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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Stendaler Geschichten
Eingestellt am 05. 08. 2002 21:30


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Renee Hawk
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"Der Schatz vom Dachboden"


Das alte Haus an der Fabrikstra├če wurde einseitig von der Uchte, einem kleinen Fl├╝├čchen in der Altmark, begrenzt.
Obwohl kaum breiter als 5 Meter, pl├Ątscherte sie besonders nach kr├Ąftigen Regeng├╝ssen doch recht munter dahin.
Zugang zu den Wohnungen im Haus bekam man ├╝ber die "Stra├če der Einheit", von wo aus eine f├╝r uns Kinder damals m├Ąchtige Holzt├╝r den Weg in einen dunklen Torweg freigab.
Hausbesitzer war eine Tischlerfamilie, welche selbst eine der 5 Wohnungen bewohnte. Der Meister hatte seine Werkstatt auf dem Hof. Man h├Ârte fast den ganzen Tag ├╝ber die S├Ągen kreischen, denn Arbeit gab es reichlich f├╝r die kleine Tischlerei.
Der Hof war f├╝r uns Knaben nat├╝rlich ein idealer Abenteuerspielplatz, denn im vorderen Teil war Platz genug, w├Ąhrend sich im hinteren Teil die Werkstatt befand. Zum Haus geh├Ârte hofseitig auch eine Waschk├╝che. Da dort aber schon l├Ąngst niemand mehr W├Ąsche wusch, wurde der Raum als Abstellkammer f├╝r Fahrr├Ąder, Handwagen, Sperrm├╝ll und Ger├╝mpel genutzt. Ich kann mich noch genau an die beiden Handwagen erinnern, welche uns noch oft gute Dienste leisten sollten. Einer geh├Ârte meinem Opa und war aus Holz gefertigt. Er hatte vier metallbeschlagene Speichenr├Ąder sowie eine lenkbare Vorderachse mit Zugstange. Der andere besa├č Luftbereifung und eine "Ladefl├Ąche" aus Leichtmetall.
Mein kleines rotes Kinderfahrrad stand auch in der Waschk├╝che.
Es war wiedereinmal Sommerferienzeit. Ich hatte meinen kleinen Rucksack gepackt und obenauf nicht ganz ohne Stolz mein neuestes Schulzeugnis gelegt. Nicht nur aus Eitelkeit, denn es hatte sich im Laufe der Jahre best├Ątigt, dass sich so manche "Eins" oder "Zwei" durchaus in klingende M├╝nze verwandeln lie├č. Meist gab es ein kleines Spielzeug, sp├Ąter auch schon mal ein Scheinchen.
So bestens ausger├╝stet stiegen Vati und ich eines sch├Ânen Sonntagmorgens auf dem Magdeburger Hauptbahnhof in den 7:00 Uhr Zug in Richtung Stendal.
Die Namen der Orte an der Strecke kannte ich l├Ąngst alle auswendig. Als wir nach gut einer Stunde Fahrtzeit ankamen, stand Opa schon da um uns abzuholen. Selbstverst├Ąndlich gab es viel zu erz├Ąhlen. Ich war neugierig auf das, was sich seit meinem letzten Besuch so alles ver├Ąndert hatte. Viel konnte ich nicht entdecken.
Allerdings waren die im Vorjahr geschl├╝pften Schw├Ąnchen schon zu stattlichen Einj├Ąhrigen herangewachsen. Bald w├╝rden sie ihr graues Federkleid ganz ablegen und dann kaum noch von ihren Eltern zu unterscheiden sein. Lange ziehen sie nicht mehr mit Vater und Mutter Schwan umher, sondern gehen eigene Wege um selber Familien zu gr├╝nden. Gro├č genug waren sie nun.
In diesem Sommer hatten sich auch wieder Schwalben im Torweg eingenistet, was mich besonders freute. Die Vorjahresbrut war leider vom Hausbesitzer zerst├Ârt worden. Er mochte den Schwalbendreck und das Gezwitscher nicht. Ich erinnere mich, wie traurig mein im Haus ganz unten wohnender Freund Andreas und ich eines Tages vor den im Torweg liegenden Resten des Nestes standen. Die alten V├Âgel flogen aufgeregt hin und her, denn sie konnten sich nicht erkl├Ąren wohin ihre Behausung mit der noch nicht geschl├╝pften Brut so pl├Âtzlich entschwunden war.
In diesem Jahr hatte der Tischlermeister wohl ein Einsehen und lie├č die Tierchen in Ruhe br├╝ten.
Bei Oma angekommen, gab es zun├Ąchst erst einmal ein zweites Fr├╝hst├╝ck in Form von herrlich frischem selbstgebackenem Bienenstich sowie Wei├čbrot mit Brombeermarmelade aus eigenen Gartenbrombeeren. Man konnte gar nicht soviel verdr├╝cken, wie Oma aufgetischt hatte.
Inzwischen erfuhr ich auch, dass Andreas sich schon ein ums andere Mal nach meiner Ankunft erkundigt hatte. F├╝r heute sollte ich mich aber dennoch erst mal gedulden m├╝ssen, da bis zum Mittagessen noch einiges zu besprechen und zu erledigen war.
Nach dem Mittagspudding hielt ich es dann aber beim besten Willen nicht mehr l├Ąnger oben aus. Mit dem Versprechen, ja um 16.00 Uhr zum Kaffeetrinken wieder dazusein, verlie├č ich die Wohnung. Ich dr├╝ckte eine Etage tiefer den Klingelknopf neben dem Namen "GERLACH".
Als die T├╝r dann aufklappte gab es verst├Ąndlicherweise ein gro├čes "Hallo"! Kaum war ich in Andreas' Zimmer gekommen, kamen wir auch schon auf unsere diesj├Ąhrigen Ferienpl├Ąne zu sprechen.
Mit unnutzem Geschw├Ątz ├╝ber das vergangene Schuljahr und die dabei erzielten Noten und Ergebnisse hielten wir uns nicht l├Ąnger als n├Âtig auf.
Nachdem ich auch von Andreas' Eltern freundlich begr├╝├čt worden war und die Gr├╝├če meiner Eltern ├╝bermittelt hatte, begann Andreas etwas von gro├čen Pl├Ąnen und alten Zeitungen zu erz├Ąhlen. Angeblich hatte er eine wahre Goldgrube gefunden.
"Und was hat das mit alten Zeitungen zu tun?", fragte ich neugierig.
"Na das ist es doch, Altpapier-SERO-Schrott, kapiert?"
"N├Â!", entgegnete ich ehrlich.
"Mann, schon mal was davon geh├Ârt, dass die beim Altstoffhandel f├╝r 1kg Papier 15 Pfennig zahlen und f├╝r Flaschen und Gl├Ąser pro St├╝ck 5 Pfennig ?"
"Ja nat├╝rlich", behauptete ich, "aber wieso ist das denn 'ne Goldgrube wenn wir Flaschen, Gl├Ąser und Altpapier sammeln sollen? Ich habe keine Lust, in meinen Ferien f├╝r die paar Piepen auch noch zu arbeiten!"
"Wer redet denn hier von Arbeit, das Geld lagert auf dem Boden und im Keller, wir brauchen es nur noch aufzusammeln!"
Ich war ├╝berhaupt nicht von der Idee begeistert, in meiner Freizeit und noch dazu in den kostbaren Sommerferien auf verstaubten Dachb├Âden und in dunklen Kellern nach ein paar alten Zeitungen und leeren Flaschen zu suchen. Schlie├člich lie├č ich mich dann doch von meinem Freund dazu ├╝berreden, mir die von ihm gesichteten angeblichen Sch├Ątze wenigstens einmal anzusehen. Das mussten wir aber erst mal auf den n├Ąchsten Tag verschieben, denn nun kam uns Mutter Gerlach mit ihrer wunderbaren Erdbeertorte sowie einer Tasse Milchkaffe f├╝r jeden dazwischen. Beim Anblick der Torte wurde ich daran erinnert, dass ich ja eigentlich zum Kaffeetrinken von Oma und Opa erwartet wurde. Aber es war noch nicht ganz 16:00 Uhr. Also lie├č ich's mir schmecken, verabschiedete mich dann bis zum n├Ąchsten Morgen und kam anschlie├čend zum zweitenmal an diesem Tag in den Genuss von Kaffe und Kuchen.
