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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Stadt, Fortsetzung, kein Ende
Eingestellt am 06. 04. 2002 15:38


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Bartleby
Hobbydichter
Registriert: Mar 2002

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Stadt, Fortsetzung, kein Ende

1.
Ich wohne schon immer in diesem Haus, in dieser Stadt, die mich nicht entkommen lĂ€ĂŸt. Denn wenn ich durch den Schlaf ihr zu entkommen glaube, fĂ€llt sie in Bildern ĂŒber mich her und baut ihre GebĂ€ude in meinen TrĂ€umen auf. Sie entwirft ĂŒber meine Seele den Plan ihrer Ewigkeit und ihre Bewohner verlangen Unsterblichkeit durch mich, ein wenig davon.
Draußen kann die Stadt auch sehr schön sein, im Licht der Sonne vielleicht, die durch das große glĂ€serne Hochhaus scheint, das seine WĂ€nde nur im Inneren hat und in dem meine Liebe der Traumstadt wohnt, in der anderen nicht. Ich wohne in beiden StĂ€dten, ich irre zwischen ihnen hin und her und manchmal spielt eine der beiden StĂ€dte mir einen Streich, lĂ€ĂŸt mich vollstĂ€ndig allein in den HĂ€userschluchten und Musik erklingt aus dem Stadtzentrum, wo eine Göttin sitz, Fleisch und Seelen fressend. Schön und das Verlangen erweckend ihre Stimme.
Ich baue eine Mauer um mich, aus BĂŒchern und tausend und tausend Papieren, beschriftet und bekritzelt, die auch nicht fĂŒr jemanden bestimmt sind, denn sie ordnen nur das, was nicht mehr zu ordnen ist. Wenn sie mich hier raustragen, dann werden sie das massive Konvolut sehen, vielleicht wird es jemand ordnen, vielleicht lesen, vielleicht werden sie alles verbrennen. Dieser Gedanke schmerzt. Ich will es verfĂŒgen: das Haus soll dem geschenkt werden, der diese Seiten bewahrt, in diesen beiden Zimmern, die ich noch in diesem Haus bewohne. Das Haus selbst ist völlig intakt, die WĂ€nde trocken, Leitungen, die elektrischen und die wasserleitenden. Die Heizungen sind gerade so warm, daß sie die Feuchtigkeit abhalten. In dieser Stadt ist alles feucht und alles fault vor sich hin, alles verfĂ€llt und in den NĂ€chten sieht und spĂŒrt man einen sanften grĂŒnen Schimmer, der von den mit Pilz befallenen HĂ€usern entweicht. Es riecht nach Moder. Ich bin nicht wohlhabend, aber mein Haus halte ich instand so gut es geht.

2.
Manchmal ist mein Haus ein großer Berg. Auf der Spitze des Berges ist eine kleine Höhle mit zwei Zimmern und eine lange Treppe durch den Berg fĂŒhrt dort hinauf. Vorbei an den GesellschaftsrĂ€umen, der KĂŒche und dem Salon, bis hinauf zur Bibliothek, in der ich nun wohne. Der wĂ€rmste Raum, daneben die kleine Kammer, in der mein Bett steht.
Der Ort ist immer dunkel. Im Schatten der Industrieanlagen und der HochhÀuser im Zentrum der Stadt liegt der kleine Stadtteil, immer versteckt vor der Sonne, so sie denn noch scheint.
Aus dieser Stadt gibt es fĂŒr mich keinen Ausweg. FĂŒr viele ist diese Stadt die Wiege und der Sarg. Mein Haus steht in einer Gegend, die eher wenig bewohnt ist. In meiner Kindheit gab es hier viele alte Leute, die langsam wegstarben. An AltersschwĂ€che. Dann zogen jĂŒngere in die Wohnungen und die starben schneller. Bis nur noch ein paar Heimatlose und Anspruchslose hierher zogen. Die ganze Gegend steht unter einem stillen Dunstschleier, der die GerĂ€usche einfĂ€ngt und verdaut.
Mein Haus ist das gesĂŒndeste hier an diesem Ort. Die anderen sehen krank aus. Wenn sie des Nachts atmen, schnarren ihre Innereien und ihre WĂ€nde atmen sind fleckig, fiebrig und blaß. Sie sterben vor sich hin. In ihnen wohnen die Menschen, krank und blaß.
Wenn ich allein hier oben sitzen, dann höre ich mich denken, mein Haus ruhig und gleichmĂ€ĂŸig atmen, die Ordnung im GemĂ€uer, ich in meinem Haus. Ein tiefes Surren, das von der Autobahn herĂŒberweht und die leise pfeifenden GerĂ€usche der neuen Industrieanlagen verleihen allem eine gewisse Ordnung, eine manchmal irre Beruhigung, eine oft genug bohrende AtmosphĂ€re von heimatlicher Störung.
Seit einigen NÀchten aber scheint es mir, als dringen neue, ungeordnete GerÀusche aus dem Keller meines Hauses.
Es scheint mir, als verschaffe sich etwas aus dem Keller Gehör. Aber in einer Sprache, die ich nicht verstehe. In mir regt sich Unruhe, weil sich mir von sehr weit unten her Bilder mitteilen, die ich mir selbst nicht beschreiben kann. Etwas ist dort unten, es begehrt danach, gehört zu werden, aber ich kann es selbst nicht erfassen. Das GerĂ€usch entzieht sich dem sprachlich Faßbaren, es entzieht sich den Gedanken und

