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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Staub und Schatten
Eingestellt am 09. 12. 2002 16:04


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Ann-Kathrin Deininger
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Staub und Schatten

Eines. Der Sturz. Sie erinnert sich an den Sturz. Den Fall. Absturz, Abfall. Zuerst f√§llt der Boden. Unter ihren F√ľ√üen, der Boden. Sie schwebt. F√§llt, schwebt, fliegt, st√ľrzt. Dann der Himmel. Er st√ľrzt auf sie ein. F√§llt herab. Wolkenverhangnes Himmelszelt. Band aus Azur. Weites blaues Firmament. Die st√§rksten S√§ulen brechen, fallen. St√ľrzen zusammen.
Grau st√ľrzt in Grau. Nicht weit. Aber endlos. Sie schreit. Sie h√∂rt es nicht. Stattdessen Knarren, Knacken, Knirschen, Kreischen, Keifen, K√§mpfen, Klagen - klanglos vor Brechen und St√ľrzen. Tosender Orkan starren Betons. Keifende Symphonie klaren Glases. Grausige Arie festen Stahls. Schmerzlicher Chor stabiler W√§nde. Geiferndes Hohelied heiliger Bestien.
Fallen, endloses Fallen. Scharen von Schatten. Schweigen vor Schmerz. Schall von Schuld. Schattenschmerzen. Schallscharen. Schuldschweigen. Schwärze. Warme, zärtliche Schwärze, gnädig umfasst ihr Bewusstsein.

Dunkel. Es ist dunkel. Und sie erwacht. Sie sieht nichts. Vielleicht ist sie blind. Sie lauscht. Dunkelheit kann man h√∂ren. Unwirklich, nah und fern, surreal, diffus. Aber zu h√∂ren. Sie wei√ü das. Schmerz. Salziger Geschmack auf der Zunge. S√ľ√üer, schwerer Duft. Ungesehenes rotes Rinnsal.
Tastende Finger auf ihrem Fuß. Erschrecken, Erschaudern. Leben Sie noch? fragt eine Stimme. Ja. Sie schluchzt vor Freude. Sie ist nicht allein. Jemand ist dort in der Dunkelheit, neben ihr. Angst, Schmerz, Verzweiflung, Furcht, Bitterkeit, Schicksal werden geteilt. In diesem Moment.
Die Stimme ist nahe Sie bluten. Es ist ein Mann. Sie k√∂nnen es sehen? Ja. Er hustet. Es ist zu dunkel. Sie kann nichts sehen. Feiner Staub kratzt in ihrer Kehle. Sie hustet. Ihre Augen. Ihr... Er schweigt abrupt. Sie ger√§t in Panik. Was ist mit meinen Augen? Sie keucht. Was ist mit meinem... meinem Gesicht? Er schweigt. Sie hebt ihre Finger. Nur klebriges, s√ľ√ües, schwammiges Fleisch. Schmerz und Entsetzen. Sch√§rfster Schmerz und tiefstes Entsetzen. Gn√§dige Schw√§rze, die sie umf√§ngt.

Leben Sie noch? Seine Hand liegt auf ihrer. Ja. Sie ahnt seine Freude. Ihre Antwort macht Hoffnung. Sagen sie. Keuchend. Wie sieht es hier aus? Er dreht den Kopf. Sie kann sein Haar rascheln h√∂ren. Es ist alles voll Staub. Er hustet. Gibt es Licht? Er schweigt lange. Dann: Nein. Nur dieses winzige Flackern. Sie hustet. Etwas Weiches, Fl√ľssiges landet in ihrem Mund. Sie spuckt aus. Ich kann nichts bewegen. Nur meine Hand. Ein merkw√ľrdiges Ger√§usch. Es klingt, als lache er leise. Vielleicht kann ich ein St√ľckchen n√§her zu Ihnen kriechen. Sie sp√ľrt seine Hand. Dann seinen Arm. Etwas schweres f√§llt neben ihr nieder.

Leben Sie noch? Irgendwann. Sp√§ter. Ihre Stimme zittert. Sie h√∂rt ihn husten. Ja. Sie tastet nach seiner Hand. Schmerzensglut durchzuckt ihren K√∂rper. Was ist nur geschehen? Sie st√∂hnt leise. Ich habe es gesehen. Seine Antwort ist lautlos. Das Flugzeug. Sein K√∂rper zuckt unter ihrer Hand. Also ein Unfall? Sie hustet. Der Schmerz wird schwerer, tr√§ger. Nein. Sie ahnt das Wort in seinem Atem. Heilige Bestie. Heilige Bestie? Er keucht. Sie tastet √ľber sein Hemd. Da ist etwas feuchtes, warmes, pulsierendes. Gl√§ubiges Scheusal. St√∂hnt er. Gl√§ubiges Scheusal. Heilige Bestie. Ihre Stimme wird kalt. Dieb der Ehre. R√§uber der W√ľrde. Totschl√§ger der Hoffnung. M√∂rder der Menschlichkeit. Totengr√§ber der Unendlichkeit. Sie hustet. Ja. Seine Stimme, ein Hauch. Verr√§ter der Seele. Er windet sich. Zuckt, k√§mpft, unterliegt. Liegt still.

