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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Stadtlandfluss
Eingestellt am 27. 05. 2010 15:25


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Lesemaus
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ÔÇťN├Ąchste Woche muss ich nach M├╝nchenÔÇŁ, verk├╝ndete der Vater beil├Ąufig zwischen zwei Bissen Kesselfleisch, das er in Senf stippte und zu Graubrot a├č.
ÔÇťGr├╝├č Beckenbauer von mir!ÔÇŁ, lachte der Metzger, dessen Arme bis zu den Ellbogen im Hackfleisch steckten.
Karla l├Âffelte unger├╝hrt ihre Wurstsuppe mit selbstgemachten Nudeln weiter, wegen der sie jedes Jahr wieder zum Schlachten zu den Gro├čeltern fuhr. Stets nach einem erbitterten Kampf mit ihren j├╝ngeren Geschwistern, die auch mit wollten. F├╝r Karla bedeutete das Schlachten nicht nur lukullische Gen├╝sse und l├Ąrmenden Trubel; seit ein paar Jahren musste sie den Frauen zu Hand gehen. Am Abend wurden alle T├╝ren und Verkleidungen im Flur, in dem das Schwein zu Wurst verarbeitet worden war, mit hei├čer Seifenlauge vom Fett befreit. Der Inhalt des Kessels, in dem die Br├╝he zusammen mit Blut- und Leberwurst sowie Bauchst├╝cken den ganzen Tag gek├Âchelt hatte, wurde geleert und in Eimer gef├╝llt. In Milchkannen trug Karla dann die Suppe zu den Nachbarn und anderen Bekannten im Dorf. Manchen brachte sie auch frische W├╝rste und Gehacktes.

Wenn der Kessel leer war, musste er gr├╝ndlich geschrubbt werden. In ihm w├╝rde in K├╝rze statt Wurstsuppe die W├Ąsche der Gro├čeltern in der Seifenlauge vor sich hin kochen, von der Gro├čmutter ab und zu mit einem langen Holzstock umger├╝hrt.

Zum Gl├╝ck kam sie in diesem Jahr um das Absp├╝len der Einweckgl├Ąser herum. Sie bekam seit kurzem ihre Periode und hatte auch im Moment wieder ÔÇťBesuchÔÇŁ, wie ihre Klassenkameradinnen geheimnistuerisch dieses monatliche ├ťbel zu nennen pflegten. Auch wenn Karla nicht verstand, warum, lie├č sie die Gro├čmutter nicht in die N├Ąhe der Gl├Ąser. ÔÇťDie gehen wieder aufÔÇŁ, sagte sie nur und Karla suchte vergeblich nach einem Zusammenhang zwischen ihrer Monatsblutung und dem Wiederaufgehen der Gl├Ąser.

Am unangenehmsten waren aber die derben Scherze der M├Ąnner. Erst am Morgen hatte sie der rotgesichtige Fleischer zum Nachbarn geschickt, um den K├╝mmelspalter zu holen. Als sie mit leeren H├Ąnden und besch├Ąmt gesenktem Kopf wieder zur T├╝r herein gekommen war, hatte das Lachen der M├Ąnner fast den Raum gesprengt. Zum Gl├╝ck war es ihm bisher noch nicht gelungen, ihr mit seinem blutbeschmierten Finger an die Wange einen Strich zu malen. ÔÇťKomm, M├Ądchen, ich will dir eine Wurst anmessenÔÇŁ hatte er im letzten Jahr mit dr├Âhnender Stimme verk├╝ndet, als sie, nichts ahnend hinter seinem breiten R├╝cken vorbeischl├╝pfen wollte. Schlimm genug, sehen zu m├╝ssen, wie die Gro├čmutter im Eimer mit dem Blut r├╝hrte, damit es nicht gerann. Oder wie sie das Hirn mit Eiern briet, um es gierig zu verzehren. Auch den Ringelschwanz hatte man ihr in diesem Jahr noch nicht mit der Sicherheitsnadel an die Kleidung heften k├Ânnen.

