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Leselupe.de > Kindergeschichten
Sternenstaub
Eingestellt am 04. 07. 2003 09:40


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Gabi Gennrich
Hobbydichter
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Sternenstaub

Staub an Deinen F├╝├čen – das Gesicht bestaubt,
doch am Himmel gr├╝├čen – Sterne ├╝ber Deinem Haupt.
Wandern wir im Kreise ewig um den Kern ?
Wohin geht die Reise zwischen Staub und Stern ?
Zwischen Staub und Sternen wandern wir dahin ....
(Autor unbekannt)


Diese Geschichte ist meinem Gro├čvater gewidmet, der mich in meiner Kindheit mit den sch├Ânsten Geschichten erfreut hat und der nach seinem Tod immer in meinen Gedanken gegenw├Ąrtig ist.
Wenn ich in klarer Sternennacht in den Himmel blicke, h├Âre ich noch immer seine liebevolle Stimme und das Leuchten der Sterne gibt mir die Gewissheit, dass auch er mich noch immer besch├╝tzt.




Lara und Ben sa├čen auf dem Fussboden. Vor ihnen stand ein gro├čer, roter Sessel, in dem der Gro├čvater der beiden Kinder sa├č.

Immer wenn Lara und Bens Eltern auf Reisen waren, k├╝mmerten sich die Gro├čeltern um ihre Enkel. Diesmal waren die Eltern f├╝r ein paar Tage gesch├Ąftlich im Ausland.
Am Flughafen hatten sie sich von ihren Kindern verabschiedet; einerseits ein bisschen traurig, dass sie die Kinder nicht mitnehmen konnten, aber andererseits auch beruhigt, denn bei den Gro├čeltern wussten sie ihren Sohn und ihre Tochter gut
aufgehoben.

Den Nachmittag verbrachten Lena, die am Vormittag in den Kindergarten ging und Ben, der bereits die erste Klasse besuchte, zusammen mit den Gro├čeltern.
Sie liebten es ganz besonders mit dem Gro├čvater im kleinen St├╝bchen zu sitzen und ihm zuzuh├Âren, wenn er ihnen Geschichten erz├Ąhlte.

Gro├čvater konnte die sch├Ânsten, spannendsten und geheimnisvollsten Geschichten erz├Ąhlen.
Er erz├Ąhlte viel aus seiner Jugendzeit, wie er als Sohn eines Sch├Ąfers mit vielen Tieren naturverbunden aufwuchs. ├ťber die verschiedensten Tiere konnte er etwas berichten und manchmal waren seine Geschichten wirklich so unglaublich, dass die beiden Kinder laut auflachten und wie aus einem Munde sagten: „Opa, hast du nicht vielleicht ein bisschen ├╝bertrieben?“
Der Gro├čvater wiegte seinen Kopf ein wenig hin und her und brummelte mit tiefer Stimme: „Glaubt’s oder glaubt’s nicht!“

Da war zum Beispiel die Geschichte von den Stofftieren, die beide Kinder mit Begeisterung sammelten. Gro├čvater hatte ihnen erz├Ąhlt, dass in der Sylvesternacht alle Tiere miteinander reden k├Ânnten, auch die aus Stoff.
Lara und Ben hatten sich das gemerkt und in der Nacht des 31. Dezembers aufmerksam darauf geachtet, ob wirklich so etwas passierte. Doch die Stofftiere sa├čen genauso regungslos da, wie die ├╝brigen 364 N├Ąchte des Jahres.

Als die Kinder den Gro├čvater darauf ansprachen, brummelte er nur wieder:
„Glaubt’s oder glaubt’s nicht!“
Im Stillen aber glaubten die Kinder an die Geschichten, die ihnen der Gro├čvater erz├Ąhlte. Wahrscheinlich hatten sie nur nicht richtig hingeh├Ârt – aber beim n├Ąchsten Mal, da wollten sie besser aufpassen.

