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Leselupe.de > Horror und Psycho
Spuren im Schnee
Eingestellt am 08. 04. 2004 10:21


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Ulrike
Hobbydichter
Registriert: Apr 2004

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Spuren im Schnee

Ungew├Âhnlich scharf heulte der Ostwind um die Blockh├╝tte. W├╝tend r├╝ttelte er an den Blendl├Ąden und schlug sie im Spielraum ihrer Verankerungen rhythmisch gegen die Au├čenbalken.
Helen kniete vor dem Kamin, formte Kugeln aus Zeitungspapier und warf sie zu den anderen in den Feuerraum. Dann schichtete sie sorgf├Ąltig ein paar Holzscheite um das Papier. Mit einem der langen Streichh├Âlzer z├╝ndete sie sich zuerst die Zigarette an, anschlie├čend hielt sie es unter einige der aus dem Stapel herausragenden Papierzipfel und wartete, bis die ersten Feuerzungen daran leckten, sich zart rauchend h├Âher fra├čen.
Fr├Âstelnd streckte sie die H├Ąnde vor und bewegte die Finger, umarmte sich dann selbst und rieb ├╝ber die ├ärmel ihrer Wolljacke. Einen Moment lang sah sie zur├╝ck zur Eingangst├╝r der H├╝tte und lauschte den Ger├Ąuschen von drau├čen. Sie war beunruhigt. Woher die Fu├čspuren im Windschatten der H├╝tte? Verweht zwar, doch nur leicht bedeckt von neuem Schnee, und eindeutig menschlich. Woher die Kratzspuren am T├╝rschloss? Wer konnte versucht haben, in die H├╝tte einzudringen? Und war dieser Jemand noch in der N├Ąhe, wartete auf seine n├Ąchste Chance?
Die Gummisohlen ihrer Wanderschuhe quietschten ├╝ber die schweren Holzdielen. Sie kontrollierte noch einmal die Verriegelung der Eingangst├╝r. Nie h├Ątte sie gedacht, dass dieses Monstrum ihr einmal wichtig werden w├╝rde. Nur widerstrebend hatte sie im Sommer nach Onkel Rons Tod - weil David es so wollte - diesen ├╝berdimensionalen, h├Âlzernen Schieber anbringen lassen, hatte ihn zuvor nie benutzt. Wenn dieses Ding in die dazugeh├Ârige Lasche aus Eisen eingerastet war, kam sie sich hier drinnen vor wie in einem Gef├Ąngnis, und das mochte sie ganz und gar nicht. Von nichts und niemandem lie├č sie sich in ihrer Freiheit gern einschr├Ąnken. Von einem h├Âlzernen Riegel nicht, von David nicht und von Barrings, diesem ignoranten Karrierearschloch, schon gar nicht.
Was hatte er neulich gesagt? \"F├╝hrungsqualit├Ąt beweist man, indem man seine Mitarbeiter so schnell ├╝ber den Tisch zieht, dass sie die Reibungshitze als Nestw├Ąrme empfinden.\" Und dann hatte er sich eine Weile den Bauch halten m├╝ssen, weil er seine \'feinsinnige\' Bemerkung offenbar selbst derart witzig fand, dass er mit dem Lachen gar nicht mehr aufh├Âren konnte.
Arschloch!
Ver├Ąchtlich lachte Helen in sich hinein. Nein, auf diese Weise w├╝rde sie niemals mit ihren Untergebenen bei VanBioPharma umgehen. Entweder so, wie es ihrer Art entsprach, oder gar nicht. Dann sollte Barrings sich seine Bef├Ârderung zur Chefmanagerin der Filiale in Richmond an den Hut stecken. Auf keinen Fall w├╝rde sie sich in ihrem Job den Charakter verbiegen. Die Bauchschmerzen, die ihr einige der pharmazeutischen Bio-Produkte bereiteten, f├╝r deren Vertrieb sie zu sorgen hatte, waren schon schlimm genug. Da stand manchmal mehr \"Bio\" drauf, als tats├Ąchlich drin war.
Nun ja � sie seufzte - es t├Âtete nicht.
Eine Woche Ruhe von allem, weg vom Weihnachtstrubel, Zeit zum Nachdenken, und als Verbindung zur Au├čenwelt nur Handy und Laptop. Die Entscheidung, ob sie den Job ├╝bernehmen w├╝rde, w├╝rde sie erst f├Ąllen m├╝ssen, wenn sie zur├╝ck in Burnaby war.

