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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Steinbildhauer
Eingestellt am 13. 07. 2001 16:51


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muskl
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Registriert: Jul 2001

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Steinbildhauer


Er hatte schon viele verschiedene Formen aus Naturstein herausgebildet. Er konnte einem Stein die eigentliche endg├╝ltige Form geben, er hatte Buchstaben herauskommen lassen und auch Bilder konnte er dem Stein entlocken. Das Geheimnis einen Naturstein durch schleifen die Politur zu entlocken und den Glanz zu geben war im ebenso bekannt. W├Ąhrend seiner Ausbildung hatte er schon unz├Ąhlige Steine bearbeitet, meistens war es wei├čer Griechischer Marmor. Es gab immer eine Zeit f├╝r Materialien, zu seiner Zeit war es wei├čer Marmor.

Nat├╝rlich hatte w├Ąhrend der Ausbildung auch andere Materialien bearbeitet, den sehr harten Granit, oder den weichen Sandstein, aber nichts war f├╝r ihn so gut wie der wei├če Marmor. Er lag in der Mitte, war hart und z├Ąh, aber nicht zu hart, er war mit nicht allzu viel Kraftaufwand zu bearbeiten, allerdings war Anstrengung n├Âtig. Er war auch nicht zu weich und nachgiebig wie der Sandstein, es war Anstrengung war um ihm seine Geheimnisse zu entlocken.

Zu seinem Bedauern war die Zeit des Marmors weitestgehend vorbei, die Menschen kauften in dieser gef├╝hllosen Zeit eher den harten Granit. Der wei├če Marmor hatte sein Dasein im Schatten der gef├╝hllosen H├Ąrte. Seinen Platz in der Ausstellung hatte er zwar, aber es waren eher die dunklen Ecken, in denen er stand. So konnte er auch nicht seine wei├če W├Ąrme ausstrahlen, die blendende Helligkeit in der Sonne, ein Zeichen daf├╝r das die Trauer nicht dunkel sein musste, eine Hoffnung als Erinnerung.

Vor einiger Zeit war ein fliegender H├Ąndler f├╝r Naturstein mit seinem Transporter in den Ort gekommen. Der Transporter war nat├╝rlich voller Granitsteine, meistens schon fertige industriell in Form gebrachte Natursteine. Aber in einer freien Ecke der Ladefl├Ąche stand ein Block aus Griechischen Marmor, nicht geschnitten mit geraden Kanten, sondern unregelm├Ą├čig, wie gerade aus der Erde heraus gebrochen. Er kaufte den Stein ohne die geringste Vorstellung, was er damit anfangen wollte, der Preis f├╝r dieses Au├čenseiterst├╝ck war zu hoch. Wenn es Zeit war, dann w├╝rde er schon etwas daraus machen.

So blieb der Stein Monate liegen, aber jedes Mal wenn er vorbei ging, bekam der Marmor einen nachdenklichen Blick zugeworfen. Mit jedem vorbei schreiten sp├╝rte etwas in sich wachsen, was er noch nicht benennen konnte. Ihn erstaunte die Gelassenheit mit der er das langsame Sp├╝ren zulie├č, zu anderer Zeit hatte er nicht die Geduld Situationen auf sich zukommen zu lassen.

An einem Tag mit einem wundersch├Ânen Sonnenaufgang wurde es in ihm gewiss, heute w├╝rde er den gro├čen wei├čen Stein bearbeiten. Er hatte eine tiefe, traumvolle Nacht gehabt, aber es waren keine Albtr├Ąume an die er sich erinnerte, es waren Tr├Ąume in denen er durch sehr helle Lichter gegangen ist. Und nun wollte er in der hellen Wei├če des Marmors sitzen und den Tag mit dem Stein genie├čen. Er war gespannt was der Stein ihm zu sagen hatte, welche Gef├╝hle er ausl├Âsen w├╝rde.

An jeder Seite des unf├Ârmigen Steines waren die Spuren des gewaltsamen Herausbrechens zu sehen. Tiefe Rillen, gezogen von Presslufth├Ąmmern, gebrochene Kanten und verschieden eingeritzte Kennzeichnungen ├╝ber den Weg des Marmors zu ihm. Er stand sicher auf der geradesten Fl├Ąche des Quaders, was aber insgesamt einen schiefen Eindruck machte. Er erinnerte sich, auch er hatte auch am Anfang seines Erwachsenen Lebens so gestanden, schief und voller Spuren des Lebens auf dem Weg zur Trennlinie zum Erwachsen werden. Die selbe Unf├Ârmigkeit, auch ein roher Klotz, heraus gebrochen aus der Natur. Er hatte auch lange unbearbeitet in der Ecke gestanden, umgeben von fertigen Granitsteinen. Bis jemand gekommen war, der nicht nur die Spuren der Gewalt sah, sondern wusste das seine Helligkeit verborgen war, aber sie mit einem bisschen M├╝he sichtbar gemacht werden konnte.