Opa und ich brachten sp├Ąter noch Vati zum Bahnhof und danach konnten die Ferien so richtig beginnen!
Es gab doch nichts Sch├Âneres als abends bei Oma und Opa auf dem Cheeselonge zu liegen und Westfernsehen zu gucken. Das dachte ich mir jedenfalls damals so. Au├čerdem durfte ich auch immer etwas l├Ąnger als gew├Âhnlich aufbleiben. Manchmal kostete es mich zwar ganz sch├Âne ├ťberwindung, auf die Frage, ob ich denn schon m├╝de sei, mit einem m├Âglichst verbl├╝fften "Nein ... wieso ?" zu reagieren, aber bereut habe ich das nie.
Am n├Ąchsten Morgen konnte ich zur Verwunderung meiner Gro├čeltern gar nicht schnell genug aus den Federn kommen. Ich war n├Ąmlich schon damals ein Langschl├Ąfer und rechter Morgenmuffel. Hastig verschlang ich mein Fr├╝hst├╝ck. Omas ber├╝hmter Bienenstich machte zwar Appetit auf mehr, aber ich lie├č es diesmal beim N├Âtigsten bewenden und entfernte mich fr├╝hzeitig vom Fr├╝hst├╝ckstisch. Kaum hatte ich mir die H├Ąnde gewaschen, l├Ąutete auch schon mein Freund an der Eingangst├╝r um mich abzuholen.
"Morgen," begr├╝├čte er mich, "hast du etwa schon ausgeschlafen?"
"Siehst du doch ", antwortete ich m├╝rrisch.
Hatten erst meine Gro├čeltern mein fr├╝hes Aufstehen als Sensation empfunden, fing er nun auch noch an, dar├╝ber zu witzeln.
Aber wir hatten uns ja f├╝r diesen Tag etwas besonderes vorgenommen und st├╝rmten also erst mal los, Richtung Dachkammer.
"Ich habe Frau Ebert schon gefragt, wir k├Ânnen das Zeug kriegen, wenn wir es wegbringen wollen".
"Wo liegt es denn nun?", fragte ich ungeduldig, als wir auf dem Dachboden angekommen waren.
"Da dr├╝ben, hinter dem letzten Balken" antwortete Andreas und deutete auf einen m├Ąchtigen Haufen eingestaubten Altpapiers.
"Was denn, den ganzen Batzen da? Das sind ja bestimmt die Zeitungen von ein oder zwei Jahren!", staunte ich.
"Klar," br├╝stete sich mein Freund, "mit halben Sachen gebe ich mich doch nicht ab."
"Das sind bestimmt mehr als 20 Kilo oder ?"
"Wei├č ich nicht", meinte Andreas, "aber das kriegen wir schon raus."
"Na wie denn?", wollte ich wissen.
"Indem wir es abwiegen, meine Mutter hat uns extra die alte K├╝chenwaage daf├╝r gegeben. Die geht zwar nur bis 3 kg, aber b├╝ndeln m├╝ssen wir das ja sowieso alles. Da machen wir alle Stapel etwa gleich schwer und k├Ânnen dann prima ├╝bersehen, wie viel wir insgesamt haben."
Das war eine gute Idee. So konnten uns die Tanten (es waren meistens dicke Frauen in den Annahmestellen) wenigstens nicht beschei├čen.
"Erst mal r├Ąumen wir ein bisschen Krempel in der Waschk├╝che zusammen, und wenn wir gen├╝gend Platz haben, richten wir uns da unser Basislager ein."
"Basislager?", fragte ich etwas verwirrt.
"Hast du etwa noch nie was von einem Basislager geh├Ârt?", wunderte sich Andreas.
"Doch", log ich, "nur warum wollen wir dazu die Waschk├╝che nehmen?"
"Hast du 'ne bessere Idee?", konterte Andreas.
"Nee", gab ich zu, und das Ding war beschlossene Sache.
"Jetzt m├╝ssen wir aber erst mal das ganze Papier hier runtertragen. Das gibt Muskelkater!", st├Âhnte ich.
"Halb so wild", meinte daraufhin mein Freund, "du stellst dich unten hin und passt auf, dass keiner vorbeikommt und ich schmei├č das Zeugs von oben runter. Aber erst mal bringen wir es den Treppenabsatz runter zum Flurfenster."
Gesagt, getan.
Andreas ├Âffnete das Fenster und ich flitzte inzwischen nach unten um aufzupassen.
"Achtung, erste Ladung kommt!", t├Ânte Andreas, kaum dass ich unten angekommen war. Bis zur halben H├Âhe etwa ging alles gut, dann teilte sich der Stapel pl├Âtzlich in der Luft und statt seiner landeten lauter einzelne Zeitungen bei mir unten.
"Sch├Âner Mist!", h├Ârte ich es von oben zischen.
"Mach weiter", rief ich, "m├╝ssen wir eben nachher alles wieder einsammeln."
"O.K., besser als einzeln runter tragen", war die Antwort, und schon segelten mir die n├Ąchsten Zeitungen um die Ohren. Das ging so eine ganze Weile, dann tauchte pl├Âtzlich Andreas' dunkler Lockenkopf wieder am Fenster auf und meldete:
"Letzte Fuhre!". Endlich, dachte ich und rief: "Komm runter und hilf mir alles wegzur├Ąumen!"
"Ja, ja" murrte Andreas und kam angetrabt, nachdem er das Fenster wieder geschlossen hatte.
"Mensch, von oben sah das viel weniger aus, das sind bestimmt 50 Kilo!", behauptete mein Freund und begann schon auszurechnen, was das Ganze mindestens einbringen m├╝sste.
Pl├Âtzlich h├Ârten wir mitten in der sch├Ânsten Tr├Ąumerei vom gro├čen Reichtum die Stimme von Frau Ebert, unserer "G├Ânnerin", der Frau des Hausbesitzers.
"Kinder, Kinder, was habt ihr denn da wieder angestellt?!" Erschrocken antwortete ich:
"Das haben wir blo├č gemacht, um die Treppe zu schonen, wir wollten keine Tapsen machen, damit sie nicht so oft wischen m├╝ssen, Frau Ebert !"
"Lausejungs", schimpfte sie schon halb bes├Ąnftigt aus ihrem Fenster schauend, "r├Ąumt das blo├č alles schnell wieder auf!"
"Geht klar, Frau Ebert, machen wir!" sagte ich und war erleichtert, dass mir so eine tolle Notl├╝ge eingefallen war.
"Wollt ihr auch die ganzen Flaschen und Gl├Ąser wegbringen? Unser Keller ist halbvoll damit, man kann kaum noch zutreten."
"Na klar", beeilte sich Andreas mit der Antwort und war schon wieder am Rechnen.
"Ich schlie├če euch gleich den Keller auf dann, k├Ânnt ihr Euch alles rausholen." Erst mal waren wir aber damit besch├Ąftigt, die ├╝berall im Hof verstreuten Zeitungen wieder einzusammeln. Wir schichteten sie vorerst an der Mauer vor der Waschk├╝che auf und beschwerten die Stapel mit Ziegelsteinen, die wir im Hof fanden. Von dieser schweren Arbeit hatten wir beide nat├╝rlich schon einen Mordshunger bekommen, aber ein Blick zur Uhr verriet, dass die wohlverdiente Mahlzeit noch ein Weilchen auf sich warten lassen w├╝rde. Wir g├Ânnten uns Frau Gerlachs kalten Tee, den sie vorsorglich f├╝r uns am Abend vorher gekocht hatte und machten Pause.