Sie strich ├╝ber das Holz des armdicken Riegels. Heute empfand sie es als beruhigend, dass er da war. Sie zupfte die rotwei├č karierten Vorh├Ąnge am kleinen Fenster neben der T├╝r dichter zusammen, ging zur├╝ck vor den Kamin und warf den Rest ihrer Zigarette ins Feuer. Noch immer ersch├Âpft von der Fahrt durch den Schneesturm in den Rockys, von den f├╝nfzig Metern Anstieg mit Gep├Ąck, lie├č sie sich in das alte, fellbezogene Sofa fallen und schleuderte - w├Ąhrend sie sich zur├╝cklehnte - in der f├╝r sie typischen, energischen Kopfbewegung das lange, rotkrause Haar ├╝ber die Schulter zur├╝ck. Meine kleine rote Hexe hatte Ron sie oft genannt.
Ein wehm├╝tiges L├Ącheln huschte im Schein des Feuers ├╝ber ihr Gesicht. �Krause Haare - krauser Sinn, und jede Sommersprosse ein kleines Gottes-Mal f├╝r deinen Starrsinn�, hatte er oft gesagt. �Verdammt, du bist mir so ├Ąhnlich. Verstehe gar nicht, dass mein schissiger Bruder eine solche Tochter zustande gebracht hat. Die Gene m├╝ssen ├╝ber Kreuz gelaufen sein, k├Ânntest meine Tochter sein. Hoffentlich wirst du nicht irgendwann auch noch so gro├č wie ich. Es ist nicht gut, als Frau die M├Ąnner zu ├╝berragen. Das m├Âgen sie in der Regel nicht ...�
Die Erinnerung an das breite Grinsen, das sich bei solchen Worten ├╝ber Rons wettergegerbtes Gesicht gezogen hatte, akustisch untermalt von ein paar glucksenden Lauten, tief aus dem vorgew├Âlbten Bauch, verst├Ąrkte Helens noch l├Ąngst nicht ├╝berwundene Trauer und lie├č sie f├╝r einen Moment die Situation in Vancouver vergessen.
Ja, sie war hochgewachsen, und es gab nur wenige M├Ąnner, zu denen sie nicht herabsehen musste. Ja, sie war unabh├Ąngig und hatte sich in einer von M├Ąnnern beherrschten Welt einen beachtenswerten Platz erobert. Und gern h├Ątte sie noch eine Weile darauf verzichtet, Rons Erbe anzutreten und die Blockh├╝tte ihr Eigen nennen zu k├Ânnen, doch seit dem Sommer geh├Ârte sie ihr, und das S├Ągewerk in Calgary musste auf einen kr├Ąftig zupackenden Mitarbeiter verzichten.
Das Feuer schien Fu├č gefasst zu haben, die Buchenscheite gl├╝hten. Helen erhob sich, um noch ein paar Kerzen anzuz├╝nden. Das Flackern des Lichts warf eigent├╝mliches Leben auf die Innenw├Ąnde aus grob behauenen, kanadischen Kiefernst├Ąmmen. Die mit einem Lehmgemisch ausgef├╝llten Ritzen br├Âckelten zwar an einigen Stellen, aber das unterst├╝tzte eher den rustikalen Charakter, und noch immer zog es nirgends durch.
Helen l├Ąchelte. Ron hatte seine ganze Liebe in diese Arbeit gesteckt. W├Ąre da lediglich der Sturm drau├čen gewesen, sie h├Ątte die Atmosph├Ąre - wie sonst auch - als sehr gem├╝tlich empfunden. Doch die K├Ąlte, und diese eigenartigen Spuren da drau├čen ...
Helen rieb sich die H├Ąnde bevor sie sich eine neue Zigarette anz├╝ndete. L├Ąssig umfasste sie den Hals der Cognacflasche, die sie auf dem Kaminsims abgestellt hatte, schraubte sie auf, goss sich zwei Finger hoch ein. Schwenkte das Glas in ihrer Hand und nahm im Stehen einen langen Schluck. Angewidert wischte sie mit dem Handr├╝cken ├╝ber ihre Lippen. Ekelhaft, dieses Zeug! Doch im Moment brauchte sie W├Ąrme von innen. Gut, dass es in Rons �Geheimfach� unter der Sp├╝le immer noch einen kleinen Vorrat davon gab. Es w├╝rde noch eine Weile dauern, bis die Sandsteine des Kamins mit W├Ąrme so vollgetankt w├Ąren, dass sie sie sp├Ąter ein paar Stunden lang wieder abstrahlen konnten. Bis dahin mussten Cognac und Jacke sie weiter w├Ąrmen.

Sie zog Handy und Laptop aus der Ledertasche, setzte sich den handlichen Computer auf die Knie, schaltete ihn ein und lie├č ihn hochfahren. Das Handy legte sie in Reichweite der Infrarot-Schnittstelle neben sich aufs Sofa, und als beide Ger├Ąte betriebsbereit waren, rief sie ihre Mails ab.
Herrgott, schon wieder dreimal dieser your_shadow@hotmail.com als Absender! Seit Wochen verfolgte dieser verdammte Kerl sie mit seinen Drohungen, und Helen zermarterte sich das Hirn, suchte nach Erinnerung daran, wem sie bei welcher Gelegenheit auf die Zehen getreten sein k├Ânnte. Wer zum Teufel hasste sie so sehr? Wer beobachtete sie und konnte von all diesen intimen Einzelheiten aus ihrem Leben wissen? Hatte dieser Typ nichts Besseres zu tun, als sie zu verfolgen und mit seinen verdammten Drohungen zu bombardieren?
Die drei Mails waren markiert, und der Cursor zielte schon auf den L├Âschbutton. Dann war die Neugierde doch st├Ąrker. Sie entschloss sich, eine zu ├Âffnen. Die Dritte.
Das Warten schmerzt, doch es wird bald ein Ende haben. Sp├╝rst du meinen Atem in deinem Nacken? Ich bin dir ganz nah, Schatz. So nah wie dein Schatten, dem du nicht entfliehen kannst ...
Nein, das musste sie sich nicht weiter antun.

