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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Spieltag
Eingestellt am 21. 03. 2014 19:17


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Vagant
???
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Spieltag

Und wieder fummelten Hände über meiner Schulter. Sie griffen nach dem Bier auf dem Tresen, stellten das Bier zurück, legten Kippen im Aschenbecher ab und fingerten nach dem Stapel Eurostücken für die Automaten, die hinter mir an der Wand des 'Crow's Nest' hingen. In meinem Rücken piepste es, als wäre dort 'ne Schar Spatzen mit der Aufzucht ihrer Jungen beschäftigt. Herrgott nochmal, tut das Not, dachte ich mir, und war mir nicht sicher, was mir gerade mehr an die Nieren ging, der Zustand, dass wir Null-zwei hinten lagen, oder der, dass trotz Europa-League-Spieltag die Automaten gefüttert werden, als gelte es ein verstoßenes Eisbärbaby durch den Winter zu bringen. Bleib ruhig Charly, bleib ruhig. Ich blickte kurz über meine Schulter und erkannte zwei Südländer. Südländer; was'n schönes Wort, dachte ich. Sonnenblume, Badewetter, Schirmchendrinks, Südländer – nein, passt net. Südländer ist negativ besetzt, kannste nix machen; nicht mal den Worten kannste noch trauen. Der eine von beiden war jung und schmal, halt wie alle dort im Süden, der andere war nicht viel größer, aber älter und dicker. Vielleicht sein Vater. Er hatte sein Haar pomadig in den Nacken gekämmt, und seine pechschwarzen Koteletten reichten ihm fast bis in die Mundwinkel; Typ später Elvis.

Ich winkte nach Giovanni, der gerade hinterm Tresen stand.
„Che succede?“, kramte ich nach ein paar Brocken Italienisch.
Giovanni fuchtelte mit seinen spaghettidürren Armen wild in der Luft.
„Non lo so.“
„Giovanni, tu was, bitte! Ist ja nicht zum aushalten.“
„Sinne Albaner, kanne tue nixe.“
„Ach, du kennst die?“
„Si si.“
Giovanni winkte mich zu sich, legte seine Lippen an mein Ohr und sagte: „Du wisse, in meine Dorfe man sage, du treffe eine Albaner un eine Wolfe, du erschieße Albaner, lasse die Wolfe laufen.“
„Und, wann schießt du?“
„Ach, sinne scheiße Gesetze inne Deutschlande.“
„Dann gib mir noch'n paar Nüsse, die beruhigen.“
„Vabbene.“

Ich schaute wieder auf den Bildschirm überm Tresen. Der Automat in meinem Rücken stimmte eine jämmerlich einstimmige Version des Yankee-Doodle an; wahrscheinlich um irgend einen Gewinn anzukündigen. Drei Bananen, vier Kirschen, 'nen Obstteller. Wen kümmerts? Meiner Elf wird’s heute Abend auch nicht mehr helfen. Null-zwei hinten, im eigenen Stadion, das muss man sich mal vorstellen. Giovanni stellte mir ein neues Schälchen Nüsse hin und schob einen stumpfschwarzen Espresso daneben.
„Aufe die Hause, Charly.“
„Grazie.“
Hinter mir klingelte es, als kippte jemand 'ne Kiste Schrauben auf die Badezimmerfliesen. Jackpot. Die Hand des Albaners langte wieder über meine Schulter und warf ein paar Zwei-Euro-Stücke auf den Tresen. Der späte Elvis sagte noch etwas in irgendeinem süditalienischen Dialekt, den wohl nur Giovanni verstehen konnte. Dann war Ruhe.

