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Leselupe.de > Tagebuch - Diary
Stehplatz für Außerirdische
Eingestellt am 02. 04. 2006 01:18


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freifrau von löwe
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„Dir fehlt der Sinn für’s Realistische.“, sagt meine Mutter immer zu mir und was weiß ich noch wer. Keine Ahnung, wie oft ich diesen Satz schon gehört hab in meinem Leben, aber wenn ich mich recht erinnere, begleitet er mich - so oder ähnlich - schon, seitdem ich aufgehört hab, in die Windeln zu stinken.
„Erde fehlt Dir“, hab ich mir auch schon sagen lassen müssen, aber Herrgott im Himmel, was soll ich denn machen? Meine Füße an den Teppich tackern?
Was bitteschön macht man mit einem – zumindest scheinbaren – Problem, für das man keine Lösung aus der Zahnpastetube quetschen kann, das sich nicht mit der morgendlichen Dusche den Abfluss runter spülen lässt? Und die 100.000 $ -Preisfrage lautet: Ist DAS wirklich MEIN Problem?
Nun – es WAR bestimmt schon mein Problem. An dem Tag, als ich das erste Mal allein zum Einkaufen ging, zum Beispiel.
Meine Mutter hatte mich ausgerüstet mit Einkaufsnetzen, Zettel und abgezähltem Geld. Stolz und frei marschierte ich in den Konsum, wirbelte die Netze und fing die frische, freie, erwachsene Luft darin, die mich umgab und in der ich eindeutig schwebte – nicht ging. Sie hielt vor, bis ich allein zwischen den langen Regalen stand.
Vom Druck der Verantwortung verscheucht, klatschte sie wie ein rohes Ei zu Boden und verkroch sich zähflüssig zwischen die gebohnerten Granitfließen.
Die Furcht, das Falsche zu bringen und dafür das teure Geld wegzugeben – der Skepsis meiner Mutter eine Daseinsberechtigung zu verschaffen, die felsenfest davon überzeugt war, dass ich noch viel zu klein sei, um das allein zu bewerkstelligen, trieb mir den Angstschweiß auf die Stirn. Das war eine Blöße, die ich mir ums Verrecken nicht gegeben hätte, denn ich hasste es, wenn sie Recht hatte.
Also verbrachte ich viel Zeit damit, zu lesen, was auf den Verpackungen stand, wählte sorgfältig das Richtige, steckte es in mein Netz…… und bekam beinahe einen Herzstillstand, als mir ein Weißkittel mit Mundgeruch und schütterem Haar unsanft auf die Schulter tippte und mich aus meiner Versenkung riss: „Junge Dame, komm doch mal bitte mit.“
Trotz aller Sehnsucht nach dem Erwachsenwerden, beäugte ich Erwachsene, die mich „junge Dame“ nannten, von Natur aus mit Argwohn. Wer weiß, was diese seltsame Anrede, die für mich nach totaler Verarsche klang, noch folgen ließ?
Ich schlich hinter dem Weißkittel in ein Ladenkabuff, das nach Essig und Schuhcreme miefte, und packte meine eingenetzten Waren auf seinen Tisch, wie er es verlangte.
„Was willst du denn mit Waschmittel, Watte und Feinstrumpfhosen?“
Ich begriff den Sinn dieser dämlichen Frage überhaupt nicht und bekam die Zähne kaum auseinander: „Für Mutti gekauft.“, nuschelte ich.
„Wie bitte?“
„FÜR MUTTI GEKAUFT.“
„Das da hast du aber noch nicht gekauft. Es ist nämlich noch nicht bezahlt.“, argumentierte er und legte seine Hand besitzergreifend über die Watte. Die Tüte knisterte leise in die Stille, die darauf folgte, und legte mein adrenalinüberschwemmtes Hirn völlig lahm.
Ich schluckte trocken. Sein Argument klang überzeugend, aber mir fiel beim besten Willen nicht ein, was ich hätte anders machen sollen.
„Hat dir deine Mutti denn kein Geld mitgegeben?“
„Doch.“ Trotzig zeigte ich ihm den Inhalt meiner Hosentasche, denn mir schwante langsam, worauf er hinaus wollte und schniefte: „Ich wollte doch gleich zur Kasse.“