Helen sch├╝ttelte hustend den Kopf, atmete tief durch und ging auf \'L├Âschen\'.
Es schien dem Irren entgangen zu sein, dass sie nach Banff abgereist war. Und sie h├Ątte es trotz des Schneesturmes bemerkt, wenn ihr auf dem King Horse Pass oder dem Transcanadian Highway jemand gefolgt w├Ąre. Dort war sie nur von wenige Wagen ├╝berholt worden. Keine Scheinwerfer, die w├Ąhrend der Fahrt l├Ąngere Zeit in ihrem R├╝ckspiegel geklebt h├Ątten ...
Fast willkommen nun die Mail von David. Er beschwerte sich. In seiner neuen Wohnung war es ihm immer noch zu laut.
Sie kicherte. Hatte er bei der Besichtigung nicht aus den Fenstern geschaut? Logisch, dass seine empfindsamen Musiker-├ľhrchen neben einer vierspurigen Hauptverkehrsstra├če nicht nur durch Vogelgezwitscher und Waldesrauschen erfreut werden w├╝rden.
Helen konnte sich eine Spur von Schadenfreude nicht verkneifen. Ja, es musste f├╝r ihn schon eine gewaltige Umstellung sein � nach dem Haus und dem gro├čen Garten in Burnaby nun im Get├╝mmel West Vancouvers zu leben. Doch das h├Ątte er sich fr├╝her ├╝berlegen m├╝ssen.
Sie las weiter.
Aha, Davids neue Freundin Lucy hatte schon wieder zu viel Geld f├╝r Klamotten und s├╝ndhaft teure Kosmetik ausgegeben, und das, obwohl er doch den Job als Cellist beim CBC Vancouver Orchestra noch immer nicht sicher in der Tasche hatte. Die hielten ihn offenbar hin.
Tja � auch das war nun wirklich sein Problem.
Helen sch├╝ttelte den Kopf. David � immer spontan, immer un├╝berlegt, immer noch wie ein kleiner Junge, der glaubte, sich bei ihr ausheulen zu k├Ânnen, wenn es ihm schlecht ging. Mit seinen vierunddrei├čig Jahren ein unver├Ąndert egoistisches Kind, dem es egal war, ob er ihr mit seinem Gejammer weh tat oder nicht. Mit einer Sensibilit├Ąt nur f├╝r Kl├Ąnge, nicht f├╝r die Befindlichkeiten anderer Menschen - wie viele Musiker, die Helen w├Ąhrend ihrer Beziehung mit ihm kennen gelernt hatte.
Sie musste wieder husten, dr├╝ckte ihre Zigarette dieses Mal im Aschenbecher aus, fuhr mit einem bitteren L├Ącheln den PC herunter und nahm noch einen Schluck Cognac. Sie sp├╝rte, wie die W├Ąrme sich langsam in ihrem Inneren auszubreiten begann.
\"Lucy, dieses Mistst├╝ck! Er hat sie gewollt, und er hat sie verdient, wei├č Gott! Eine Freundin? Pah!\"
Eigentlich h├Ątte sie wissen m├╝ssen, dass auch David irgendwann ins Lucy-Netzwerk geraten w├╝rde. Ein habgieriges Luder, das auch in Gew├Ąssern fischte, von denen sie besser die Finger gelassen h├Ątte. Ein Hechtweibchen im Karpfenteich. Und nun wartete sie in Lauerstellung mit ihrem weit aufgerissenen, gierigen Maul darauf, dass die Scheidung endlich durch war, die David ihrer ├ťberzeugung nach ein h├╝bsches S├╝mmchen bescheren sollte. Doch ha! Helen Burger w├╝rde den beiden einen kr├Ąftigen Strich durch die Rechnung machen und Lucy diesen Leckerbissen vermiesen. Vom Erl├Âs ihrer fr├╝hen B├Ârsenspekulationen w├╝rde David keinen Cent zu sehen bekommen. Das Geld war l├Ąngst unangreifbar unter Toms Namen geparkt.
Tom ... Sie hatte ihrem Mitarbeiter bei VanBioPharma nach Mrs. Hensons Tod die Souterrainwohnung im Nachbarhaus vermittelt. Man hatte die alte Frau vor etwa einem halben Jahr erstochen in ihrer Badewanne aufgefunden. Schrecklich! Seit der Trennung von David verband sie nun eine zart wachsende Freundschaft mit Tom. Auf seinem Konto war das Geld so sicher wie in Abrahams Scho├č.
Im Gedanken an ihn schloss Helen f├╝r einen Moment die Augen, und ein vertr├Ąumtes L├Ącheln huschte ├╝ber ihr Gesicht. Sie seufzte tief, klappte das Laptop wieder zu und schob es auf den niedrigen Holztisch vor dem Sofa. Das Handy schaltete sie aus und warf es zur├╝ck in die Tasche.
Noch immer ein wenig fr├Âstelnd, obwohl es in der H├╝tte langsam w├Ąrmer wurde, wickelte sie sich die Wolldecke um die Beine und lehnte sich in die Kissen zur├╝ck.
Das Holz der H├╝ttenw├Ąnde reagierte auf den Temperaturanstieg im Raum mit ├Ąchzendem Knacken. Ger├Ąusche, die sie heute zusammenzucken lie├čen, obwohl sie ihr vertraut waren, und obwohl Angst f├╝r sie bisher eigentlich ein Fremdwort gewesen war.
Vielleicht sollte sie erst einmal schlafen. Ihr fielen ja schon im Sitzen die Augen zu. Die Fahrt heute hatte sie wirklich geschafft.
G├Ąhnend sch├Ąlte sie sich aus der Decke und legte ein paar dicke Holzscheite nach. Das sollte reichen, um die Steine aufzuheizen und die H├╝tte bis morgen fr├╝h einigerma├čen temperiert zu halten.
Sie fischte nach dem Lederriemen ihrer Schultertasche, hob den Koffer vom Flickenteppich und ging mit dem Gep├Ąck hin├╝ber in die Schlafkammer. Die Kerzen lie├č sie brennen. F├╝r den Fall, dass sie sich sp├Ąter noch etwas zu trinken holen wollte, oder in der Nacht auf den Eimer musste, der im Winter � besonders in einer Nacht wie dieser - das Toilettenh├Ąuschen drau├čen zu ersetzen hatte.
Aus Gewohnheit knipste sie ein paar Mal am Lichtschalter in der Schlafkammer. Doch auch hier funktionierte � wie in der gesamten H├╝tte � nat├╝rlich nichts. Kein Strom. Morgen fr├╝h w├╝rde sie im Keller den Generator anwerfen. Hoffentlich war er technisch in Ordnung, denn sie taugte nicht sehr zum Mechaniker. Daran, einen vollen Benzinkanister mitzubringen, hatte sie zum Gl├╝ck gedacht. In letzter Sekunde, Gott sei Dank. Aber sie hatte keine Lust, jetzt noch einmal durch den Schnee hinunter zum Auto zu stapfen, um den Kanister zu holen. Keine Lust, und auch ein wenig Furcht ...