Gro├čvater erz├Ąhlte auch vom Klo-Geist, der immer dann zum Leben erwachte, wenn jemand an der Klosp├╝lung zog.
Lara und Ben rannten nacheinander auf das Klo, aber au├čer dem Wasserrauschen war das nichts zu h├Âren – oder doch, war da nicht das Murmeln einer Stimme zu h├Âren? „Glaubt’s oder glaubt’s nicht!“

Am meisten machte es Lara und Ben aber Spass, den Gro├čvater ├╝ber Dinge auszufragen, die sie interessierten.
Ben hatte in der Schule schon viel dar├╝ber geh├Ârt wie das so mit den Babies war – woher sie kamen und wie es vor sich ging. Er hatte auch schon seine Eltern gefragt, doch die hatten ihm alles ganz ruhig und n├╝chtern erkl├Ąrt, so dass nichts Geheimnisvolles oder Spannendes mehr blieb und es genauso zu sein schien wie er das von seinen Klassenkameraden geh├Ârt hatte.

Ben wollte das nun noch einmal von seinem Gro├čvater h├Âren. Der Gro├čvater war aber zu einer ganz anderen Zeit geboren worden, in der diese nat├╝rlichen Vorg├Ąnge nicht unbedingt schon kleinen Kindern bis in alle Einzelheiten erkl├Ąrt wurden.
Deshalb wusste Ben auch schon vorher, das seine Geschichte ein klein bisschen anders sein w├╝rde.

So sa├čen Lara und Ben auf dem Fussboden vor dem Gro├čvater, der seinen Kopf auf seine rechte Hand gest├╝tzt hatte und lauschten gespannt seinen Worten.

„Kinder sind Sternenstaub“, waren seine ersten Worte. „Wenn ihr euch in einer klaren Nacht den Himmel anseht, werdet ihr viele, viele Sterne entdecken und wenn ihr denkt, dass ihr alle gesehen habt, so leuchtet immer noch einer mehr als ihr z├Ąhlen k├Ânnt.“ Der Gro├čvater atmete tief durch. „So ein Stern ist Jahrtausende alt und genauso wie ein Mensch w├Ąhrend seines Lebens Haare verliert“ – dabei fuhr er sich mit der Hand ├╝ber den Kopf – „verliert ein Stern Staubk├Ârnchen.“
Lara und Ben blickten sich an. Sie wagten es aber nicht den Gro├čvater mit Fragen zu unterbrechen.

„Diese Staubk├Ârnchen fliegen durch das Weltall und fallen eines Tages auf die Erde. Je nach Drehung der Erde werden sie in bestimmte L├Ąnder getragen – auf bestimmte Menschen, die dann ein Kind bekommen.“ Der Gro├čvater r├Ąusperte sich. „Die Chance vom Sternenstaub getroffen zu werden ist h├Âher als auf einen Lottogewinn“, f├╝gte er schmunzelnd dazu.

„So erkl├Ąrt es sich auch, warum manche Menschen, die gar keine Kinder wollen, trotzdem welche bekommen. Sie konnten dem Sternenstaub nicht ausweichen“, fuhr der Gro├čvater fort.
„Manchmal f├Ąllt der Sternenstaub in gro├čen Mengen auf die Erde. Dort gibt es dann besonders viele Kinder und manchmal bekommen Menschen, die sich sehnlichst ein Kind w├╝nschen, nichts von diesem Sternenstaub ab.“ Der Gro├čvater nickte den beiden Kindern zu.

„Woher willst du das wissen – das mit dem Sternenstaub?“ fragte Ben neugierig. „Ich wei├č’ es eben!“ brummte der Gro├čvater ein bisschen trotzig, holte tief Luft und wandte sich an Ben.

„Ben, du hast doch schon mal ein kleines Baby gesehen. Dann hast du vielleicht auch das Leuchten in seinen Augen bemerkt?“ sagte der Gro├čvater mit tiefer Stimme.
„In diesem Leuchten sieht man noch immer ein bisschen vom Sternenglanz“, fuhr der Gro├čvater fort. Ben und Lara kicherten leise. So recht wollten sie dem Gro├čvater das nicht glauben, aber trotzdem sagten sie kein Wort, sondern warteten gespannt darauf, was der Gro├čvater weiter erz├Ąhlen w├╝rde.

„Sicher habt ihr auch schon mal eine Sternschnuppe gesehen?“ fragte der Gro├čvater die beiden Kinder.

