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Stadt.W.Orte - Versuch einer Poetologie
Eingestellt am 09. 02. 2009 11:07


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Walther
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Stadt.W.Orte

Versuch einer Poetologie des Wortes Stadt


1. Stadt.Dichtung / Dichte.Stadt

Selten wird soviel gedichtet wie in und √ľber St√§dte. Keine St√§tte menschlichen Seins entspricht dem Gedicht mehr. Das liegt wahrscheinlich daran, dass die Stadt ebenfalls dicht gepackt ist, eine Verdichtung darstellt, nur nicht an W√∂rtern sondern an Menschen. Woraus messerscharf der Schluss folgen muss, dass dort die Dichter selbst dichter aufeinander sind: eine doppelte Verdichtung gleichsam.

Kunst befruchtet sich gegenseitig, K√ľnstler h√§ufig auch. Es m√ľssen sich also Biotope bilden, Ballungen, in denen sich Kunst und K√ľnstler verdichten. Fr√ľher hat man das an den H√∂fen der F√ľrsten und in den Salons der (Gro√ü-)B√ľrgerlichen organisiert. Heute darf es schon einmal eine Kneipe sein oder ein Literaturhaus.

In diesen besonderen Kleinstklimata muss eine kritische Masse geschaffen werden, die der einer Brutst√§tte nahekommt. Reibungsw√§rme muss hinzukommen, emotionale, mentale, geistige, k√∂rperliche. Funken m√ľssen stieben, Spannungen √ľberschlagend sich entladen: Heute Poetryslams, gestern Vaganten- und Brigantensang.

Heute und hier sind wir noch einen Schritt weiter und schaffen uns virtuelle Salons im weltweiten Netz. Was einst Samisdat in den Hinterhöfen und Kellerwohnungen war, exzerpierte, neutralisierte Sprache unter Decknamen, das ist heute der Forumstreff im Internetcafé, jeder mit seinem Nick, mit seinem Avatar, ganz virtuelle Existenz.

Die Stadt selbst hat sich transzendiert und wird im Netz durch elektrische Ladung gemorpht und gepixelt. Die Dichtung spielt sich in einem neuen Raum ab, die Stadt ist √ľberall. Doch ihr fehlt etwas, die k√∂rperliche Komponente. Ein Dichter muss schmecken, sehen, tasten, riechen, was er beschreibt, √ľber das Wort festh√§lt, was vorher fl√ľchtig durch Nervenbahnen sauste und manchmal sp√§ter nur noch als Phantomschmerz √ľbrig bleibt, wenn man den Augenblick nicht bannt.

Allerdings ist das Netz ein kalter Ort, dar√ľber k√∂nnen auch die Farben der Forumsseiten und die netten Smileys in den Texten nicht hinwegt√§uschen. Manches Wort w√ľrde anders ausfallen, st√ľnden sich die Kombattanten realiter gegen√ľber, w√§ren Aug in Aug um einen Tisch versammelt und w√ľrden dort das gesammelte Gift des Tages aufeinander abfeuern.

Worte √ľber und von der Stadt an virtueller St√§tte? Heimatlosigkeit im √Ąther? Welch eine Steigerung des verbreitetsten Gef√ľhls der St√§dter, der Einsamkeit. Denn wo ist der Mensch jemals einsamer als unter seinesgleichen? Wo kann Vernachl√§ssigung andererseits st√§rker empfunden werden als in der Zur√ľcksetzung durch eine b√∂sartige Kritik im geliebten Lyrikforum?

Da bleibt die K√∂rperlichkeit der Empfindungen auf der Strecke, da wandert keiner verlassen durch dunkle Stra√üen, in nassen, aufgel√∂sten Schuhen und kickt eine Coladose als Fu√üball vor sich her, dabei lauthals deklamierend √ľber sein Schicksal im Besonderen und das der Menschheit im Allgemeinen sich auslassend. Das muss man an sich selbst erfahren, um es mitteilen zu k√∂nnen, ganz gleich an welchem Ort die Mitteilung als solche letztlich geschieht. Wo kann man den Obdachlosen wie den Superreichen, die Trennung der sogenannten Erfolgreichen von den wirklich Zukurzgekommenen besser eigenh√§ndig erfahren, wo liegen Auf- und Abstieg n√§her beieinander, wo ist die Vergeblichkeit besser erfahrbar als eben in der wirklichen Stadt?

