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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Sternwarte
Eingestellt am 02. 01. 2013 00:17


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Anstandsherren
Hobbydichter
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Hinter der Höhle liegt eine Bucht. Es ist warm und hell, erst schmerzt es, doch schnell gewöhne ich mich an die direkte Sonne. Die Brise bewegt meine zerzausten Haare, meinen ungewohnten Bart und kitzelt. Ich lasse die KĂ€lte der Höhle hinter mir und blicke auf das Meer. Was hĂ€tte anderes hinter der Höhle sein können? Die Wellen verspotten mich fĂŒr meine Erwartungen. Nichts anderes als dieses uralte, ausgelutschte Symbol fĂŒr Weite und Freiheit wĂ€re hier recht. Bis auf das endlose Blau vor mir gibt es nur weiß bis braun. Der Strand geht nahtlos in die erdigen Farben der Felsen und unbezwingbar hohen Steilklippen ĂŒber. Die Höhle scheint der einzige Zugang zu dieser Bucht zu sein.

    Es gibt nur ein GebĂ€ude hier. Es ist ein großer Zylinder aus gelblichem, grobem Stein mit einer halboffenen Kuppel als Dach. Das GemĂ€uer ist brĂŒchig, an vielen Stellen fehlen Steine. Fenster sind nicht zu erkennen, dafĂŒr klaffen einige mannsgroße LĂŒcken aus dem Bau. Es scheint sehr alt und verlassen zu sein. Der Meeresspiegel holt es ein, ich wate durch das kniehohe Wasser zum Eingang. Eine kleine Treppe fĂŒhrt zum Rundbogen, hinter dem ich den großen, lichtdurchfluteten Raum erahne. Ich stĂŒtze mich gegen einen Pfeiler und mustere den Ort. Es gibt keine Möbel, keine Treppen, keine Raumaufteilung. Die runden WĂ€nde und das kaum noch vorhandene Dach erinnern an die Ruine eines Amphitheaters. In der Mitte erhebt sich ein kreisrundes Plateau, darauf befindet sich ein mĂ€chtiges, eisernes Konstrukt. Eine Art Liegestuhl, flankiert von gigantischen ZahnrĂ€dern, daran ein Apparat aus langen, glĂ€nzenden Schienen und Rohren. Was ist es? Wie konnte es in dieser verfallenen Umgebung so unberĂŒhrt bleiben, frei von Beulen und Rost? Ich will es genauer betrachten und trete nĂ€her. Aber nach wenigen Schritten halte ich verwundert inne.