"Eigentlich stehe ich ja mehr auf Cola", verriet Andreas, "aber bei der Demse ist das nichts".
"Man kriegt blo├č noch mehr Durst", wusste ich zu best├Ątigen, "deine Mutti wei├č eben was gut ist."
"Stimmt", sagte Andreas und holte zwei frische Windbeutel aus dem K├╝hlschrank.
Nachdem wir die "Sturms├Ącke" verdr├╝ckt hatten, f├╝llten wir uns jeder eine Campingflasche mit Tee ab und nahmen diese als Proviant mit nach drau├čen.
Ich flitzte schnell nach oben und bat meine Omi um eine gro├če Rolle Paketschnur.
"Ich habe im Korridor unsere alten Zeitungen hingelegt, die kannst du mitnehmen."
"Danke", sagte ich und dr├╝ckte ihr ein K├╝sschen auf die Wange.
"Na, Hauptsache du bist zum Mittagessen wieder oben, in einer Stunde ist's soweit ich rufe dann!"
"Na klar, Omi, du kennst mich doch."
"Eben!", antwortete sie, und wusste wohl, wie weit es mit meiner P├╝nktlichkeit her war. Als ich mit meinem Packen unter dem Arm in der Waschk├╝che ankam, sortierte Andreas schon flei├čig die Zeitungen. Illustrierte zum Beispiel waren auf anderem Papier gedruckt als Tageszeitungen und durften deswegen nicht miteinander gemischt beim Altstoffh├Ąndler abgegeben werden. Diesbez├╝glich hatten wir beide schon so unsere Erfahrungen gemacht. "Frau Ebert war eben da und hat ihren Keller aufgeschlossen. Wir sollen uns die Flaschen und Gl├Ąser rausholen, abschlie├čen und dann den Schl├╝ssel wieder hochbringen."
"Wie viel ist es denn?", fragte ich.
"Massig viel, die m├╝ssen ja dauernd besoffen sein, wenn ich mir die ganzen Schnaps- und Weinflaschen so anschaue."
"Quatsch das glaube ich nicht!"
"Doch, guck's dir doch an, der ganze Keller steht voll, alles total verstaubt."
"Ach du Schreck", st├Âhnte ich, "die nimmt uns doch so kein Schwein ab."
"Schlaues Kerlchen", l├Ąsterte mein Freund, "aber willst du dir deswegen die Kohle entgehen lassen?"
"Eigentlich nicht, aber wie wollen wir die blo├č sauber kriegen?"
"Wei├č ich auch noch nicht so genau, vielleicht k├Ânnen wir dazu die alte Zinkbadewanne nehmen, die da hinten in der Ecke steht."
"Wo steht denn hier eine Badewanne herum?", fragte ich, weil ich au├čer einem Stapel Lumpens├Ącke und anderem Ger├╝mpel in der angedeuteten Richtung nichts sah, was an eine Badewanne erinnern k├Ânnte.
"Die ist total eingebaut, hinter den S├Ącken da."
"Na, dann ziehen wir erst mal los und sichern uns die Flaschen, ehe wir die olle Wanne vorkramen."
"Moment, wir k├Ânnen doch die 3 Holzkisten dort nehmen und voll stapeln", meinte Andreas. Zum Gl├╝ck lagen die Kisten auf dem Stapel ganz oben drauf. Beim Herumkramen kam auch noch eine alte Kiepe aus Weidengeflecht zum Vorschein. Wir beschlossen, diese zum Transport zu nutzen und stellten unsere Holzkisten so im "Basislager" auf, dass wir sie nacheinander voll packen konnten. In Eberts Keller bauten wir unsere Kiepe wahllos mit Gl├Ąsern und Flaschen voll, so dass wir ein Regal nach dem anderen abr├Ąumten. Im Basislager begannen wir aber zu sortieren. Die erste Kiste war f├╝r kleine Marmelade- und Honiggl├Ąser gedacht, die zweite reservierten wir f├╝r die gr├╝nen Weinflaschen und in der dritten schichteten wir "Nullsiemer", damit waren 0,7-Literflaschen gemeint, auf.
Ehe der Keller leer war, waren unsere 3 Kisten voll.
"Was nun?", fragte ich.
"Erst mal Teepause!" Gesagt, getan. Bei unseren angestrengten ├ťberlegungen kamen wir bald zu der Ansicht, die restlichen Flaschen und Gl├Ąser in der Nische hinter dem Eingang zur Waschk├╝che aufzustapeln. Das erledigten wir auch noch vor dem Mittagessen. Als wir gerade verstaubt und hungrig aber zufrieden unser Werk betrachteten, h├Ârte ich Omas typischen Ruf:
"Andreas, komm oben!".
Oma und Opa staunten ├╝ber meinen au├čergew├Âhnlichen Appetit und wunderten sich ├╝ber die ungew├Âhnliche Eintracht, die diesmal zwischen mir und meinem Freund herrschte. In fr├╝heren Jahren war es nicht selten, dass wir beide uns wegen Belanglosigkeiten mehrmals am Tag in die Wolle gerieten. Vielleicht lag es daran, dass ich ein paar Monate sp├Ąter zur Welt kam und mein Freund, welcher dadurch ein Jahr fr├╝her als ich eingeschult wurde, kaum eine Gelegenheit auslie├č, mir das auch beweisen zu wollen. Ich wiederum hielt dagegen, wollte keineswegs als der ohnehin schon k├Ârperlich kleinere nun auch noch als der j├╝ngere behandelt werden. F├╝r diesmal war aber aller Streit beigelegt, wir hatten ja ein gro├čes gemeinsames Ziel. F├╝r den Nachmittag war Waschtag angesagt, was neben dem angestrebten Effekt auch noch viel Spa├č versprach.
Zuerst musste aber ├╝berpr├╝ft werden, ob denn aus der alten Wasserleitung in der Waschk├╝che ├╝berhaupt noch Wasser kam. Das war schnell erledigt. Zwar kostete es einige Anstrengung den quietschenden Hahn aufzudrehen, aber das Wasser lief. Wir fanden sogar einen Wasserschlauch. Den schien schon lange niemand mehr benutzt zu haben und er hatte auch schon einige L├Âcher. Aber schlie├člich kam an seinem Ende mehr Wasser heraus als unterwegs verloren ging. Das allein z├Ąhlte, und so machten wir uns daran, die Wanne ins Freie zu bringen und mittels Schlauch mit Wasser zu f├╝llen. Wir entschlossen uns, zun├Ąchst unsere Sektflaschen zu baden und zu s├Ąubern, weil wir von denen nur wenige hatten und uns die Sache ├╝berschaubar erschien. Danach kamen "wei├če" Schnaps- und Lik├Ârflaschen an die Reihe, gefolgt von den farbigen Flaschen der gleichen Sorte. Weinflaschen hatten wir fast doppelt so viele wie alle anderen zusammengenommen. Aber hier war die Artenvielfalt nicht ganz so gro├č wie bei allen anderen. Au├čerdem lie├čen sie sich prima in unseren Kisten stapeln. Nach jeder zweiten Wannenladung mussten wir das Wasser wechseln, weil die meisten Flaschen und Gl├Ąser doch schon etliche Zeit im Keller standen und infolge dessen ziemlich eingestaubt waren. Das Abwaschen klappte ganz prima, nebenbei entdeckten wir auch ein neues Hobby. Im Wasserbad l├Âsten sich n├Ąmlich fast alle der Etiketten ab. Andreas fand, dass es sich lohnen w├╝rde, diese zu trocknen und wie Briefmarken glatt zupressen. Es entstand so eine Art Jagdfieber nach besonders sch├Ânen oder seltenen Exemplaren und wir versuchten, uns schon vor dem Wannenbad die besten Flaschen und Gl├Ąser zu sichern. Das ging selbstverst├Ąndlich nicht ohne Streit ab. Schlie├člich einigten wir uns aber und tauschten am Ende sogar, weil jeder f├╝r sich ein eigenes "Sammelgebiet" entdeckte. Westetiketten waren besonders begehrt und so kam es vor, dass man f├╝r 2 verschiedene "BOLS" und 1 "MARTINI BIANCO" schon mal 10 "TANGERM├äNDER Marmelade", 2 "GLOBUS Vierfruchtkompott" und 1 "OGEMA Rotkohl" hinbl├Ąttern musste.
