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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Sternenkind
Eingestellt am 05. 11. 2001 22:17


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Svalin
???
Registriert: Sep 2000

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Gemessen an dem Sonnenlicht, das von der Seite in ihr Gesicht fiel, war es ungef├Ąhr acht Uhr. Manchmal auch schlagartig sp├Ąter, wenn sie den Kopf pl├Âtzlich in ihre Hand st├╝tzte und nachdachte, in ein Gespr├Ąch vertieft, das auf seltsame Weise gerade ein anderer Teil von ihm mit ihr f├╝hrte. Wie vor eine gro├če Leinwand versetzt, war er nur Beobachter, der staunend registriert, welchen Detailreichtum die Welt bei genauerem Hinsehen besitzt: Dieser Schatten, der so unglaublich anschmiegsam von der Nase herab ├╝ber die Rundung der Wange glitt, irgendwo am Hals zu verlaufen schien. An den Mundwinkeln verlor er etwas von seinem harmonischen Dahinflie├čen. Hier wurden ihm die kleinen Lachf├Ąltchen zum Verh├Ąngnis.
Schatten m├╝├čte man sein. Verbotenes oder noch unentdecktes Land betreten d├╝rfen. Wie auf den Miniaturlandschaften ihrer Iris. Man konnte genau die kleinen unregelm├Ą├čigen Erhebungen erkennen und die zarten Muskelfasern, die furchenziehend auf die Pupille zuliefen. Verwachsene Landebahnen? Wie w├╝rde das sein?

Versuch I

Feuerzeichen ertrinken
Lichtnebel tropft
verliert sich verblassend
am Rande der Iris
stehe ich am Abgrund
bereit zu fallen in die Tiefe
die forschend
nach mir greift


W├╝rde es weh tun? Wahrscheinlich nicht. Ist doch nur ein mit Gelee gef├╝lltes Sehorgan.
Woher kommt aber dann diese Faszination f├╝r das Besondere, Einzigartige? Die Art, wie manche Menschen sprechen, sich bewegen, lachen, wie der Glanz ihrer Augen auf uns wirkt, uns vereinnahmt zwischen Staunen und Erzittern, als h├Ątte man hier etwas vor sich, da├č einem gleichzeitig vertraut und doch v├Âllig fremd ist. Woher kommen diese Pr├Ągungen? Sind es wirklich nur die sp├Ąten Inkarnationen der M├Ąrchenfiguren unser fr├╝hen Kindheit? K├Ânig Papa, K├Ânigin Mama und der ganze Hofstaat. Wer w├╝rfelte diese Erinnerungen durcheinander, da├č wir in vielem einen Teil davon wiederzufinden scheinen, doch nie alles? Nie soviel, da├č unser Herz bis ins letzte das Gef├╝hl h├Ątte, wieder zu Hause angekommen zu sein. Oder sind es doch nur die komplement├Ąren Erg├Ąnzungen, der Versuch, etwas Zerrissenes wieder zusammenzuf├╝gen? Das lebenslange Aneinanderreiben von Bruchlinien, Ecken und Kanten und stets nur Ann├Ąherungen, Kompromisse, Patchwork.
Ihre Augen waren da eine beunruhigende Ausnahme, ohne da├č er bestimmen konnte, woran es lag. Etwas hielt ihn gefangen. Ein besonderer Glanz, der ├╝ber diesem unergr├╝ndlichem Schwarz lag, nur f├╝r ihn geschaffen schien und alle flackernde Disharmonien des Alltags schlagartig auf Null zur├╝cksetzte. Ihre Augen hatten die F├Ąhigkeit, ihn wie mit einem Traktorstrahl dem Zeitrahmen zu entrei├čen, aneinandergekoppelt zu schweben, w├Ąhrend die Erde weiter rotierte mit allen Stimmen, Farben und Bewegungen. Wie wohl die Welt aus ihren Augen aussah?

Versuch II

alles
was eben noch
ernsthaft
bem├╝ht war
nach drau├čen zu schauen
ist vom Fensterbrett gefallen
mit den Lichtern der Welt
in die Wiege ihrer Augen
hat sich gebettet
dann die Lider zugezogen
- eingeschlafen