Sicher war auch die M├╝nchen-Reise des Vaters ein Witz, den sie mit ihren dreizehn Jahren noch nicht verstand. M├╝nchen. Wollte der Vater die Tante besuchen, die dort schon lebte, bevor man die Grenzen dicht gemacht hatte? Karla beschloss, sich nicht durch Nachfragen eine Bl├Â├če zu geben. Den Gefallen w├╝rde sie den M├Ąnnern nicht tun. Je sp├Ąter es wurde, um so lauter und ausgelassener t├Ânten die Stimmen durch die Wohnung. Die Gro├čmutter hatte bereits die dritte Flasche Nordh├Ąuser Doppelkorn aus der Speisekammer geholt.

M├╝nchen. Eine ihrer Brieffreundinnen war auch von dort gewesen. Ihre Adresse hatte sie von Radio Luxemburg. Jeden Samstag Abend kroch sie fast in das kleine Blaupunkt-Radio hinein, das der Opa, der dort am Band stand, bei seinem letzten Besuch mitgebracht hatte, um aus dem unverst├Ąndlichen Wortbrei die Adressen herauszufiltern. Manchmal gelang ihr dies und manchmal schrieben die Angeschriebenen zur├╝ck. Englisch war nicht ihr Ding. In den Stunden, die sie mit dem stotternden und spuckenden Lehrer, der noch dazu einen Buckel hatte, verbringen mussten, tat Karla so ziemlich alles, au├čer Englisch lernen. Sie las unter der Bank Liebesromane, schrieb ihre eigenen Geschichten in kleine blaue Vokabelhefte, die dann wiederum unter den B├Ąnken ihrer Mitsch├╝ler kursierten, strickte oder spielte U-Boot-versenken mit ihrer Banknachbarin. Entsprechend waren ihre Kenntnisse dieser zweiten Fremdsprache nach Russisch. In einem ihrer Briefe an ein M├Ądchen aus London hatte sie geschrieben ÔÇťI have green ice.ÔÇŁ Als ihr sp├Ąter klar wurde, was sie da verzapft hatte, traute sie sich nicht, weiterhin der englischen Brieffreundin zu schreiben. Sie hatte ja noch andere. Sie war international aufgestellt. Die obligatorische Freundin in der Sowjetunion, mit der sie Stammbilder tauschte, auf denen Blumenmotive oder s├╝├čliche Kleinkinder prangten und deren P├Ąckchen rote Halst├╝cher und Anstecker mit Sternen sowie ├╝berzuckerte Bonbons enthielten, war ihr und allen anderen Sch├╝lern vom Russischlehrer vermittelt worden. Dieser Kontakt war sozusagen Ausdruck der vielgepriesenen deutsch-sowjetischen Freundschaft. Eben Herzenssache. Viel mehr interessierte sich Karla aber f├╝r Jugendliche, die au├čerhalb der Warschauer-Pakt-Staaten zu Hause waren. Denen wollte sie ihre sicherlich vorhandenen Vorurteile gegen├╝ber der DDR nehmen. Hier sah sie ihre missionarische Aufgabe. Da gab es Heinrich in ├ľsterreich, der ihr P├Ąckchen schickte mit duftendem Kaffee, um den sie ihr Vater beneidete und den sie ihm schlie├člich abtrat, mit winzigem Silberbesteck, das sie stolz an einer Kette um den Hals trug, oder mit einem gr├╝nen Herz aus Edelserpentin, zu dem sie versehentlich immer ÔÇťTerpentinÔÇŁ sagte. Und auch von Samantha aus Belgien erreichten sie Briefe oder von Jean-Paul aus Paris.

