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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Stärke und Stolz
Eingestellt am 18. 06. 2013 15:36


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Silberpfeil
Festzeitungsschreiber
Registriert: May 2013

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Eilig beendet Mia das Telefonat, legt den Lippenstift zurück in das Regal und hetzt aus dem Drogeriemarkt. Das darf doch nicht wahr sein! Passiert das gerade wirklich? Ihre beste Freundin Michelle hat sie soeben angerufen. Bastian sei Arm in Arm mit einer anderen Frau in das Cafe geschlendert, in dem sie gerade arbeite.
Bastian und Mia sind kein Paar. Noch nicht, immerhin hat er mich gestern Abend in der Bar geküsst. Ein flaues Gefühl regt sich in ihrem Magen. Lange Zeit hat sie Niemanden an sich heran gelassen. Die Trennung vor zwei Jahren von Rolf, ihrer ersten großen Liebe, war zu schmerzhaft. Vor ein paar Wochen dann traf sie Bastian in ihrer Lieblingsbar. Er saß an der Theke, allein, wirkte einsam und verletzlich, machte nicht den Eindruck, dass er jemals die Frau die er liebt, verletzen und betrügen könnte. Und jetzt das!
Das Cafe ist nicht weit entfernt, dennoch rennt Mia wie vom Teufel besessen. Ihr ist bewusst, wie seltsam sie aussehen muss, doch stoppen kann sie sich nicht. Fast an ihrem Ziel angekommen hält sie plötzlich inne. Was soll ich nur tun, wenn ich dort bin? Am liebsten würde sie ihn auf frischer Tat ertappen, damit er keine Gelegenheit hat, sich herauszureden.
Ihr Herz schlägt von dem schnellen Lauf wild gegen ihre Brust. Beruhige dich! Du musst erst wieder klar denken können. Nach und nach kehrt ihre Selbstbeherrschung zurück. Warum immer vom Schlimmsten ausgehen? Mia hatte sich selbst versprochen, damit aufzuhören, der Männerwelt stets schlechte Absichten unterstellen zu wollen, nur weil sie von ihrem Ex betrogen wurde.
Sie öffnet die Tür und bewegt sich selbstsicher und zielgerichtet auf die Theke zu, hinter der Michelle sie bereits erwartet. Einen Blick über die Besucher zu werfen, traut sie sich nicht. Zu groß ist die Angst vor dem Anblick der Frau, die an Bastians Seite ist. Nun jedoch weiß sie nicht, in welcher Ecke die beiden sitzen und fühlt sich unangenehm angreifbar, mit dem Rücken zur Ungewissheit.
Michelle fungiert als ihr Spiegel. Lebhaft beschreibt sie jedes einzelne Detail der Frau, die groß, blond und schlank wie ein Model ist. Was will er dann mit mir? Bastian hat sie scheinbar noch nicht bemerkt. Laut Michelle sitzt er mit dem Blick zur Wand und seiner Begleiterin. Klar, so kann er sich voll und ganz auf sie konzentrieren. Mia kann nur schwer die Ruhe bewahren und mit Michelle als Hetzerin gestaltet es sich umso schwieriger. Du wirst nie herausfinden, was dahinter steckt, wenn du hier wie festgewachsen an der Theke stehst.
Sie dreht sich um und wirft einen kurzen Blick in die Richtung, die Michelle ihr beschrieben hat. Dann ein weiterer, vorsichtiger Blick. Was sie daraufhin sieht, versetzt ihr einen Stich mitten ins Herz. Bastian und die Unbekannte beugen sich zueinander über den Tisch und küssen sich. Der Alptraum scheint perfekt. Mia fühlt sich wie in einem Déjà-vu. Wäre ich doch nur nicht hier her gekommen. Ihr Kopf ist leergefegt, doch ihre Eingeweide winden sich unangenehm, wie Schlangen, die sie von Innen heraus auffressen.
Eine Träne rollt bereits ihre Wange herunter und Mia spürt, dass weitere folgen werden. Ich muss sofort hier raus. Michelle führt sie durch die kleine Küche hinaus auf den Hinterhof. Sie hält Mia tröstend im Arm. Auch sie erinnert sich daran, wie Mia vor zwei Jahren Rolf mit einer anderen im Bett erwischt hat. Mia hatte sich nach diesem schrecklichen Erlebnis sofort von Rolf getrennt und den Eindruck einer selbstsicheren, starken Frau vermittelt. Doch in Wahrheit hat sie das Ganze verändert. Mia hat seitdem ein großes Stück Selbstvertrauen eingebüßt, traut Männern nicht mehr über den Weg, hat sich hinter einer Mauer versteckt, die sie zum Schutz vor einer erneuten Verletzung um sich herum errichtet hat. Neben den Mülltonnen stehend versucht Mia frei durchzuatmen um sich zu beruhigen, doch der in der Frühlingssonne vor sich hin stinkende Müll sorgt dafür, dass ihr zusätzlich übel wird.
Sie verabschiedet sich von Michelle, verlässt den Hof durch die Einfahrt in Richtung Straße und schlendert ziellos und mit gesenktem Kopf durch die Gegend. Ihrer Kraft schon seit langer Zeit beraubt, kann sie die Tränen nicht zurück halten. Mia ist wütend auf sich selbst. Wie konnte dir das nur schon wieder passieren? Irgendwas musst du falsch machen, sonst würdest du nicht ständig an Männer geraten, die dich nur ausnutzen und belügen. Sie gibt sich selbst die Schuld daran, dass sie auf Bastian herein gefallen ist. Wäre sie doch lieber weiterhin misstrauisch gewesen und hätte sich ihm nicht geöffnet.