Ich kippte den Espresso. Als ich nach den Nüssen griff hörte ich eine Stimme neben mir.
„Darf ich?“
Neben mir saß nun eine Frau, so um die vierzig, klein und zierlich, mit frecher Kurzhaarfrisur. Steht ihr gut, dachte ich.
„Bitte“, und ich schob die Schale ein Stück zu ihr.
„Und was meinst du, packen sie's noch? Ich denke, die reißen's noch rum.“
Ich schaute hinauf zum Bildschirm. Abwehrschlacht.
„Nee“, sagte ich, „nur noch zwanzig Minuten. Da geht nix mehr.“
„Ja, denk' ich auch.“
Wir lachten. Giovanni stellte uns noch ein Bier und eine Weinschorle vor die Nase.
„Denen fehlt einfach der letzte Pass“, sagte ich. „Bis zum Strafraum geht’s ja noch, aber dann …“
„Hätten halt nicht den Dingsdavic …“
„ ... Ivanovic?“
„Genau den, den hätten sie nicht verkaufen dürfen, die Nulpen.“
„Sag ich doch.“
Sie griff nach ihrer Schorle und prostete mir zu.
„Na dann, katastrowje.“
Ich nickte zurück. Wir tranken, unterhielten uns, aßen Nüsse und schauten nebenbei zu, wie das Null-drei fiel. Abpfiff.
„Null-drei, zu hause. 'brauchen gar nicht erst zum Rückspiel fahren“, sagte ich.
Sie nickte, schaute mich an und sagte: „Komm, lass uns gehen. Hier ist ja 'ne Stimmung wie zum Fasching auf der Wolfsschanze.“

Wir traten hinaus und gingen bis zur Promenade. Still und träge schleppte sich der Main wie ein schwarzes Band durch die Nacht. Bei 'Elviras-Büdchen' bogen wir wieder nach links in die Gassen, und nach drei Ecken standen wir vor ihrer Tür.
„Da wär'n wir“, sagte sie.
„Und nun?“
„Weiß net.“
„... mh...“
Sie schaute mich an, gab mir einen Kuss auf die Wange und sagte: „Na vielleicht willst du ...“
„... mir deine Briefmarkensammlung an schau'n?“
„Nee, vielleicht noch auf'n Kaffee?“
„Gern'.“

Das Licht der Schreibtischlampe tauchte ihr Wohnzimmer in zartes Karamell. Wir saßen nackt auf dem Sofa, atmeten ruhig und tief, schauten uns an und küssten uns wie zwei verspielte Teenager.
„Schön war's“, sagte sie.
„Ja, fand ich auch.“
Und ob's schön war. Klasse war's, Charly, einfach klasse. Sag's ihr doch, du Memme.
Ich blickte mich verlegen um. Sie griff nach einer Schachtel, die in der Zeitungsablage des Tisches lag, öffnete sie und hielt sie mir hin. Fünf Joints, einer so schön wie der andere. Konfektionsware, Herstellerabfüllung; jedenfalls nicht selbst gebaut, dachte ich mir.
„Was'n das", fragte ich.
„Schwarzer Afghane. Wollen wir?“
„Ich weiß nicht. Hab' schon ewig nicht.“
„Haste Angst?“
„Das nicht, ist halt wie beim Folkloreabend im Nudistencamp.“
„Kannst's dir ja noch überlegen.“
Sie zündete den Joint an, nahm einen tiefen Zug und reichte ihn dann zu mir. Es war bestimmt zwanzig Jahre her, als ich das letzte mal an einem Joint gezogen hatte. Ich nahm einen flachen Zug und sah zu, dass ich den Rauch wieder heraus bekam bevor sich meine Bronchien meldeten.
„'machst wohl einen auf Clinton?“
Wir lachten. Sie saugte lang und tief, ließ den Rauch eine Ewigkeit in ihren Lungen, formte dann den Mund zu einem O und stieß ihn langsam wieder aus.
„Ohne zu husten, Respekt“, sagte ich.
„Husten ist kindisch. Wer husten muss, der sollte beim Brausepulver bleiben.“
„Ahoi“, sagte ich und übernahm den Joint ein weiteres mal.
So saßen wir nackt, reichten uns die Tüte hin und her, begannen manchmal einfach so zu kichern und fummelten albern am anderen herum. Mensch Charly, so schön kann's sein, das Leben. 'n bisschen Sex, 'n bisschen Dope und 'en Loch in die Gegend gucken. Gibt’s was schöneres auf der Welt?
„Haste denn öfter mal 'nen Joint am Start“, fragte ich.
„Manchmal, so zum Entspannen, rein therapeutisch, versteht sich.“
„Dumme Frage, aber wo kriegsten das Zeug her?“
„Die Albaner.“
„Nee.“
„Doch.“
„Und Giovanni?“
„Der tut so, als bekomme er's nicht mit. Denke aber, der kauft selbst bei denen.“
„Che Bastardo, und mir schiebt er den ganzen Abend die Nüsse über'n Tresen.“