3.
Ich unternehme eine lange Suche in die Tiefen meines Hauses. Vor der TĂŒr des ehemaligen Wohnzimmers muß ich anhalten. Ich denke an Zeiten zurĂŒck. Da war die TĂŒr abgeschlossen und hinter der TĂŒr ging etwas vor. Ich hörte ein GerĂ€usch, wollte nachsehen, was dort vorging, wer dort atmete und wer dort Musik hörte. Meine Eltern waren nicht im Hause, der Diener hatte Ausgang. Sollten es Einbrecher sein? Aber wie hĂ€tten sie ins Haus gelangen sollen, lag das Wohnzimmer doch im ersten Stock, die Fenster von schweren Eisengittern geschĂŒtzt? Ich floh in mein Zimmer und versteckte mich. Wenn es durch die TĂŒr kommen sollte, aus dem Wohnzimmer ausbrechen sollte? Wenn es durch die WĂ€nde fließen sollte?
Die Eltern kamen spĂ€t zurĂŒck, fanden mich in meinem Versteck. Voller Angst erzĂ€hlte ich dem Vater von den GerĂ€uschen hinter der TĂŒr. Zusammen sahen wir nach, fanden aber nichts. Wir erhellten das ganze Haus, bis in den Keller und bis auf den Dachboden hinauf. Nichts war zu finden, keine Spuren von Einbrechern oder etwas anderem. Wohl um mich zu beruhigen durchsuchten der Vater und der Diener am nĂ€chsten Tag auch den Garten und den Schuppen.
Es war nichts zu finden. Man ließ das Wohnzimmer kĂŒnftig unabgeschlossen. Ich hatte fortan immer Angst vor dem Wohnzimmer.
Am Weihnachtsabend dann war das Wohnzimmer wieder verschlossen. Voller Vorfreude lief ich aus meinem Zimmer zu der TĂŒr und wollte sie öffnen, alle Angst vergessend durch die Erwartung auf das Fest. Ich prallte gegen die TĂŒr und die Angst vor dem Geheimnis km wieder in mir auf. Die TĂŒr öffnete sich und der Diener ließ mich ein. Das Zimmer war dunkel und nur der Weihnachtsbaum erhellte einen Teil. Ich zitterte aber. Die Mutter legte die Hand auf meine Schulter und suchte mich zu beruhigen.
Ich wollte mich von den Lichtern des Weihnachtsbaums verzaubern und beruhigen lassen, aber ich suchte mit den Augen alle dunklen Ecken des Raumes ab, erwartete etwas zu sehen. Der Vater und die Mutter dachten wohl, daß ich meine Geschenke suchen möge. Doch man beharrte auf das Ritual. Das Gedicht, das Lied, das Gebet. So wie es die Tradition vererbt hatte und wie es eben ein von oben her einwirkendes Gesetzt war, das ganze Fest reglementierend.
Ich stotterte meine gelernten Worte und suchte mit meinen Blicken etwas in den Schatten. Etwas, das dort zwischen den Möbeln kauerte und geduckt auf etwas wartete, auf unsere Abwesenheit vielleicht. Ich meinte ein Wesen zu sehen, das sein Gesicht verbarg, dann den Kopf drehte, um mich anzusehen, in nebeligen Blicken und mit voller Mißachtung fĂŒr die Form des Lebens, die wir pflegten. Kein Angriff erwartete uns aus der Schattenecke, aber ein feindliches Zischen von gebannten Worten. Ich wollte fliehen, mich verstecken, doch ich wollte auch nachgeben und mich, nachdem die Tradition gewirkt hatte, mich ganz dem Rausch des Beschenktwerdens hingeben, mich in der Freunde verlieren, die immer nur kurz anhielt, aber jedes Ritual duldete, wenn es denn nicht zu lange dauern möge. Noch unterdrĂŒckte das Ritual meine Fluchttrieb und steigerte die Vorfreude.
Doch in den Schatten hinter den SchrĂ€nken war es dunkel und von dort aus kam ein GerĂ€usch. Mein Vater hatte es auch gehört, es lenkte ihn von seiner Rede ab, ließ ihn von furchtsam stottern und in die Richtung der SchrĂ€nke starren. Abwesend sprach er seine Gebete weiter, gegen das leise GerĂ€usch ansprechend, Ă€ußerlich unerschĂŒtterlich, aber innerlich fragend. Wir hatten keine Haustiere und sonst befand sich in dieser Ecke nichts. Zwei mĂ€chtige SchrĂ€nke umstellten die Schatten der Ecke im Wohnzimmer und mochten wohl das in Verbannung halten, was sich dort befand. Ich konnte mich nicht mehr halten vor Angst. Mein Vater wandte seinen Blick ab, kĂ€mpfte sich selbst nieder und ließ sich in sein Gebet zurĂŒckfallen.
Dann löste sich ein Schatten aus der Ecke und wir hielten den Atem an, unfÀhig uns zu bewegen. Kein Schrei, nur ein leises Zittern. Der Schatten glitt durch die Dunkelheit des Raumes und war verschwunden.

