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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Stahlgewitter
Eingestellt am 03. 06. 2017 11:14


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Blumenberg
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Stahlgewitter


Dicht gedrĂ€ngt warten wir in der Dunkelheit. Es ist noch nicht lange her, da ist das trĂŒbe Licht der einzelnen Lampe, inmitten der ErschĂŒtterungen und des Dröhnens der EinschlĂ€ge, ausgegangen. Es gab ein ohrenbetĂ€ubendes Krachen. Der Boden zitterte, dass sich der Putz von den WĂ€nden löste und auf unsere Köpfe niederfiel. Uns ist das Herz stehen geblieben. Einen schrecklichen Moment lang fĂŒhlten wir es alle. Das Gewicht der Betondecke, jeden einzelnen Stein ĂŒber uns. War es ein direkter Treffer oder das Nachbarhaus? Wankt unser Zuhause, neigt es sich Ă€chzend, langsam zur Seite? Ich sah vor mir in der Dunkelheit, wie sich die TrĂ€ger in Agonie verdrehten. Nur noch einen Moment, dann werden all die gesammelten StĂŒcke Heimat zu Steinen auf unserem Grab. Gibt es eine vollstĂ€ndigere Art der Vernichtung?

Ein StĂŒck die Straße herunter ist vor ein paar Tagen ein Haus nach einem Bombentreffer eingestĂŒrzt. Ich habe beim SchuttrĂ€umen geholfen. Da geraten Tonnen von Material in Bewegung, die Bunkerdecke hat dem nichts entgegenzusetzen. Wie sollte sie auch. Was großspurig Bunker genannt wird, ist nur ein Kellerraum, daran Ă€ndert auch der neue Name nichts. Den von Nummer dreiundzwanzig haben wir bis heute nicht freigelegt bekommen.

Der ganze Raum lauscht gespannt, zittert bei jeder neuen ErschĂŒtterung und wartet auf das Ende. Jeder neue Einschlag jagt uns einen Schauer ins Mark. Ich höre Kinder, aber auch gestandene MĂ€nner schluchzen. Die Stimme der alten Frau Winkler erklingt. Sie betet und andere fallen ein. „Vater unser, der du bist 
“, der Rest versinkt in ohrenbetĂ€ubendem Dröhnen, als der nĂ€chste stahlummantelte Hagel niedergeht. Ich wĂŒnschte, auch ich könnte mich daran festhalten. Aber bei mir wĂ€ren das nur Worte ohne Trost.

Es gibt einen kurzen Moment, in dem völlige Stille herrscht. Ich möchte glauben, dass es vorbei ist, traue der Sache aber noch nicht so recht. Vielleicht ist es ĂŒberstanden, vielleicht nur eine Atempause, bevor die nĂ€chste Welle anbrandet. Denn sie kommen in Wellen. Manchmal in weitem Abstand, um uns wieder ins Freie zu locken.

Dann ist der Augenblick vorbei und die Leute beginnen wispernd zu sprechen. Ganz leise, als könnte ein zu lautes Wort durch die WĂ€nde nach oben schweben und uns, von den GerĂ€ten in den fliegenden Festungen eingefangen, verraten. Die Dunkelheit schĂ€rft die anderen Sinne. Auch wenn ich ihn nicht sehe, weiß ich, dass Herr Heim von gegenĂŒber immer noch neben mir steht. Ich höre sein pfeifendes Ein- und Ausatmen. Er war bei der Luftwaffe, bis er krank wurde. Tuberkulose, wenn ich mich richtig entsinne. Ich stoße ihn an.

„Das ging noch einmal gut. Stellen Sie sich das wie bei einem Gewitter vor, je lauter es kracht, umso nĂ€her sind wir dran. Und vorhin haben sich die EinschlĂ€ge eindeutig entfernt. Die nehmen jetzt ein anderes Viertel dran“, versichert er mir, ohne dass ich die Frage zu stellen brauche. „Auch wennÂŽs verflucht knapp war dieses Mal. Wahrscheinlich das Nachbarhaus oder das daneben. Wir haben GlĂŒck gehabt. Trotz der LautstĂ€rke und des Bebens war das nur eine kleine, maximal eine halbe Tonne, schĂ€tze ich. WĂ€rÂŽs eine von den großen gewesen, wĂ€rÂŽs jetzt vorbei mit uns, das können Sie mir glauben. Wir hatten auch solche Exemplare, als ich noch bei der Luftwaffe war. In London können sie davon ein Lied singen.“ Wie um ihm recht zu geben, springt in diesem Moment auch das Licht wieder an.
„Meinen Sie, die werden Brandbomben abwerfen?“, frage ich, froh, jemanden zu haben, der meine Zweifel zerstreuen kann. Wir alle haben von Hamburg gehört.