"Wir m├╝ssten jetzt eine Inventur machen", stellte Andreas fest, nachdem wir die Wanne zum letzten Mal in den Hofgulli entleert hatten.
"Okey", pflichtete ich bei und rannte um Papier und Bleistift zu holen los. Ich machte 4 Spalten auf meinem Blatt und teilte es in:
"Flaschen zu 5 Pfg.",
"Flaschen zu 10 Pfg.",
"Gl├Ąser zu 5 Pfg.",
"Gl├Ąser zu 10 Pfg." ein.
Es begann ein angestrengtes Z├Ąhlen, wobei wir uns bei einigen Flaschen und Gl├Ąsern nicht so recht sicher waren ob wir daf├╝r nun 5 oder 10 Pfg. erhalten w├╝rden.
Um am Ende nicht entt├Ąuscht zu sein, trugen wir die Streitf├Ąlle bei "5 Pfg." ein. Zum Schluss stand in der ersten Spalte eine 134, in der zweiten eine 52, in der dritten stand 77 und in der vierten 68. Wenn wir richtig gerechnet hatten, dann bedeutete das eine Summe von 22,55 Mark. F├╝r uns eine enorme Aufbesserung unseres Taschengeldes. Und dabei hatten wir das Papier noch gar nicht mit dazu gerechnet! Nachdem wir unsere Sch├Ątze in der Waschk├╝che einigerma├čen verstaut hatten, verabschiedeten wir uns, denn es war recht sp├Ąt geworden. Ich a├č mit gro├čem Appetit mein Abendbrot und freute mich auf's Fernsehprogramm mit den Mainzelm├Ąnnchen. M├╝de, aber zufrieden mit dem Tagesverlauf kletterte ich zeitig in mein Bett. Unter diesem stand ├╝brigens damals immer ein emaillierter Nachttopf. Oft habe ich ihn zwar nicht benutzt, aber ab und an erwies er sich doch als recht n├╝tzlich, weil es in der Wohnung keine Toilette gab. Diese befand sich eine halbe Treppe tiefer in einem Anbau am Treppenhaus. Jeweils zwei Familien mussten sich eine Toilette teilen. Ganz fr├╝her gab es nur ein sogenanntes Plumsklo auf dem Hof, aber diese Zeiten habe ich gl├╝cklicherweise nicht mehr miterleben brauchen. Allerdings war es auch so vor allem im Winter recht beschwerlich. Da war ich froh, dass der Topf unter dem Bett stand. Am n├Ąchsten Morgen war ich recht fr├╝h auf den Beinen. Die Sonne schien schon warm, und so sollte es wohl wieder ein sch├Âner Tag werden. Noch vor der verabredeten Zeit lief ich die Treppe hinunter und klingelte bei Gerlachs an der Haust├╝r. Andreas ├Âffnete und schlug mir vor, heute das Altpapier zu bearbeiten, womit wir am gestrigen Tage ja schon angefangen hatten. Ich wollte eigentlich erst mal die Flaschen und Gl├Ąser abgeben, gab mich dann aber doch mit dem von Andreas ge├Ąu├čerten Plan zufrieden. Wir vereinbarten, uns f├╝r den Nachmittag "frei" zu nehmen und bei einem Stadtbummel die ├ľffnungszeiten der SERO - Annahmestelle in der Karlstra├če zu erkunden. Auch war es wichtig, die "Kistenlage" zu erforschen, denn es kam sehr oft vor, dass aufgrund fehlender Kisten keine Flaschen und Gl├Ąser angenommen werden konnten. Es w├Ąre sehr unangenehm gewesen, wegen solcher Dinge mit einem vollbepackten Handwagen wieder zur├╝ckfahren zu m├╝ssen. Als erste "Amtshandlung" des neuen Tages f├╝llten wir unsere Trinkflaschen wieder mit frischem Tee auf und st├╝rmten dann in unsere Waschk├╝che. Stolz betrachteten wir unser Werk vom Vortag und begannen dann in den alten Zeitungen zu kramen. Dabei fiel uns auf, dass einige noch vom vergangenen Sommer stammten.
"Das w├Ąre 'ne Sache wenn wir noch die Berichte von der Fu├čball-WM finden w├╝rden", schw├Ąrmte Andreas, w├Ąhrend ich von seinem Eifer angesteckt bereits danach zu suchen begann.
"Ich hab was, hier steht: SPARWASSER'S TOR BESIEGELTE DIE GRUPPENSIEGTRÄUME DES GASTGEBERS BRD. Klasse, was?"
"Das Tor?"
"N├Â, dass ich's gefunden habe, meinte ich!"
"Ach so. Aber das Tor war auch prima."
"Na logisch, wenn Sparwasser erst mal abdr├╝ckt, dann kann auch Sepp Maier nichts mehr machen." Ich wusste wovon ich sprach, schlie├člich hatte mich mein Vati schon sehr oft zum Fu├čball mitgenommen. Und da hatte ich schon so manches Tor von Sparwasser bejubeln k├Ânnen. Auch in diesem Jahr war der 1.FC Magdeburg wieder Fu├čballmeister geworden.
„Nun gib mal nicht so an mit deinem Sparwasser. War doch reiner Zufall, dass ausgerechnet der mal getroffen hat!". Jetzt war ich aber beleidigt. Aus unerfindlichen Gr├╝nden konnte Andreas die Magdeburger nicht leiden. In seinem Zimmer hingen Wimpel und Mannschaftsfotos von Dynamo Dresden. Das konnte ich ├╝berhaupt nicht begreifen. Dresden war doch der Erzrivale des 1.FCM. Die hatten nun ├╝berhaupt keine Ahnung vom Fu├čball!
"Deine Magdeburger Rasenkomiker sind doch blo├č durch Zufall Meister geworden." Andreas l├Ąsterte weiter. Ich versuchte zu kontern:
"Na wer hat denn im vorigen Jahr den Europapokal geholt, Dresden vielleicht?"
"Ach das ist doch Schnee von Gestern. Da hatten die blo├č Losgl├╝ck. Dynamo h├Ątte das bei den Gegnern auch gepackt. Locker sogar."
Ich war so stolz, den Pokal, der im Magdeburger Kaufhaus "Olympia" f├╝r einige Tage ausgestellt war, mit eigenen Augen gesehen zu haben. Alle Welt sprach doch von Seguin, Pommerenke, Zapf, Sparwasser und Co.! Und dieser Mensch redet von Losgl├╝ck, unfassbar!
"Du hast doch keine Ahnung !" Ich wurde laut und war emp├Ârt. "Deine bl├Âden Dresdner kannst du dir an den Hut stecken", schrie ich.
Nun war der Streit offen entbrannt, es fehlte nicht viel, und ich w├Ąre eingeschnappt davongerannt. Zum Gl├╝ck merkte mein Freund das noch rechtzeitig und lenkte ein.
"Naja okey, das mit dem Europapokal war schon 'ne Sache, aber in diesem Jahr wird Dynamo Meister!"