Sie hatte f├╝r einen kurzen Moment die Augen geschlossen, den Kopf leicht zur├╝ckgeneigt, um die Sonne auf ihrer Haut zu genie├čen. Diese unerkl├Ąrliche Faszination. Wie war das m├Âglich? Irgendetwas in ihm verlor sich mit Vorliebe in diese Tiefen und sehnte schon jetzt ungeduldig den Moment, in dem sie wieder ihre Augen ├Âffnen w├╝rde. Angek├╝ndigt von einem leichten Erzittern der Lidr├Ąnder, als m├╝├čten erst die Motoren eines Observatoriums anlaufen, um in Zeitlupe die schweren Halbschalend├Ącher zu ├Âffnen. Sternenkind, durchzuckte es ihn. Vielleicht ist es die untrennbare Einheit von Dunkelheit und Geborgenheit, die am Anfang unseres Empfindens stand. Wir sind in einem kleinen Abbild des Universums herangereift. Schw├Ąrze rings herum, Schwerelosigkeit und ein kleiner Kosmonaut, mit einer Versorgungsschnur und viel Zeit zum Staunen: ├ťber Ger├Ąusche, die ged├Ąmpft zu ihm drangen, unverst├Ąndliche Schwingungen, die ihm von irgendwoher vermittelt wurden. Eine vertraute Ahnung von Dingen, die er nicht verstand, doch sp├╝rte. Vielleicht ist dieser Teil in uns, der Dunkelheit atmete und voller Ehrfurcht dem Herzschlag der Welt lauschte, noch vor jedem Bewu├čtsein und dem ersten Gedanken in uns eingepr├Ągt war, doch noch nicht v├Âllig verbla├čt. Vielleicht ist es eine Art Heimweh, die uns ein Leben lang in den Augen der Menschen nach der einst vertrauten Schw├Ąrze suchen l├Ą├čt, im steten Schmerz dar├╝ber, vom m├╝tterlichen Herzschlag entkoppelt worden zu sein, entlassen in eine Welt voller Arrhythmien. Manchmal scheint es, als w├Ąre man wieder nach Hause zur├╝ckgekehrt. Einen Augenblick lang.
Der Zeiger der Sonnenuhr war verbla├čt. Eine Wolke hatte sich vor die Sonne geschoben. Und noch immer unterhielten sie sich ├╝ber irgendwas.

____________

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flammarion
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Routinierter Autor

Registriert: Jan 2001

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rundum

gelungen. immer wieder ein genu├č, etwas von dir zu lesen. aba 2 fehlerchen haste drin, lies mal noch mal nach. ganz lieb gr├╝├čt
__________________
Old Icke

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kolibri
Guest
Registriert: Not Yet

Ja Svalin, rundum gelungen, da mu├č ich Flammarion recht geben und eines Tages werden noch Pilgerfahrten zu Deinem Wohnort stattfinden, auf denen die Reiseleiterin dann sagt
"Treten Sie bitte zur├╝ck und sehen Sie, dort, dort hinter dieser Gardine wohnt Svalin, einer der letzten gro├čen Romantiker dieses Jahrhunderts." Und die Leute werden mit zittrigen Fingern ihren Fotoapparat z├╝cken und ein Bild von jener Gardine machen. ;-)

Liebe Gr├╝├če
kolibri

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Svalin
???
Registriert: Sep 2000

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Die Gardinen gibts bei Obi ;-)
f├╝r alles andere - DANKE!

Gr├╝├če Martin

P.S.: flammarion - hast du zuf├Ąllig Lust, Lektorin zu werden? Ich find n├Ąmlich meistens die Restfehler nicht selber :-(

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Ralph Ronneberger
Foren-Redakteur
Autor mit eigener TV-Show

Registriert: Oct 2000

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Hallo Martin,

wenn ich einen Preis zu vergeben h├Ątte, mit dem die beste Kritikerin der Leselupe auszuzeichnen w├Ąre, dann h├Ątte ich wahnsinnige Probleme, mich zwischen Andrea und kolibri zu entscheiden. Damit will ich dir nur sagen, wenn dir von Kolibri solches Lob widerf├Ąhrt, dann kann ich mir jeden Kommentar locker schenken und die hier so oft geschm├Ąhten, aber an dieser Stelle unumg├Ąnglichen Worte ausrufen: "Schlie├če mich der Meinung meiner Vorrednerin an!"

Nur eine winzige Frage: Was ist ein "Traktorstrahl" ?

Gru├č Ralph
__________________
Schreib ├╝ber das, was du kennst!

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Svalin
???
Registriert: Sep 2000

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Traktorstrahl

wird von Raumschiffen in bekannten Fernsehserien benutzt, um Objekte in n├Ąherer Reichweite "festzuhalten", eine Art Schlepptau ohne Seil ;-)

ausf├╝hrliche Details ... hier

Gr├╝├če Martin

P.S.: Hatte nicht bedacht, da├č manche/einige/viele diese Serien vielleicht nie gesehen haben ;-) *sch├Ąm*

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