    Dort liegt ein MĂ€dchen, zierlich und schlank, in einem schlichten, weißen Kleid. Sie scheint zu schlafen. Ist sie tot? Ich komme nĂ€her. Ihre langen roten Haare reichen bis zur HĂŒfte. Es sind verfilzte StrĂ€hnen, Dreadlocks. Sie sehen glatt und weich aus, natĂŒrlich und erhaben, von Meer und Sonne geformt und gepflegt. Nicht wie die zerzausten, schlecht gefĂ€rbten Versuche der verunsicherten MĂ€dchen, mit denen ich einst schlief. Als ich leise an den Maschinenstuhl trete, schlĂ€gt sie ihre Augen auf. Sie dreht den Kopf zu mir und begrĂŒĂŸt mich mit einem entspannten, fast ausdruckslosen Gesicht.
    â€žEntschuldige, ich habe geschlafen. Willkommen in der Sternwarte.“
    Ihre Stimme ist hell und klar. Ich lasse mich von ihr umhĂŒllen wie von einer warmen Decke. Sie bleibt regungslos und scheint auf ein Wort von mir zu warten. Ich weiß nicht, was ich sagen sollte und merke mit einem Mal, wie erschöpft ich bin. Mein Mund ist schwer und trocken. Der Weg durch die Höhle war anstrengend. Ob sie auch durch die Höhle hierher kam? Oder mit einem Boot? Mit einem FluggerĂ€t?
    â€žTrink etwas.“
    Gute Idee. Ich nicke und taste nach der Dose in meiner Jackentasche. Sie hat die KĂ€lte der Höhle noch nicht abgegeben. Ich nehme sie heraus und öffne den Verschluss mit einem Knack und einem Zisch. Ich trinke das sĂŒĂŸe Zeug, es pappt auf meiner ledrigen Zunge. Klares Wasser wĂ€re mir lieber, aber ich möchte nicht fragen. Das MĂ€dchen erhebt sich aus seiner halb liegenden Position und setzt sich auf. Ihre Beine baumeln kindlich von der Stahlmaschine herab. Ich schlucke und schlucke mein GetrĂ€nk und schiele an der Dose vorbei. Sie ist barfuß, ihre Zehen scheinen gerade aufzuwachen, sie spielt damit, dehnt sie, ĂŒber Kreuz, auf und ab. Reflektionen tanzen mit meinem verzerrten Spiegelbild ĂŒber das Blech.
    â€žWas ist das?“ fragt sie und streckt eine Hand zu mir.
    â€žKirschkola“ sage ich.
Ein schwieriges, sperriges Wort fĂŒr einen, der lange Zeit nicht gesprochen hat und ohnehin selten den Mund aufmacht. Ihr Arm bleibt lang auf mich gerichtet, ihre Mimik unverĂ€ndert. Ich reiche ihr die Dose. Unsere Finger berĂŒhren sich fĂŒr einen kurzen Moment. Sie ist warm von Sonnenlicht und Schlaf. WĂ€hrend sie trinkt, ordne ich meine Gedanken und lege mir SĂ€tze zurecht. Sprechen ist anstrengend. Sie trinkt langsam und sehr bedacht.
    Ich frage: „Was tust du hier?“
    Sie setzt die Dose neben sich auf dem Stuhl ab.
    â€žSternwarte.“
    Sie formt jedes Wort mit Freundlichkeit und Klarheit, als wolle sie betonen, wie einfach und selbstverstĂ€ndlich es ist.
    â€žIch warte auf die Sterne.“
    â€žDas heißt es? Ich dachte, Warte kommt von
“
    Ich brauche ein paar Sekunden, um mich an die Begriffe zu erinnern.
    â€žâ€Švon ‚Wartung‘, ‚Pflege‘ – so wie ‚Hausmeister‘.“
Sie lĂ€chelt ĂŒberrascht, jedoch ohne den Mund zu verĂ€ndern. Nur an ihren Augen erkenne ich ihre Belustigung.
„Hausmeister des Himmels, das gefĂ€llt mir.“
Wir sehen uns stumm an. Kirschkola hin oder her, ich spĂŒre eine weitere Welle der MĂŒdigkeit in mir aufkommen. Sie berĂŒhrt mich sanft an der Schulter und ich



    Er schlĂ€ft. Sie muss sich nicht vergewissern. Die Reise war lang, sein Gesicht zeigt Gruben der Erschöpfung. Sie ließ ihn sanft auf den Boden gleiten. Auf dem warmen Steinboden der Sternwarte wird er sich erholen können. Sie steigt vom Plateau hinab und streift mit einem schlanken Zeigefinger den TrĂ€ger des Kleides ĂŒber ihre Schulter. WĂ€hrend sie durch den Raum schreitet, gleitet das Kleid schwerelos von ihr, wie eine nutzlose, verbrauchte Haut. Sie verlĂ€sst das GebĂ€ude. Das kalte Meerwasser belebt ihre Waden. Sie spaziert nackt ĂŒber den Strand. Es gibt dort keinen Grund fĂŒr Kleidung, keine Scham, keine StĂŒrme. Sie kennt jedes Tier, jede Gefahr im GewĂ€sser und weiß sich davor zu schĂŒtzen. Solange er schlĂ€ft verabschiedet sie sich von der Bucht. Die kommende Nacht wird ihre letzte sein.