"Werden wir ja sehen", murmelte ich und war schon wieder halbwegs bes├Ąnftigt. Wir begruben bei einem Schluck Tee unser Fu├čballkriegsbeil und st├Âberten anschlie├čend weiter in den alten Zeitungen. Nat├╝rlich mussten wir erst mal stundenlang die Fu├čballberichte lesen. Dabei war an B├╝ndeln kaum zu denken. Schlie├člich kamen wir auf die Idee, alle Artikel ├╝ber die Fu├čballweltmeisterschaft den Zeitungen zu entnehmen und gesondert zu sammeln. Das w├╝rde uns zwar einige Groschen Taschengeld kosten, da uns die Seiten f├╝r unsere B├╝ndel dann verloren gingen. Aber f├╝r K├Ânig Fu├čball nahmen wir das gro├čz├╝gig in Kauf. Der Vormittag ging beim anstrengenden Suchen in den Zeitungen schneller dahin als geplant. Und so kam es, dass wir unseren Plan etwas verschieben mussten. Wir widmeten also auch den Nachmittag dem Altpapier und verlegten unsere Stadtvisite auf den n├Ąchsten Vormittag. Beim Anblick der vielen Zeitschriften kam mir eine prima Idee.
"Wenn wir in jedem Stapel Zeitungspapier ein paar Zeitschriften mit reinschummeln, k├Ânnen wir ein paar Pfennige rausschinden", schlug ich vor. Die Illustrierten, die ja auf anderem Papier gedruckt wurden waren schwerer, wurden aber niedriger verg├╝tet als Tageszeitungen. Andreas hatte zun├Ąchst Bedenken.
"Und wenn die uns erwischen, was dann?"
"Ach, die erwischen uns schon nicht" sagte ich und wickelte zum Beweis eine "NBI" vollst├Ąndig in Zeitungspapier ein.
"Und wenn wir nun einen Stapel auspacken m├╝ssen, weil denen das verd├Ąchtig ist wenn pl├Âtzlich ein Packen extrem schwerer ist als die anderen B├╝ndel?" Andreas war noch immer etwas skeptisch.
"Wir machen die Stapel eben gleichschwer dann f├Ąllt das nicht auf. Au├čerdem, musstest du etwa schon mal beim Altstoffh├Ąndler was auspacken?"
"Ich nicht, aber Thomas Fuchs aus meiner Klasse musste mal einen Lumpensack auspacken, weil es darin geklappert hatte. Er hatte zwei rostige Hufeisen mit reingepackt, da haben sie ihm sein Zeug nat├╝rlich nicht abgenommen und ihn weggejagt."
"So bl├Âde sind wir ja nun nicht", lachte ich, "bei uns kann nichts klappern, au├čerdem beschei├čen die ja selber; da gleichen wir blo├č unsere Verluste aus."
"Stimmt", meinte Andreas nachdenklich, "man kann nie so richtig die Anzeige der Waage beobachten. Wenn die behaupten es sind dreieinhalb Kilo dann kannst du gar nichts machen, obwohl es vielleicht vier Kilo gewesen sind."
Ich hatte ihn also ├╝berzeugt. Wir begannen unsere Schwindelpakete zu packen. Am sp├Ąten Nachmittag hatten wir es dann endlich geschafft. 28 B├╝ndel Zeitungspapier zu jeweils etwa 3 Kilo z├Ąhlten wir, dazu kamen noch 9 Stapel Illustrierte die je ca. 5 Kilogramm wogen. Nun fing die Rechnerei wieder an. 15 Pfennig f├╝r 1kg Altpapier und 10 Pfennig pro kg Illustrierte, das sollte der Lohn f├╝r unsere Arbeit sein. Andreas rechnete angestrengt vor sich hin und murmelte dabei:
"... 28 mal drei ist 84, das mit 15 multipliziert ist 840 und die H├Ąlfte dazu macht 420 plus 840, also 1260 ..."
4 Mark und 50 Pfennig f├╝r Illustrierte sowie 12 Mark und 60 Pfennig f├╝r normales Zeitungspapier stellten f├╝r uns 10-j├Ąhrige Knaben schon einen enormen Wert dar. Addierten wir nun noch unser Flaschengeld hinzu, so konnten wir mit ungef├Ąhr 20 Mark f├╝r jeden von uns rechnen. Bei einem durchschnittlichen monatlichen "Nettoeinkommen" von 1,50 Mark hatten wir damit quasi unseren "Jahresetat" innerhalb weniger Tage verdoppelt. Jetzt galt es, das letzte Problem auf dem Weg zum gro├čen Reichtum zu l├Âsen. Wir mussten unsere zerbrechliche und schwere Fracht ja irgendwie zur Annahmestelle transportieren. Selbst cleverste Pack- und Stapelk├╝nste konnten einen mehrmaligen Gang in die Karlstra├če nicht verhindern. Zuerst inspizierten wir unsere Transportmittel. Opas gro├čer alter Speichenradhandwagen machte einen sehr stabilen Eindruck. Zwar ├Ąchste und knarrte er ein wenig als wir ihn aus der Waschk├╝che ins Freie trugen, doch das schrieben wir seinem Alter zu. Die Radlager und die Deichsel waren gut geschmiert und das Holz wurmfrei. Wir beluden ihn mit Altpapier, bis wir ihn zu zweit kaum noch von der Stelle bewegen konnten. Dabei lag aber der gr├Â├čere Stapel Papier noch neben dem Handwagen. So kamen wir schon beim Gedanken an den n├Ąchsten Tag ins Schwitzen. Den Mut lie├čen wir aber nicht sinken, zumal wir unerwartet Hilfe bekamen.
"Na Jungs, k├Ânnt ihr noch Unterst├╝tzung gebrauchen?"
Mit dieser Frage stand pl├Âtzlich mein Opa Willi neben uns und schwenkte schmunzelnd seine gro├če Fahrradluftpumpe in der Hand.
"Aber immer", kam die Antwort fast wie aus einem Mund.
Ich lie├č meinen Blick von der Luftpumpe auf den anderen, den luftbereiften Wagen schweifen und begriff den Zusammenhang. Der wurde wohl schon lange nicht mehr benutzt, wovon nicht nur die beiden ordentlichen "Schlappen" sondern auch diverse Spinnweben zeugten. Mit ein paar kr├Ąftigen St├Â├čen aus der Pumpe und etwas Schmiere f├╝r die Achsen behoben wir den Schaden. Wir dachten uns nun unsere Taktik f├╝r den n├Ąchsten Tag aus. Zun├Ąchst war fr├╝hes Aufstehen angesagt, was zwar gegen meine Feriengrunds├Ątze verstie├č, f├╝r unser Ansinnen allerdings unabdingbar war. Ich sah das ein und machte den Vorschlag zu unserer Unterst├╝tzung wenigstens einen Erwachsenen heranzuziehen. Da die Eltern meines Freundes aus beruflichen Gr├╝nden verhindert waren, schieden sie also aus und die Wahl fiel auf meinen Opa. Dieser willigte nach kurzem Bitten auch ein, schlug aber l├Ąchelnd das Angebot aus, am Erl├Âs prozentual beteiligt zu werden. Opa sollte uns helfen, die erste Fuhre noch vor der ├ľffnung des Ladens in die Karlstra├če zu kutschieren. Wir wollten unsere beiden Handwagen auf der Stra├če entladen und mit den leeren Fuhrwerken zur├╝ck zur "Basis" fahren um ohne Zeitverzug weitere Sch├╝tze heranzukarren. Opa sollte in der Zwischenzeit unsere Altstoffe bewachen. Wir bereiteten alles f├╝r den n├Ąchsten Tag vor und erkundigten uns am Nachmittag noch im Altstoffladen, ob auch ja genug leere Kisten vorhanden waren. Dies war wichtig, denn schon oft war es vorgekommen, dass aus diesem Grunde keine Flaschen oder Gl├Ąser angenommen wurden. Als diese letzte H├╝rde genommen war, konnten wir beruhigt den Tag ausklingen lassen. Obwohl ich am n├Ąchsten Morgen f├╝r meine Ferienverh├Ąltnisse besonders fr├╝h aufstand, waren wir doch nicht die ersten, die in der Karlstra├če auf die ├ľffnung der Annahmestelle warteten. Vor uns stand noch eine ├Ąltere Dame, die sich mit einer Tasche voller Flaschen und Gl├Ąser abm├╝hte. Sie staunte nicht schlecht ├╝ber unsere Mengen an Papier und Gl├Ąser. Auch die Sperlingsida, an der wir mit unserer lauten Fuhre vorbeirumpelten, sah so was nicht alle Tage. Wir hatten Gl├╝ck, denn nicht nur die Sonne lachte uns, auch die Frau an der Waage war uns gewogen; sie ermittelte in etwa auch unser Vorwiegeergebnis. So kamen wir zum Schluss, nachdem Andreas und ich den langen Weg von der Basis bis zum Laden noch zwei weitere Male mit vollen Handwagen bew├Ąltigt hatten, zu unserm verdienten Lohn. Unsere 20 Mark, die etwa jeder von uns hatte, erschienen uns ein fast unersch├Âpflicher Reichtum zu sein. Doch bald mussten wir feststellen, dass dieser Schein trog. W├Ąhrend ich noch gar nicht so genau wusste, was ich denn mit meinem Geld so alles anfangen wollte, steuerte Andreas recht zielbewusst den n├Ąchsten Briefmarkenladen an.