4.
Ich denke wieder an dieses Ereignis. Ich stehe vor der TĂŒre und weiß genau, daß alle Möbel mit TĂŒchern verhangen sind, starke Lichtquellen an der Decke sind, die jeden Schattenwurf zu unterdrĂŒcken suchen. Ich schloß die TĂŒr auf und erhellte den ganzen Raum. Nichts war zusehen. Aber was fĂŒr eine Handlung. Ich hatte nie wieder ein GerĂ€usch aus diesem Raum gehört, nie wieder Musik oder sonst etwas verdĂ€chtiges.
Das GerÀusch kam aus dem Keller, doch ich wollte mich nur beruhigen, als ich das Wohnzimmer kontrollierte.
Nun stehe ich vor der KellertĂŒr und höre auf das GerĂ€usch. Ich habe meine SchlĂŒssel fĂŒr den Keller oben liegen lassen. Der außen angebrachte Lichtschalter scheint nicht mehr zu funktionieren, die Wand ist feucht. Es dringt ein Geruch von Feuchtigkeit aus dem Keller. Ein Wasserrohrbruch im Hause? Woran aber erkennt man eine solche Hauskrankheit, die aus der Tiefe kommt und das ganze Haus in Mitleidenschaft zieht? Ich kann nichts ausrichten heute nacht. Ich werde wieder nach oben gehen und das GerĂ€usch nicht hören. Ich will es nicht hören, denn ich kann es nicht zuordnen. Was mag es sein? Seine Sprache ist mir unbekannt.
Ich kann nicht verstehen, was dort unten fĂŒr KrĂ€fte an meinem Haus zehren und es zersetzen wollen. Ich werde jemanden rufen mĂŒssen, der sich mit dem Unterbau auskennt und mir die GerĂ€usche erklĂ€ren kann, von denen aus die Krankheit wohl kommt, die mein Haus zersetzt.
Oben sitze ich in meinem Sessel und höre etwas. Ich kann nichts sagen, was es ist, aber es tönt aus mir heraus, von tief unten, vom Abgrund meiner Seele kommend. Was ist das fĂŒr ein Ort, den ich nicht verstehe, dessen Sein ich durch meine Sprache nicht erfassen kann, weil er sich meiner Sprache entzieht? Was wirkt dort? Was zerfrißt das GemĂ€uer?








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