Langsam ging er um den Stein herum und besah ihn sich von allen Seiten, strich mit seinen H├Ąnden ├╝ber die Fl├Ąchen und Spuren, um ihn f├╝hlen zu k├Ânnen. Die oberste Fl├Ąche war am gr├Âbsten strukturiert, sie hatte in etwa die Form einer zerbrochenen Kirche, der Saal f├╝r die Andacht schien niedergerissene W├Ąnde zu besitzen, die angef├╝llt waren mit Stein. Der Glockenturm schien auf der H├Ąlfte schief abgebrochen zu sein. An dem Punkt konnte er ansetzen, seinen ersten Schlag ziehen, um einen Anfang zu finden.

Nach anf├Ąnglichem Z├Âgern ging seine Arbeit fl├╝ssig und gleichm├Ą├čig, nachdem er die Grundfl├Ąchen gelegt hatte, machte er sich daran den stehen gebliebenen groben Stein wegzuarbeiten. Wie immer ├╝berkam ihn dabei die Freude etwas mit den H├Ąnden zu schaffen, Grobheiten f├╝r eine sch├Âne Form zu entfernen. Es war ihm, als wenn er seine pers├Ânliche Kirche endg├╝ltig abrei├čen w├╝rde. Lange Zeit hatte er versucht sie aufrecht zu erhalten, in ihr befand sich sein Glauben an Gott. Irgendwann hatte er bemerkt, das dieser Glaube nicht sein Glaube war und es so was wie den lieben Gott f├╝r ihn nicht gab. Er hatte aufgeh├Ârt Gott als gut oder b├Âse zu betrachten, er wollte ihn nicht vermenschlichen und nicht begreifen. Sein Leben lang hatte er versucht ihn menschlich zu begreifen und war jedes Mal gescheitert. Das hie├č f├╝r ihn aber nicht, dass es keinen Gott gab, er gab ihm blo├č keine Wertung. Er f├╝hlte das es etwas gab, was er als Mensch nicht begreifen konnte, das aber auch in ihm war und er es sp├╝rte.

Bei seiner Arbeit war es wichtig, erst einmal eine gerade Fl├Ąche herzustellen, die er als Bezugspunkt nahm und von der alles ausging. Die oberste Fl├Ąche war der Kopf des Steines, vom Kopf ging seine Form aus und es war auch ein Kopf den er herausarbeitete. Die Kopfform war oval mit ebenm├Ą├čigem Gesicht und kurzen Haaren. Die Marmor-Augen schienen ihn ununterbrochen anzuschauen, sie waren freundlich und schienen etwas zu wissen, was er nicht wusste. Die Lippen waren voll, die Nase und das Kinn sahen nicht energisch aus. Alles an diesem Kopf strahlte Sanftheit und Gelassenheit aus, auch der k├╝hle Stein nahm diesen Eindruck nicht. Es dauerte einige Zeit, bis er auch die Arme, Beine und den restlichen K├Ârper herausbildet hatte. Wie die Zeit verging, oder wie lange es dauerte, bis er dahin kam, war ihm nicht bewusst, hatte f├╝r ihn auch keine Wichtigkeit. Er genoss jede Minute des langen Weges, in der er den K├Ârper seiner Figur schaffte. Er gab ihr einen etwas gebeugten Oberk├Ârper, lange Arme und Beine, die Beine gebeugt, die Arme halbhoch erhoben. Die Kleidung war alt und weit. Unter der Figur lie├č er einen quadratischen Block stehen, auf dem die Figur sa├č. An dem Block waren die obere und untere Fl├Ąche eben, die Seiten stilisierte er wie gebrochenen unbearbeiteten Naturstein.

Erst dann unterbrach er seine Arbeit, schaute sein Werk an und wusste das erste Mal nicht weiter. Die Haltung war eindeutig, sie war irgendwas oder irgendwem mit erhobenen Armen zugewandt. Fast sah es gestikulierend aus, aber der gelassene Gesichtsausdruck passte nicht dazu, er hatte nichts ├╝berzeugen wollendes, nichts dr├Ąngendes. Der Gedanke, dass es ein Steinmetz bei der Arbeit sein k├Ânnte, vielleicht sogar er, verging so schnell wie er gekommen war. Seine Figur hatte H├Ąnde, aber kein Werkzeug in ihnen. Die Haltung dr├╝ckte nichts gebendes aus, es machte den Eindruck, als wenn die ganze Figur nahm. Oder empfing sie etwas?

Er setzte sich ├Ąhnlich der Figur auf einen Steinblock und nahm die gleiche Position ein. Seine H├Ąnde streckte er der Figur aus Stein entgegen und er stellte sich vor zu empfangen. Er empfing den Dank der Figur sie geschaffen zu haben, so wie sie war, gelassen, sanft und freundlich. Er empfing den Dank daf├╝r, sie ernst zu nehmen, selbst wenn sie nur aus Stein war. Dank, sie sch├Ân gebildet zu haben und mit dem n├Âtigen Respekt, selbst wenn sie augenscheinlich ohne Leben war.

Dann streckte er die H├Ąnde seinem Leben zu und empfing.


2001 / Michael

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