Das pl├Âtzliche Ger├Ąusch riss Helen j├Ąh aus dem Schlaf. Nein, nicht der mit wuchtigen Axtschl├Ągen das Holz spaltende Ron aus ihrem Traum, dieser L├Ąrm war real! Und da war er wieder!
Helens Herz drohte auszusetzen. Sie wagte kaum in die wieder eingetretene Stille zu atmen. Langsam richtete sie sich auf, versuchte die Augen an die Dunkelheit zu gew├Âhnen und sich zu orientieren.
Da - erneut dieses Schlagen! Jedes Mal wie ein schmerzender elektrischer Impuls f├╝r ihr Herz.
Sie tastete auf dem Nachttisch nach Kerze und Feuerzeug. Im flackernden Lichtschein formten sich langsam die Konturen des Raumes. Sie lauschte.
Schon wieder. Nein, nicht an der Eingangst├╝r, es kam aus dem Keller. Bersten von Holz, wie mit einem Brecheisen bearbeitet.
O Gott!
Helens Herzschlag schien ihren Brustkorb sprengen zu wollen. Blind vor Panik tastete sie nach der Tasche neben ihrem Bett, riss sie zu sich hoch und versuchte beim Durchw├╝hlen so leise wie m├Âglich zu sein. Verdammt! Wieso nur hatte sie ein Faible f├╝r un├╝bersichtliche Riesenbeutel, in denen man nichts wiederfand?!
Zuerst bekam sie das Handy zu fassen. Sie warf es aufs Bett und suchte weiter, lie├č ihre Finger bis ganz nach unten graben. Da war er endlich. Zitternd umklammerte sie seinen Griff. Sie zog den Revolver heraus, entsicherte ihn. Ganz langsam, Zentimeter f├╝r Zentimeter schob sie ihre Beine aus dem Bett und schl├╝pfte in die Fellpantoffeln. Dann griff sie nach dem Handy, zwang sich zum Aufstehen und tappte leise zur T├╝r. Die Kerzen im Wohnraum waren fast heruntergebrannt, sie konnte kaum etwas erkennen. Ein leichter Schwindel, sie schwankte. Zu viel Cognac - verdammt!
Wieder dieses Ger├Ąusch! Im Keller, jagte es durch Helens Kopf, w├Ąhrend sie mit dem Daumen ihre PIN-Nummer ins Handy zu geben versuchte, da ist jemand im Keller!
Das Display leuchtete zwar, doch sie schien sich vertippt zu haben. Keine Verbindung. Sie Mit bebenden Fingern dr├╝ckte sie die Pin-Zahlen ein zweites Mal. Endlich! Sie w├Ąhlte den Notruf, hielt dabei den Revolver fest vor sich - bereit, jederzeit den Abzug ihrer Waffe zu dr├╝cken. Kaum anzunehmen, dass rechtzeitig Hilfe kommen w├╝rde. Zur Not w├╝rde sie sich selbst retten m├╝ssen ...
Hei├č schoss ihr das Blut in den Kopf. Das Kratzen im Hals k├╝ndigte einen Hustenanfall an. Um Himmels Willen nicht jetzt! Bitte jetzt nicht husten m├╝ssen! Mit aller Kraft versuchte sie, dagegen anzuk├Ąmpfen. Doch der Hustenreiz war st├Ąrker. Bebend presste sie ihren Arm gegen den Mund. Verdammt!
Und pl├Âtzlich diese Stimme aus dem Keller: �Helen? Helen, bist du wach?�
Verwundert lie├č sie den Revolver sinken. Tom? Nein, das konnte nicht sein! Einen Moment verharrte sie ungl├Ąubig. Dann atmete sie durch. �Tom? Bist du das?�
Gott sei Dank!
Mit wenigen Schritten war sie an der Kellert├╝r und drehte den Schl├╝ssel zur├╝ck.
�Police Department Banff. Womit k├Ânnen wir helfen?�, kr├Ąchzte es aus Helens Hand, doch in ihrer Verbl├╝ffung war sie unf├Ąhig zu reagieren. �Hallo? Hallo! ... Bitte melden Sie sich doch!�
Aber Helen konnte nur dem l├Ąchelnd die letzte Stufe der Kellertreppe heraufsteigenden Tom entgegenstarren. Sie schwankte zwischen Freude und Verwirrung.
L├Ąssig nahm er ihr Revolver und Telefon aus der Hand und kappte die Verbindung.
Endlich fand sie ihre Sprache wieder. �Tom, um Gottes Willen, was machst du hier? Du hast mich zu Tode erschreckt! Bist du wahnsinnig?�
Er senkte ihr ein wenig den Kopf entgegen. �Entschuldige. Ich hatte Sehnsucht nach dir, und da hab ich mir gedacht ...�
Helen konnte nicht zuh├Âren. In ihrem Kopf wirbelten die Gedanken wie Schneeflocken durcheinander, und ein wenig Argwohn begann sich in ihre ├ťberraschung zu mischen. Verunsichert sah sie zu ihm auf. �Woher wusstest du ├╝berhaupt, wo du mich finden konntest?�
�Kannst du dich nicht daran erinnern, dass du mir vor ein paar Wochen auf der Karte gezeigt hast, wo Rons H├╝tte liegt?�
Ja, das fiel ihr wieder ein. �Aber ich kann mich nicht erinnern, dass ich dir davon erz├Ąhlt habe, dass ich zu Rons H├╝tte fahre. Ich hab dir nur gesagt, dass ich mir einen Platz suchen werde, an dem ich ein paar Tage allein sein kann.�
�Na, da kam doch nur dieser Platz hier in Frage, oder? Ich dachte, du freust dich trotzdem ...�
Helen war so perplex, dass ihr nicht auffiel, dass Tom auf ihre Bemerkung gar nicht eingegangen war. Ein kurzes, hartes Lachen. �Freuen? Unter normalen Umst├Ąnden vielleicht. Aber nach einem solchen Schreck? Wieso kommst du mitten in der Nacht durch den Keller und nicht ...�, sie machte eine unsichere Handbewegung, deutete auf den verriegelten H├╝tteneingang, �wieso nicht ganz normal am Tag und durch die T├╝r ...?�
�Durch die T├╝r? Da hab ich�s versucht, Schatz, aber ich kam nicht rein. Du musst dort einen tierisch wirkungsvollen Mechanismus eingebaut haben.�
Er versuchte, ihr noch n├Ąher zu kommen, sie zu umarmen. Doch sie wehrte ab, sch├╝ttelte den Kopf und st├╝tzte die H├Ąnde gegen seine Brust.
