Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, m├╝ssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5562
Themen:   95473
Momentan online:
119 Gäste und 0 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Spurensuche
Eingestellt am 08. 12. 2015 16:36


Autor
Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.
Maribu
???
Registriert: Jun 2012

Werke: 70
Kommentare: 228
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Maribu eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Spurensuche

Ich hatte es mir schon lange vorgenommen. Bereits in den Jahren, als ich meiner Besch├Ąftigung nachging und die Pensionierung noch in weiter Ferne lag.
Obwohl es gar kein gro├čer Zeitaufwand gewesen w├Ąre, ich weder ein Flugzeug noch einen Zug h├Ątte benutzen m├╝ssen, schob ich es immer wieder auf. Heute ist mir klar, dass 'Zeitmangel' nur eine Ausrede gewesen war. Ich hatte Angst davor gehabt, dass die ├╝ber Jahrzehnte eingetretenen Ver├Ąnderungen meine verkl├Ąrte Erinnerung getr├╝bt h├Ątte.
Der Regen dieses Sp├Ątherbsttages schlug gegen die Fenster, und die mit der Kleidung in den Bus hineingetragene Feuchtigkeit lie├č die Scheiben beschlagen. Aber Ausgucken lohnte sowieso nicht. Die Fahrt von Ost nach West, quer durch die Innenstadt, war uninteressant. W├Ąhrend der siebzigmin├╝tigen Tour bis zur Endhaltestelle bot es sich an, die Tageszeitung zu lesen.
Der Platz, der noch immer denselben Namen trug, war damals schon Endstation gewesen. Wo einst Stra├čenbahnen im Rondell abgestellt waren, warteten jetzt Busfahrer auf ihren Einsatz.
Am Anfang der Hauptstra├če, die damals eine schmale gepflasterte Dorfstra├če war, ragte ein Hochhaus, mit Hotelbetrieb in den unteren Etagen, ├╝ber das Dach des Bahnhofs.
Anschlie├čend eine Vielfalt an einladenden Gesch├Ąften.
Die flachen H├Ąuser, teilweise vom Krieg besch├Ądigt, und L├Ąden mit einem bescheidenen Angebot, existierten nur noch in meiner Erinnerung. Auch den Kiosk, an dem ich auf meinem Heimweg von der Schule so manches Mal f├╝r einen Groschen Karamelbonbons
gekauft hatte, gab es nicht mehr.
Der Regen hatte nachgelassen. Ein b├Âiger Wind trieb die Wolken
auseinander und lie├č ein paar blaue Flecke entstehen.
Mit hochgeschlagenem Kragen schlenderte ich die Stra├če entlang,
entdeckte hier und da noch ein altes Geb├Ąude.
Vor dem Bahn├╝bergang blieb ich stehen. Das zweist├Âckige Backsteinhaus mit dem Schieferdach, eine Seite mit Efeu berankt, wirkte unverfallen. Der im Souterrain gelegene Textilladen war damals ein Milchgesch├Ąft. Ich schloss die Augen und sah mich in Gedanken, die Milchkanne in der Hand, die Treppe hinuntersteigen. Ein Klingel- und Blinksignal der automatisch schlie├čenden Schranke brachte mich in die Gegenwart zur├╝ck. Das Schrankenw├Ąrterh├Ąuschen an der anderen Stra├čenseite war verschwunden. Ich konnte mich noch an den alten Mann erinnern, wenn er auf seinem Hocker sa├č und Zigarre rauchend aus dem Fenster schaute oder stehend, mit kreisenden Armbewegungen, den gro├čen Drehgriff bet├Ątigte und die Schranken herunter und hinauf kurbelte.
Rechts in die Nebenbahnstra├če abbiegend, erreichte ich nach wenigen hundert Metern die dreist├Âckigen Blocks. Die D├Ącher schienen neu gedeckt, und die Fassaden, damals in einem schmutzigen Grau, leuchteten ockerfarben.
Vor der Haust├╝r mit der Nummer f├╝nfzehn blieb ich stehen und schaute hinauf in den ersten Stock. Hier hatten wir gewohnt.