„Ja klar!“ antworteten beide wie aus einem Mund, „und wir haben uns dabei etwas gew├╝nscht!“

„Immer wenn eine Sternschnuppe vom Himmel f├Ąllt, wird ein ganz besonderer Mensch geboren. Das m├╝ssen nicht immer ber├╝hmte Leute werden. Nein, das sind Menschen wie Du und ich, aber wenn sie etwas aus ihrem Leben machen, werden sie vielleicht zu ber├╝hmten Menschen“, erz├Ąhlte der Gro├čvater weiter.
„Und wenn sie nicht ber├╝hmt werden, sind sie f├╝r die Leute, die sie kennen etwas Besonderes - so wie ihr beide etwas Besonderes f├╝r mich seid.“

Lara und Ben warteten, ob der Gro├čvater weiter erz├Ąhlen w├╝rde. Eigentlich hatten sie ja viele Fragen, aber es war einfach sch├Âner, den Erz├Ąhlungen zu lauschen.

Ben nutzte die kleine Pause und redete einfach los: „Opa, was sind wei├če Riesen und schwarze L├Âcher und warum hat man die Sternbilder mit Namen bezeichnet?“

Der Gro├čvater r├Ąusperte sich. Jetzt musste er sich aber etwas einfallen lassen, denn die Fragen von Ben waren schon ganz sch├Ân schwierig.

„Also, das ist so zu erkl├Ąren“, hab der Gro├čvater an, „wei├če Riesen sind Sterne, die kurz vor dem Erl├Âschen sind. Ein gro├čer Teil ihres Sternenstaubes ist bereits auf die Erde gefallen und mit all ihrer letzten Kraft versuchen sie noch einmal, ihren Sternenstaub im Weltall zu verteilen, dann erl├Âschen sie und werden zu schwarzen L├Âchern.“
Der Gro├čvater schloss die Augen und sein Gesicht wirkte nun sehr nachdenklich.
„Auch ein Stern strahlt nicht ewig am Himmel – sicherlich l├Ąnger als wir uns das vorstellen k├Ânnen, aber auch Sterne hinterlassen eine L├╝cke wenn sie nicht mehr da sind.“

Es interessierte die beiden Kinder brennend, noch mehr ├╝ber die Sterne zu erfahren, aber der Gro├čvater war m├╝de geworden und mochte nicht mehr erz├Ąhlen.
„F├Ąllt dir wohl nichts mehr ein?“, stellte Ben vorlaut fest, doch der Gro├čvater schmunzelte und sch├╝ttelte den Kopf.
„Ich wei├č noch viel mehr zu berichten – aber nicht mehr heute!“

Ben wusste genau, dass dies alles nur die Fantasien des Gro├čvaters waren, dass alles ganz anders war, aber es klang alles so wahr und verst├Ąndlich, dass er doch ein bisschen daran glaubte.
Und was Ben glaubte, das glaubte auch Lara.

Die beiden Kinder verlie├čen das Zimmer des Gro├čvaters. Morgen – ja morgen, da wollten sie weiter den Geschichten lauschen.
W├Ąhrend Lara und Ben im Garten umhertollten, war der Gro├čvater in seinem Sessel eingeschlafen. Die Erz├Ąhlungen hatten ihn m├╝de gemacht.

Gleich am n├Ąchsten Morgen wedelte Ben mit der Tageszeitung vor des Gro├čvaters Nase herum.
„Hier steht was ganz Komisches“, rief er dem Gro├čvater zu. „Lies selbst!“ Ben traute sich noch nicht so richtig etwas laut vorzulesen.
Der Gro├čvater griff die Zeitung, setzte seine Brille auf und las laut vor: „Die Zukunft steht in den Sternen!“ L├Ąchelnd sch├╝ttelte er den Kopf, „das ist doch nichts Besonderes. Es ist doch klar, dass mit Hilfe der Sterne in die Zukunft sehen kann.“
„Wie denn das?“, fragte Ben und Lara blickte den Gro├čvater mit erwartungsvollen Augen an. Beide wussten, dass jetzt wieder eine von Gro├čvaters sch├Ânen Geschichten folgen w├╝rde.