    Am Horizont verschmelzen zwei Dunkelheiten. Die Gischt tanzt im Rhythmus eines gleichschlagenden Herzen. Eine weiße Linie, ein EKG zwischen den Elementen. Sie beruhigt sich, flacht ab, schließlich steht sie still.
    Das Meer ist tot.
    Der Himmel ist tot.
    Aus dem Nichts wird ein Wesen geboren. Das Wasser bebt, eine Insel erhebt sich aus den Tiefen. Fluten stĂŒrzen hinab, die wiederbelebte Brandung teilt sich. Die Insel steigt weiter auf, GesichtszĂŒge werden erkennbar. Das Fließen und Prasseln des Wassers erfĂŒllt die Nacht mit mĂ€chtigem Schall. Es ist ein Gigant, ein riesiges Wesen mit menschlichen ZĂŒgen. Bis zum flachen Oberkörper hat es sich aus dem Meer erhoben. Es scheint mĂ€nnlich zu sein. Das Wasser beruhigt sich. Am Strand wartet eine junge Frau, ohne Kleider. Die Stille ist zurĂŒckgekehrt. Das MĂ€dchen und der Riese stehen sich stumm gegenĂŒber. Sie genießen den Anblick, die Stille, die KĂŒhle der Nacht. Der Gigant schließt genussvoll die Augen, ein Buddha-haftes LĂ€cheln ziert sein Gesicht. Seine NasenflĂŒgel weiten sich, er ergötzt sich am salzigen Duft des Strandes. Das MĂ€dchen schreitet auf ihn zu, er hebt seine massiven Unterarme aus dem Wasser und breitet seine HandflĂ€chen am Ufer vor ihr aus. Sie ist gerade so groß wie zwei seiner Finger. Sie betritt seine ĂŒbereinandergelegten HĂ€nde wie ein Floß, er hebt sie an sein Gesicht. Sie betastet seine riesigen Lippen, streichelt sie wie den Bauch eines geliebten Tieres. Dann kĂŒsst sie ihn.
    Sturmwolken schieben sich vor Sterne und Mond. Der Gigant hĂ€lt seine HĂ€nde schĂŒtzend um sie und birgt sie gegen seine Brust. Sie presst sich an ihn, sucht nach seinem Herzschlag. Es beginnt zu regnen, die Wellen gewinnen an Höhe. Über dem Festland schlagen Blitze durch die Wolkendecke. Der Gigant schreitet auf das Ufer zu, sein Körper erhebt sich StĂŒck fĂŒr StĂŒck aus dem Wasser. Auch seine untere HĂ€lfte ist durch und durch mĂ€nnlich. Er streckt eine Hand zum Himmel, sie verschwindet in den dĂŒsteren Wolken. Er verbindet die SphĂ€ren. Blitze zucken ĂŒber seinen erhobenen Arm, sein unverĂ€ndert entspanntes Gesicht wird von blauem Licht ĂŒberströmt. Mit der anderen Hand lĂ€sst er das MĂ€dchen hinab. Unterhalb der HĂŒfte setzt er sie ab. Zwischen seinem Leib und seinem Glied ruht sie wie gegen einem breiten Baumstamm gelehnt. Sie umklammert sein Geschlecht und beginnt, das Leben vieler Generationen zu trĂ€umen.



    â€žIch trĂ€ume nicht mehr.“
    â€žDas höre ich von vielen meiner Patienten.“
    Doktor Leid weitete die NasenflĂŒgel und kratzte sich mit einem billigen, angeknabberten Kugelschreiber nah am Nasenloch. Werbegeschenk, Holiday Inn. Ich spĂŒrte das Verlangen, seine haarige Hand mit aller Kraft von unten anzutreiben und ihm den blöden Stift lĂ€ngs durch den Riecher bis in die Hirnrinde zu treiben. Schön pfĂ€hlen, die graue Masse des Therapeuten. Das wĂ€re wenigstens aufrichtig.
    â€žEs gibt Theorien, denen zufolge jeder Mensch in jeder Nacht trĂ€umt. Die Frage sei nur, ob sich der TrĂ€umende am nĂ€chsten Tage daran erinnern mag. Wie stehen Sie zu diesem Ansatz?“
    Mein Erinnerungsvermögen war tatsĂ€chlich schlecht. Ich konnte mich zum Beispiel zum Verrecken nicht daran erinnern, warum ich mich freiwillig diesem fettglatzigen Quacksalber anvertraute, der in jedem einzelnen beschissenen Satz zur Schau stellen musste, wie verdammt gebildet er doch ist.



