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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Stairway to Heaven
Eingestellt am 23. 06. 2016 17:06


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Mama Miracoli
???
Registriert: Feb 2014

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Es w├╝rde nicht mehr lange dauern - und dass nun der richtige Zeitpunkt zum Abschiednehmen gekommen sei - das hatten die vom Krankenhaus zu ihr gesagt und dann hatten sie kurze Zeit sp├Ąter noch einmal angerufen und gesagt, dass er in ein Koma gefallen sei und dass sie sich kurzfristig dazu entschlie├čen konnten, doch alles in ihrer Macht stehende f├╝r ihn zu tun. Alles... , aber was konnte das schon sein? Und au├čerdem war er doch selber Schuld daran. Seit seiner Jugend hatte Harry Alkohol getrunken und sie hatte mit ansehen m├╝ssen, wie es mit jedem Tag mehr geworden war. Zuerst hatte er nur Bier, dann Bier und Schnaps und schlie├člich nur noch Schnaps getrunken, und irgendwann wollte er nicht einmal mehr einen Kaffee vorweg, sondern gleich einen ordentlichen Schluck Korn und am Abend zuvor hatte er bereits Vorsorge getroffen, dass nach dem Aufwachen die n├Ąchste Flasche f├╝r ihn schon bereitstand.
Bei Familienfeiern, auf Sch├╝tzenfesten, bei den traditionellen Gr├╝nkohl- und Spargelessen, die im Gemeindehaus stattfanden, auch bei diesen Gelegenheiten hatte Harry stets Schnaps getrunken und selbst das Bier, dass sie ihm wie jedem anderen neben den Teller stellten, hatte er zuletzt ├╝berhaupt nicht mehr anger├╝hrt.
Als sie jung gewesen waren, hatten ihn alle gemocht im Ort, ihren Bruder Harry, den patenten Kerl, der zu jedermann freundlich war und der ├╝berall mit anpackte, wo Hilfe ben├Âtigt wurde, und auch heute noch war er beliebt in Sommersbach und die Alteingesessenen begr├╝├čten ihn mit seinem Vornamen, wenn sie ihm auf der Stra├če begegneten. Im Alter von f├╝nfundzwanzig Jahren, nach dem pl├Âtzlichen Tod ihres Vaters, war er zum Alleinerben des Hofes geworden, auf dem ihre Eltern Viehzucht betrieben; Rinder- und Schweine hatten sie gehabt und Harry hatte das Schlachterhandwerk gelernt. Anfangs hatten sie noch auf dem Hof geschlachtet und jedermann im Dorf war vorbeigekommen, um ein Schw├Ątzchen zu halten und ein paar Knappw├╝rste zu bestellen und ihre, Annelieses, Aufgabe war es gewesen, das frische Schweineblut zu r├╝hren, damit es fl├╝ssig blieb, bis man Wurst daraus machte. Die Schnapsflaschen hatten in einer Zinkwanne gelegen, gleich neben den Holztr├Âgen mit den dampfenden Schweineh├Ąlften.
Sie war sechs Jahre ├Ąlter als ihr Bruder und mit einundzwanzig Jahren ausgezogen aus ihrem Elternhaus, hatte geheiratet und Kinder bekommen. Drei Kilometer von Sommersbach entfernt, im Nachbarsort, hatte ihre Familie ein Reihenhaus gekauft. Vor zwei Jahren war ihr Ehemann Walter an einem Herzinfarkt gestorben, noch bevor ein Rettungswagen eintreffen konnte und nicht einmal ihren Kindern hatte sie gesagt, dass sie ihn insgeheim um seinen schnellen, unkomplizierten Tod beneidete. Mit etwa sechzig Jahren war sie dort angekommen, wo sich um sie herum, im Dorf, bei Bekannten und Verwandten, die Krankheit und das Leid auszubreiten begonnen hatten, die f├╝r das h├Âhere Lebensalter so typisch waren. Pl├Âtzlich waren es Knie- und H├╝ftprobleme, Thrombosen, Gallenkoliken, Diabetes, grauer oder gr├╝ner Star, Schlaganf├Ąlle, Herzinfarkte, Krebs und Parkinson, ├╝ber die sie sich unterhielten, wenn sie sich zum Kaffeekr├Ąnzchen trafen - die Liste war lang und wurde immer l├Ąnger und die Einschl├Ąge kamen unerbittlich n├Ąher. Sie selbst hatte mit Bluthochdruck zu k├Ąmpfen und auch Harry war sein hoher Alkoholkonsum jetzt deutlich anzumerken.