Gleich nach der 'Ausbombung' mit Verwandten und Bekannten zusammen in dieser Zwei-Zimmer-Wohnung, in der es nur eine Toilette mit einer kleinen Duschecke gab. Nachts lagen wir, M├Ąnner und Frauen, die Kinder neben den M├╝ttern, auf neunzehn Strohs├Ącken verteilt auf dem Boden der ineinander gehenden Zimmer. W├Ąhrend der Angriffe hatte die Hausgemeinschaft, in den Waschkeller gefl├╝chtet, gezittert und gebetet, dass die Flugzeuge ihre t├Âdliche Last nicht auch noch auf unsere Bl├Âcke fallen lie├č.
Wehm├╝tig blickte ich auf die Klingelschilder mit den unbekannten Namen. Es war unfassbar, dass ich Jahrzehnte hatte verstreichen lassen und jetzt traurig war, niemand von den Nachbarn mehr anzutreffen.
Langsam ging ich den Weg zur├╝ck. Aus dem Haus dreizehn, zweiter Stock links, hatte mir manchmal meine erste Freundin
Liane gewinkt. In Nummer elf in der ersten und dritten Etage hatten zwei Klassenkameraden gewohnt. Ich wollte erst vorbeigehen. Dann ├╝berlegte ich, wenn die Eltern nicht mehr lebten, so k├Ânnte doch einer der S├Âhne die Wohnung ├╝bernommen haben. Aber gleichzeitig fiel mir das Ungl├╝ck ein, und es blieb nur eine vage M├Âglichkeit nach. Ich studierte die Namenschilder und ging einen Schritt zur Seite, um die Frau, die hinter mir den Gang betreten hatte, vorbei zu lassen.
Sie trug einen braunen, gl├Ąnzenden Wettermantel. Wie von einer Windb├Âe verrutscht, hing der gelbe tellerf├Ârmige Hut ├╝ber dem linken Ohr. "Suchen Sie jemanden?" fragte sie ohne mich anzusehen und dabei in dem ├╝ber der Schulter h├Ąngenden Lederbeutel nach dem Schl├╝ssel suchend.
"Nicht direkt", antwortete ich. "Daf├╝r ist es wohl zu sp├Ąt. Es ist eher eine Spurensuche."
Sie blickte mich kritisch, aber nicht unfreundlich, an. "Sind Sie von der Kripo? Wegen des Einbruchs von letzter Woche?"
Ich musste lachen. "Nein, ich bin nicht von der Polizei und von dem Einbruch wei├č ich nichts. Ich habe hier vor sechzig Jahren gewohnt."
Sie schloss auf und ging hinein, und einen Augenblick hatte ich das Gef├╝hl, sie w├╝rde die T├╝r hinter sich zuschlagen lassen
und stellte einen Fu├č dazwischen.
"Habe ich richtig geh├Ârt? Sagten Sie, Sie h├Ątten hier vor sechzig Jahren gewohnt?"
"Ja, aber nicht in diesem Haus, in Nummer f├╝nfzehn. Hier wohnten zwei Schulfreunde von mir."
Ungl├Ąubig fragte sie: "Wie hie├čen die denn?"
"Der eine Erwin Kretschmar und der andere...Ja, wie hie├č der noch? Ein h├Ąufiger Name wie Meier oder Schultze. Seinen richtigen Vornamen kenne ich auch nicht mehr; er wurde von allen nur 'Steppke" genannt."
"Was wissen Sie von Erwin?"
"Er ist nicht alt geworden", antwortete ich ohne ├ťberlegung.
Sie schwieg einen kurzen Moment und bat mich, mit hinauf zu kommen. "Ich wohne noch immer im dritten Stock. Erwin war mein Bruder."
Zwiesp├Ąltig folgte ich ihr in die Wohnung, aus der ich ihren Bruder oft abgeholt hatte. Sie lie├č mich den Mantel an die Garderobe h├Ąngen und bat mich, im Wohnzimmer Platz zu nehmen.
Der mit Auslegeware und Br├╝cken bedeckte Boden bestand damals aus groben Dielen, auf denen wir bei schlechtem Wetter gespielt, und die uns so manchen Splitter in den Hosenboden verpasst hatten. Erwin hatte einige Holzautos und eine Lokomotive mit Tender besessen, die man nach wenigen Runden im Schienenkreis wieder aufziehen musste. Mit Bausteinen hatten wir H├Ąuser und einen Bahnhof gebastelt. Bleisoldaten und Indianer umschlichen dieses Gebiet. Ich war immer bei den Indianern, weil Erwin sie mit den Soldaten 'totschie├čen" wollte.