Diese Vorfreude, wenn sie den Weg von der Schule durch die enge Gasse mit den ausgewaschenen Fahrspuren ging, sich ausmalend, von wem an diesem Tag ein Brief auf der Treppe liegen k├Ânnte. Manchmal hielt sie es nicht bis zum Schulende aus, sondern rannte in der gro├čen Pause nach Hause, um voll freudiger Erregung die postalischen Gr├╝├če aus der gro├čen weiten Welt in H├Ąnden halten zu k├Ânnen. Die Briefmarke allein versetzte Karla bereits in Entz├╝cken. Bevor sie den Brief ├Âffnete, wog sie ihn in ihrer Hand. War er dicker als normal? Was befand sich noch darin? Vielleicht einige jener bunten Fotos, auf denen Heinrich an seinem Moped lehnte oder beim Tanzstundenabschlussball im Samtanzug und mit Fliege seine Partnerin in den Armen hielt?

Manchmal z├Âgerte sie die Entt├Ąuschung oder die Freude aber auch hinaus, indem sie sich auf dem Heimweg viel Zeit lie├č. Noch einen Umweg am Teich vorbei oder an der H├╝tte, in der sich immer die gro├čen Jungs trafen. (Ob wieder eines jener l├Ąnglichen durchsichtigen Gummidinger drin lag, mit denen sich die Jungs im Spa├č bewarfen?)

Wie der weitere Tag verlief, hing davon ab, ob sie Post hatte. Im Gegensatz zu Olga aus Moskau, die immer auf feinem Seidenpapier schrieb, benutzte Heinrich oder Jean-Paul dickes, oft farbiges Briefpapier. Briefpapier war in der DDR Mangelware. Deshalb stellte es Karla selbst her, indem sie wei├če Bl├Ątter durch eine Wassersch├╝ssel zog, in die sie einige Spritzer rote oder blaue Tusche gegeben hatte. So erhielt sie auf dem Papier farbige Schlieren, wolkige Gebilde, die mit viel Phantasie und einigen Strichen mit der Tuschefeder zu Tieren und anderen Gestalten wurden.

Wie dumm und unwissend waren sie doch alle! Heinrich lud sie ein und wunderte sich, als sie schrieb, sie k├Ânne nicht kommen, da es da diese Grenze gebe, diesen antifaschistischen Schutzwall. Er konnte es nicht fassen! Dabei war sein Vater Offizier. Jean-Paul schickte Ansichtskarten mit dem Eifelturm und dieser wei├čen Zuckerb├Ąckerkirche mit dem unaussprechlichen Namen. Die Karten heftete sie zusammen mit denen ihrer Verwandten, die jene vom Skifahren in St. Moritz oder dem Sommerurlaub an der jugoslawischen Adria schickten, rund um ihren Spiegel. Die sch├Âne bunte Welt. Die ihr verschlossen war. Aber das machte nichts. Daf├╝r w├╝rde Karla niemals von Sorgen um ihren Arbeitsplatz geplagt werden. Daf├╝r bekam sie jeden Tag in der Schulk├╝che ein billiges warmes Mittagessen und in der Fr├╝hst├╝ckspause eine Flasche Milch. Die bekam sie sogar umsonst, weil sie noch drei Geschwister hatte. Im Westen, so hatte ihnen der Lehrer in Staatsb├╝rgerkunde erz├Ąhlt, m├╝ssten die Eltern Geld zahlen, damit ihre Kinder auf die Schule gehen oder studieren konnten. Und nat├╝rlich konnten sich das nicht alle leisten. Dann schon lieber auf das Reisen verzichten, am Balaton war es auch sch├Ân. Nicht, dass Karla schon einmal in Ungarn oder einem anderen Land gewesen w├Ąre. Daf├╝r reichte das Geld der Eltern nicht. Wenn die Ferienzeit kam, wurden mindestens zwei der Kinder in eines der Ferienlager gesteckt, die die Betriebe der Eltern an der Ostsee oder im Th├╝ringer Wald unterhielten. Mit den restlichen zwei Kindern fuhr man dann zelten oder zu Verwandten in die Gegend um Berlin. Was nutzte es den Menschen im Westen, dass sie ├╝berallhin reisen durften, wenn sie es sich nicht leisten konnten? So diskutierte Karla auch immer mit ihrer Tante, wenn diese wieder einmal das Loblieb auf die Freiheit sang und abwertend ├╝ber ÔÇťdie ZoneÔÇŁ redete.