„Setzt euch hin und h├Ârt mir zu!“, wies der Gro├čvater die beide Kinder an, h├╝stelte einmal und ein zweites Mal und fing mit fester Stimme seine Erz├Ąhlung an:
„An den Tagen, an denen ihr geboren wurdet, standen die Sterne alle auf einem ganz bestimmten Platz im Weltall. Am Abend von Bens Geburtstag habe ich in den Sternenhimmel geschaut und sah den Stern Regulus besonders hell leuchten.“

Der Gro├čvater wandte sich an Ben. „Du, Ben, bist im Sternbild des L├Âwen geboren und der Name des hell leuchtenden Sterns bedeutet ‚kleiner K├Ânig’. Das warst du an dem Tag deiner Geburt f├╝r deine Eltern und wenn du ganz ehrlich bist, manchmal benimmst du dich auch noch heute so.“
Ben wollte etwas dagegen sagen, aber Lara hatte schon angefangen zu plappern: „Klar, Opa und br├╝llen wie ein L├Âwe das kann er auch!“
„Ach, du hast das ja gar nicht richtig verstanden!“, schnauzte Ben in Richtung Laras.
Der Gro├čvater schaute am├╝siert auf seine beiden Enkel. „Tja, Ben und so wie der Stern sich ver├Ąndert – so wie er seine Position zu den anderen Sternen ver├Ąndert – so wirst auch du dich ├Ąndern!“

„Opa“, Lara zupfte am Hemd├Ąrmel des Gro├čvaters, „was wei├čt du ├╝ber meinen Stern?“
Der Gro├čvater strich Lara liebevoll ├╝ber den Kopf. „Lara, dein Stern leuchtet immer wundersch├Ân. Es ist vielleicht das sch├Ânste und eindrucksvollste Sternbild des ganzen Himmels, denn an dem Tag an dem du geboren wurdest, leuchtete Bellatrix ganz hell und strahlend am Himmel.“
„Weiter, erz├Ąhl’ weiter“, Lara wollte mehr dar├╝ber h├Âren.

„Dieser Stern geh├Ârt zum Sternbild des Orion. Dieses Sternbild ist wirklich sch├Ân“, fuhr der Gro├čvater mit seiner Erz├Ąhlung fort.
„Der Sage nach konnte Orion alles besiegen, nicht mit Waffen, sondern mit seiner Sch├Ânheit und Kraft. Und wenn ich Dich so anschaue, dann sehe ich schon jetzt, dass du ein h├╝bsches M├Ądchen bist und mit deiner Kraft auch viel erreichen kannst.“
Ben prustete vor Lachen los: „Die und h├╝bsch ? – Keine Z├Ąhne, Sommersprossen, viel zu d├╝nne Beine – da muss sich aber noch viel ver├Ąndern...!“
Der Gro├čvater schmunzelte. „Mich hat sie damals schon um den Finger gewickelt.
Ich wollte keinen zweiten Schreihals im Hause haben“ – dabei blickte er auf Ben –
„ich wollte in den Keller ziehen...!“
Ben und Lara sahen sich an. Lara verzog das Gesicht zu einer Grimasse und Ben streckte ihr die Zunge aus.
„Auch wenn ihr euch noch soviel streitet. In den Sternbildern von euch beiden sind viele Doppelsterne und das bedeutet, dass ihr immer gerne zusammen sein werdet und auch, wenn ihr erwachsen seid, nicht aus den Augen verliert.“
„Abwarten!“, dachte Ben, aber im Stillen musste er ja zugeben, dass er seine Schwester doch ganz gern hatte.
Ben und Lara waren stolz darauf wie der Gro├čvater ihre Sternbilder erkl├Ąrt hatte und
ihnen wurde bewusst, dass er sie beide sehr lieb hatte.
Lara h├╝pfte auf den Scho├č des Gro├čvaters, hauchte ihm einen Kuss auf die Wange, rutschte wieder auf den Boden und verschwand mit Ben im Garten.
Gedankenversunken schaute der Gro├čvater beiden nach – es lag ein wenig Wehmut in seinem Blick.

Am Abend sa├čen Ben und Lara vor dem Fernseher und sahen wie eine Rakete mit Astronauten an Bord auf eine Reise ins Weltall geschickt wurden.
„Mensch, da frage ich aber Opa, warum man so etwas tut“, sagte Ben zu Lara und Lara nickte ganz eifrig.