Harry hatte nie geheiratet und wohnte noch immer auf dem Hof ihrer Eltern, wo es l├Ąngst keine K├╝he und Schweine mehr gab. Seit einiger Zeit lebte er von einer kleinen Rente und seit vor vier Jahren auch ihre Mutter nach kurzer Leidenszeit an Bauchspeicheldr├╝senkrebs gestorben war, die f├╝r ihn gekocht und die sich um ihn gek├╝mmert hatte, war es nun sie - Anneliese - , die diese Aufgaben ├╝bernommen hatte. Au├čerdem hatte sie einen Kredit aufgenommen um zu verhindern, dass er den Hof versoff, und obwohl es ihr widerstrebte, war es nun auch niemand anders als sie, die daf├╝r sorgte, dass er jeden Morgen eine volle Flasche vorfand, damit er nicht schon ab mittags im Dorfkrug herumsa├č. Eine Pulle aus dem Discounter und ein eingeschalteten Fernseher taten es zum Gl├╝ck auch.
Geld - immer war es das Geld, um das sie sich sorgen musste. Ihr Mann Walter war Schmied gewesen und hatte bis zu seinem Tod den Beruf des Metallbauers ausge├╝bt und sie selbst hatte, nachdem ihre drei Kinder aus dem Gr├Âbsten heraus waren, in einer Fabrik gearbeitet, die Zuckerr├╝ben verarbeitete, bevor diese irgendwann geschlossen wurde. Ihr Haus war l├Ąngst abbezahlt und f├╝r sie selber h├Ątte es ausgereicht, aber da waren doch ihre Kinder...
Petra, die ├älteste, war sechsunddrei├čig Jahre alt, gelernte Reiseverkehrskauffrau und mit Manfred verheiratet, den sie kennengelernt hatte, als sie hobbym├Ą├čig als S├Ąngerin unterwegs gewesen war. Manfred hatte Schlagzeug in ihrer Band gespielt und einer seiner Lieblings- Rocksongs war 'Stairway to Heaven'. Erst nach ihrer Hochzeit hatte sich herausgestellt, dass er eine zeitlang Heroin gespritzt, und aus dieser Zeit eine chronische Hepatitis zur├╝ckbehalten hatte, die ihn gesundheitlich stark einschr├Ąnkte. Manfred ging keiner geregelten Arbeit nach und sa├č die meiste Zeit zuhause herum. Gl├╝cklicherweise hatten die beiden keine Kinder bekommen. Da war nur Atze, der gr├╝ne Leguan, den sie sich angeschafft hatten, und der einzige Luxus, den Manfred und Petra sich leisteten, war eine Flugreise einmal im Jahr, die Petra zu Sonderkonditionen bekam. Wenn sie in Marokko oder Tunesien waren, war es auch sie, Anneliese, die Atze versorgte, der nicht nur gef├╝ttert und saubergemacht, sondern auch regelm├Ą├čig mit Wasser bespr├╝ht werden musste, damit er nicht austrocknete. Schon mehrmals hatte Petra ihrer Mutter anvertraut, dass sie sich am liebsten von Manfred trennen und an der Uni einschreiben w├╝rde, um sich weiterzubilden und Tourismus oder Eventmanagement zu studieren, denn sie wollte sich, bevor sie vierzig Jahre alt wurde, beruflich noch einmal ver├Ąndern. Manfred war ihr dabei ein Klotz am Bein.
Sie war froh gewesen, als Petra mit knapp drei├čig Jahren endlich heiraten wollte, und hatte sich nicht vorstellen k├Ânnen, wie sich die Dinge entwickeln w├╝rden. Als sie selbst jung gewesen war, war eine Heirat das Beste, was einer Frau passieren konnte und an berufliches Vorankommen brauchte sie niemals in ihrem Leben auch nur einen einzigen Gedanken zu verschwenden. Heiraten, ein Haus kaufen, Kinder kriegen - und f├╝r den Rest des Lebens f├╝r die Familie dasein, so war das gewesen, damals, aber die Zeiten hatten sich ge├Ąndert. Jedes Mal, wenn sie ihrer Tochter ins Gesicht schaute, sah sie deutlich, dass sie ungl├╝cklich war, und das war sehr schlimm...
Als h├╝bschester Bengel im Dorf hatte sich ihr Sohn Andreas zu einem Draufg├Ąnger entwickelt. Als er F├╝nfzehn war, hatten die M├Ądchen vor ihrem Haus Schlange gestanden und mit Siebzehn war er Vater geworden und hatte eine Frau geheiratet, die ihn nach kaum drei Jahren Ehe wieder verlassen, und mit zwei weiteren M├Ąnnern f├╝nf weitere Kinder bekommen hatte. Als ausgebildeter Fernmeldetechniker war er bei der Telekom angestellt gewesen und hatte, bevor die massenweise Leute entlie├čen, eine Abfindung angenommen, die gr├Â├čtenteils f├╝r Unterhaltszahlungen an seinen Sohn draufgegangen war. Nach einer psychischen Krise, die einige Jahre in Anspruch nahm, hatte er zum Industriekaufmann umgeschult und dann wieder eine Frau geheiratet, die kein Geld verdiente, und mit ihr zwei weitere Kinder in die Welt gesetzt. Weil sein Verdienst nicht ausreichte, war seine Familie st├Ąndig auf Wohngeld angewiesen und auch sie, Anneliese, bezuschusste sie regelm├Ą├čig.