�Warte mal, warte ... !� In ihrem Hirn begannen ein paar Alarml├Ąmpchen zu blinken. �Eins nach dem anderen. Du f├Ąhrst mir nach, weil du Sehnsucht nach mir hast, ja? Du fragst mich nicht, ob mir dein Besuch Recht ist, obwohl du wei├čt, dass ich in Ruhe ├╝ber wichtige Dinge nachdenken will - und zwar allein. Dann tauchst du hier auf, obwohl ich mich ja auch auf einer einsamen Insel in irgendeinem Hotel einquartiert haben k├Ânnte. Wartest, bis ich schlafe. Und am Ende versuchst du, durch den Keller hier einzubrechen. Richtig?�
Er grinste und nickte. �Ja, richtig. Das sollte ja auch Teil meiner ├ťberraschung sein.�
Helen wunderte sich ├╝ber den harten Griff, mit dem er ihren Arm umfasste, sie vor den Kamin f├╝hrte und ins Sofa dr├╝ckte. So grob hatte er sie noch nie behandelt. Das kalte Leder an ihrem Arm. Wieso zog er seine Handschuhe nicht aus? Nur noch Glut im Kamin zwar, doch der Raum war angenehm warm. Da konnte man doch seine Handschuhe ausziehen.
Argw├Âhnisch schaute sie zu ihm auf und studierte seine Z├╝ge. Sein L├Ącheln verlor f├╝r sie pl├Âtzlich einiges von seinem Zauber. Weshalb zum Teufel war ihr vorher nie aufgefallen, dass seine Z├Ąhne beim L├Ącheln etwas von einem Fleischerhund hatten? ...
�Woher wusstest du, dass ich hier bin, und wie bist du hergekommen?� Ihre Stimme zitterte jetzt, und sie schielte nach dem Revolver, den er noch immer in der Hand hielt.
�Bis kurz vor Banff war ich hinter dir. Immer mit gen├╝gend Abstand, versteht sich. Da hab ich mir schon gedacht, dass es in die H├╝tte geht. Als ich es sicher wusste, hab ich dich ├╝berholt. Den Weg kannte ich ja. Bin dir und David auch fr├╝her schon mal gefolgt. Musste eine Weile darauf warten, dass du endlich hier ankamst. Tut mir wirklich Leid, Schatz, dass du dein schweres Gep├Ąck ganz allein heraufschleppen musstest.� Er verzog sein Gesicht zu einer betr├╝bt wirkenden Grimasse. �Daf├╝r hab ich in der Zwischenzeit ganz h├╝bsch gefroren bei dem Sturm, denn bis ich die Luke in den Keller entdeckt habe, hat es eine Weile gedauert. Irgendwie gerecht - so zum Ausgleich, oder?� Sein zerknirschter Gesichtsausdruck ver├Ąnderte sich zu einem Grinsen, das mit einem Mal f├╝r Helen etwas Teuflisches, Be├Ąngstigendes hatte. Unfassbar, fuhr es ihr durch den Sinn, dass ein Mensch, den man bis vor wenigen Stunden noch sehr mochte, sich derart ver├Ąndern konnte! Und wieso nannte er sie pl├Âtzlich �Schatz�? Das hatte er vorher noch nie getan!
�Wo ...�, versuchte sie ihre fliegenden Gedankenfetzen zu ordnen, �wo hast du deinen Wagen abgestellt? Ich hab ihn gar nicht ...�
�Nein, nein�, sein Lachen erschien ihr wie das Bellen eines Hundes, �den hab ich gut getarnt. Den konntest du auch nicht sehen � so gr├╝ndlich versteckt hinter einem Felsvorsprung und Geb├╝sch weit unten am Hang. Vermutlich ist er inzwischen v├Âllig eingeschneit. Au├čer dir soll ihn nat├╝rlich auch niemand anderes zu sehen bekommen, denn ich habe vor, so wenig aufzufallen wie m├Âglich.�
�Was willst du von mir?� Helens Stimme sackte weg. Sie war v├Âllig verunsichert.
�Ja, hast du meine Mails denn nicht bekommen?�
Langsam hob er den Revolver und richtete ihn auf ihre Brust.
�Deine Mails?� Helen rang nach Luft. �Your Shadow ... Die waren von dir?!�
Wie eine hei├če Welle schoss Panik in ihr hoch. Nein, unm├Âglich! Er war doch ein so netter Kerl. Liebenswert, vertrauensw├╝rdig, z├Ąrtlich, einf├╝hlsam � ganz anders als David. H├Ątte sie ihm sonst ihr ganzes Geld ...?
Ihr Herz schien aussetzen zu wollen. Sie starrte zu ihm hoch. �Du wei├čt, ich habe die Erkl├Ąrung in meinem Safe, in der du mir unterschrieben hast, welcher Betrag auf deinem Konto mir geh├Ârt�, stie├č sie hervor.
H├Ąmisch grinsend wiegte er den Kopf. �Ja, ja, ich wei├č. Aber sagen wir es mal so: Dieser Zettel war in deinem Safe.� Und er legte die Betonung gen├╝sslich auf das �war�.
Helens Augen fixierten den Revolver in seiner Hand. Um Gottes Willen, wie hatte sie ihm nur den Schl├╝ssel f├╝r ihr Haus anvertrauen k├Ânnen?
Langsam hob sie den Blick und entschloss sich, zu bluffen. �H├Ąltst du mich wirklich f├╝r so bl├Âd? Meinst du, ich h├Ątte keine Kopie beim Notar hinterlegt?�
Erstaunen und Zweifel zeichneten ihm eine Steilfalte auf die Stirn. Rasch erfasste sie ihre Chance, nutzte den Moment seiner Unsicherheit und schlug ihm die Waffe aus der Hand. Mit einer dieser raffinierten, flinken Bewegungen, die man ihr im Selbstverteidigungskurs beigebracht hatte. Auch eine Idee von David. Und obwohl sie sich zun├Ąchst geweigert hatte: Anscheinend hatte sie damals die 500 Dollar doch recht gut angelegt. Der Revolver schlidderte ├╝ber die Holzdielen und landete mit spitzem Klacken vor den Steinen des Kamins.
Tom st├╝rzte sich w├╝tend auf sie, doch sie tauchte unter ihm weg, lie├č ihren K├Ârper auf den Boden gleiten, hechtete hin├╝ber zum Kamin. Sie sp├╝rte, wie sich Toms Finger in ihre Waden krallten und sie festhielten. Verzweifelt hangelte sie nach der Waffe, konnte sie nicht erreichen.
�Ach das dumme Geld, Schatz�, keuchte er hinter ihr. �Das war doch nur ein angenehmer Nebeneffekt. Was glaubst du, wie schwierig es war, direkt neben dir eine Wohnung zu bekommen? Ich musste erst der guten, alten Mrs. Henson zu einem Pl├Ątzchen unter dem Rasen verhelfen. Du erinnerst dich doch an sie, oder?� Wieder dieses kalte, bellende Lachen. �Ja, das war hart. Und sie hat nicht glauben wollen, dass jemand, der ihr so lieb die Einkaufst├╝ten in die Wohnung geschleppt hat, pl├Âtzlich ein so b├Âser Junge werden kann.�
Helen wurde ├╝bel. Endlich ber├╝hrten ihre Fingerspitzen den Revolver. In einer letzten Anstrengung dehnte sie ihren Oberk├Ârper weiter vor, konnte die Waffe greifen. Offenbar hatte Tom nicht mit ihrer Kraft gerechnet. Er schien nicht darauf vorbereitet, dass sie ihm blitzschnell ihre Beine entzog. Entschlossen fuhr sie herum und hielt ihm die Revolverm├╝ndung entgegen.
�Mrs. Henson�, atmete sie schwer, �aha, das warst du!�
Toms Gesichtsz├╝ge schienen ihm zu entgleiten. Er wich zur├╝ck.
�Und weshalb wolltest du unbedingt mein Nachbar sein, he?�
Er wischte sich den Schwei├č von der Oberlippe und schwieg.
�Ach nein�, h├Âhnte Helen, �du bist nur mutig mit einer Waffe in der Hand, was? Ist dir die Lust zu Gest├Ąndnissen vergangen? Weshalb wolltest du mir nahe sein? Du hast mich doch gar nicht gekannt. Oder? Wie lange verfolgst du mich schon?�
Seine Hand tastete in Richtung Hosentasche, w├Ąhrend er ihr starr in die Augen sah. �Lange. Sehr lange.�
Helen bemerkte seine Bewegung, sah das Blitzen der Messerklinge.
�Finger weg, und die H├Ąnde nach oben, sonst zerschie├č ich dir das Knie.�
Er tat, was sie gesagt hatte, riss die Arme in die H├Âhe. Die Entschlossenheit in ihrer Stimme lie├č ihm offenbar keinen Zweifel daran, dass sie es ernst meinte.
�Steh auf!�, herrschte sie ihn an. �Arme in den Nacken und hin├╝ber!� Mit einer energischen Kopfbewegung deutete sie in Richtung Keller.
Widerwillig trottete er vor ihr her. An der T├╝r blieb er stehen, drehte sich um und sah sie fragend an.
�Was ist? Geh weiter!�, befahl sie und wies ihm mit der Waffe den Weg.
�Da hinunter?� Er blinzelte irritiert.
�Nat├╝rlich da hinunter. F├╝rchtest du dich etwa pl├Âtzlich?�, sp├Âttelte sie. �Du kennst dich in diesem Keller doch aus. Hast schlie├člich stundenlang dort unten gehockt und darauf gewartet, dass du mich endlich schnarchen h├Ârst.�
Tom stolperte die Treppenstufen hinunter. Helen folgte ihm � die Waffe zwischen seinen Schulterbl├Ąttern, eine Kerze in der anderen Hand.
�Setz dich vor den Pfosten da dr├╝ben und leg die Arme nach hinten!�
Helen stellte die Kerze ab, zog eine von Rons Ketten vom Haken, legte sie Tom mit weiter vorgehaltener Pistole um den Hals, schlang sie hinter dem Pfosten fest um seine Handgelenke und lie├č den Karabinerhaken einrasten. Danach legte sie den Revolver zur Seite, zog eine von Rons B├Ąrenfallen aus dem Regal und schob sie Tom vorsichtig unter die F├╝├če. Dann griff sie wieder nach der Waffe. �Wenn du dich bewegst, schnappt sie zu.�
Tom lief trotz der K├Ąlte hier im Keller der Schwei├č von den Schl├Ąfen. Drau├čen war es stiller geworden, der Schneesturm musste sich gelegt haben. Fahles Mondlicht drang durch die Spalten der Kellerluke und warf blassblaue Lichtstreifen auf die in den Fels geschlagenen W├Ąnde.
�Wie lange verfolgst du mich?�, wiederholte Helen ihre Frage - mit einer K├Ąlte in der Stimme, die sie selbst erschreckte.
\"Dein Vater, dieser Schlappschwanz ... Er hat meine Mutter geschw├Ąngert und sie ohne einen Cent sitzen lassen.�
Ungl├Ąubig sch├╝ttelte Helen den Kopf. \"Du willst mir doch jetzt nicht erz├Ąhlen, dass du mein Bruder bist. Mein Vater ist tats├Ąchlich ein Schlappschwanz und kein Frauenheld. Au├čerdem bin ich j├╝nger als du. Als du noch im Quark lagst, war er l├Ąngst mit meiner Mutter verheiratet, und niemals h├Ątte der Gute mit einer anderen Frau ...\" Sie brach ab. Der Revolver in ihren H├Ąnden bebte. Und wenn es tats├Ąchlich so w├Ąre? Tom � ihr Bruder? Unfassbar!
\"Wenn du dich da mal nicht gewaltig t├Ąuschst, meine Liebe. Der Typ hat euch alle an der Nase herumgef├╝hrt. War er nicht recht h├Ąufig auf Gesch├Ąftsreisen?\"
F├╝r einen Moment f├╝hlte Helen sich verunsichert. Sie wedelte mit der Waffe. \"Na, dann erz├Ąhl mal weiter. Jetzt bin ich aber gespannt.\"
Tom lehnte den Kopf an den Balken und grinste sie an. �Wenn unser lieber Vater in Richmond zu tun hatte, hat er es doch sicher als \'Gesch├Ąftsreisen\' ausgegeben, oder? In Wahrheit lebte meine Mutter dort, und auch die verlangte ab und zu nach seiner Anwesenheit.\" Er rasselte mit seinen Ketten. \"Tja, und manchmal kommen bei einer hei├čen Aff├Ąre nun mal kleine Baby heraus, verdammt noch mal. Unserem Alten muss die Kinnlade herunter gefallen sein, als meine Mutter es ihm erz├Ąhlt hat, und seitdem ward er nicht mehr gesehen. Wie hat er deiner Mutter nur erkl├Ąrt, dass es in Richmond f├╝r ihn nichts mehr zu tun gab. Wohin seine \'Gesch├Ąftsreisen\' wohl anschlie├čend gef├╝hrt haben? Wer wei├č, wie viele Geschwister es au├čer uns beiden noch gibt.\"
Er stockte, senkte das Kinn gegen die Brust und zog ger├Ąuschvoll Luft durch die Nase. Helen schien es im schwachen Licht, als gl├Ąnzte Feuchtigkeit auf seinen Wangen.
�Irgendwann bin ich im Heim gelandet, weil meine Mutter es nicht mehr geschafft hat mit mir. Sie hatte schon M├╝he, sich selbst durchzubringen. Mann, das war hart, sag ich dir. Sp├Ąter kam ich zu Pflegeeltern, die mich wie ihren Sklaven behandelt haben. Es war kaum auszuhalten bei denen. Als ich vierzehn war, wollte ich endlich wissen, wo dieser Vater lebt, von dem mir meine Mutter in ihren Briefen geschrieben hatte. Ich hab mich auf die Suche gemacht, hab ihn irgendwann gefunden. Herrgott, der Kerl lebte wie die Made im Speck. In einem respektablen H├Ąuschen mit gepflegtem Garten. Er k├╝mmerte sich r├╝hrend um seinen h├╝bschen, neuen Balg, rothaarig, wie ich, w├Ąhrend ich gerade von diesen beschissenen Ersatzeltern abgehauen war und nicht mehr zu meiner Mutter zur├╝ck konnte. Die war inzwischen n├Ąmlich an einer Lungenentz├╝ndung krepiert. Ohne Krankenversicherung einfach verreckt in ihrem Loch ...�
