Berührende Bilder, die mich in ihren Bann schlagen, obwohl ich nicht recht weiß ... das heißt, ich kann einzelne Abschnitte nicht in Zusammenhang bringen.

'Exotische' Pflastermalereien aus unseren Tagen?
Erinnerungen klingen an an eine deutsche? Kindheit in den Schrecken des 2. Weltkriegs ?
Bittere Abrechnung mit Kirche und Klerus, die Katakomben leerer Heilsversprechungen?

Spielstraßen: wo Kinder spielen?
Spielstraßen: wo Erwachsene, wo Mächtige ihre 'Visionen' austoben?

Es könnte ein packendes Gedicht sein, meines Erachtens fehlt nur der Kitt, der die Bilder zusammenhält und die in meinem Kopf entstandene Wirrnis lichtet

Ein bisschen mehr Erklärung bitte, Hanna



Dennoch ... da ist Dir etwas Hochpoetisches gelungen.

Liebe Grüße
Inu

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HFleiss
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Spielstraßen

Liebe Inu,

du brauchst einen Schlüssel? Nun, ich sag mal, Kindheit nach dem Kriege in der schwer bombardierten Innenstadt, aber es ist noch viel, viel mehr. Da fließt viel ein auch vom Blick der Erwachsenen zurück und von den Reden der Leute. Aber mehr, liebe Inu, fällt mir selbst schwer zu erklären, ein Bild treibt das andere, und alle haben irgendwie mit Abscheu vor dem Krieg und mit Kinderspielen in der Trümmerlandschaft zu tun. Aber man soll ein Gedicht nicht erklären, deuten muss es sich der Leser selbst. Ich glaube, für Leser, die auf dem Land groß geworden sind, und dann noch zu anderen Zeiten, ist einiges ganz bestimmt nicht erklärlich. Hundertprozentig aber geht es nicht um Abrechnung mit der Kirche (es wurden ja auch Kirchen bombardiert). Ich nehme doch an, ich habe konkrete Bilder verwendet. Bin nämlich eine typische Berliner Nachkriegsgöre, ein Trümmerkind, wie man es von den berühmten Fotos kennt.
Danke fürs Lesen, Inu.

Lieben Gruß
Hanna

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