"Briefmarken ?", staunte ich, w├Ąhrend Andreas als der gr├Â├čere Fu├čballfan von uns auf einen Block arabischer Marken mit Motiven von der Fu├čballweltmeisterschaft in Mexiko verwies, welcher gro├č, bunt und verlockend im Schaufenster auslag. Ich fand, der w├╝rde auch gut in meine Sammlung passen und t├Ątigte meinem Freund gleich denselben Einkauf. Nun waren wir schon wieder die H├Ąlfte unseres Geldes los, aber wir best├Ątigten uns gegenseitig, welch gl├Ąnzendes Gesch├Ąft wir doch mit diesen Marken gemacht hatten. Leider wurde diese Ansicht nicht von allen geteilt. Mein Opa hatte f├╝r solcherlei "Kinkerlitzchen" nichts ├╝ber.
"H├Ąttet ihr euch was ordentliches zum Essen gekauft, h├Ąttet ihr mehr davon gehabt. Schokolade zum Beispiel. Aber diese ollen klebrigen Papierdinger liegen am Ende doch blo├č rum und eines Tages werft ihr sie weg." Dies war sein entt├Ąuschter Kommentar.
Ich konnte das nicht verstehen. Von den schweren Zeiten, die seine Generation hinter sich hatte, begann ich damals gerade erst zu ahnen. Hunger kannten wir ja nicht, und Schokolade war zu einer Allt├Ąglichkeit geworden. Aus Trotz nahm ich mir vor, meine Briefmarken besonders gut aufzubewahren und zu pflegen. So befinden sie sich noch heute in meinem Besitz, und wenn ich sie mir ansehe, muss ich immer an diese Sommeraktion denken.



"Von der Kieselsteinallee zum Kuhanger - Der Gartenexpress"

Einige Tage sp├Ąter, unsere letzten Groschen waren im Lauf der Zeit diversen Vergn├╝glichkeiten wie Kleinspielzeug oder Eis au├čer der Reihe gewichen, nahmen wir uns vor, dem Gerlach`schen Garten mal einen Besuch abzustatten. Da wir an unseren Handwagen Gefallen gefunden hatten, nahmen wir den mit der Luftbereifung mit. Wer wei├č, wozu der noch n├╝tzlich sein konnte. Au├čerdem brauchte dann immer nur einer von uns zu laufen, w├Ąhrend der andere im Wagen sitzen konnte. Bis kurz hinter der Bahnschranke der Werksanschlussbahn musste ich schieben, danach war Wechsel. Andreas, von kr├Ąftigerer Statur als ich, (daf├╝r konnte ich schneller und ausdauernder laufen) schob die l├Ąngere Strecke, was ihm auch nichts weiter ausmachte.
Dabei kam ihm wieder eine Idee.
"Was h├Ąltst du davon, wenn wir mit unserem Handwagen einen kleinen Fuhrbetrieb einrichten", fragte er.
"Was meinst Du damit?"
"Na, wir bauen auf den Gartenwegen einfach einen Rundkurs auf und fahren den dann f├╝r ein kleines Entgelt ab. Wer mitfahren will, der muss zum Beispiel 50 Pf blechen, wenn er von Endstelle zu Endstelle fahren m├Âchte. Zwischen zwei Haltestellen je nach Streckenl├Ąnge kostet es dann nur 10 oder 20 Pf."
"Endstelle, Haltestellen ...?", fragte ich etwas verwirrt.
"Pa├č auf, hier vorne geht’s los. Hier ist die erste Endstelle. Weil hier auf dem Weg so viele Steine (zum Schlagl├Âcher f├╝llen) herumliegen nennen wir das die >Kieselsteinallee<."
Der Name gefiel mir. Und weil ich nun auch alles verstanden hatte, dachte ich mir 100m weiter die n├Ąchste Haltestelle aus.
"Das wird der >Rabenhorst<", rief ich begeistert, als ich eine hohe Birke mit auff├Ąllig gro├čem Vogelnest im Ge├Ąst entdeckte. Andreas stimmte zu. Hinter der letzten Kurve vor dem Garten befand sich eine hohe Brombeerhecke. Wir erkl├Ąrten dies ├╝bereinstimmend zu unserer dritten Station. >Zur Brombeere< , so der passende Name.
Gerlachs Garten war der vorletzte vor einer gro├čen Wiese. Auf der konnte man fast ungest├Ârt Fu├čballspielen, musste aber aufpassen, nicht in Maulwurfsh├╝gel oder gar Kuhfladen zu treten. Zu Weidezwecken wurde die Wiese allerdings selten benutzt, so dass ich dem Namensvorschlag meines Freundes nicht ganz zustimmen konnte. Ich hatte mir n├Ąmlich den sch├Ânen Namen >Beim alten Maulwurf< ausgedacht, aber Andreas fand das zu ├╝bertrieben. So setzte sich >Kuhanger< durch, was ich nach kurzem Murren auch akzeptierte. Nun mussten wir nur noch die Fahrpreise festlegen.
Eine Fahrt vom >Kuhanger< zur >Kieselsteinallee< sollte 50 Pf kosten. Vom >Kuhanger< bis >Zur Brombeere< wollten wir 15 Pf verlangen. Von dort bis zum >Rabenhorst< ebenfalls 15 Pf. Weil der Rest der Strecke das l├Ąngste St├╝ck Fahrtstrecke war, wollten wir hierf├╝r dann gerne 20 Pf einkassieren. Inzwischen waren wir im Garten angekommen.
Zur Feier unserer neuen tollen Idee und zur Einweihung der Strecke stie├čen wir mit unseren mitgebrachten Proviantflaschen, die mit Frau Gerlachs prima Durstl├Âschertee gef├╝llt war, an. Danach brachte ich dann ein Problem zur Sprache, was wir bisher noch gar nicht bedacht hatten.
"Wer soll denn mit unserer Handwagenlinie, auch >Gartenexpress< genannt, fahren?"
"Tja, gute Frage", bemerkte Andi, indem er einen tiefen Zug aus der Flasche nahm, "zun├Ąchst dachte ich an Peter Englisch aus unserem Haus. Seine Eltern haben doch hier drau├čen auch einen Garten und er d├╝rfte eventuell zur Zeit auch hier sein".
"Den f├Ąhrst du aber", beeilte ich mich zu sagen, denn ich hatte gleich dessen Leibesf├╝lle vor Augen.
