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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Sterne des Meeres
Eingestellt am 23. 07. 2011 22:49


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anbas
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Sterne des Meeres

Abendd├Ąmmerung lag ├╝ber der Insel. Es war, als w├╝rde der Himmel den r├Âtlich schimmernden Spalt zwischen der dunklen Horizontlinie und der grauen Wolkenkante mit aller Macht schlie├čen wollen. Nur sehr langsam wurde er schmaler, bis das Meer und der Strand in v├Âllige Dunkelheit geh├╝llt waren. Die Wolkendecke war so dicht, dass kein Sternenlicht durch sie hindurch drang, und nur ein matter Fleck ├╝ber dem Leuchtfeuer, das seine Blitzlichter monoton in die Nacht schickte, lie├č erahnen, wo sich der Mond befand.

Arno sa├č auf der Aussichtsd├╝ne, die zwischen jenem Leuchtfeuer und dem kleinen Badestrand lag. Ein hei├čer Sommertag ging zu Ende. Die Nacht war warm und der k├╝hle Luftzug, der vom Meer her├╝ber wehte, tat ihm gut. Er verharrte bereits seit dem fr├╝hen Abend dort und hatte fast ununterbrochen auf das Meer gestarrt. Ein paar Stunden zuvor war er auf der Insel angekommen. Die Anreise hatte ihm sehr zu schaffen gemacht und steckte ihm schwer in seinen alten Knochen. Es war ganz anders als fr├╝her. Damals hatte er alle paar Jahre Urlaub auf Amrum gemacht, und die Anreise mit Bahn, F├Ąhre und Bus locker weggesteckt. Doch nun war er 84. Sein K├Ârper hatte schon lange nicht mehr die Kraft dazu, all das umzusetzen, was sich Arnos immer noch sehr reger Geist ausdachte.

Seit 17 Jahren hatte er keine Reisen mehr gemacht. Zun├Ąchst war es reine Bequemlichkeit gewesen. Dann folgte eine Erkrankung nach der n├Ąchsten, und seine Ausfl├╝ge beschr├Ąnkten sich auf die Fahrten zu den einzelnen Arztpraxen. Diese Odyssee fand erst ein Ende, als er vor 4 Jahren in ein Seniorenheim zog. Dort hatte er sich zum Teil wieder erholen k├Ânnen. Aber eben nicht ganz, und daher trauten ihm die Mitarbeiter des Heimes gar nichts mehr zu und versuchten immer wieder, ihm seine Reisepl├Ąne auszureden. Aber Arno hatte es doch getan. Heimlich. Er grinste bei dem Gedanken, dass inzwischen wahrscheinlich schon Suchmeldungen nach ihm im Radio liefen.

'Tja, so kann man auch ber├╝hmt werden', dachte er sich und grinste noch breiter. Ihm war es egal, ob sich irgendjemand Sorgen um ihn machte. Er war an seinem Ziel angekommen.

Aus seinem kleinen Rucksack holte er eine Thermoskanne mit Tee hervor. Er war bekannt daf├╝r, dass er zu jeder Tages- und Nachtzeit und bei jeder Temperatur gerne Tee trank. Um ein wenig Orientierung in der Dunkelheit zu haben, legte er eine kleine Taschenlampe neben sich auf die Bank. Sobald er sich eingeschenkt hatte, machte er sie wieder aus, starrte in die Dunkelheit und nippte an seinem Tee.

Arno hatte eigentlich auf eine klare Sternennacht gehofft. Doch w├Ąhrend des Tages wurde die Wolkendecke immer dichter. Von der F├Ąhre aus konnte er sogar eine Regenfront beobachten, die langsam an Amrum vorbeizog.

Nachdem er seinen Becher geleert hatte, zog er sein Handy hervor und las sich noch einmal in Ruhe den Text der SMS durch, den er dort bereits seit Tagen als Entwurf abgespeichert hatte. Zufrieden schaltete er es wieder aus. Bei seinen Vorbereitungen zu dieser Reise hatte er einiges ├╝ber Handy-Ortung gelesen. Sie konnten ihn ja gerne finden, aber nicht so schnell. Dann schenkte er sich noch einen Tee ein. Aus der Dunkelheit schienen immer wieder Lichter zu ihm hin├╝ber. Einige bewegten sich, andere strahlten ruhig in die Nacht und wiederum andere blinkten so, wie das Leuchtfeuer in seiner N├Ąhe. Vor allem von der gegen├╝berliegenden Insel Sylt funkelte ein eindrucksvolles Lichterspiel ├╝ber das schwarz umh├╝llte Meer.

'Sterne des Meeres', dachte Arno und grinste erneut. Wenn die Wolken auch die echten verdeckten, so war auf diese hier Verlass.

