Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, mĂŒssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5439
Themen:   92266
Momentan online:
81 Gäste und 0 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Sterben lernen
Eingestellt am 22. 11. 2011 11:59


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Winfried Stanzick
Routinierter Autor
Registriert: Aug 2011

Werke: 255
Kommentare: 116
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Winfried Stanzick eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Rezension zu:

Wolfgang Bergmann, Sterben lernen, Kösel 2011, ISBN 978-3-466-30939-9

„Oh Herr, gib jedem seinen eigenen Tod.
Das Sterben, das aus jenem Leben geht,
darin es Liebe hatte, Sinn und Not.“

Mit dieser Gedichtzeile Rainer Maria Rilkes haben die Kinder des Therapeuten und PĂ€dagogen Wolfgang Bergmann nach seinem Tod am 19. Mai 2011 eine Todesanzeige ĂŒberschrieben. Sie drĂŒcken damit genau den Wunsch aus und jene Suche, die ihren Vater etwa ein Jahr lang umgetrieben hat. In dem hier vorliegenden kleinen in Leinen gebundenen BĂŒchlein hat er der Nachwelt etwas von dieser existentiellen und auch spirituellen Suche hinterlassen.

Als 2010 bei ihm ein unheilbarer Knochenkrebs diagnostiziert wurde, versuchte er sich dieser niederschmetternden Nachricht in doppelter Hinsicht zu stellen. Er grĂŒndete im September 2010 die Stiftungsinitiative „FĂŒr Kinder“, die es ermöglichen soll, dass nach seinem Tod seine Arbeiten weitergetragen und umgesetzt werden.

Und er begibt sich in die Obhut einer Palliativstation. Dort schreibt er in den folgenden Monaten insgesamt 23 kurze Texte, die sich alle mit dem Sterben auseinandersetzen: „Ich schreibe. Der Tod ist das Nichts, die reine Negation, es ist lĂ€cherlich, in ihm nach Sinn zu suchen.“
Und er spĂŒrt: indem er den Tod so heftig ablehnt, empfĂ€ngt er die grĂ¶ĂŸtmögliche Ermutigung. Obwohl es keine Antworten gibt, auch keine ihn wirklich ĂŒberzeugenden spirituellen, fragt er weiter, ringt um Worte, die ausdrĂŒcken können, was er fĂŒhlt und was doch sich dem sprachlichen Verstehen immer wieder entzieht.

Es sind ehrliche, stellenweise harte Worte der Introspektion, die er notiert, Worte die sich dem schnellen Trost entziehen wollen: „Keine BegĂŒtigung, keine Beschwichtigung, kein verschwiemelter Trost, das macht alles nur noch dumpfer und leerer.“ Und in diesem Erkennen des Todes als Erlöschen der Zeit, als Gleichmacher, als dem Gegenprinzip der Liebe, erinnert er sich an Jesu zitternde Knie am Leichnam von Lazarus und an seine Todesangst in der Nacht von Gethsemane.

In dichter Sprache nĂ€hert er sich immer mehr seinem Ende, wehrt sich und wird doch mit jedem Eintrag mehr auf eine bewegende und auch dem Leser Trost vermittelnde Weise mit ihm eins. Mechthild von Magdeburg, die „von Liebesgewissheit durchströmten SĂ€tze des Johannes“ und der Apostel Paulus sind ihm dabei spĂ€te Lehrer, an die er sich erinnert und er fragt sich erstaunt:
„Was ist das fĂŒr eine Wahrheit, die ich nur zaghaft am Zipfel zu fassen bekomme? Sie ist immer noch da, wie eine unerschĂŒtterliche RealitĂ€t. Ich begreife sie nicht, So wenig wie das Sterben.
Aber sie trĂ€gt. Gott trĂ€gt sie? Aber wohin?“

Diese persönlichen Texte gehen tief. Ihr Versuch, das „Sterben lernen“ in Worte zu fassen, konfrontiert
den bewussten und sensiblen Leser mit der eigenen Endlichkeit. Mehr als einmal habe ich beim Lesen an mein gegenwĂ€rtiges Leben gedacht, und wie es wĂ€re, mich nach einer Ă€hnlichen Nachricht von ihm schnell verabschieden zu mĂŒssen. Die von Oliver Weiss entworfenen Illustrationen zwischen den einzelnen
Texten helfen, chinesischen Schriftzeichen Ă€hnlich, immer wieder innezuhalten und nachzudenken und nachzuspĂŒren.
Das Nachwort von Annelie Keil, die Wolfgang Bergmann im Hospiz begleitete, zitiert am Ende den Theologen Dietrich Bonhoeffer:
„Wir mĂŒssen lernen, den Menschen weniger auf das was er tut oder lĂ€sst, als auf das, was er leidet anzusprechen.“

Das wĂ€re ein Umgang mit dem Leid, dem Sterben und dem Tod, wie er Menschen in der Jesusnachfolge gemĂ€ĂŸ wĂ€re, denkt ein nach der LektĂŒre und nach dem Schreiben dieser Rezension sehr nachdenklich gewordener Rezensent.

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


ZurĂŒck zu:  Essays, Rezensionen, Kolumnen Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!