Er schwieg. Seine Oberschenkel vibrierten von der konzentrierten Anstrengung, die seine F├╝├če ├╝ber der B├Ąrenfalle eigentlich ruhig halten sollte.
Helen k├Ąmpfte gegen das Mitleid. Doch immerhin hatte dieser Kerl die herzensgute Mrs. Henson umgebracht, und wie sollte sie wissen, ob er ihr nicht neue L├╝gen auftischte, um seinen Hals zu retten? Inzwischen traute sie ihm alles zu.
�Du hast meine Familie also seit Jahren beobachtet.�
Er nickte wortlos. Die Kette klirrte am Pfosten, als er seine Arme in eine andere Position bringen wollte.
�Und wo hast du gelebt in all der Zeit?�
Seine Schultern zuckten kurz. �In zerfallenen H├Ąusern, unter Br├╝cken, in alten Schuppen hinter feinen H├Ąusern ... Mal hier, mal da eben. So lange, bis ich einen Job als Kurierfahrer hatte. Da konnte ich mir ein winziges Hotelzimmer leisten. Hab Kurse besucht, mir B├╝cher gekauft und geb├╝ffelt wie ein Wilder, weil ich fand, dass mir als dem Sohn meines feinen Vaters ein besseres Leben zustand. Der Abschluss war kein Problem. Bin ja nicht bl├Âd. Genau wie du.� Er l├Âste einen Moment lang seinen Blick von der B├Ąrenfalle und grinste zu ihr hoch. �Muss wohl an den Genen liegen.�
Helen sp├╝rte, wie ihr das Unbehagen auf den Magen schlug.
�Nun ja�, fuhr er fort, �und dann klappte es auch mit dem Job bei VanBioPharma ziemlich schnell. Da war doch diese Stelle im Labor frei geworden, vielleicht erinnerst du dich an Marc Bowman ...�
Helen drohten die Knie wegzusacken. Sie st├╝tzte ihren R├╝cken gegen die Felswand und straffte den Arm, der - w├Ąhrend sie seinen Worten gelauscht hatte - die Pistole ein St├╝ck hatte absinken lassen.
�Das warst auch du?�, hauchte sie. Und dann mehr zu sich selbst: �Sie haben Marc tagelang gesucht und seine Leiche erst Wochen sp├Ąter am Ufer des False Creek gefunden. Mit einem Messer zwischen den Rippen ...�
Helens Mageninhalt brannte hoch. W├╝rgend stolperte sie die Stufen der Kellertreppe nach oben. In letzter Sekunde hatte sie die Sp├╝le erreicht.
Angewidert spuckte sie den gelblich-gr├╝nen Brei ins Becken. Ersch├Âpft sank sie danach auf den Boden, zog die Knie an den K├Ârper und lehnte sich gegen den Schrank. Schwer atmend rang sie nach Fassung. Himmel, was sollte sie nur tun? Dieser Mann war ein Ungeheuer!
Eine Weile sa├č sie so da und schluchzte in sich hinein. Dann l├Âste sie sich mit einem Ruck aus ihrer Haltung, zog sich am Schrank wieder auf die Beine und ging hin├╝ber zum Keller. Entschlossen stie├č sie die T├╝r zu und drehte den Schl├╝ssel herum.
Seine verzweifelten Rufe ignorierte sie, w├Ąhrend sie sich in der Schlafkammer ankleidete, danach die wenigen ausgepackten Sachen zur├╝ck in den Koffer warf.
Was hatte er gesagt? Verwandte Gene?
Nun gut!
Die Kofferverschl├╝sse rasteten ein.
Im Wohnraum stellte sie die Cognacflasche zur├╝ck in den Schrank, schob das Laptop in die Tasche, steckte die Pistole ein, fand das Handy in einer der Sofaspalten und lie├č es ebenfalls in ihren Lederbeutel gleiten. Danach entriegelte sie die Eingangst├╝r und sah sich noch einmal um. Drei Kerzen k├Ąmpften in ihren metallenen Leuchtern gegen das Verl├Âschen. Gut so, sollten sie ausbrennen. Sie konnten keinen Schaden anrichten.
Frisch str├Âmte Helen beim ├ľffnen der T├╝r die klare Morgenluft entgegen. Sie atmete tief durch. Noch war es dunkel drau├čen, doch ihre Augen hatten sich inzwischen an das Halbdunkel gew├Âhnt, und der klare Sternenhimmel schien sich in unz├Ąhligen, glitzernden Lichtern ├╝ber dem Schnee zu spiegeln.
Helen stellte ihr Gep├Ąck ab, verschloss die Blendl├Ąden der H├╝tte.
Zum Gl├╝ck war der Findling hinter dem Haus nicht festgefroren. Sie wischte den Schnee ab, sammelte all ihre Kraft und stemmte sich gegen den Stein. Immer und immer wieder.
Mit einer Eisenstange gelang es ihr endlich, ihn von der Stelle zu dr├╝cken und an seinen neuen Platz zu rollen. Die Kellerluke ├Ąchzte ein wenig unter seinem Gewicht.
�Ich hoffe, du verzeihst mir�, rief sie durch den Spalt und klopfte sich den Schnee von den Handschuhen. �Meine Nachbarn werden sich einen neuen Untermieter suchen m├╝ssen, und f├╝r die Stelle im Labor findet sich jemand Neues, da bin ich sicher. Es warten ja so viele auf einen Job. Halt die F├╝├če still, wenn du sie behalten willst, bis es vorbei ist. Du wirst Geduld brauchen, denn vor dem Fr├╝hjahr kommt hier niemand vorbei. Die Entsorgung der ├ťberreste regele ich dann sp├Ąter ...�
Verwandte Gene?
Vielleicht.
Ein Schauer lief ├╝ber ihren R├╝cken, doch Helen f├╝hlte sich fast beschwingt. Kalt l├Ąchelnd schulterte sie ihren Lederbeutel, nahm auch das restliche Gep├Ąck und stapfte den Hang hinunter zum Wagen.
Nicht n├Âtig, l├Ąnger dar├╝ber nachzudenken. Gleich nach den Feiertagen w├╝rde sie Barrings mitteilen, dass sie den Job ├╝bernehmen wird ...