Er stand auf und reckte sich. Die Wahrscheinlichkeit, dass jetzt noch irgendwelche Spazierg├Ąnger hierherkommen w├╝rden, war gering. Das wusste er aus Erfahrung. Wie oft hatte er fr├╝her an dieser Stelle gesessen, den Sonnenuntergang beobachtet und seinen Gedanken nachgehangen. Er liebte diesen Ort ÔÇô besonders bei Sonnenuntergang und zur Zeit der D├Ąmmerung. Er hatte sich in den letzten Jahren sehr danach gesehnt, noch einmal hier sein zu k├Ânnen. Bei aller Freude, dass er es nun geschafft hatte, sp├╝rte Arno aber auch die Signale seines K├Ârpers. Die Fahrt war f├╝r ihn anstrengender gewesen, als er es erwartet hatte. Zum Gl├╝ck befand sich die Aussichtsd├╝ne noch an fast derselben Stelle, wie bei seinem letzten Besuch vor 18 Jahren. Er h├Ątte nicht die Kraft gehabt, sich einen anderen Ort zu suchen.

Anders w├Ąre es, wenn Max noch mit dabei w├Ąre. Max war sein einziger Vertrauter bei diesem Vorhaben gewesen. Mit ihm war er schon immer durch Dick und D├╝nn gegangen. Die anderen Freunde waren entweder Pflegef├Ąlle oder lagen, wie nun auch Max, unter der Erde. Mit seinen S├Âhnen konnte er ├╝berhaupt nicht ├╝ber so etwas wie diese Reise reden. Sie waren stets der Meinung der ├ärzte und ansonsten froh, wenn sie sich keine Gedanken um ihren Vater machen mussten. Doch Max war da anders.

'Dann komm ich eben mit', hatte er nur gesagt, als Arno ihm erz├Ąhlte, dass er ins Heim gehen m├╝sse und sich Sorgen machte, weil er dort niemanden kennen w├╝rde. Und Max kam mit. Bereits als Arno so schlimm erkrankt war, hatte er ihn zu den Arztbesuchen begleitet, ihn aufgemuntert und unterst├╝tzt wo er nur konnte ÔÇô und das konnte er nun wirklich gut. Max war ein Organisations- und Beschaffungsgenie. Diese Eigenschaften erwiesen sich dann auch bei der Vorbereitung der Reise als ├╝beraus n├╝tzlich. So besorgte er auch die Medikamente, die es ihm ├╝berhaupt erm├Âglichten, sie weitgehend schmerzfrei zu ├╝berstehen. Eigentlich sollte Max mitkommen. Er war von dem Plan v├Âllig begeistert gewesen, als Arno ihm vor zwei Jahren davon erz├Ąhlt hatte. Doch Max schaffte es nicht. Ganz pl├Âtzlich verstarb er vor neun Monaten ÔÇô brach auf einem Spaziergang zusammen, einfach so. Dabei musste er zuvor nie irgendwelche ├ärzte aufsuchen.

Von da an war Arno auf sich allein gestellt. Zun├Ąchst f├╝hlte er sich wie gel├Ąhmt. Doch dann kehrte langsam sein Tatendrang zur├╝ck, und er arbeitete weiter an seinem Plan. Arno l├Ąchelte, als er an Max dachte. Der w├╝rde sich diebisch dar├╝ber freuen, dass dieser Coup so gut verlaufen war. Solche Aktionen hatte er immer geliebt. Ein wenig schlechtes Gewissen stieg in Arno allerdings schon auf. Er hatte Max nie den wahren Grund f├╝r diese Reise genannt. Aber Max h├Ątte es verstanden. Doch nun, da er nicht mehr war, hatte sich dieses Thema auch erledigt.

Weil Max nie seine Bezugsquellen verraten hatte, musste Arno sich in den letzten Monaten m├╝hsam selber die notwendigen Informationen und Mittel beschaffen. Das verz├Âgerte die Umsetzung seines Planes erheblich. Da ihm durchaus bewusst war, dass er aufgrund seines Alters eines vor allem nicht hatte, n├Ąmlich Zeit, ├╝berw├Ąltigten ihn immer wieder Anfl├╝ge von gro├čer Nervosit├Ąt und Hektik. Doch seine S├Âhne, die Pflegekr├Ąfte, ├ärzte und Mitbewohner nahmen kaum Notiz davon.

Noch einmal goss er sich Tee ein. Es war ein sehr spezieller Tee. Vor allem die weiteren besonderen Zus├Ątze, die er nun mit in den Tee einr├╝hrte, waren schwer zu beschaffen gewesen. Entschlossen nahm er einen gro├čen Schluck davon.

Kurz nach Mitternacht ging auf dem Notfallhandy der Nachtwache eines Hamburger Seniorenheimes eine SMS ein:

SIE K├ľNNEN MICH ABHOLEN. ICH BIN AUF AMRUM. SIE FINDEN MICH BEI NORDDORF AUF DER AUSSICHTSD├ťNE DIREKT AM STRAND ZWISCHEN BADESTRAND UND QUERMARKENFEUER. ES W├äRE SCH├ľN, WENN VOR SONNENAUFGANG JEMAND HIER W├äRE, DAMIT MICH KEINE UNBETEILIGTEN FINDEN. VIELEN DANK F├ťR ALLES! ARNO REICHERT


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Wenn der Weg das Ziel ist, kann man nicht falsch abbiegen. (anbas)

Version vom 23. 07. 2011 22:49

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