Und dann war da noch Sabine, ihr Nesth├Ąkchen, das dritte Kind, das sie und ihr Walter eigentlich gar nicht gewollt hatten, weil es in einem normalen Haus nun einmal nur zwei Kinderzimmer gab, und die schon belegt gewesen waren. Sabine hatte nach dem Hauptschulabschluss die Schule verlassen, den Fris├Ârberuf gelernt und konnte von ihrem schmalen Verdienst kaum leben; anstatt sich aber dauerhaft mit einem Mann zusammenzutun, um die Miete bezahlen zu k├Ânnen, war es ihr Ziel, m├Âglichst bald einen eigenen Salon zu er├Âffnen - mit angegliedertem Nagelstudio. Sabine war zierlich, achtete auf ihre Figur und a├č wenig, was, wie sie sagte, ihrem Sparbuch zugute kam. Wie sie mit ihren kaum f├╝nfzig Kilo einen achtst├╝ndigen Arbeitstag bew├Ąltigte, war Anneliese ein R├Ątsel. Nicht zuletzt f├╝r Sabine gab es jeden Sonntag einen Schweinebraten in ihrer K├╝che, oder Schnitzel und Pommes, und auch Andreas und seine Familie fuhren dann p├╝nktlich um halb eins mit ihrem Kombi vor, auf dessen Heck die Aufkleber: 'Laura', 'Justin', und 'Wir lieben Lebensmittel' prangten. Durch die Psychopharmaka, die er eine zeitlang hatte nehmen m├╝ssen, war er dick geworden, ihr Andreas, der einstmals sch├Ânste Junge im Dorf.
Und nat├╝rlich war auch Harry sonntags zum Essen eingeladen, der, als er noch radfahren konnte, mit einem Klapprad gekommen war, und seit er das nicht mehr schaffte, von Sabine mit ihrem Kia abgeholt wurde, bis es schlie├člich immer h├Ąufiger vorgekommen war, dass Onkel Harry noch im Bett gelegen hatte, wenn sie klingelte, und sie wirr aus gelben Augen angestarrt hatte, oder dass er sich mit dem Taxi f├╝r ein paar Tage zur zur Ausn├╝chterung und Regeneration in die nicht weit entfernte Klinik hatte fahren lassen, wohin er schon einige Male vor dem sicheren Tod geflohen, und wo er wieder aufgep├Ąppelt worden war.
Und dann riefen sie wieder an aus dem Krankenhaus und sagten ihr, dass alles gut verlaufen sei, er aber noch ein Weilchen dableiben m├╝sse, und au├čerdem ben├Âtige er Waschzeug, seinen Rasierapperat und ein paar Nachthemden. Die Schwester klang zuversichtlich, sehr positiv, fast so, als ob sie ihr mitteilen wollte, dass Harry ein gesundes Kind zur Welt gebracht h├Ątte. Genau das war es, was sie mi├čtrauisch machte... Nat├╝rlich w├╝rde er sterben, zu diesem Schluss kam sie, als sie eine halbe Stunde ├╝ber diesen Anruf nachgedacht hatte. Ihr Bruder Harry, jetzt w├╝rde er sterben und sie und der Rest der Familie h├Ątten die verdammte Pflicht, ihn noch einmal besuchen zu kommen.
Am darauffolgenden Sonntag fuhren sie hin, gleich nach dem Mittagessen. Laura und Justin durften bei Nachbarn bleiben, weil sie noch zu jung waren, um mit dem bevorstehenenden Tod ihres Gro├čonkels konfrontiert zu werden.
Die diensthabende Oberschwester war sehr freundlich zu ihnen, wirkte ein wenig verlegen und sagte, dass jetzt, am Sonntag, nat├╝rlich kein Arzt zu sprechen sei, dass man sie aber so bald wie m├Âglich von den neusten Ereignisse in Kenntnis setzten w├╝rde.
Na also, sie hatte es doch gewusst, es war keineswegs alles in Ordnung mit ihrem Bruder Harry und man hatte ihr etwas so Wichtiges mitzuteilen, dass nur ein Arzt das tun konnte. Die Schwester, die sie den Gang entlang begleitete, klopfte an die letzte T├╝r auf dem Flur, ├Âffnete sie einen spaltbreit und verabschiedete sich l├Ąchelnd von ihnen.
Gleich ganz vorn, im ersten Bett, sa├č Harry und verputze ein St├╝ck Kuchen, das er zum Nachmittagskaffee bekommen hatte, und verlangte danach ein zweites, dass ihm sein Bettnachbar offenbar versprochen hatte. Nachdem er auch dieses mit sichtbarem Genuss verspeist hatte, l├╝ftete er sein Krankenhaushemd und zeigte ihnen stolz eine Narbe, die sich kreuz und quer ├╝ber seinen gesamten Bauch erstreckte.
Dass sie ihn mit dem Hubschrauber in ein Transplantationszentrum geflogen h├Ątten, berichtete er, und dass er bedauere, von dem ersten Flug seines Leben nichts mitbekommen zu haben, weil er bewusstlos gewesen war...
































