Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, m├╝ssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5438
Themen:   92241
Momentan online:
270 Gäste und 18 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzgeschichten
Spuren
Eingestellt am 24. 02. 2011 17:30


Autor
Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.
tintenfisch
Hobbydichter
Registriert: Feb 2011

Werke: 2
Kommentare: -1
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um tintenfisch eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Bernds ├äu├čeres verriet denen, die ihn erblickten, dass er kein Leben als erfolgreicher Abteilungsleiter oder Banker f├╝hrte. Allerdings waren jene schwer zu finden, seit er beschlossen hatte, seine Wohnung von nun an ausschlie├člich zu besonderen Anl├Ąssen zu verlassen. So war er also in letzterer Zeit nur noch vor die T├╝re getreten, falls sein Vorrat an Tiefk├╝hlpizzen oder Norma-Bier zur Neige ging oder wenn sogar ihm die Anh├Ąufungen von M├╝ll, welcher sich in seiner Wohnung t├╝rmte, zu viel geworden waren.
Er presste mich fest an sich. Inst├Ąndig hoffend, dass ihn kein neuerlicher Tr├Ąnenausbruch heimsuchte, versuchte ich eine Tiefe Inhalation seines K├Ârpergeruchs weitgehend zu vermeiden, was nat├╝rlich zum Scheitern verurteilt war, da meine Lungenfl├╝gel auf irgendeine Weise mit Luft versorgt werden mussten. Aber anscheinend war der Quell seiner Tr├Ąnen f├╝r heute versiegt. Nur noch Schluchzen und Zittern. Seit 5 Jahren Schluchzen und Zittern. Damals hatte Bernd ÔÇô ich erinnere mich genau ÔÇô an einem lauen Juniabend, als die Sommerluft leicht, ohne Ank├╝ndigung des kommenden Martyriums durch die kopfsteingepflasterten Gassen der mittelalterlichen Innenstadt wehte, mich auf dem monatlich stattfindenden Flohmarkt entdeckt, wie ich auf einer einer Decke sa├č. Neben mir lauter Ger├╝mpel, wertloser M├╝ll. Seit damals war ich die einzige Frau, die Bernd mit in sein Bett genommen hatte, was meine Brust nicht eben vor Stolz schwellen l├Ąsst. Aber heute war etwas anders. Heute war, muss ich fast behaupten, ein ganz besonderer Tag, ja vielleicht sogar ein Feiertag. Den anders als gew├Âhnlich um diese sp├Ąte Stunde lag Bernd heute nicht auf seinem alten fettfleckigen Sofa. Er hatte heute sogar den ganzen Tag, wenn man einmal vom Fr├╝hst├╝ck absah, auf sein sonst so allt├Ągliches Bier verzichtet, als ob sich in ihm das letzte bisschen W├╝rde, falls er so etwas je besessen hatte, zur Revolution formierte. Doch dass diese Revolution gegen das w├╝rdelose Dahinvegetieren zwischen Bier, Chips und Fernseher in einen Akt der Selbstzerst├Ârung m├╝nden w├╝rde, hatte ich Bernd bis zu jenem Moment, als wir die Br├╝cke erreichten, nicht zugetraut. Es war eine alte, ehrw├╝rdige, steinerne Br├╝cke passend zur Innenstadt, die wir eben durchquert hatten. Diese Br├╝cke war ganz anders als Bernd, dennoch schien sie ihn fast wie magisch anzuziehen. Mit schlafwandlerischer Sicherheit, ja fast anmutig ÔÇô wenn man einmal von dem ├ächzen absah ÔÇô erklomm Bernd die steinerne Begrenzung der Br├╝cke direkt neben einigen Br├╝ckenheiligen, die das Schauspiel mit unbeweglichen Mienen betrachteten. Dort stand er nun dick und allein. Ein einsamer Wolf ohne Z├Ąhne. Ein h├Ąssliches Schaf. Er stand einfach dort. Wankend. Und w├Ąre ich nicht in der misslichen Situation gewesen, mit Bernd dort oben zu stehen und auf das Wasser, das nicht allzu weit unter uns rasch dahinstr├Âmte, wobei in den Stromschnellen wei├če Schaumkr├Ânchen tanzten, hinabzublicken, so h├Ątte ich den Anblick wahrscheinlich komisch, sicherlich aber grotesk gefunden.
Dann ganz pl├Âtzlich presst er mich zum Abschied ein letztes Mal an sich. Wir fliegen, segeln durch die Nacht. Von au├čen betrachtet sieht das Ganze wohl v├Âllig unspektakul├Ąr aus, aber in mir ├╝berschlagen sich die Gedanken. Ich will nicht fallen. Ich war immer sehr liberal. Ich vertrete sogar die Auffassung, dass, wer sterben will, sterben soll. Nennen sie mir einen vern├╝nftigen Grund, warum nicht. Depressionen? Eine neue Volkskrankheit. Lecken sie mich damit am Arsch. Wer sterben will, soll sterben. Am besten sauber und schnell. Sonst versaut er hier die ganze Stimmung. Wer nicht feiern will, hat auf einer Party nichts verloren. Ein Partymuffel versaut jedes Fest. Aber ich will nicht sterben. Bernd hat mich nie gefragt, immer nur geflennt. Nun rei├čt mein Geduldsfaden.5 Jahre Ekel f├╝r eine Sekunde Hass. Er lodert bis wir aufschlagen. Das Wasser verschluckt uns dumpf, man h├Ârt nur ein Pflatschen, das Wasser spritzt zur Seite und von dem Ort, wo wir eben noch waren, wo wir das Wasser erreichten, gehen kreisf├Ârmig kleine Wellen aus. Sonst bleiben von uns keine Spuren.
Am Anfang ist da ein Gedanke, klein und hinten im Kopf, doch dieser kleine Gedanke beweist mir, dass ich noch lebe und ebendieser Beweis weckt in mir neues Leben, neue Kraft. Der Gedanke ist ein Samen der auf fruchtbare Erde f├Ąllt. Er sagt: Luft. Und ich k├Ąmpfe, f├╝ge mich nicht in mein Schicksal, wehre mich, bestehe darauf, dass jetzt, hier und heute nicht alles endet. Getrieben von der Emp├Ârung ├╝ber ein zu kurzes Leben, befreie ich mich aus der Urgewalt des Wassers, gelange an die Oberfl├Ąche und atme.
Ich treibe. Bin weit weg. Merke gar nicht, was geschieht. Eine Welle schwemmt mich ans Ufer. Ich bleibe zwischen Steinen h├Ąngen, liege im Schlamm. Es ist hell als ich das n├Ąchste Mal aufwache. H├Âre Stimmen, Schritte. Ein kleines M├Ądchen, das Gesicht von goldenen Locken umrahmt, in wei├č-gebl├╝mten Kleid, die Augen strahlend blau, schwebt engelsgleich den Abhang zum Ufer hinab. Es beugt sich herab, nimmt mich auf, presst mich fest an seine Brust. Ich bin daheim. Keifend kommt die Mutter. Schreit, rei├čt mich aus den Armen des M├Ądchens. Wirft mich weg. Ich liege wieder im Schlamm. Das M├Ądchen steht da, weint. Die Mutter schreit. Aber auf dem Kleid bleibt ein Abdruck, schmutzig und braun.

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


1 ausgeblendete Kommentare sind nur f├╝r Mitglieder und nur mit eingeschaltetem Javascript erreichbar.
Zur├╝ck zu:  Kurzgeschichten Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!