    â€žIch hatte einen bizarren Traum“
    Es ist Nacht geworden. Zwischen uns steht ein niedriger Tisch, darauf eine Kerze, dazu Teetassen und eine Kanne. Ich frage nicht, wo diese Dinge herkommen. Das gehört zu den weniger spektakulĂ€ren Erscheinungen der letzten Zeit. Stattdessen erzĂ€hle ich ihr, woran ich mich erinnere: Den Giganten, das Meer – war es dieses? Die Sternwarte kam nicht vor. Das MĂ€dchen hört zu und trinkt Tee. Mit dem Untergang der Sonne ist es kĂŒhl geworden, sie trĂ€gt mittlerweile eine schwere grĂŒne Strickjacke ĂŒber ihrem Kleid. Ich bin fertig mit meiner ErzĂ€hlung und trinke selbst. Der Tee ist leicht bitter, aber sehr erfrischend. Ihr Gesicht verrĂ€t mir, dass sie viel zu meinem Traum sagen könnte. Wahrscheinlich kennt sie die Symbole, vielleicht ist ihr der ganze Traum vertraut. Vielleicht war sie selbst das MĂ€dchen darin. Sie bleibt bei ihrem eleganten Schweigen und schenkt uns beiden eine weitere Tasse ein. Dann schließt sie Augen, atmet tief und spricht.
    â€žFĂŒhlst du dich erholt?“
    â€žJa, sehr.“
    Es wundert mich, aber es ist die Wahrheit. Der Schlaf hat mich von allen Strapazen der Höhle befreit.
    â€žDann zeige ich dir jetzt, wie man das Teleskop bedient.“
    Sie steht auf und nimmt mich an die Hand. Wir gehen zur Maschine. Sie fĂŒhrt meine Hand ĂŒber das noch lauwarme Metall, gemeinsam liebkosen wir es wie ein treues, altes Tier, dem wir viel Freundschaft verdanken. Bilder aus meinem Traum schießen mir durch den Kopf. Es ist hell, der Mond und die Sterne strahlen vom makellos klaren Himmel zu uns, die kleine Kerze drĂŒben wĂ€re kaum nötig. Es ist die klarste Nacht, die ich je erlebt habe. Die Winde vom Meer scheinen jedes Wölkchen fortzuleiten. Sie lĂ€sst meine Hand frei und geht ein paar Schritte um den tiefen Sitz. Ich berĂŒhre weiter die Rohre und Bolzen. Der vorhin noch so befremdliche Apparat wird mehr und mehr zu einer VerlĂ€ngerung meines Körpers, wie das Schwert eines SchwertkĂ€mpfers. Das MĂ€dchen bedient eine Kurbel, der Stuhl beginnt sich zu drehen. Ich sehe ihr zu und merke mir ihre Bewegungen. Die GerĂ€usche des sich bewegenden Teleskops gehen im Rauschen der Wellen auf. Als das GerĂ€t zur Ruhe kommt, sagt sie:
    â€žDu wĂ€hlst die Position. Dann guckst du. Das war‘s.“