Aber nun war keine Zeit dafür, sich den Kopf über Giovanni zu zerbrechen. Ich zog noch ein paar mal am Joint. Es ging nun besser. Husten ist kindisch; ich hielt mich dran. Und in meinen Gedanken flog ich nun über zinnoberrote Mohnfelder, die sich vom hintersten Zipfel Afghanistans bis zum 'Crow's Nest' erstreckten. In der Tür des 'Crow's Nest' stand Giovanni und winkte mit einem Joint von der Größe einer Calzone. Ich kicherte. Abgefahren, wirklich abgefahren. Ich legte mein Kinn auf ihre Schulter.
„Ich würd' gern die Nacht bei dir bleiben.“ Ich schaute ihr zu, wie sie den Rauch ausstieß.
„Oh, iss keine gute Idee.“
„Schade.“
Wir kicherten wieder.
„Aber vielleicht können wir ja am Samstag mal 'ne Runde mit den Rädern machen“, sagte sie.
„Un' wohin?“
„Nix Bestimmtes. 'n bisschen am Main entlang. Vielleicht bis Miltenberg, dort 'ne Pizza, un' dann zurück.“
Sie schaute mich an, küsste mich auf die Wange und sagte: „Mich würd's freuen.“
Ich werd's Derby verpassen, dachte ich. Ja verdammt, Charly, du verpasst das Derby. Aber alle Jahre gibt’s 'n Derby, zwei sogar. Also, wen kümmert's, dachte ich.
„Ich bin dabei“, sagte ich.
„Schön.“

Version vom 21. 03. 2014 19:17
Version vom 22. 03. 2014 18:44
Version vom 22. 03. 2014 18:47
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DocSchneider
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Hallo Vagant, bevor ich begründe, wieso ich das gerne gelesen habe, ein paar handwerkliche Sachen:

quote:
eine jämmerlich einstimme Version des Yankee-Doodle an;

eine jämmerlich einstimmige Version...

quote:
Gibt’s was schöneres auf der Welt?
„Haste denn öfter mal 'en Joint am Start“, fragte ich.
„Manchmal, so zum entspannen, rein therapeutisch, versteht sich.“

Gibt's was Schöneres auf der Welt?
"Haste denn öfter mal 'nen Joint am Start?", fragte ich.
"Manchmal, so zum Entspannen, rein therapeutisch, versteht sich."


Du hast die Stimmungsbilder, die in dieser Kurzgeschichte vorherrschen, sehr gut eingefasst: Die nervigen Albaner, die Kneipenatmosphäre, das Fußballspiel, das Kennenlernen der Frau an der Theke, die Begegnung mit ihr in ihrer Wohnung - ausgedehnt auf alle zwischenmenschlichen Bereiche. Ich konnte beim Lesen alles vor mir sehen. Sehr gut.

Das Konsumieren des Joints wird mir dann allerdings allzu verherrlichend dargestellt, zu positiv. Immerhin geht es hier um Drogenkonsum.

Am Schluss greifst Du sehr geschickt den Titel "Spieltag" wieder auf, denn das Verabreden mit der Frau behält Spielcharakter, da sie eine Übernachtung ausschließt und nur einen Fahrradausflug vorschlägt. Ob wirklich mehr draus wird, bleibt so offen. Vielleicht eben doch nur ein Spiel ihrerseits.