Ebenso ‚Äětraurig‚Äú gestaltet sich das Lesen von Gedichten im Internet am Rechnerbildschirm selbst. Was g√§be man daf√ľr, die Texte gedruckt in einem handlichen Format vor sich zu haben! Denn egal, was auch immer behauptet wird, ein Buch ist eben ein Buch ist eben ein Buch.

Wer ein neu gedrucktes Buch in die Hand genommen und an ihm gerochen hat, weiß, wovon hier gesprochen wird. Besonders dann, wenn in diesem Band auch einige der eignen Gedichte abgedruckt sind, Stadtgedichte hin oder her. Welch ein Triumph, sich selbst einmal nur gedruckt vor sich liegen zu sehen!

Obwohl wir einige Male vom Thema abgeschweift zu sein scheinen, sind wir doch mitten in ihm, handelt der Beitrag doch von den Hoffnungen und W√ľnschen der Dichter, die ihre Worte √ľber die Stadt an so mancher St√§tte in so mancher Stadt verlieren. Andere wiederum spr√ľhen ihre Lebensent√§u√üerungen an W√§nde in den St√§dten, nicht ohne den Reiz der Gefahr heraufzubeschw√∂ren: Menetekel statt Worte. Dritte singen ihre Trauer in die Welt hinaus, h√§ufig an taube Ohren, anstatt die Worte aufzuschreiben und sie dann tonlos an einsamen Orten zu hinterlassen.

Einen Aspekt hatten wir bisher beiseite gelassen. Warum Stadt.Worte und nicht Stadt.W√∂rter? Eine berechtigte Frage. Da w√§re es jetzt n√∂tig, ein wenig Semantik zu betreiben. Lassen wir es gn√§digerweise bei der Erkl√§rung, dass Worte aus mindestens einem Wort und vielmals aus mehreren W√∂rtern bestehen. Und dass sich ‚ÄěWorte‚Äú auf ‚ÄěOrte‚Äú reimt.

Womit wir beim wichtigsten Seiteneffekt des Gedichts w√§ren: sich selbst und dem Leser Orte zu geben, an denen Worte aufgehoben sind √ľber den Tag und den Augenblick hinaus. Und da passen Wort und Stadt wieder zusammen. Denn auch St√§dte schaffen Orte des Bleibens. F√ľr mehr als den einen, den seligen Augenblick. Oder auch den unseligen ‚Ķ

2. Heimat.Los

St√§dte haben die Eigenschaft, dass man sich in ihnen verlieren kann. Un√ľbersichtlichkeit wird selbst durch Kieze und Quartiere nur partiell in Ordnung verwandelt. Zus√§tzlich str√∂men Zuwanderer aus allen Gegenden des Umlandes und zunehmend aller Herren L√§nder in sie. Hier greift ebenfalls ein ewiges Gesetz: je gr√∂√üer desto vielf√§ltiger und je wirtschaftlich herausragender desto mehr.

Viele der Neust√§dter tragen mit sich die alte Heimat herum und kommen in der neuen eigentlich nie richtig an. Integration gelingt nur, wenn sich ein Freundeskreis und ein Bezugssystem bilden, das die zur√ľckgebliebene Familie und die Freunde und Mitsch√ľler ersetzt. Das erkl√§rt auch, warum sich in den gro√üen St√§dten die Zugewanderten ballen. Sie bilden ihre eigenen Kieze, um so wenigstens ein wenig W√§rme zu empfinden in der K√§lte der gro√üen Stadt, um bekannte Ger√§usche, die eigene Muttersprache beispielsweise, in den Ohren zu haben.

Vermischungen kommen √ľber die Kultur, die sich gegenseitig durchdringt und verbandelt. Doch die Kulturtreibenden sind sowieso besondere Menschen. Sie sind schon in ihren eigenen Umgebungen Sonderlinge, da ist das Gemeinmachen mit den Schicksalsgenossen aus anderen Kulturkreisen einfach, weil die Schicksale sich doch irgendwie √§hneln.

K√ľnstler sind, und waren das schon immer, die ersten Kosmopoliten, als es diesen Begriff noch nicht gab. Das ‚ÄěFahrende Volk‚Äú kennt keine √Ėrtlichkeiten, die Menschen wollen √ľberall unterhalten werden. Die Illusion ist es, die magisch anzieht, denn auch die Magie selbst ist ja nur Illusion.