    Sie lĂ€chelt zum ersten Mal mit ihrem Mund. Es ist bezaubernd. FrĂŒher hĂ€tte ich vor Augen gehabt, wie ich sie am Hals packe und in den Stuhl presse, ihr Kleid nach oben schiebe, ihre jungen BrĂŒste aus dem Ausschnitt drĂŒcke, mein Gesicht darin vergrabe, mich an ihrem Widerstand erfreue. Das war frĂŒher. Ich erinnere mich an die Scham, die mit solchen Vorstellungen kam. Beides ist Vergangenheit, die Bilder und die Scham. Sie ist schön und ich lĂ€chle zurĂŒck, weil es ansteckend ist.
    Es gibt unzĂ€hlige Fragen. Es ist wohl egal, mit welcher ich beginne. Ich entscheide mich fĂŒr:
    â€žWie lange werde ich hier sein?“
    â€žSolang du willst. Bis jemand anderes kommt. Es darf stets nur ein Mensch in der Sternwarte sein.“
    â€žBedeutet das, du gehst?“
    â€žJa, gleich morgen frĂŒh. Das ist die Regel.“
    Es gefĂ€llt mir nicht. Ich möchte so gerne mit ihr sprechen, sie kennenlernen. Es fiel mir immer schon schwer, Regeln zu akzeptieren, deren Sinn ich nicht kenne. Das sage ich ihr. Sie antwortet:
    â€žEs ist eine gute Regel. Andere Menschen geben dir schnell die Idee, du hĂ€ttest eine Grenze.“
    Sie strahlt nach wie vor aus, dass sie wenig reden will. Ich soll nicht hören, sondern fĂŒhlen, erfahren, mit meinem ganzen Wesen verstehen statt nur mit dem Verstand. Ich habe die Methode lĂ€ngst verstanden und ich schĂ€tze sie. Trotzdem will ich soviel wie möglich mit ihr reden, also frage ich das Offensichtliche:
    â€žHabe ich denn keine Grenze?“
    â€žNatĂŒrlich. Du bist hier, um sie zu verschieben.“
    â€žWie weit?“
    â€žBis ins Unendliche.“ Sie zeigt mit dem Zeigefinger nach oben.
    â€žKann ein Mensch das schaffen? Hast du es geschafft?“
    â€žNatĂŒrlich nicht, aber man kommt erstaunlich weit, wenn man nicht zu viel darĂŒber nachdenkt.“
    Wenn das Universum unendlich ist, bin ich stets im Mittelpunkt des Universums. Egal wo ich bin, es dehnt sich in jede Richtung unendlich weit aus – ich bin der Mittelpunkt. Im Verstand weiß ich das, es ist ein simples und anmutiges Gedankenspiel. Es zu spĂŒren und zu verstehen ist dagegen etwas ganz anderes. Ob der Blick in die Sterne mir dabei hilft? Ich wĂŒnsche es mir und bemerke im selben Moment, wie eben diese Hoffnung meinen Verstand belastet, mein Wesen unfrei macht. Sie scheint gemerkt zu haben, dass ich mich in Gedanken verliere und streichelt meine Wange. Ich komme zurĂŒck in den Moment. Sie ist so jung und so schön, sie ist mir so weit voraus. Wie weit genau?
    â€žWie alt bist du?“
    â€žIch weiß es nicht genau.“ Sie ĂŒberlegt kurz. „Wirklich nicht. Ich hatte einen sechzehnten Geburtstag, daran kann ich mich erinnern. Aber danach? Ich bin seitdem ziemlich viel Bus gefahren.“