„Nein, ich glaube nicht. Sonst hĂ€tten sie vorher 5,5-Tonner abgeworfen. Sie wissen schon, fĂŒr die Luftzufuhr.“ Mein fragender Blick lĂ€sst ihn weitersprechen. Er scheint zufrieden mit seiner augenblicklichen Rolle als mein Lehrer. Seine Stimme nimmt einen ruhigen, sachlichen Ton an, die Flucht in technische Einzelheiten hilft ihm dabei, mit dem Schrecken des eben Erlebten fertig zu werden. „Nehmen Sie einmal an, Sie wollen ein Feuer machen und schichten dazu Holz auf. Unter ihm, in der Mitte, liegen Papier und kleine Zweige, um den Brand zu entfachen. Damit das klappt, mĂŒssen Sie darauf achten, dass das Feuer ausreichend Luft bekommt. Haben Sie die Hölzer zu dicht beieinander aufgestellt, brennt es nicht richtig, da sie dem Feuer den Sauerstoff nehmen. So ist das meistens in einer Stadt. Da stehen die HĂ€user zu dicht beieinander. Um eine maximale Wirkung zu erzielen, mĂŒssen sie zunĂ€chst Schneisen in die Blocks sprengen, durch die das Feuer atmen kann.“ Ein keuchendes Husten unterbricht ihn. „Machen Sie sich keine Sorgen, wenn sie das nicht tun, werfen sie auch keine Brandbomben, das lohnt nicht. Heute sind wir noch einmal davongekommen.“

Er weiß besser als wir alle, was genau da draußen passiert. Es muss verstörend sein, plötzlich auf der anderen Seite zu stehen. In Heims AusfĂŒhrungen schwingt der Stolz auf die Ingenieursleistung mit. Auf den meisterhaft konstruierten Tod, den er frĂŒher planmĂ€ĂŸig zu seinem Ziel gebracht hat. Wir haben, wenn ich mich nicht irre, zu jener Zeit sogar einen Ausdruck geprĂ€gt: coventrieren. Damals, als Herr Heim gesund war. Als der FĂŒhrer noch von Sieg zu Sieg eilte und auf seinen bloßen Wink hin ganze StĂ€dte unter einem Bombenteppich verschwanden. PrĂ€zise umschreibt das Wort, was wir nun am eigenen Leib erfahren. Ich frage mich, ob es wohl gnĂ€diger ist, in den HĂ€usern zu leben, die als Schneise vorgesehen sind, wenn es soweit ist. Dann wĂ€re es immerhin vorbei, bevor der Feuersturm kommt.

Er nickt aufmunternd und klopft mir auf die Schulter. „Wird schon werden, Herr Bichler. Ich muss nach meiner Frau sehen. Sie war vor mir hier unten und vertrĂ€gt laute Töne ĂŒberhaupt nicht gut.“ Mit diesen Worten drĂ€ngt er sich an mir vorbei in die Richtung, in der er seine Frau vermutet, und ich warte darauf, zumindest vorlĂ€ufig in meine Wohnung zurĂŒckzukehren.

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aligaga
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Über NĂ€chte in Deutschen Bombenkellern gibt’s tonneweis‘ Literatur, aus ganz verschiedenen Sichten – der Omis und Opis, der Kinder, der HalbwĂŒchsigen, der Luftschutzwarte, der Kriegsinvaliden, der MĂŒtter, der Schwangeren, der GebĂ€renden, der Ärzte, der Feuerwehrleute, der TotengrĂ€ber. Es sind zum großen Teil sehr nahe gehende, bestĂŒrzende Dokumente der Angst, des Ausgeliefertseins, der Hilflosigkeit und der Verzweiflung.

Es ist @ali beim besten Willen nicht nachvollziehbar, dass man sich heute, wĂ€hrend es zeitgleich in Syrien Fassbomben und Raketen auf eine wehrlose Bevölkerung hagelt, ein dergestalt albern historisierendes „FachgesprĂ€ch“ zwischen zwei fiktiven „Betroffenen“ ausdenkt und gleich doppelt veröffentlichen zu mĂŒssen glaubt.

Was will uns der Autor damit Neues sagen? Dass er erfolgreich nach Anleitungen zum Weben von Bombenteppichen geguhgelt hat und sich jetzt damit wichtigmachen möchte wie ein Pfadfinder, der gerade gelernt hat, wie man ein zĂŒnftiges Lagerfeuer anzĂŒndet?

@Ali hat’s an andere Stelle schon mal gesagt – der „Gnade der spĂ€ten Geburt“ teilhaftige BetroffenheitslĂŒhriker stehen immer mit einem Bein mitten in den Wunden oder im Grab derer, die tatsĂ€chlich unter den gegebenen UmstĂ€nden zu leiden hatten. Und die genau wussten, wovon sie sprachen, wenn sie am Ende mit dem Leben davongekommen waren. Die haben nicht geplappert, sondern mit den ZĂ€hnen geklappert – vor KĂ€lte, vor Angst und vor Hunger.

Es gibt Stoffe, die eignen sich nicht zur billigen G’scheitmeierei. Die erfordern echte Zuwendung, Überblick, AuthentizitĂ€t und, vor allem, schriftstellerische FĂ€higkeiten. Sonst fallen sie einem, so wie hier, auf die platten FĂŒĂŸe und zerquetschen einem die Zehen.

Heiter

aligaga

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Blumenberg
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Hallo Ali,

natĂŒrlich habe ich die Geschichte, nachdem sie ins Lupanum verschoben wurde wieder eingestellt. Danke fĂŒr deinen Kommentar, ich freue mich, dass dir die Geschichte so gut gefallen hat.

Beste GrĂŒĂŸe

Blumenberg

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