Beide wussten, dass sich der Gro├čvater in sein kleines St├╝bchen zur├╝ckgezogen hatte. Er sa├č im Sessel und es sah aus als ob er schliefe.
„Psst, Opa, bist du wach?“, fragte Ben ganz leise und Lara zupfte vorsichtig an der Weste des Gro├čvaters.
„Mmmh, seid ihr schon wieder da?“, kam eine schroffe Stimme aus Richtung des Sessels. Ben und Lara sahen sich an. Was war mit dem Gro├čvater los? So einen schroffen Ton waren sie ├╝berhaupt nicht von ihm gewohnt.

Der Gro├čvater r├Ąusperte sich. „Na gut, kommt her – ich hab’s ja gar nicht so gemeint, aber ich bin m├╝de, einfach m├╝de.“ In diesem Worten klang etwas mit, was Ben und Lara noch nie von ihrem Gro├čvater geh├Ârt hatten und was sie auch nicht verstehen konnten.

Lara kuschelte sich ganz nahe an ihren Gro├čvater und Ben setzte sich im Schneidersitz auf den Boden vor dem Sessel.
Beide wagten es nicht auch nur einen Ton zu sagen bis schlie├člich der Gro├čvater mit tiefer und jetzt ganz sanfter Stimme fragte: „Na, ihr beiden, was habt ihr denn f├╝r eine Frage?“
Ben hob den Kopf und sagte leise: „Wir wollen dich aber nicht nerven. Du siehst so m├╝de aus und wenn du nichts erz├Ąhlen willst, dann bleiben wir hier einfach ganz still sitzen.“
Lara kuschelte sich bei den Worten Bens noch ein bisschen dichter an den Gro├čvater.
„Nein, nein – ihr beide nervt mich ├╝berhaupt nicht“, brummelte der Gro├čvater mit seiner tiefen Stimme. „Es tut mir leid, wenn ich euch Angst gemacht habe, aber einen Moment dachte ich, dass mich jemand ruft, den ich noch nicht kenne.“

‚Jetzt’ – dachte sich Ben, ‚jetzt kann ich wieder fragen!’ „├äh, Gro├čvater – wer soll dich gerufen haben? Wir waren das nicht...!“
„Vielleicht war es die Unendlichkeit – Ben, das kann ich dir nicht beantworten“, seufzte der Gro├čvater.
„H├Ąh, die Unendlichkeit – was ist das denn?“ Ben verstand kein Wort mehr. Er dachte aber im n├Ąchsten Moment schon wieder an seine Astronauten und ├╝berlegte, wie er beide Dinge unter einen Hut und zu einer Frage bringen konnte.

„Werden Astronauten auch gerufen, suchen sie die Zukunft oder warum fliegen sie ins Weltall?“ Benn wollte es jetzt endlich loswerden und wenn auch die Frage keinen
Zusammenhang zu haben schien – er war sie endlich los.

Der Gro├čvater wiegte den Kopf leicht hin und her. „Ob die Astronauten gerufen werden, das kann ich dir nicht sagen, denn ich habe noch mit keinem sprechen k├Ânnen. Vorstellen kann ich mir das schon, denn es geh├Ârt doch eine Menge Mut dazu, sich in den Weltraum zu den Sternen schicken zu lassen. Ich selbst h├Ątte den Mut nicht!“
Die Kinder lachten laut auf. „Wie, du h├Ąttest keinen Mut – das glauben wir dir nicht!“
„Na gut, ich bin ja auch nie gefragt worden,“ antwortete der Gro├čvater ein bisschen verletzt.
„Nein, aber jetzt ganz ernst“, fuhr der Gro├čvater fort. „Ich glaube schon, dass die Astronauten gerufen werden. Irgendetwas zwingt sie, sich dieser Strapaze zu unterziehen. Irgendetwas ruft sie.“
„Sie fliegen in das Weltall – ohne zu wissen, was sie dort erwartet. Oder wissen sie es doch?“, entgegnete Ben seinem Gro├čvater und Lara blickte von einem zum anderen.

Der Gro├čvater st├╝tzte seinen Kopf auf die Hand. „Es scheint, als wollen die Menschen ihr leben durch das Weltall begr├╝ndet sehen. Sie suchen die Spuren ihrer Herkunft und seht ihr – sie suchen sie bei den Sternen.“ Und voller ├ťberzeugung setzte der Gro├čvater hinzu: „Erinnert ihr euch, was ich ├╝ber den Sternenstaub erz├Ąhlt habe....!“
Ben sah den Gro├čvater mit weit aufgerissenen Augen an – so hatte er das noch gar nicht gesehen. Sollte letztendlich der Gro├čvater doch Recht haben.