"Abgemacht", sagte er "mit Heino Kunze vom Nachbarhof, Stefan Bluhm und dem kleinen Thomas Fuchs aus meiner Klasse h├Ątten wir noch drei weitere Mitfahrer".
Wir wollten zun├Ąchst unsere Strecke selbst ausprobieren und unterwegs auch die anderen benachrichtigen.
Ich war durch Losentscheid (wir knobelten "Stein, Schere, Papier"; und ich hatte den Stein gegen Andis Brunnen) der erste Fahrer. Kurz vor der Station >Zur Brombeere< begegnete uns Peter mit seinem Dackel. Leider hatte er kein Interesse an einer Fahrt mit unserem Wagen. "Ihr spinnt ja", prustete er und machte dicke Backen. "Au├čerdem habe ich jetzt noch was besseres vor, ich werde mit meinem Dackel spazieren gehen und Salat sammeln f├╝r mein Meerschweinchen."
Sprach's und lie├č uns einfach stehen. F├╝r diese Frechheit wollten wir ihn f├╝r ewig vom Gartenexpressverkehr ausschlie├čen.
Ein paar Schritte weiter kam Stefan uns mit einem Fu├čball entgegen. Er wollte f├╝r 15 Pfennige auch lieber bis zum >Kuhanger< laufen und schlug uns zudem ein kleines Fu├čballmatch auf der Wiese vor. Dem Angebot konnten wir nicht widerstehen und belie├čen es nach einem Fahrerwechsel und einer kurzentschlossenen "Fahrplan├Ąnderung aus innerbetrieblichen Gr├╝nden" bei einer Teilstreckeneinweihung. Die gro├če Einweihungsrunde verschoben wir kurzerhand auf den Nachmittag.
Wir markierten uns aus 2 Feldsteinen auf der Wiese ein Tor und spielten nach Zeit jeder gegen jeden. Ich h├╝tete zuerst das Tor und musste aufpassen, nicht etwa durch pr├Ązise Abst├Â├če eine der beiden Mannschaften zu bevorzugen. Daher wurden die B├Ąlle vom Torh├╝ter immer r├╝ckw├Ąrts zum Spielfeld stehend ins Feld geworfen. M├Âglichst weit weg von beiden Spielern. Stefan eroberte sich zun├Ąchst als erster den Ball, dribbelte durchs Mittelfeld und kam aber trotz geschickter K├Ârpert├Ąuschung nicht an der Abwehr des Gegners vorbei. Dieser holte noch in der Drehung zu einem strammen Schuss aus halbrechter Position aus, zog ab und h├Ątte beinahe das 1:0 erzielt, wenn ich mit einem gewagten Hechtsprung nicht gerade noch so an den Ball gekommen w├Ąre. Leider konnte ich den Ball nicht festhalten, der Abpraller sprang hoch zur├╝ck, genau auf den Kopf von Stefan und von dort in Richtung Tor. W├Ąhrend Stefan jubelte, (ich hatte mich noch nicht wieder aufgerappelt und konnte nur zusehen) protestierte Andreas. Der Kopfball sei mindestens einen halben Meter ├╝ber die Latte geflogen. Stefan behauptete, es sei ein klares Tor gewesen, schlie├člich sei ja auch gar keine Latte vorhanden. Ich konnte den Streit auch nicht so recht schlichten, da ich die Aktion nur aus der "Froschperspektive" beobachtet hatte. Ich machte den Vorschlag, Stefan zur Kl├Ąrung einen Strafsto├č zuzusprechen.
Beide protestierten zun├Ąchst, denn es sei ja ganz klar "ein Tor" bzw. "weit dar├╝ber weg" gewesen. Nachdem Stefan mit Bombenschuss den Elfmeter bzw. "Elfschritter" unhaltbar verwandelt hatte, murrte nur noch Andreas. Aber der kam in der Schlussminute durch einen Schuss aus Nahdistanz noch zum verdienten Ausgleich.
Letztendlich gewann Stefan das Turnier. Andreas wurde als Zweiter bester Torsch├╝tze und ich bekam immerhin noch das Pr├Ądikat "bester Torh├╝ter" von den beiden anderen zuerkannt. Wir liefen verschwitzt und abgek├Ąmpft in den Garten und rasteten in der Laube um dort den weiteren Tagesverlauf zu planen. Stefan wusste noch nicht, ob er am Nachmittag wiederkommen k├Ânnte. Seine Eltern h├Ątten etwas vor. Wir sammelten noch ein paar August├Ąpfel als Wegzehrung auf und machten uns zu dritt entgegen unseren urspr├╝nglichen Pl├Ąnen ohne den Handwagen, der im Garten verblieb, auf den R├╝ckweg in die Stadt.
Andreas und ich zogen bei sonnigem Wetter nach dem Mittagbrot gleich wieder in den Garten. Leider blieben wir am Nachmittag unter uns, Stefan, der allerdings auch einen viel weiteren Weg hatte, tauchte nicht wieder auf.
Als wir eine ganze Weile auf Stefan gewartet hatten, da begann Andreas pl├Âtzlich den Vorschlag zu machen, doch schon mal mit dem Handwagen loszuziehen, um wenigstens ein oder zwei Runden auf unserer Strecke zu drehen. Um zu testen, wie sehr wir als "Gartenexpresspiloten" physisch belastbar waren, sollte jeder von uns einmal selbst ├╝ber die komplette Wegstrecke im Wagen sitzen, w├Ąhrend der andere den ganzen Weg alleine schieben sollte. Wir pr├╝ften zun├Ąchst den Reifendruck und nachdem wir dem linken Reifen noch etwas Luft aus der Pumpe verpasst hatten, konnte es losgehen.
Ich schob zuerst und kam schon auf der ersten Strecke ganz sch├Ân ins Schwitzen. Am Haltepunkt "Zur Brombeere" musste ich daher zun├Ąchst ein wenig verschnaufen.
"Du liegst ganz gut in der Zeit", bemerkte Andreas der auf seine Uhr sah, "4:35 min sind gar nicht schlecht f├╝r den Anfang.“
F├╝r das zweite Teilst├╝ck ben├Âtigte ich nur 2:43, und als ich nach weiteren sensationellen 1:39 min an der Endstelle >Kieselsteinallee< ankam, tropfte mir der Schwei├č von der Stirn. Ich hatte den ersten Streckenrekord aufgestellt, war daf├╝r aber auch ganz sch├Ân fertig. Andreas kletterte aus dem Wagen und klagte ├╝ber leichte Schmerzen im Knie. Er hatte wohl etwas sehr beengt gesessen.
"Tja, sehr komfortabel ist das ja nicht, vielleicht m├╝ssen wir einen Rabatt einr├Ąumen oder Sitzpolster in den Wagen legen.".
"Was willst Du aufr├Ąumen?", fragte ich, da ich wegen der Anstrengung nur mit halbem Ohr hingeh├Ârt hatte.
"Nicht aufr├Ąumen, einr├Ąumen, Mensch! Wir m├╝ssen unseren Fahrg├Ąsten einen Preisnachlass wegen schlechter Federung des Wagens gew├Ąhren."
"Ach so, ja es hat besonders auf der letzten Strecke ganz sch├Ân geholpert. Aber wem willst du denn etwas gew├Ąhren, es f├Ąhrt ja doch keiner mit."