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Helen hat Klasse!

Hallo Ulrike

Ich fand den Anfang deines Textes einladend, weiterzulesen.
Wegen deiner Detailfreudigkeit entstand vor mir ein Bild, das die Szenen zum Leben erweckte bis zum Endlosdialog.
In diesem Abschnitt wird alles das von Helen erz├Ąhlt, was doch die Geschichte dem Leser mitteilen m├╝├čte.

Sei mir bitte nicht b├Âse, aber die ganzen Figuren, die auftauchen, sagen mir nichts, da sie f├╝r mich als Leser kein Gesicht haben.

Helen ist klasse, ja. Ich sehe in diesem Text ein Problem, korrigiere mich bitte, wenn ich das falsch sehe.

Du erz├Ąhlst doch eigentlich eine Geschichte aus der Perspektive des allwissenden Sehers.
Warum sperrst du dann Helen hinter den dicken Holzw├Ąnden einer einsamen Blockh├╝tte und l├Ą├čt sie auch noch einen schweren Riegel vorschieben.
Ist doch klar, das sie den nicht mag!
Nur ein Vorschlag, w├╝rde die Story nicht lebendiger, wenn du die Figuren, jede in einem eigenen Absatz vorstellst und die Geschichte von hier ab schreibst:

Und sie hat nicht glauben wollen, da├č jemand, der ihr so lieb die Einkaufst├╝ten in die Wohnung geschleppt hat, pl├Âtzlich ein so b├Âser Junge werden kann.

Genau, warum wird Tom immer mehr zu einem Schweinchen?

Hier ein Anreiz f├╝r einen Anfang.
Helen lernt den hilfsbereiten Mitarbeiter Tom kennen.
Wie kam er an den begehrten Arbeitsplatz, den niemand gerne abgibt?
Anstatt nun am Ende lange Erkl├Ąrungen abzugeben, l├Ą├čt du die Figuren agieren, das hei├čt: Zeige dem Leser, was sie tun, la├č sie geheimnisvoll wirken. Bei├čt sich, ich wei├č, aber ich glaube, so was nennt man Suspense.
Nehmen wir mal an, Tom besucht die Nachbarin, die er ja umbringt.
La├č den Leser wissen, das er es tut und wie er es macht, z.b. nach und nach die gute, alte Mrs. Henson im Ofen verfeuern. Aber verrate noch nicht, warum. Da kommen ja noch andere Figuren ins Spiel. W├Ąre doch interessant, zu versuchen, dem Leser so nach und nach den wahren Tom vorzustellen.
Dann w├Ąren n├Ąmlich solche langweiligen Erkl├Ąrungen unn├Âtig wie unten aufgef├╝hrt:

"Dein Vater, dieser Schlappschwanz... Er hat meine Mutter geschw├Ąngert und sie ohne einen Cent sitzen lassen.�
Ungl├Ąubig sch├╝ttelte Helen den Kopf. \"Du willst mir doch jetzt nicht erz├Ąhlen, da├č du mein Bruder bist. Mein Vater ist tats├Ąchlich ein Schlappschwanz und kein Frauenheld. Au├čerdem bin ich j├╝nger als du. Als du noch im Quark lagst, war er l├Ąngst mit meiner Mutter verheiratet, und niemals h├Ątte der Gute mit einer anderen Frau... \" Sie brach ab. Der Revolver in ihren H├Ąnden bebte. Und wenn es tats├Ąchlich so w├Ąre? Tom � ihr Bruder? Unfa├čbar!
\"Wenn du dich da mal nicht gewaltig t├Ąuschst, meine Liebe. Der Typ hat euch alle an der Nase herumgef├╝hrt. War er nicht recht h├Ąufig auf Gesch├Ąftsreisen? \"
F├╝r einen Moment f├╝hlte Helen sich verunsichert. Sie wedelte mit der Waffe. \"Na, dann erz├Ąhl mal weiter. Jetzt bin ich aber gespannt.\"

Eines ist klar, der Text w├Ąre dann nat├╝rlich keine Kurzgeschichte mehr, sondern eine Story unterteilt in mehrere Kapitel.
Liebe Ulrike, ich hoffe, ich konnte dir einige Anreize geben.

Ich w├╝nsche dir und deiner Familie Frohe Ostern!

Udo

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Ulrike
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Re: Helen hat Klasse!

quote:
Urspr├╝nglich ver├Âffentlicht von bluesnote


Eines ist klar, der Text w├Ąre dann nat├╝rlich keine Kurzgeschichte mehr, sondern eine Story unterteilt in mehrere Kapitel.
Liebe Ulrike, ich hoffe, ich konnte dir einige Anreize geben.


Oh ja, das konntest du, Udo.
Du hast Recht. Eigentlich die Idee f├╝r einen l├Ąngeren Text - einen Roman vielleicht. Hab ich bisher noch gar nicht dran gedacht. Aber mal schauen, vielleicht hast du da in mir ja etwas angekickt, werde mir das Ganze mal durch den Kopf gehen lassen. ;-)

quote:


Ich w├╝nsche dir und deiner Familie Frohe Ostern!


W├╝nsch ich dir/euch ebenfalls, und danke f├╝r deinen umfangreichen Kommentar. Wird kopiert und erst mal unter meinen Text hier bei mir gepackt. Wer wei├č, was draus wird. Ich werde dich in jedem Fall informieren.

Liebe Gr├╝├če
Ulrike

Udo

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