Leben Sie noch? Er antwortet nicht. Sie verzweifelt. Ihre Finger tasten nach ihm. An ihm vorbei. In den Raum. Sie sto√üen gegen Hartes, Raues. Dann finden sie etwas. Eine Hand. Eine Hand ohne Arm. Sie legt ihre Finger zur√ľck auf seine Hand. Sie ist kalt. Ich werde wahnsinnig, kreischt sie. Holt mich doch raus. Sie hustet. Feine N√§gel zerkratzen ihre Kehle. Es ist so warm. Dabei zittert sie. Ich brauche Luft. Dunkelheit. Immer nur Dunkelheit. Sie st√∂hnt und schluchzt. K√§mpf endlich. Sie schreit. Ihre Fingern√§gel durchgraben ihre Haut. Heilige Bestie, murmelt sie. Warum hasst du mich? Sie spuckt schleimigen Staub. Du bist nicht heilig. Sie keucht. Dein Schein tr√ľgt dich. Deine Worte bel√ľgen dich. Schmerzende Flammen der Pein. Ein k√ľhler Luftzug. Sie atmet. Eiskalter Wind. Sie atmet. Sie sinkt zusammen. Es gibt keinen Gott, der Hass segnet. Sie keucht. Sie schluchzt. Ihre Finger umklammern fest seine Hand. Herr, segne uns! Die Bitte der Toten. Sie f√§llt sanft in die Schw√§rze. Staub und Schatten.


In memoriam aeternam

__________________
Ein Raum ohne B√ľcher ist wie ein K√∂rper ohne Seele.

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hoover
Guest
Registriert: Not Yet

Hallo Ann-Kathrin,

ein sehr stockend zu lesender Text, was wahrscheinlich beabsichtigt war, aber mir war es zu stockend, wegen den abgehackten S√§tzen. Lesespa√ü kommt da nicht auf, von Lesefluss gar nicht zu reden. Ich denke, die kurzen S√§tze machen den Text zu un√ľbersichlich, das Auge bleibt immer wieder h√§ngen, auf jedem Punkt, den du schon nach zwei oder drei W√∂rtern setzt, manchmal sogar nach einem. Da kam ich mich vor, als w√ľrde ich auf einem Dreirad in ein Schlagloch nach dem anderen krachen. Gerade, wenn man eins hinter sich hat, kommt der n√§chte Graben und (Punkt) dann (Punkt), kommt schon wieder (Punkt) eins. ENDE ... na Gottseidank.

Liebe Gr√ľ√üe
Patrick

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Clara
Festzeitungsschreiber
Registriert: Aug 2002

Werke: 3
Kommentare: 311
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Hallo Ann-Kathrin
das ist inhaltlich ein Drama. Der erste Block, wirkt wie ein Traum, weniger traumatisch.
Wie Hoover auch sagt: zuwenig Verbindung in den Sätzen, wie Stammeln, wie gerade eben erlebt.

Und doch handelt es sich hier inhaltlich um Traumatisches, um etwas Gr√§ssliches. Versch√ľttete, die das Leben neben sich sp√ľren.

Es ist , wie soll ich sagen, recht Wort-Gewalttätig.
Ich glaube, weniger ist mehr.
Ich bin mir noch nicht schl√ľssig, ob es mir gef√§llt.
Schaue die Tage mal wieder herein.

__________________
Clara

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Zefira
???
Registriert: Jan 2001

Werke: 14
Kommentare: 1113
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Ich meine ungefähr zu ahnen, was dahinter steckt... ein Anschlag, der sterbende Täter liegt neben dem Opfer...? Mich stören die abgehackten Sätze nicht, im Gegenteil, sie transportieren bestens das Unzusammenhängende der Wahrnehmung. Was mir sauer aufgestößen ist, sind die Alliterationen
>Knarren, Knacken, Knirschen, Kreischen, Keifen, Kämpfen, Klagen <
... das wirkt auf mich erstens sehr "gewollt" und zweitens erzeugt es sogar eine Illusion von Harmonie, √§hnlich wie ein Reim (es galt ja in fr√ľheren Dichtungszeiten auch einmal als Reim...)

Weniger störend empfinde ich
>Scharen von Schatten. Schweigen vor Schmerz. Schall von Schuld. Schattenschmerzen. Schallscharen. Schuldschweigen. Schwärze<
... zumindest "Schattenschmerzen, Schallscharen" kam bei mir lautmalerisch an, wie ein Dr√∂hnen, aber das Wort "Schuld" w√ľrde ich in diesem Zusammenhang lieber (noch) nicht sehen. Es ist an dieser Stelle noch zu fr√ľh f√ľr die Schuldfrage.

Ein gro√üer Wurf, finde ich, vielleicht noch nicht ganz gegl√ľckt, aber mir gef√§llt das Gewagte daran, der Versuch, f√ľr etwas eigentlich Un-Sagbares neue Worte zu finden.

Liebe Gr√ľ√üe,
Zefira

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