Trotzdem f├╝hlte sich Karla immer f├╝r alle Erschwernisse und Schikanen, denen ihre Verwandten in der DDR ausgesetzt waren, verantwortlich: Zwangsumtausch, leere Kaufh├Ąuser, monotone Schaufenster, zu wenig Inter-Tankstellen und schlechte Stra├čen. Wann w├╝rde man endlich auch im t├Ąglichen Leben etwas von der ├ťberlegenheit des Sozialismus sehen?

Wenn sie Essen gehen wollten, war es ihr peinlich, dass sie ewig vor einem halbleeren Restaurant stehen mussten, den Platzanweisern auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Noch peinlicher aber war es, wenn einige Westdeutsche mittels eines F├╝nf-Mark-St├╝ckes, das in die Tasche des Platzanweisers wanderte, an der Schlange vorbei und direkt in den Gastraum hineinmarschierten.

Jetzt war es doch passiert! Der Fleischer hatte sich unbemerkt an die tr├Ąumende Karla herangeschlichen und ihr mit seinem Daumen einen blutigen Abdruck auf die Wange appliziert. Karla kreischte. W├╝tend ging sie auf den dicken Mann los, auf dessen Gummisch├╝rze sich allerhand Undefinierbares zu einem wilden Aquarell mischte. Die M├Ąnner lachten laut. Die Gro├čmutter rief zum Kaffee.

M├╝nchen. Karla las es mit eigenen Augen. Tats├Ąchlich. Hatte der Vater doch nicht gescherzt. Dieser kleine Ort, durch den jetzt der Bus fuhr, hie├č genauso wie die gro├če Stadt, in der ihre Lieblingstante lebte. Die ihren Besuch angek├╝ndigt hatte. Schon in zwei Tagen w├╝rde sie kommen. Mit ihrem Mann, in den Karla verliebt war, seit er ihr die ersten Tanzschritte beigebracht hatte. Stand es so schlecht um den Vater?

Das gro├če Geb├Ąude der Zentralklinik f├╝r Herz- und Lungenkrankheiten erhob sich wei├č auf dem bewaldeten H├╝gel. Der Vater lag in der Sophienheilst├Ątte auf dem Emskopf, einem kleinen H├╝gel unweit von M├╝nchen, einem Ortsteil von Bad Berka. Karla half ihrer Mutter, die Taschen mit Obst, S├Ąften und Bienstichkuchen den Waldweg h├╝gelaufw├Ąrts zu tragen.

Karla war erschrocken, als sie den Vater sah. Sein Gesicht war grau und eingefallen. Er machte sich nicht, wie sonst, mit Hei├čhunger ├╝ber den mitgebrachten Kuchen her, sondern schien nur der Mutter zuliebe ├╝berhaupt davon zu essen.

Tante Marianne hatte ÔÇ×Wei├čw├╝rschtÔÇť mitgebracht, eine Spezialit├Ąt aus Bayern, wie sie sagte. Dazu einen s├╝├čen k├Ârnigen Senf, den Karla sogleich gegen den gewohnten Born-Senf tauschte. ÔÇÜHendlmeierÔÇś stand auf dem Senfglas. Hendl, das wusste Karla, waren Goldbroiler. Die wei├čen Dinger lie├čen sich schlecht schneiden, die Haut war wie Gummi und erinnerte Karla an die H├╝llen in der H├╝tte der Gro├čen. Der Onkel machte vor, wie man eine Wei├čwurst a├č: er nahm sie in die Hand und stippte sie in den Senf. Dann steckte er sie in den Mund, biss ein St├╝ck ab und als er sie wieder herauszog, hing ein Teil der Pelle schlaff und leer herunter. ÔÇ×Ihr m├╝sst die Wurst herauszutschenÔÇť, wies er Karla und die Geschwister an. Was f├╝r eine komische Art zu essen, dachte Karla und sehnte sich nach einer echten Th├╝ringer Rostbratwurst. Dunkelbraun und knusprig. Nicht so fad im Geschmack wie die bayerische Spezialit├Ąt. Da konnte man mal wieder sehen, dass nicht alles im Westen besser war als hier bei ihnen.