Es ist das Fremde, das Erschreckende, der Schrecken selbst, die den Menschen auf die Marktpl√§tze und unter die Zirkuszelte treiben und trieben. Heute muss er in den Horrorfilm gehen, fr√ľher gab es die √∂ffentliche Hinrichtung. Wer geifernd gaffen m√∂chte, braucht heute den Unfallstau auf der Gegenseite der Autobahn, fr√ľher gab es das auf dem ortseigenen Richtplatz.

Dem K√ľnstlervolk, den Illusionisten und den Zirkusartisten ist das gemeinsam, was wir alle f√ľrchten: die physische Heimatlosigkeit, immer sind sie ‚Äěunterwegs‚Äú. Und der Heimatlose muss die Heimat schlie√ülich in sich selbst finden. Wo sonst w√ľrde sie der Kluge auch suchen.

Auf Mallorca, in der T√ľrkei und beim Schifahren?

3. Stadt.Orte

Aus Heimat.Los wird Stadt.Ort, dann, wenn die Stadt endlich zur Heimat geworden ist, das Los also sich in Stein geschlagen hat, verwurzelt ist in Pl√§tzen und Stra√üen. So erst wird, ganz allm√§hlich, kaum sp√ľrbar manchmal aus diesem Gef√ľhl der Nicht√∂rtlichkeit, des Unbeheimatseins, des Verlorenseins, Bezug und Netzwerk.

Orte werden dadurch Eckpunkte, an denen sich Erlebnisse und Gef√ľhle binden lassen. Gedichte sind, wie wir erfahren, wie T√∂ne, die aus den Umgebungsger√§uschen der Stadt aufbrechen an neue Orte, Stadt.Orte eben. In Texten, die √Ėrtlichkeiten mit Begeben- und Befindlichkeiten verkn√ľpfen, vernetzt sich beides.

Manchmal sind es Erinnerungen an das Herkommen, ein andermal ist es eine verflossene Liebe, sind es Erfolge und/oder Misserfolge. Oder auch eine Beschreibung der Heimatstadt, eine Ode an den Ort, der den Dichter hervorgebracht hat. Immer aber sind diese Gedichte Verortungen in einer Zeit, in der alles im Fluss ist und nichts wirklich festen Boden unter den F√ľ√üen hat.

Gelegentlich sind die Orte aber auch ein Synonym f√ľr Inneres. Manche St√§dte haben eine Wirkung selbst auf den, der sie noch nicht gesehen, geh√∂rt, gerochen und geschmeckt hat. Eine solche Stadt ist beispielsweise Venedig, und so gewinnt sie auch Gestalt in einem der auf sie bezogenen Gedichte. Ein anderes Mal werden einfach St√§dte mit ‚ÄěB‚Äú, oder einem anderen K√ľrzel bzw. Synonym, angerufen, wobei das ‚ÄěB‚Äú vielleicht sogar f√ľr Beliebigkeit stehen k√∂nnte.

Wer nie selbst das Schicksal des Umzugs erlitten hat, mehrfach, schon in fr√ľher Jugend, wei√ü nicht, wie schwer es ist, ohne √§u√üeres Bezugssystem leben zu m√ľssen und den Zwang zu haben, sich in sich selbst zu verankern. Viele Literaten beklagen das laut und intensiv und wollen doch vom Reisen, vom Umherziehen nicht lassen.


4. Stadt.Fassaden / Stadt.√Ėffnungen / Graffiti


‚ÄěWindowdressing‚Äú, nur ein Begriff aus der Kaufmannssprache? Dort beschreibt er die Anh√ľbschung der Bilanzzahlen f√ľr B√∂rse, Aufsichtsgremien und Banken. Mehr Schein als Sein? Sind wir nicht generell ewig bem√ľht, unsere Fassade aufrechtzuerhalten? Malen wir uns nicht, in der heutigen Zeit eher die weibliche H√§lfte, Kampfbemalung ins Gesicht, um das entscheidende Bisschen besser auszusehen? Wir wollen doch gewinnen, und das immer und bitte gleich!