„Morgen kommen eure Eltern wieder“, rief die Gro├čmutter ins Zimmer.
„Na ja!“, sagte Ben „sie bringen bestimmt etwas Sch├Ânes mit.“ Und leise f├╝gte er hinzu „... aber ganz ehrlich! Wir sind lieber bei euch, Oma und Opa!“ Lara nickte zustimmend.

„Zeit zum Schlafen!“ Gro├čmutters Stimme klang unerbittlich.
„Gute Nacht, Opa!“ klang es zweimal durch das Zimmer. Der Gro├čvater l├Ąchelte seine Enkel an und w├╝nschte sich im Stillen, dass er noch viel Zeit mit ihnen verbringen k├Ânnte.

Wie jeden Abend vor dem Schlafengehen blickten Ben und Lara aus dem Fenster
in den Himmel. Ben konnte viele Sterne erblicken, doch der hellste Stern stand heute an einer ganz anderen Stelle. Nachdenklich blickte Ben umher. „Heute stehen die Sterne ganz anders als vor ein paar Tagen!“, sagte er leise zu sich selbst.
Lara knufte ihn in die Seite. „Was hast du gesagt?“
„Heute sieht der Himmel anders aus!“, antwortete ihr Ben.
„Na das ist doch klar!“ gab Lara naseweis zur├╝ck. „Das habe ich doch schon von Opa gelernt, dass kein Tag wie der andere ist und dass deshalb auch der Sternenhimmel t├Ąglich anders ist...!“
„Jetzt f├Ąngst du auch schon mit solchen Spr├╝chen wie Opa an“, machte sich Ben ├╝ber Lara lustig.
„Pah, das habe ich mir selbst auch gedacht!“, erwiderte Lara beleidigt, drehte sich um, schl├╝pfte ins Bett und zog die Bettdecke ├╝ber den Kopf.
Ben stand noch lange am offenen Fenster, blickte in den Sternenhimmel und h├Ârte ganz leise noch immer die Worte seines Gro├čvaters.

Am n├Ąchsten Tag kehrten Lara und Bens Eltern wieder von ihrer Reise zur├╝ck – in ihrem Gep├Ąck viele kleine Mitbringsel f├╝r die Kinder.
So sehr sich Lara und Ben auch dar├╝ber freuten, dass ihre Eltern wieder da waren, so wichtig war ihnen aber auch, den Eltern die Geschichten zu berichten, die ihnen der Gro├čvater erz├Ąhlt hatte.
Der Tag verging und als beide am Abend vor dem Schlafengehen wie gewohnt aus dem Fenster sahen, war der Himmel wolkenverhangen – kein einziger Stern war zu sehen.

Sofort nach dem Aufstehen liefen die beiden zu ihrer Mutter. „Heute Nachmittag wollen wir zu Oma und Opa!“, sagte Ben und Lara nickte zur Best├Ątigung heftig mit dem Kopf.
Doch die Mutter erwiderte ihnen mit betr├╝bten Gesicht: „Opa geht es heute nicht so gut, deshalb k├Ânnt ihr die beiden heute nicht besuchen!“

Irgendwann am Nachmittag klingelte das Telefon. Ben und Lara versuchten zu erraten mit wem ihre Mutter wohl sprach. War es Oma? Konnten sie doch zu ihnen?
Doch schnell merkten sie, dass etwas nicht stimmte.
Sie sahen wie ihrer Mutter Tr├Ąnen in die Augen stiegen und ihre Stimme immer leiser wurde. „Ja, wir kommen sofort!“ – und sie legte den H├Ârer langsam auf.

„Gro├čvater ist tot“, sagte sie mit leiser Stimme und Tr├Ąnen in den Augen zu Lara und Ben, die sie erwartungsvoll anblickten.
Ben und Lara konnten die Bedeutung dieser drei Worte noch nicht sofort begreifen, aber sie merkten, dass sich von Minute zu Minute in ihrem Leben etwas ge├Ąndert hatte.
Sie fielen ihrer Mutter in die Arme und eine Zeit lang war nur ein Schluchzen zu h├Âren.