Stadt Land Fluss. Dieses Spiel wurde immer gespielt, wenn Tante Marianne und Onkel Olaf kamen. Karla liebte das Spiel. Sie hatte die Bl├Ątter schon vorbereitet. Spalten und Linien mit dem Lineal akkurat gezogen. Sie war im Vorteil. Denn sie kannte viele Fl├╝sse und Orte, die Tante und Onkel nicht gel├Ąufig waren. Marianne war noch ein Kind gewesen, als sie mit ihren Eltern in den Westen gegangen war. Karla liebte so schwere Buchstaben wie das ÔÇ×VÔÇť, Karla hatte ÔÇ×VockerodeÔÇť, dort stand ein gro├čes Kraftwerk. Das wusste sie aus dem Erdkundeunterricht. Erdkunde war ihr Lieblingsfach. Landkarten faszinierten sie. Stundenlang konnte sie zu Hause ├╝ber ihrem Atlas br├╝ten. Karla stoppte absichtlich bei ihren Lieblingsbuchstaben, den schwierigen, wenn sie mit z├Ąhlen an der Reihe war. Sie hatte auch ÔÇ×ZinnwaldÔÇť. Und Fl├╝sse und Berge, die Marianne und Olaf nicht kannten. Denn Karla kannte sich auch gut im Westteil Deutschlands aus. Jedenfalls theoretisch. Karla gewann. Wie immer.

Danach zupfte ihr die Tante die Augenbrauen. ÔÇ×Wie sieht das denn aus? Die wachsen dir ja in die Augen hinein!ÔÇť
Es tat weh. Es tat h├Âllisch weh. Aber schlie├člich wollte sie ja eine ÔÇ×junge DameÔÇť werden. Dazu sollte auch das Buch dienen, das ihr Marianne als Geschenk mitgebracht hatte. ÔÇ×Teenager EinmaleinsÔÇť. Karla las ÔÇ×Tee-NagerÔÇť und wunderte sich. Sie kannte das englische Wort nicht. H├Ątte es sicher auch nicht gekannt, wenn sie im Englisch-Unterricht besser aufgepasst h├Ątte. Derartige Themen wurden nicht behandelt.

Als Marianne und Olaf zusammen mit der Mutter am n├Ąchsten Tag im gro├čen BMW nach M├╝nchen fuhren, um den Vater zu besuchen, wollte Karla nicht mit. Auch, wenn sie gern mit dem Westauto gefahren w├Ąre. Immerhin bestand die M├Âglichkeit, von einer ihrer Klassenkameradinnen gesehen und beneidet zu werden. Der Onkel war mit der Tante nach M├╝nchen gezogen, weil er dort eine Arbeit bei BMW gefunden hatte. BMW - Brett mit Warzen. Das riefen ihr immer die Jungs hinterher, weil sie als einzige aus der Klasse noch keinen Busen zu verzeichnen hatte. Die Urgro├čmutter hatte sie unl├Ąngst versucht zu tr├Âsten, indem sie ihr verriet, dass sie zeitlebens noch nie einen ÔÇ×Kl├╝schenheberÔÇť gebraucht habe. ÔÇ×Kl├╝schenÔÇť, das waren kleine Kl├Â├če und wegen der Urgro├čmutter waren ihre Eltern damals, im August 61, aus dem Westen, wo sie die zwei Jahre zuvor ├╝bergesiedelte Restfamilie des Vaters besucht hatten, wieder zur├╝ck gekehrt. Der Schaffner im Interzonenzug hatte sie ganz erstaunt gefragt, ob sie sicher seien, dass sie in die richtige Richtung f├╝hren. Das hatte ihr der Vater immer wieder erz├Ąhlt. Und nun lag er dort, in diesem anderen M├╝nchen, und Karla wollte ihn nicht sehen. Sie erbot sich, auf die j├╝ngeren Geschwister aufzupassen. Der Anblick des Vaters ├Ąngstigte sie.