"Momentan noch nicht, es hat sich eben noch nicht herumgesprochen, dass wir zwei einen Fuhrbetrieb er├Âffnet haben.". Andreas stieg wieder ein und ich machte mich auf den R├╝ckweg. Kurz nach der gro├čen Brombeerhecke, unserer Station >Zur Brombeere< kam uns Thomas Fuchs aus der Schulklasse meines Freundes entgegen. Er sa├č auf seinem Fahrrad und kam gerade aus dem Garten seiner Eltern, die im Sommer auf dem Grundst├╝ck wohnten. Unser Angebot lehnte er rundweg ab, denn er fand es bequemer, selber zu treten. Auch wollte er bis zur Breiten Stra├če fahren, er sollte f├╝r seine Mutter etwas aus der Drogerie holen. Bis dahin ging unser Linienverkehr ja gar nicht. Wir hatten ihn schlie├člich nicht "Cityline", sondern "Gartenexpress" genannt. Sein Taschengeld sei ihm zu Schade, um es f├╝r ein paar unbequeme Sitzungen in einem quietschenden Handwagen auszugeben. Damit lie├č er uns stehen und verabschiedete sich. Der Wagen quietschte tats├Ąchlich etwas. Dem konnten wir aber abhelfen, im Gerlach'schen Werkzeugschuppen fand sich gl├╝cklicherweise ein wenig Schmierfett f├╝r die strapazierten Achsen des Handwagens.
F├╝r die R├╝ckfahrt sollte ich den Angaben meines Freundes zufolge genau eine Minute und zw├Âlf Sekunden l├Ąnger gebraucht haben als f├╝r die erste Tour. Das schien mir ein bisschen arg langsam gewesen zu sein und ich zweifelte an der Ganggenauigkeit seiner Uhr. Andreas beteuerte aber, alles ganz genau gestoppt und aufgeschrieben zu haben, auch sei die "Auszeit" beim Gespr├Ąch mit Thomas ganz exakt herausgerechnet. Und seine Uhr sei schlie├člich eine, die auf Steinen lief. Solche Uhren gingen auf die Zehntelsekunde genau. Dieses Argument ├╝berzeugte mich. Nach einer Teepause im Garten sollte ich mich nun in den Wagen setzen und die Zeit stoppen. Andreas legte sich m├Ąchtig ins Zeug und unterbot auch gleich meine erste Zwischenzeit um 41 Sekunden. Das war enorm, lie├č sich aber sicher damit erkl├Ąren, dass ich schon damals um einige Kilo K├Ârpergewicht leichter war als Andreas. Somit hatte ich es beim Schieben viel schwerer als er. Als Andreas an der Endstation ankam, war er eine Minute und 27 Sekunden schneller als ich auf meiner ersten Tour. Nach einer kurzen Pause ging es wieder zur├╝ck. Mir tat mein R├╝cken weh, da der Weg besonders auf dem letzten Teilst├╝ck sehr uneben war und man so doch recht unbequem im Wagen sa├č. Andreas versuchte, seine auf dem Hinweg erreichten Zeiten noch zu verbessern. Das gelang ihm nicht, auch er verlor an Zeit, obwohl ich ihm st├Ąndig die Zwischenzeiten zurief. Unterwegs begegneten uns keine potentiellen Fahrg├Ąste. Nur Erwachsene und ein paar kleinere Kinder, die wohl noch nicht zur Schule gingen. Kurz vor dem Ziel kam aus einem Seitenweg Peters Dackel auf uns zu und wedelte mit dem Schwanz. Ein St├╝ckchen dahinter kam dann auch Peter gelaufen. Er hatte inzwischen genug Salat gesammelt und war auf dem Weg zum elterlichen Gartengrundst├╝ck. Peter wollte wissen, wie viel Geld wir denn schon eingenommen h├Ątten. Da er dies mit einem so sp├Âttischen L├Ącheln tat, behauptete ich noch bevor Andreas etwas sagen konnte, es seien immerhin 2,25 Mark gewesen. Nun staunte Peter doch etwas, da ich wie zum Beweis f├╝r die Richtigkeit meiner Worte mit dem Rest meines Taschengeldes, der sich zuf├Ąllig noch in den Taschen meiner Hose fand, zu klappern begann. Nun wollte Peter auf einmal doch mal ein St├╝ckchen mitfahren. Wenigstens bis zur Wiese. Andreas erkl├Ąrte ihm, dass dies aber sehr schwierig zu berechnen sei. Wir bef├Ąnden uns ja an keiner "offiziellen" Haltestelle. Peter hatte aber sowieso kein Geld. Bezahlen wolle er uns mit einem kleinen Kunstst├╝ck, was er seinem Dackel "Balduin" beigebracht hatte. Nachdem Andreas und ich uns einen vielsagenden Blick zugeworfen hatten, stieg ich seufzend aus um f├╝r Peter Platz zu machen.
"Wenigstens etwas", dachte ich laut w├Ąhrend Andreas losfuhr.
Balduin lief, nachdem er zuerst etwas ungl├Ąubig sein Herrchen angebellt hatte, auf dessen Zuruf schwanzwedelnd vor dem Wagen her, w├Ąhrenddessen ich hinterherlief und auf die Uhr sah. An der Wiese angekommen, stieg Peter aus und rief seinen Hund zu sich. Dieser sah ihn erwartungsvoll mit seinen kleinen dunklen Augen an und legte dabei seinen Kopf etwas zur Seite. Das allein war schon drollig anzusehen.
Peter rief "pass auf", w├Ąhrend das Tier ihn noch immer ansah. Dabei streckte Peter langsam seinen Zeigefinger der rechten Hand aus und reckte den Arm in die H├Âhe. Dann lie├č er blitzschnell den Arm sinken, so dass der Finger auf den Hund gerichtet war. "Paff", rief Peter ganz laut indem er gleichzeitig den Zeigefinger kr├╝mmte. Im selben Augenblick "fiel" Balduin f├Ârmlich auf den R├╝cken und blieb sekundenlang mit geschlossenen(!) Augen so liegen. Nachdem wir zun├Ąchst etwas erschraken, mussten wir im n├Ąchsten Moment herzlich lachen und konnten uns kaum noch halten, als Balduin und Peter das Kunstst├╝ck noch mehrmals wiederholten. Balduin empfing seine verdienten Streicheleinheiten und zog anschlie├čend mit seinem Herrchen ab nach Hause. Schlie├člich war ja noch das Meerschweinchen mit frischem Salat zu versorgen. Wir mussten mit dem empfangenen "Lohn" zufrieden sein. Schlie├člich hatte der "Gartenexpress" so doch noch seine erhoffte Einweihung erfahren. Zwar etwas anders als eigentlich angedacht, aber den ersten "echten" Fahrgast konnten wir immerhin f├╝r diesen Tag im Fahrtenbuch festhalten. Festzuhalten blieb noch, dass Andreas es trotz enormer Anstrengungen nicht schaffte, auf der R├╝ckrunde eben so schnell zu sein wie auf der Hinfahrt. Er b├╝├čte etwa 45 Sekunden insgesamt ein. Trotzdem war er damit immer noch schneller als ich auf meiner ersten (und schnellsten) Fahrt. Nachdem ich mich zun├Ąchst noch etwas dar├╝ber ├Ąrgerte, war ich denn doch damit einverstanden, bei der Berechnung und Aufstellung unseres Fahrplanes mitzuhelfen. Wir hatten ja von jedem Streckenabschnitt 4 verschiedene Fahrtzeiten. Davon errechneten wir den Mittelwert, rundeten den Wert auf und rechneten jeweils noch 30 Sekunden zum Ein- und Aussteigen hinzu. Fertig war ein Fahrplan f├╝r unseren Express.
Sp├Ąt war es inzwischen geworden. Daher begaben wir uns auf den Heimweg. Den Handwagen lie├čen wir allerdings im Garten stehen. Gefahren war schlie├člich jeder von uns an diesem Tage genug.

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bosbach46
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hallo Unbekannter, Unbekannte,
schade, dieser Text h├Ątte es trotz einiger L├Ąngen verdient, namentlich hier zu erscheinen. Immerhin ist er eine bis in jede Kleinigkeit gehende Kindheitserinnerung. Vielleicht die Uhrzeiten etwas heraus nehmen und dann noch mal neu ver├Âffentlichen.
__________________
J. Bosbach

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