Mia achtet nicht darauf, wohin ihre Füße sie tragen. Als sie in eine Seitenstraße biegt, wird sie plötzlich von der Sonne geblendet. Im gleichen Augenblick spürt sie einen heftigen, aber weichen Wiederstand. Sie ist in jemanden reingelaufen. Der Tag wird ja immer besser.
„Hi Mia, was machst du denn hier?“ Bastian strahlt sie an. Seine Hand liegt auf ihrem linken Ellbogen. Wütend macht sie sich von ihm los und schaut ihn perplex an, nicht wissend, was sie sagen soll. „Ist alles okay mit dir?“ Der hat Nerven!
Die große Blondine steht gelangweilt neben ihm. „Schatz, ich gehe schon mal vor. Komm nach, wenn du dieses geistreiche Gespräch beendet hast.“ Sie stolziert davon in Richtung Boutique, nicht ohne Mia einen abwertenden Blick zuzuwerfen. Hat sie ihn gerade Schatz genannt?
„Ist das etwa deine neue Freundin?“ Mia`s Augen funkeln gefährlich.
„Ja, das ist Natalie, meine Freundin. Aber wir sind schon seit ein paar Monaten zusammen.“ Bastian zuckt abweisend mit den Schultern.
„Wie bitte? Du verheimlichst mir, dass du eine Freundin hast und küsst mich sogar? Was sollte das?“ Mia wiedersteht der Versuchung, auf ihn einzuprügeln. Wie verletzt sie ist, kann sie jedoch nicht verbergen. Erneut rollen Tränen über ihr Gesicht.
„Hey, du musst doch nicht gleich weinen. Der Kuss hatte doch nichts zu bedeuten. Und du hast mich ja auch nicht gefragt, ob ich eine Freundin habe.“ Sein Blick verändert sich, wird arrogant. „Du hättest doch damit rechnen müssen, dass ein toller Kerl wie ich vergeben ist.“
Mia ist fassungslos. Er hat ihr also die ganze Zeit nur etwas vorgemacht, so getan, als wäre er einer von den Guten. Dabei ist Bastian nichts weiter als ein eingebildeter Spinner, der keinen Dreck für die Gefühle anderer Menschen gibt. Nicht einmal Rolf war so skrupellos. Sie kann es nicht glauben. Sie hat sich gerade selbst die Schuld gegeben, dabei hat Bastian sie ohne mit der Wimper zu zucken belogen. Wie hätte sie sich vor solch einem gewissenlosen Verhalten schützen können? Und jetzt steht sie hier und lässt zu, dass ihre Gefühle zum zweiten Mal in ihrem Leben mit Füßen getreten werden. Aber dieses Mal siegt die Wut über ihre Enttäuschung.
Sie wischt sich die letzte Träne von der Wange. „Jetzt hör mir mal gut zu, du arroganter, kleiner Pisser. Ich weine nicht, weil ich Gefühle für dich hatte, sondern weil ich es zugelassen habe, dass du mich eiskalt belügst. Ich weiß nicht, warum du dir einbildest, so toll zu sein. Ich weiß nur, dass du in meinen Augen nichts weiter als ein feiges Männlein ohne Selbstvertrauen bist, das Frauen anlügen muss, um sie rumzukriegen. Und jetzt geh mir aus der Sonne.“
Während sie den letzten Satz sagt, stößt sie Bastian zur Seite. Er stolpert nach rechts und nun ist es an ihr, die Straße entlang zu stolzieren. Hoch erhobenen Hauptes und mit einem Lächeln auf den Lippen geht sie schnell zurück zum Cafe, um Michelle von dem Zusammenprall zu berichten. Zurück schaut sie nicht mehr, weder auf Bastian, noch auf die Vergangenheit.

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