    Ich lache laut. Sie lacht mit mir. Ich kenne diesen Bus.
Am nĂ€chsten Morgen ist sie fort. Ob der Gigant sie ĂŒber die See getragen hat?

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Val Sidal
???
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Anstandsherren,

danke fĂŒr deine Mail. Nur damit es am Text bleibt, antworte ich hier in LL.
Ich habe einige Stellen des Textes herausgepickt, um die Richtung meines Arguments zu veranschaulichen:

quote:
Hinter der Höhle liegt eine Bucht. Es ist warm und hell (...) Die Höhle scheint der einzige Zugang zu dieser Bucht zu sein.
Der Anfang: einladend, atmet eine gewisse UnschÀrfe (ist es wirklich Höhle, wenn er Höhle sagt, oder eine Metapher, oder noch etwas anderes?)


quote:
Das GemĂ€uer ist brĂŒchig, an vielen Stellen fehlen Steine. Fenster sind nicht zu erkennen, dafĂŒr klaffen einige mannsgroße LĂŒcken aus dem Bau. Es scheint sehr alt und verlassen zu sein. Der Meeresspiegel holt es ein, ich wate durch das kniehohe Wasser zum Eingang.

Hier beginnt die sprachliche Entgleisung - Stellen rot markiert.

quote:
Eine kleine Treppe fĂŒhrt zum Rundbogen, hinter dem ich den großen, lichtdurchfluteten Raum erahne. Ich stĂŒtze mich gegen einen Pfeiler und mustere den Ort.
Wenn ich an einem unbekannten Ort bin, erahne ich nicht "den großen, lichtdurchfluteten Raum". Auch Ahnungen sollten irgendwie nachvollziehbare AufhĂ€nger haben. Der Text lenkt meine Aufmerksamkeit auf das Innere des GebĂ€udes, doch dann sehe ich den Protagonisten gegen einen Pfeiler gestĂŒtzt, den Ort (außen) musternd. Irritierende KamerafĂŒhrung.

quote:
Was ist es? Wie konnte es in dieser verfallenen Umgebung so unberĂŒhrt bleiben, frei von Beulen und Rost? Ich will es genauer betrachten und trete nĂ€her. Aber nach wenigen Schritten halte ich verwundert inne.
Die vorausgehenden Fragen vertonen den Gedankengang unmittelbar: O-Ton des Protagonisten. Dann verkĂŒndet der Ich-ErzĂ€hler, den Protagonisten-Ich reflektierend, was der will und tut. Ich weiß, dass auch Bestsellerautoren (zumindest ihre Übersetzer) Ähnliches tun - es wird aber dadurch auch nicht besser (könnte etliche Beispiele bringen). Das wirkt auf mich, wie in einem Film, in dem ich eine Stimme aus dem OFF höre(gehört zur Story), und gleichzeitig, das Quacken des fĂŒr Sehbehinderte erzĂ€hlenden Sprechers.

quote:
Dort liegt ein MĂ€dchen, zierlich und schlank, in einem schlichten, weißen Kleid. Sie scheint zu schlafen. Ist sie tot?
Vier Adjektive in einem Satz, um mir ein Kitschbild-MĂ€dchen zu zeigen - krass, der sprachlcihe Unterschied zum Anfang. Von der InitialatmospĂ€re ist jetzt nichts mehr ĂŒbrig. Und warum sollte sie tot sein? Vielleicht nur besoffen? Ich weiß, das klingt böse, aber es war meine erste spontane Reaktion auf den Text. WĂŒrde sich der Protagonist dem MĂ€dchen nĂ€hern, könnte Leser verfolgen, wie er versucht, sich Klarheit zu verschaffen, oder er könnte zurĂŒckschrecken, und Leser wĂŒrde auch inne halten: alles andere als ein MĂ€dchen hĂ€tten wir hier erwartet - alles andere - droht vielleicht Gefahr? Leser wĂŒrde aus dem gezeigten Geschehen weitere Details ĂŒber den Ort und ĂŒber den Protagonisten erfahren.

quote:
Ich komme nÀher.
Statt zu sagen, dass der Protagonist nÀher kommt, könnte er zeigen, wie sich durch das nÀher Kommen, das Bild verÀndert - oder der innere Zustand des Protagonisten oder beides.

quote:
Ihre langen roten Haare reichen bis zur HĂŒfte. Es sind verfilzte StrĂ€hnen, Dreadlocks. Sie sehen glatt und weich aus, natĂŒrlich und erhaben, von Meer und Sonne geformt und gepflegt. Nicht wie die zerzausten, schlecht gefĂ€rbten Versuche der verunsicherten MĂ€dchen, mit denen ich einst schlief.
Also wenn mit "schlief" Sex gemeint ist, dann wĂŒrde der angefĂŒhrte Vergleich erst funktionieren, nachdem der Protagonist mit dem MĂ€dchen ebenfalls...

quote:
Ihre Stimme ist hell und klar. Ich lasse mich von ihr umhĂŒllen wie von einer warmen Decke.