„Und warum nimmst du keinen Einkaufswagen? Sonst kommt man leicht auf die Idee, du willst etwas stehlen.“
Au Scheiße – DER EINKAUFSWAGEN. Klar!
Die Netze baumelten an meinen Armen wie geflutetes Klopapier und ich war überhaupt kein Stück mehr erwachsen. „Wie bescheuert muss man eigentlich sein?“, schimpfte ich mich innerlich (und stellvertretend für meine Mutter). Schließlich war ich ja nicht zum ersten Mal einkaufen – holte doch immer das Klapperding aus der Wagenschlange, wenn wir zusammen waren.
„Komm“, sagte der Weißkittel - nun beinahe freundlich gestimmt durch meine gute Absicht - „Ich hole dir einen Wagen und dann packst du das alles da rein.“
Ich nickte, murmelte ihm noch ein „Danke“ hinterher, als er mich mit der quietschenden Schese wieder allein ließ, und tauchte - gehetzt von der Schmach dieser Peinlichkeit, in die anonyme Masse der Einkäufer ab, die von meiner Schande (dem Himmel und der Großstadt sei Dank) alle nichts wussten.
Doch die Scham, die bei mir damals schon das Bedürfnis auslöste, mich unbedingt waschen zu müssen, verfolgte mich bis zur Kasse, wo sie sich vier Minuten später zu einer Katastrophe auswachsen sollte, die ein Jahresaufenthalt in der Desinfektionskammer nicht hätte weg waschen können.
Vor mir ein paar Leute mit rammelvoll gepacktem Wagen – allesamt Wochenendeinkäufe für mindestens fünfköpfige Familien – Wartende, die die Zeit verdösten, ihre Lebensmittel umschichteten oder mit der Ehefrau über Banalitäten stritten.
Keine Ahnung, ob der Adrenalinschub wegen des verdächtigten Diebstahls schuld war, aber es passierte plötzlich etwas, das man vielleicht „Scharfeinstellung der Sinne“ nennen könnte. Und zwar aller Sinne – auch der sechste und siebte nahm ohne Schaltstörung seinen Betrieb auf, und eine Flut von Informationen stürzte in mich hinein - wie ein Vier-Meter-Brecher.
Die wartenden oder wagenschiebenden Menschen um mich herum waren auf einmal durchsichtig. Ihre Leben lagen ausgerollt vor mir, wie der Kuchenteig am Sonntag, der auf die Sauerkirschen wartet, und durchdrangen meins – ja vergewaltigten meins – mit ihrem Stumpfsinn, dem müden, fast vergeudeten Hoffen auf etwas Besonderes – auf die Kirsche, deren Aroma den Schläfer noch wecken könnte, bevor es zu spät ist. Abwenden und Vermeiden von Leben, flutete meine Kanäle ungefiltert und überschwemmte mich, bis mir schwarz wurde vor Augen.
Dann fiel ich in Ohnmacht.
So viel zum Problem der mangelnden Erdung.
Abgesehen davon, dass ich mich heute frage, wie jemand auf den genialen Einfall kommen kann, dass man in Einkaufsnetzen etwas unbezahlt und ungesehen klammheimlich davon schleppen können soll, verstehe ich die Vorgänge von damals recht gut. Immerhin lebe ich ja fast täglich damit, auch wenn ich mich darüber ausschweige wie das Grab meiner Großmutter über die mit ihr seit zehn Jahren verblichenen Verdauungsprobleme (Gott hab sie selig). Über so etwas spricht man einfach nicht!
Fakt ist aber erstens: Ich falle nur noch höchst selten in Ohnmacht und zweitens: muss erst mal Einer kommen und mir beweisen, dass es sich da, wo ich stehe, schlechter steht, als anderswo.
Und das erfordert weit mehr, als rhetorische Genialität und gut fundierte Überzeugungskraft: Es erfordert, dass man erfassen kann, wo ich stehe - im Gegensatz zum ängstlichen An-der-Scholle-festkleben und Rüberlinsen. Und es erfordert eine innere Weite, der ich ohnehin alles glauben würde, sollte sie mir mal begegnen.