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Eremit
Autorenanw├Ąrter
Registriert: Jun 2016

Werke: 8
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Profil

Eine intelligente Geschichte, das l├Ąndliche Milieu ist sehr gut wiedergegeben. Die verschiedenen Schicksale klingen plausibel und bringen unwillk├╝rlich zum Nachdenken. Und die Botschaft dahinter? Dass wir alle den Stairway to Heaven suchen... aber oft ganz anders finden, als gedacht.
(Bzw. Leben ist das was passiert, w├Ąhrend wir Pl├Ąne schmieden)
LG Eremit

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Mama Miracoli
???
Registriert: Feb 2014

Werke: 8
Kommentare: 57
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Vielen Dank f├╝r dein Interesse an meiner Geschichte, Eremit.
Vielleicht kommt sie zu langsam in Gang und es sind zu viele Beschreibungen und am Anfang passiert nichts (t├Âdlich f├╝r eine Geschichte!), aber ich denke, das Ende ist einigerma├čen ├╝berraschend.
Zu 'Stairway to Heaven' hatte ich einige Bilder im Kopf, die sich sich mit etwas decken, das ich in einem You-Tube- Kommentar gelesen habe,und das war in etwa Folgendes: Es geht darum, dass man mit den Entscheidungen, die man in seinem Leben trifft, leben muss, - und mit den Konsequenzen dieser Entscheidungen.
In etwa das wollte ich mit meiner Geschichte ausdr├╝cken.
Und bei der Person des 'Harry', die ich erfunden habe, erf├╝llt sich das Schicksal auf sehr ironische Weise...

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