Auch H√§user, St√§dte, Schl√∂sser, Wolkenkratzer: nichts als Fassade. Und wenn sie nicht vor sich hinbr√∂ckelt, dann ist sie eine ‚ÄěFassade‚Äú, davor geh√§ngt und festgeschraubt, damit sie mehr draus mache aus dem Stahlskelett, das darunter liegt. Verbergen soll sie, ablenken, von Versagen, Vereinsamung, Verfall. Sie soll was herzeigen, mehr, als wir sind und jemals sein werden.

Wollen wir dahinter gucken? Wollen wir wirklich wissen, wer das ist, der dahinter zum Vorschein kommt? Ja, denn wir sind unendlich neugierig, elendig missg√ľnstig und wollen immer nur vergleichen und uns am Schmerz der Anderen weiden. Was gibt es Sch√∂neres, als sich am Ungl√ľck der Anderen zu delektieren, was lenkt besser von unseren eigenen Lebens- und Verlassenheits√§ngsten ab?

Da spielen die Stadt.√Ėffnungen ihre Rolle: Sie speien aus und saugen ein, im Rhythmus der Tageszeiten, in der Spiegelung der Jahreszeiten, die sonst fast aus dem Gesichtskreis verschwinden, wenn man einmal von der Schw√ľle des Sommers und dem grauenvollen Nieseln der Winter absieht. Manchmal, aber nur im √§u√üersten Norden und im allertiefsten S√ľden auf der anderen Halbkugel wird die Stadt und mit ihr ihre schw√§renden Wunden, durch den heilsamen, weil wei√üen, Schnee kaschiert. Ein Windowdressing des Himmels, das ein wenig Barmherzigkeit gew√§hren kann an einem sonst so unbarmherzigen Ort ‚Ķ

5. Stadt.Stoffe

Was macht die Stadt aus, aus welchen Stoffen besteht sie? Die Zahl der Gedichte und Geschichten, die das thematisieren, ist sicherlich Legion. Ist damit dieser Punkt erschöpfend behandelt? Nein, und das wird er auch niemals sein.

Sicherlich geh√∂ren neben den profanen ‚ÄěBrick & Mortar‚Äú, also: Bau, Steine, Erden, auch L√§rm, Tr√§ume, Ger√ľche dazu. Nat√ľrlich die Stadtbewohner, nicht zu vergessen, und ihre Ausw√ľrfe, verbaler oder physischer Natur. Was w√§re eine Stadt au√üerdem ohne Br√ľcken, H√§fen (manchmal), allerlei Hebezeuge und alle Verkehrsmittel, Schiffe (gelegentlich), Busse, Bahn, Fahrr√§der, Fahrzeuge, Motorr√§der, Kutschen und die allgegenw√§rtigen Martinsh√∂rner aus aller Herren L√§nder, an denen trotz vieler Globalisierungsversuche St√§dte immer noch lokalisierbar sind.

Und nat√ľrlich: Lichter, Scheiben, Spiegel, Leitungen. Glitzerwelt der Werbung, des erleuchtet stummen Marktschreis, der manchmal ganze St√§dte zu umfassen scheint. Las Vegas ist ein solches Beispiel, eine Stadt, die wohl nur aus einem Stoff besteht, mit dem Ziel und Zweck, eine einzige riesige Leuchtreklame zu sein f√ľr das Spiel dieses irdischen Lebens, das Spiel mit dem Geld und um das ganz gro√üe Gl√ľck.

Am Spieltisch dieses Lebens zerplatzt dann der Stoff, aus dem die Tr√§ume sind. Es vaporisieren sich Hoffnung, Glaube, W√ľnsche. √úbrig bleibt die Leere, die benutzte H√ľlle, die in oder mit der Maske des sch√∂nen Scheins in das Morgenlicht getragen wird, und dann, wenn die Nacht an der Schwelle zum Tag steht, sich mit der Sonne ein letztes Schattenboxen liefert.

Aus diesen Stoffen sind auch die Gedichte dieses Bandes. Oft klagen sie √ľber Verlust von Hoffnung oder beklagen das Fehlen der gro√üen Drei: Liebe, Gesundheit und Gl√ľck. Sie, die Stoffe unseres Lebens sind, sie sind auch die Stoffe dieser Heim.St√§tte.