„K├Ânnen wir zu Oma und ... “, schnell unterbrach Ben seine Schwester.
„Wir m├Âchten zu den Gro├čeltern!“ sagte er mit fester Stimme aber mit Tr├Ąnen in den Augen. Die Mutter nickte.

Es war wie immer wenn sie zu den Gro├čeltern gingen, doch als Gro├čmutter die T├╝r ├Âffnete, merkten sie, dass heute alles anders war.
Keine fr├Âhliche Begr├╝├čung, kein Pfeifen des Gro├čvaters war zu h├Âren, stattdessen fielen sich die Erwachsenen wortlos in die Arme.
Lara und Ben standen ein bisschen verloren daneben.
„Kommt nur herein! Ich bin so froh, dass ihr da seid“ waren die Worte der Gro├čmutter.

Ben und Lara liefen zu Gro├čvaters kleinem St├╝bchen und dr├╝ckten leise die T├╝r auf.
Lara suchte Bens Hand, griff nach dieser und hielt sich ganz fest. Ben wiederum ergriff die Hand der Gro├čmutter und so betraten die drei – Hand in Hand – das Zimmer des Gro├čvaters.
Der Gro├čvater sa├č in seinem Sessel und hatte die Augen geschlossen. Sein Kopf war ein wenig zur Seite geneigt – es sah aus als ob er schliefe, doch sein Gesicht war von einem geheimnisvollen Leuchten ├╝berzogen.

Jeder im Zimmer f├╝hlte die friedliche Stimmung und niemand mochte sie auch nur durch ein Wort zu st├Âren.
Lara war die erste, die nach einer Weile die Stille durchbrach, zum Gro├čvater lief, seine Hand streichelte und leise schluchzte: „Tsch├╝├č, Opa – du bist jetzt der hellste Stern, den es je gab!“
Ben stand wie versteinert da. Er wusste nicht, was er tun sollte. Sein ├╝ber alles geliebter Gro├čvater konnte ihm keine Fragen mehr beantworten, keine Geschichten mehr erz├Ąhlen – kein ‚Glaubt’s oder glaubt’s nicht’ mehr brummen.
Mit h├Ąngendem Kopf drehte er sich um und verlie├č das Zimmer, dann nahm ihn seine Mutter in den Arm und er weinte leise.

Lara war die erste, die an diesem Abend am Fenster stand.
„Ben, komm’ schnell und schau!“ Ich sehe einen neuen Stern“ rief sie aufgeregt ihrem Bruder zu. Ben kam zum Fenster. „Wo?“ fragte er ziemlich ungl├Ąubig.
„Dort!“ Lara streckte seinen Arm aus und deutete mit dem Finger in den tiefdunklen Himmel.
„Der ist aber hell“ – Ben hatte den Stern jetzt auch entdeckt. „Das ist bestimmt Gro├čvaters Stern, der ab heute besonders hell leuchtet!“
„Ich hab’s ja immer gewusst! Gro├čvater hat immer recht gehabt! Glaub’ es oder glaub’s nicht!“ sagte Lara selbstbewusst und ├╝ber Bens Gesicht huschte trotz aller Traurigkeit ein L├Ącheln.

Ganz lange standen Lara und Ben an diesem Abend am Fenster und blickten in den Sternenhimmel und im leisen Wind h├Ârten sie die liebevolle Stimme des Gro├čvaters – „Glaubt’s oder glaubt’s nicht!“

Sie glaubten jetzt die Geschichten ihres Gro├čvaters, die sie wohl eines Tages ihren eigenen Kindern erz├Ąhlen werden.



Wenn du bei Nacht den Himmel anschaust, wird es dir sein,
als lachten alle Sterne, weil ich auf einem von ihnen wohne...
(Antoine de Saint Exup├ęry – Der kleine Prinz)

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3-Haar
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Hallo Gabi, auch ich bin erst neu hier. Ich lese regelm├Ą├čig
die Geschichten und Kritiken umzu lernen. Deine Geschichte gef├Ąllt mir supergut. Ich finde sie trifft direkt ins Herz.
Der Tod ist immer etwas trauriges, aber Du hast dieses Ereignis so beschrieben, da├č man sich daf├╝r nicht f├╝rchten mu├č. Gro├čes Kompliment, weiter so

Gru├č 3-Haar

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