Das Bild ist an und fĂŒr sich gelungen - man kommt nur ins Schwitzen, denn anfangs hieß es: "Es ist warm und hell..."


quote:
(...) merke mit einem Mal, wie erschöpft ich bin. Mein Mund ist schwer und trocken. Der Weg durch die Höhle war anstrengend. Ob sie auch durch die Höhle hierher kam? Oder mit einem Boot? Mit einem FluggerÀt?
Das Bild mit dem schweren Mund funktioniert nicht. Eingangs hieß es, die Höhle sei (mutmaßlich) der einzige Zugang, obwohl das Meer fĂŒr das Boot, und die Luft fĂŒr ein FluggerĂ€t (das klingt ĂŒbrigens nach Leonardo da Vinci) bereits zu dem Zeitpunkt wahrnehmbar waren. Über diesen Abschnitt mĂŒsste noch einiges gesagt werden, aber ich belasse es vorerst dabei.


quote:
Ich nehme sie heraus und öffne den Verschluss mit einem Knack und einem Zisch. Ich trinke das sĂŒĂŸe Zeug, es pappt auf meiner ledrigen Zunge (...) Ich schlucke und schlucke mein GetrĂ€nk und schiele an der Dose vorbei.

Das Schielen tut mir leid - hÀtte ich nicht gedacht...
Ich nehme mal an, dass "Knack und Zisch" zwei Werkzeuge zum öffnen von Dosen sind...

quote:
„Was ist das?“ fragt sie und streckt eine Hand zu mir.
„Kirschkola“ sage ich.
Ein schwieriges, sperriges Wort fĂŒr einen, der lange Zeit nicht gesprochen hat und ohnehin selten den Mund aufmacht.
Ich frage: „Was tust du hier?“
Sie setzt die Dose neben sich auf dem Stuhl ab.
„Sternwarte.“
Sie formt jedes Wort mit Freundlichkeit und Klarheit, als wolle sie betonen, wie einfach und selbstverstÀndlich es ist.
„Ich warte auf die Sterne.“
„Das heißt es? Ich dachte, Warte kommt von
“
Ich brauche ein paar Sekunden, um mich an die Begriffe zu erinnern.
„
von ‚Wartung‘, ‚Pflege‘ – so wie ‚Hausmeister‘.“
Der Dialog beginnt schlecht, wird von metastasierenden Kommentaren durchsetzt, und stĂŒrzt ganz banal ab.

quote:
Sie lĂ€chelt ĂŒberrascht, jedoch ohne den Mund zu verĂ€ndern.

Wie geht das? Oder wenn, dann tut's doch jeder, einfach so, ohne chirurgischen Eingriff.



Und dann,

plötzlich...

quote:
Er schlÀft. Sie muss sich nicht vergewissern. Die Reise war lang, sein Gesicht zeigt Gruben der Erschöpfung. Sie ...
Wow! Wer zum Teufel "Er"? Und wer ist "Sie"? Doch nicht etwa das ES des MĂ€dchens?

So... Das sollte reichen, um dir zu zeigen, in welche Richtung ich denke. Es ist (auch bis zu diesem Punkt, keine erschöpfende Analyse; wollte nur meine UrsprungseinwÀnde an der Sache konkretisieren.
Meine Flapsigkeit soll nicht beleidigen. Ich reagiere damit nur etwas Frust ab, der beim Lesen entstanden war. Frust - weil ich die Idee der Geschichte fĂŒr tragfĂ€hig halte.

Nach meiner EinschĂ€tzung mĂŒsste der Text grĂŒndlich bearbeitet werden - auch was die Rechtschreibung betrifft.

Lass mich wissen, ob es dir hilft.
__________________
valS
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© Meine Werke und Kommentare sind mein Eigentum. Diebe werden verflucht.

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