Und damit jeder Stadt …


6. Kauf.Rausch / Pfand.Haus

Einige der √Ėffnungen der Stadt schaffen den √úbergang in die Glitzerwelt des Konsums, machen Raum f√ľr Shoppinganf√§lle und Kaufr√§usche, die auch nur eine Steigerung des Rauschs mit Rauschmitteln sind. Im Kaufen ist der Sinn einer von demselben entleerten Existenz, die sich der Symbole bedienen muss, die als Ersatz f√ľr den Beweis einer erfolgreichen und dem inneren Ich gem√§√üen Lebensf√ľhrung herhalten, wenn es nichts mehr gibt, an dem der moderne Mensch sich selbst vermessen kann.

Und so eignen wir uns eben die Troph√§en einer Jagd nach dem Zudr√∂hnen unseres schlechten Gewissens und dr√§ngender Sinnfragen an, wenn wir auf der ‚Äěrichtigen‚Äú Seite des ewigen Spiels um Anerkennung und Wohlstand stehen. Ganz, wie man es von uns erwartet.

Die anderen, die Pfandhausg√§nger, die Armenk√ľchenesser, die Treber und die Verlorenen, sie laufen an den Fassaden der Unerreichbarkeiten vorbei. Sie dr√ľcken sich die Augen platt an Kostbarkeiten, die den Erfolg dokumentieren und nach dem Erwerb von ihrem Besitz ein schales Gef√ľhl hinterlassen, das nur mit dem n√§chsten Wunsch gef√ľllt und danach mit dem √ľbern√§chsten Shoppingausflug wieder zum Verstummen gebracht werden kann. Obwohl wir doch alle wissen, dass dieses Gef√ľhl da ist und immer da bleibt.

Und alle w√§ren wir gerne √ľberdimensionierte Projektionsfl√§chen der Hoffnungen, die nur solang gute Gef√ľhle schaffen, solange man sie weder begraben muss noch sie erf√ľllt bekommt. Was w√§ren wir gerne im Glanze und, wenn wir dann dort sind, wie sehr sehnen wir uns dann ins Private zur√ľck, aber bitte mit genau dem Bankkonto, dessen Preis diese √Ėffentlichkeit ist. Wenn wir einmal einen Augenblick ehrlich zu uns w√§ren.

Schaffen wir es, die Br√ľcken zu bauen zwischen Gl√ľck und Ungl√ľck? Schaffen wir es, unsere Welt und uns selbst wieder in ein Verh√§ltnis zu bringen?

Andere √Ėffnungen laden ein und schaffen Zutritt. Die Stadt berauscht und verst√∂√üt nicht nur, sie gibt auch Behausung, Ummauerung, Umh√∂hlung und Umh√ľllung. So steht K√§lte mit W√§rme im Widerspruch und Austausch, sie sind verbunden in einem endlosen System kommunizierender R√∂hren, umso endloser je gr√∂√üer die Stadt selbst ist. Bis sich schlie√ülich alles in der Megacity verliert ‚Ķ


7. Stadt.Töne / Ton.Statt

St√§dte, sagen manche, kann man dadurch unterscheiden, indem man ihre L√§rmpegel auf einer Skala von Ger√§uschkulissenst√§rken und -arten auftr√§gt. Je lauter, desto st√§rker der Pegel. Wobei hier mit ‚ÄěGer√§usch‚Äú nicht das gemeint ist, was tats√§chlich die Tuben des Geh√∂rgangs f√ľllt. Vielmehr soll damit ausgesagt sein, wie gut die eigenen Innenger√§usche der Menschen √ľbert√∂nt werden.

Der Mensch rannte schon immer vor sich selbst gerne weg, jedenfalls phasenweise und in diesen Phasen mit wachsender Begeisterung. Bei diesem Vorgang geht es besonders um die Vermeidung von Selbsterkenntnis, die auf sich durch die oben beschriebenen Innenger√§usche aufmerksam zu machen versucht. ‚ÄěHey!‚Äú, sagt die Erkenntnis, ‚ÄěDu k√∂nntest Dich einmal mit Dir selbst besch√§ftigen.‚Äú Viele, die so ‚Äěvon der Seite‚Äú angesprochen werden, wollen das aber eigentlich gar nicht. Sie f√ľrchten sich h√§ufig richtigerweise davor, mehr √ľber sich und auch dar√ľber zu erfahren, warum sie denn in dem selbstgemachten Elend stecken.