__________________
Freifrau von Löwe

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Roni
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liebe freifrau,

so, jetzt werd ich gut schlafen koennen.
keine lust auf textarbeit, dafuer haben mir die bilder zu gut gefallen. die kirsche fuer den teig, die verblichenen verdauungsprobleme ... nicht nur sehr unterhaltsam, sondern auch sehr schoen.
'erde fehlt dir' - gott (oder wem auch immer) sei dank! moege sie dir immer fehlen!
ich bin stier und das bedeutet, so sagt man mir immer, dass ich sehr erdhaft sein muss. aber da der inhalt dieser geschichte mich durchaus an episoden aus meinem leben erinnert, glaub ich, die luegen

lg
roni

ps: na gut, ein bisschen:
das allerschwierigste in dem text duerfte die gratwanderung sein, wie erzaehl ich rueckblickend und zugleich aus der sicht der damals 'kleinen'. das ist dir ueber grosse strecken gut gelungen, hier z.b.

quote:
Die Netze baumelten an meinen Armen wie geflutetes Klopapier und ich war überhaupt kein Stück mehr erwachsen.
gegenbeispiel:
quote:
und bekam beinahe einen Herzinfarkt
-- ein kind macht sich eher in die bux, oder schreit auf oder kriegt keine luft mehr .. der herzinfarkt ist doch eigentlich gedanklich noch nicht wirklich eine art der reaktion, oder?
vielleicht schaust da noch einmal.

mit dem gleichen 'argument' wird es auch bei der szene an der kasse etwas schwer, der prot wirklich in ihr innenleben hinein zu folgen, einfach, weil es schon das reflektierte ist (was ja legitim ist, du schreibst ja rueckblickend), was mir aber zu sehr nach wegweiser aussieht. ich hoffe, ich kann mich hier gerade einigermassen verstaendlich ausdruecken (trotz der zwei ss in massen )
diese passage wuerd ich gnadenlos kuerzen.

quote:
Keine Ahnung, ob der Adrenalinschub wegen des verdächtigten Diebstahls schuld war, aber es passierte plötzlich etwas, das man vielleicht „Scharfeinstellung der Sinne“ nennen könnte. Und zwar aller Sinne – auch der sechste und siebte nahm ohne Schaltstörung seinen Betrieb auf, und eine Flut von Informationen stürzte auf mich ein – oder besser: in mich hinein - in mich wie ein Vier-Meter-Brecher.
Die wartenden oder wagenschiebenden Menschen um mich herum waren auf einmal durchsichtig. Ihre öden, an der Oberfläche dahin plätschernden Leben lagen ausgerollt vor mir, wie der Kuchenteig am Sonntag, der auf die Sauerkirschen wartet, und durchdrangen meins – ja vergewaltigten meins – mit ihrem bewusstlosen Stumpfsinn, dem müden, schon fast vergeudeten Hoffen auf etwas Besonderes – auf die Kirsche, deren Aroma vielleicht den Schläfer noch wecken könnte, bevor es zu spät ist. Und auch das absichtliche Abwenden und Vermeiden von Leben, flutete meine Kanäle ungefiltert und überschwemmte mich, bis mir schwarz wurde vor Augen.

abschliessend vielleicht noch mal die ueberpruefung der adjektive? 'hochkonzentrierte versenkung', 'staubiges kabuff' - doppelmoppel .. du weisst schon ..

ach je, jetzt ist es doch so lang geworden.
aber das wesentliche steht ueber dem ps.
hat spass gemacht, zu lesen!!!


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freifrau von löwe
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liebe roni,

diesen text hatte ich eher aus gaudi in die leselupe geworfen, war er doch ursprünglich tatsächlich ein tagebuchtext in meinem weblog :-)
aus diesem grund nahm ich es mit der textarbeit nicht so genau und gestattete es mir, ein wenig mit den adjektiven zu schwallen.
aber zum glück hast du ja alles aufgestöbert und das meiste davon hab ich bereits verbesser. nur "bevor es zu spät ist", ist mir bei der kirsche wichtig (für nicht ganz mitdenkenden leser).

danke und liebe grüße


__________________
Freifrau von Löwe

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