Danke für die gute Unterhaltung sagt mit lG,
Doc
__________________
Manchmal denke ich, der Himmel besteht aus ununterbrochenem, niemals ermüdendem Lesen. (Virgina Woolf)

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Vagant
???
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Hallo Frau Schneider, nur mal schnell vielen Dank für's Zeigen der Fehler. Wird ja langsam peinlich, aber ich hab's nicht gesehen (gerade die fehlende Silbe beim 'einstimmig' ?? bin mir aber sicher , dass die irgendwann auch mal auf dem Papier war) , na ja, ich hab's gleich geändert.
Der Text war ja mehr so ein Schnellschuß. Ich hatte mir, in meiner gestrigen Mittagspause, mal ein paar Notizen gemacht, (Personal, Szene, Dialoge - nur grob umrissen), und das Ding nach Feierabend schnell eingetippt. Danach; nix mehr dran gemacht. Keinen Satz verschoben, nix hinzu gefügt, gar nichts. Das bisschen Korrektur habe ich aus Zeitgründen auch erst kurz nach dem hochladen gemacht. Wollte einfach mal testen, was so völlig ungefiltert dabei raus kommt, und wollte mich einfach mal ein bisschen in Dialogen üben. Wahrscheinlich werde ich in Zukunft ein paar mehr solcher Sachen machen, und vielleicht erfährst du ja irgendwann, wie es mit den beiden weiter geht. Ich denke, die mögen sich schon ein bisschen. Könnte was werden. Denn,ich mag sie ja auch. Ich mag eigentlich alle meine Protagonisten, und wenn ich mal keinen Zugang zu einem finde, dann wird auch die Geschichte nichts. Und was die Sache mit dem Joint betrifft; einer geht schon mal. Ist halt wie so'n kleiner Obstler, den braucht's ja auch nicht jeden Tag.

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Vagant
???
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Ach so Doc, ich nochmal. Ich hatte etwas vergessen. Das ist nicht unbedingt ein Spiel das sie da mit Charly spielt. Sie möchte ihn nicht bei sich übernachten lassen, weil sie ihn vielleicht erst mal etwas besser kennen lernen möchte, bevor sie ihn in so intime private Bereiche wie das Schlafzimmer, Bad, und und und lassen möchte. Ab einem gewissen Alter sehnt sich der Mensch zwar immer noch nach Nähe und Berührung, aber er achtet auch peinlichst genau darauf, dass die Nähe dann nicht zu nah gerät, und dass die gewohnten privaten Freiräume nicht angetastet werden. Ich denke, du verstehst was ich sagen wollte.
Und der Vorschlag für einen gemeinsamen Wochenendausflug zeigt ja deutlich, dass sie ihn näher kennenlernen mäöchte.
LG Vagant

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USch
Guest
Registriert: Not Yet

Hallo Vagant,
sehr gelungen, dein spontaner Dialogexzess. Die Stimmungen kommen gut rüber.
Eine Kleinigkeit:

quote:
Wir lachten. Sie saugte lang und tief, ließ den Rauch eine Ewigkeit in ihren Lungen, formte dann den Mund zu einem O und stieß den Rauch ihn langsam wieder aus.
wegen der Doppelung, die nicht so gut klingt.
LG USch

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Vagant
???
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Hallo Uwe, danke für's Lesen und Kommentieren. Deinen Vorschlag habe ich sofort übernommen. Der Satz klingt nun wirklich besser. Bei so einer spontanen Sache gäbe es wahrscheinlich 1000 Baustellen. Hier etwas konkreter machen, dort etwas streichen, eine schönere Formulierung finden; na ja, du kennst das sicher, die Sache mit der nicht enden wollenden Textarbeit. Ich wollte das Ergebnis so pur wie möglich lassen. Aber dein Vorschlag für die kleine Änderung konnte ich dann doch nichts entgegen setzen.
Muss ich in solch einem Fall eine Co-Autorenschaft anbieten?

Vielleicht noch eine Frage: Der Text lohnt ja eigentlich keiner weiteren Betrachtung. Also hier muss man nicht nach Sinn oder Unsinn fragen, man wird vergeblich zwischen den Zeilen suchen - da ist nix, ist halt einfach nur ein bisschen trashige Unterhaltung. Aber eine Sache hat mir beim Schreiben dann doch etwas Kopfschmerzen bereitet. Mein Versuch, das gebrochene Deutsch von Giovanni quasi in Lautschrift wieder zu geben. Ist das in diesem Fall vielleicht zu viel in Richtung Comedy, oder passt es so in den Kontext, in den Erzählton? Ich würde mich über eine Rückmeldung freuen.
LG Vagant

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