Je lauter die bewussten Au√üenger√§usche, desto besser f√ľr das Ruhigstellen oder wenigstens √úbert√∂nen der inneren Stimmen. Das erkl√§rt auch, warum gro√üe St√§dte f√ľr die Jugend so attraktiv und f√ľr alle diejenigen furchtbar interessant sind, die sich auf der Suche nach sich selbst ‚Äď oder auch einem besseren Leben ‚Äď befinden. Was ja h√§ufig ein- und dasselbe ist, aber nicht immer oder zu jedem beliebigen Zeitpunkt.

Neben dem gro√üen Heiratsmarkt nat√ľrlich, eine Sache, die heute niemand mehr laut zugeben w√ľrde. Es gilt insbesondere der Ruf an die Herren der Sch√∂pfung: ‚ÄěGeht in die St√§dte, denn da ist die Auswahl am gr√∂√üten!‚Äú Jedenfalls statistisch gesehen.

Doch zur√ľck zum Anfang. In der Tat hat jede Stadt eine individuelle Ger√§uschkulisse: Berlin klingt nicht gleich M√ľnchen und nicht gleich Tel Aviv. Die Melodien New Yorks, von Paris und Barcelona seien ebenso wenig vergessen wie die Erkenbrechtsweilers und von Saarlouis.

Aus dieser Melodie wird die Tonlage f√ľr Sprache gewoben. Einsamkeiten und Scheitern m√∂gen √ľberall √§hnlich klingen. Auch Erfolg und Hochgef√ľhl, wenn nicht einmal der Himmel selbst mehr Grenze ist, schmecken immer irgendwie bekannt.

Und doch machen Rhythmen die Musik. Salsa ist etwas anderes als Blues, und die Motownbeats klingen anders als die aus Liverpool. Ein Walzer aus Wien ist keine Polka aus Prag. Und der Marsch ist ein Marsch, aber in Rio de Janeiro swingt selbst dieser wie Samba. Dichtung färbt Sprache färbt Dichtung, und die Stadt dazu schafft das Echo.

__________________
Walther
"Gelegenheit.Macht.Dichtung"

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jon
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Ob die Inhalte und Vorg√§nge, die Walther der Stadt zuschreibt, noch gelten, je galten oder √ľberhaupt gelten k√∂nnen ‚Äď ich wei√ü es nicht. Ich enthalte mich deshalb dieser inhaltlichen Diskussion.

Mein Problem mit dem Text ist ein ganz anderes, eher schreibhandwerkliches. Es lautet krass formuliert: "Was wollte uns der K√ľnstler damit sagen?"

Ich finde einige interessante Gedankensplitter, sehr viel oft Gesagtes/Geh√∂rtes, ganz viel "gro√üe, klingende Worte". Immer wieder der Blick auf "die Dichter" - dabei merken wir doch schon hier in der LL, dass es "die Dichter" gar nicht gibt. So schwammig kommen dann auch die Bez√ľge r√ľber. Ob es an der Sprache oder tats√§chlich den Bez√ľgen liegt - ich wei√ü es nicht. Was ist zum Beispiel mit den Dichtern au√üerhalb der St√§tde? Sind die anders? Gibt es die √ľberhaupt? Oder die phasenweise Gleichsetzung von Ort und Stadt ‚Äď das wirkt undurchdacht, sehr "aus dem Bauch geholt". Ich verstehe auch nicht, was der Sprung von der Stadt zum Internet "soll" ...

Ich meine damit: Das alles wirkt wie mehr oder weniger kunstvoll vor sich hingedacht, nicht wie ein Thema wirklich beleuchten wollend.
__________________
Es ist nicht wichtig, was man mitbringt, sondern was man dalässt (Klaus Klages)

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Walther
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Hallo Jon,

mit der Kritik kann ich jetzt etwas anfangen, besten Dank. Der Text war umgeben von Internetlyrik. Dadurch hat sich manches selbst erkl√§rt. Ich werde diese √Ąnderungen vornehmen.

Das Schl√ľsselwort ist "Poetologie". Es wird der Versuch unternommen, Stadt, Wort und Gedicht zusammenzuspannen. Daher ist das zweite wichtige Wort "Versuch". Hier ist nichts Fertiges eingestellt worden, sondern ein Text, der den Versuch einer Momentaufnahme dessen darstellt, wie Dichter Stadt und Gedicht heute in Worte fassen.

Die verbesserte Fassung kommt morgen. Dann wird dieses Spannungsbild sicherlich klarer.

Nochmals besten Dank f√ľr diese Hinweise.

Gruß W.


__________________
Walther
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