"Ich habe die Kaffeemaschine angestellt", sagte sie, mich l├Ąchelnd aus meinen Erinnerungen rei├čend, und setzte sich mir gegen├╝ber.
"Das ist nett von Ihnen, aber das w├Ąre nicht n├Âtig gewesen. Ich will das nicht ausnutzen!"
"Wieso ausnutzen? Ich habe Sie doch gebeten, mitzukommen."
In dem gr├╝nen Rolli und der eng geschnittenen Hose machte sie einen sportlichen Eindruck. Dunkelbraune Augen forschten in meinem Gesicht. Die Ponyfrisur ihres br├╝netten Haars passte zum ovalen Gesicht mit blassem Teint. Sie hatte absolut nichts von Erwin, den ich als strubbeligen Blondschopf vor mir sah.
"Ich wusste gar nicht, dass er eine Schwester hatte. Sie sehen sich auch ├╝berhaupt nicht ├Ąhnlich!"
"Konnten Sie auch nicht wissen! Wir sind f├╝nf Jahre auseinander." Und jetzt l├Ąchelnd: "F├╝r Neunj├Ąhrige sind Vierj├Ąhrige Babys!"
Ich nickte und sagte entschuldigend: "Ich habe mich noch nicht mal vorgestellt. Ich bin Gerfried D├Âring. Ihr Name, Frau Suhr, steht ja auf dem T├╝rschild."
"Gerfried", wiederholte sie. "Ein seltener Name. Trotzdem kann ich mich nicht daran erinnern." Sie ging in die K├╝che und kam mit einer Thermoskanne und einem Tablett mit Geschirr zur├╝ck.
Sie schenkte uns Kaffee ein und fragte: "Waren Sie in der Kiesgrube dabei?"
"Nein, wir haben es in der Klasse erfahren. Steppke schilderte, immer noch fassungslos, wie er sich mit einem anderen Freund befreien konnte und wie sie verzweifelt mit blo├čen H├Ąnden nach Erwin gegraben hatten, um ihn aus der
zusammengest├╝rzten H├Âhle zu befreien. Der andere war dann nach Hause gelaufen und Steppke hatte weiter gesucht. Als endlich die Feuerwehr eintraf, war es zu sp├Ąt. Erwin war erstickt."
Sie nahm einen Schluck Kaffee und sagte dann: "Richtig begriffen habe ich es erst sp├Ąter. Meine Eltern haben bis zu ihrem Tode darunter gelitten."
"Ja, das kann ich verstehen", antwortete ich und trank meinen Kaffee aus."Es wird jetzt aber Zeit, dass ich gehe! Ich m├Âchte Ihre Gastfreundschaft nicht ├╝ber Geb├╝hr in Anspruch nehmen!"
Sie lachte. "Warum so gedrechselt, Gerfried? Wo wir uns doch schon aus der Kindheit kennen und uns nur nicht mehr daran erinnern k├Ânnen! Sie waren doch der Freund meines Bruders. Sind Sie gar nicht interessiert, ein wenig ├╝ber mich zu erfahren?"
Ich stand auf. "Ich bin darauf nicht vorbereitet. Wie konnte ich mit Ihnen, Erwins Schwester, rechnen? Glauben Sie mir, dieser Weg in die Vergangenheit, den ich schon so lange gehen wollte, ist mir nicht leicht gefallen."
Sie begleitete mich zur T├╝r. "Schade! Es gibt nur noch wenige Menschen aus meiner Kindheit."
Ich wurde unschl├╝ssig, meine sentimentale Stimmung verflog. Vielleicht hatte ich hier jemanden gefunden, den ich unbewusst gesucht hatte. Sie gab mir die Hand, und damit war es f├╝r eine Umkehr zu sp├Ąt.
"Aber Sie kommen doch wieder?!" Ihre braunen Augen strahlten mich an.
Das war f├╝r mich keine Frage, das klang wie eine Einladung!
"Bestimmt!" sagte ich freudig erregt und sprang ├╝berm├╝tig, wie damals als Kind, die Stufen hinunter.


Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


3 ausgeblendete Kommentare sind nur f├╝r Mitglieder und nur mit eingeschaltetem Javascript erreichbar.
Zur├╝ck zu:  Erz├Ąhlungen Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.
Werbung