Noch nie hatte Karla ihre Mutter weinen gesehen. Sie standen auf dem langen Flur, der nach Desinfektionsmittel roch, und eine Schwester dr├╝ckte ihnen die Reisetasche des Vaters in die Hand.
ÔÇÜSteht jetztÔÇś, so fragte sich Karla, noch bevor die Tatsache, dass sie nun vaterlos war, irgendwelche Gef├╝hle in ihr hatte ausl├Âsen k├Ânnen, ÔÇśsteht jetzt im Totenschein bei Sterbeort: M├╝nchen?ÔÇś
__________________
Ein Schriftsteller sollte nicht schreiben wollen, sondern schreiben m├╝ssen. (Erwin Strittmatter)

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Lio
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Registriert: Jul 2009

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Hallo Lesemaus,

ich habe deine Geschichte zwei Mal durchgelesen, dabei sind mir folgende Sachen aufgefallen:

zun├Ąchst einmal fand ich deine hintergr├╝ndigen Informationen ├╝ber das Leben in der DDR sehr spannend, vor allem, weil man in der heutigen Presse ja wenig diferenzierte Informationen ├╝ber die damalige Zeit findet. Ich glaube Karla, das sie in der DDR aufw├Ąchst, denn ihre Bemerkungen sind sachkundig und stimmig.

Mit ihrem Charakter habe ich dagegen Probleme. Ich will damit sagen, sie erscheint mir nicht lebendig. Am Anfang ist sie eingesch├╝chtert, an sp├Ąterer Stelle wird gesagt, dass sie sich mit der Tante Wortgefechte liefert. Dann ist sie ├╝berzeugte Sozialistin, aber freut sich doch ├╝ber die Dinge, die sie von ihren Brieffreunden bekommt. Wenn sie die Geographie so fasziniert, dann will sie doch alle Orte sehen und nicht nur nach Ungarn fahren. Ich glaube ihr nicht, wenn sie behauptet, sie wolle die Welt nicht kennenlernen.

Dann scheinst du das gleiche Problem wie ich zu haben, n├Ąmlich zu komplizierte S├Ątze zu machen. Jetzt kann man dar├╝ber nat├╝rlich geteilter Meinung sein und sagen, dass man nicht modern schreiben will (denn je k├╝rzer, desto moderner). Thomas Mann hat das ja schlie├člich auch nicht gemacht, aber ich finde ihn auch erm├╝dend, deshalb habe ich mich jetzt pers├Ânlich an verschiedenen Stellen schwer mit deinen langen S├Ątzen getan (z.B. erster oder letzter Satz deiner Geschichte).

Einen letzten Punkt will ich noch ansprechen, dann h├Âre ich auf zu n├Ârgeln. Ich habe bis jetzt immer noch nicht verstanden, um was es bei deinem Text eigentlich geht ... Geht es um den Tod des Vaters oder geht es um ein M├Ądchen aus der DDR, das sich die Welt ├╝ber Brieffreundschaften nach Hause holt. Dann ist da noch die Schlachtung des Schweins, interessant klar, aber was hat diese jetzt wiederum f├╝r eine Funktion innerhalb der Geschichte? F├╝r mich stehen all diese Themen in keinem Zusammenhang, vielleicht habe ich mich auch deshalb nicht dar├╝ber gewundert, dass Karla den Tod ihres Vaters am Ende der Geschichte so teilnahmslos hinnimmt.

Hoffentlich bringt dir meine Kritik ├╝berhaupt etwas ...

Viele Gr├╝├če!

Lio

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