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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Stiefel
Eingestellt am 29. 11. 2001 19:10


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Kyra
Fast-Bestseller-Autor
Registriert: Mar 2001

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Stiefel (Thema von Blind, andere Geschichte)


Die N√§chte waren inzwischen sehr kalt. Ihre H√§nde umklammerten die Griffe der Schubkarre. Der eisige Wind durchdrang die Schichten von Unterhemden, Pullovern und der derben Strickjacke m√ľhelos. Vor wenigen Stunden hatte sie noch vor Anstrengung geschwitzt, als sie die Karre den gewundenen Weg bergauf schob. Da war sie noch bei den anderen gewesen, bei ihrer Familie und den wenigen, die heute Morgen als letzte das Dorf verlassen hatten. Alle hatten schwer zu schleppen, Marfas Mutter musste die beiden Kleinen schon nach wenigen Stunden tragen, trotzdem ist sie nicht zur√ľckgeblieben. Sie mussten sich alle sehr beeilen, das Grollen der Gesch√ľtze war bereits aus der Ferne zu h√∂ren, keine Zeit f√ľr eine kurze Rast. Die Mutter trieb sie immer wieder an, trotzdem blieb sie weiter und weiter zur√ľck,
… bitte lass mich einen Augenblick ausruhen, Mutter. Ich komme nach. Ich kenne den Weg zum Lager…, sieh doch mir kippt die Karre um, ich kann sie nicht mehr halten…, ich schlafe bestimmt nicht ein, muß mich nur einmal ein wenig setzten….

Die Mutter ist schlie√ülich mit den anderen weiter gezogen, Marfa war ja schon ein gro√ües M√§dchen mit ihren vierzehn Jahren. Als sie dann ersch√∂pft am Rande des Weges sa√ü, es war Nachmittag und die Sonne schenkte noch ihre letzte Herbstw√§rme, war sie doch eingeschlafen. Sie erwachte bei Einbruch der D√§mmerung. Marfa sprang rasch auf, fast w√§re sie √ľber die zwei langen R√∂cke gestolpert, die sie trug. Sie trug alles am Leib, was sie an Kleidung besa√ü, trotzdem w√ľrde die K√§lte bald bis zu ihrer Haut durchdringen.
Eilig r√ľckte sie die Habseligkeiten ihrer Familie in der Schubkarre zurecht, ein kleines Fernsehger√§t mit verbogenen Antennen, Gummistiefel, alle Decken die sie hatten und eine kleine Holkiste mit Fotos und dem wenigen Schmuck der Mutter, Essbesteck, zwei T√∂pfe und ein wenig Geschirr. All dies war mit mehreren Seilen zu einem schwankenden Haufen zusammengebunden. Sie musste beim Schieben aufpassen, versuchen den Schlagl√∂chern auszuweichen, die dicken Steinbrocken welche manchmal mitten auf dem Weg lagen umkurven. Am Tage war das kein Problem gewesen, jetzt hatte die Nacht sie erreicht, der letzten hellen Streifen verschwanden hinter der Mauer des Gebirges. Marfa f√ľrchtete die Dunkelheit nicht. Sie war noch nie alleine so weit aus dem Dorf hinausgewandert, aber so lange sie auf dem Pfad blieb, w√ľrde sie zum Lager kommen. Sicher war ihre Mutter besorgt, sie musste sich eilen, durfte aber auf keinen Fall ihr schaukelndes Gef√§hrt umkippen.
Sie konnte den knochenwei√üen Weg vor sich gut erkennen. Der aufgehende Vollmond schien hell, pl√∂tzlich hatte sie das Gef√ľhl, aus den nahen Bergen beobachtet zu werden. Sie wusste, was die Soldaten mit Frauen machten, mit ihrer Mutter hatten sie es schon zweimal gemacht ‚Äď es hatte f√ľr Marfa keinen Namen, ihre Mutter wollte nicht dar√ľber sprechen. Einmal, als Marfa noch ein Kind war, drangen eine ganze Horde M√§nner in das Haus ein, einer der Soldaten stie√ü sie aus dem Zimmer. Weinend h√∂rte sie damals die Bitten und Schreie der Mutter durch die geschlossene T√ľr.
Die Erinnerung daran lie√ü sie schneller gehen, fast w√§re sie gegen eine gro√üen Stein gesto√üen. Jetzt hatte sie Angst, obwohl die Sch√ľsse aus weiter Ferne zu ihr drangen, f√ľhlte sie Blicke auf sich. Marfa versuchte sich auf die steinige Strecke zu konzentrieren. Wenig sp√§ter musste sie einen Augenblick anhalten, ihre H√§nde waren inzwischen so kalt, sie musste sie bewegen, um sie etwas zu erw√§rmen.
Die Augen furchtsam zu den nahen H√ľgeln gerichtet, wollte sie ihren warmen Atem in die Handfl√§chen blasen. Marfa erstarrte vor Schreck, ihre H√§nde waren verschwunden, auch die √Ąrmel ihrer Jacke schienen leer zu sein. Ungl√§ubig fasste sie sich ins Gesicht, hier konnte sie die Spitzen ihrer eisigen Finger genau f√ľhlen. Sie f√ľhlte sich wie in einem Traum, als sie vorsichtig dorthin blies, wo ihre unsichtbaren Fingerspitzen zu sein schienen. Ein schmerzhaftes Kribbeln ging der langsamen Erw√§rmung voraus. Offenbar war alles wie sonst, nur waren sie nicht mehr zu sehen. Neugierig hob sie ihre Jacke und Pullover, nichts, ihr Bauch war ebenso verschwunden wie ihre Br√ľste. Auch als sie umst√§ndlich ihre R√∂cke hob, waren die Beine unter den derben Wollstr√ľmpfen nicht mehr sichtbar.

Obwohl sie nicht verstand, was dies bedeuten k√∂nne, war sie erleichtert, ja fast gl√ľcklich dar√ľber. Als kleines M√§dchen hatte sie sich oft vorgestellt, was sie alles mit einer Tarnkappe anstellen k√∂nnte. Damals hatte sie davon getr√§umt, in den Krieg zu ziehen, wie die M√§nner. Ganz alleine h√§tte sie den Feind √ľberwinden k√∂nnen, ber√ľhmt w√§re sie geworden, eine Heldin.
Fr√∂hlich setzte sie ihren Weg fort, drei Stunden hatte sie bestimmt noch zu gehen bis zum Fl√ľchtlingslager.
Marfa konnte ihre Augen kaum von den Griffen der Schubkarre abwenden, so sehr gefiel ihr der Anblick der hölzernen Handgriffe.
Sie war in Sicherheit, wenn sie die Kleider auszog, w√ľrde sie niemand mehr sehen k√∂nnen. √úberm√ľtig begann sie ein Lied zu singen, schaute herausfordernd in die d√ľsteren Berge. Als sie schlie√ülich eine Anh√∂he erreichte, sah sie die gelblichen Lichter des Lagers im Tal. Beim Abstieg musste sie die Karre mit ihrem ganzen Gewicht bremsen. Sie bemerkte die Gestalten nicht, die vom Hang auf sie zukamen. Erst als sie ihr Lachen h√∂rte, blieb sie erschrocken stehen. Die ersten M√§nner waren unterhalb von ihr auf dem Weg getreten, standen zwischen ihr und der rettenden Senke. Noch hatten die Soldaten sie nicht bemerkt. Mit zitternden H√§nden begann sich Marfa auszukleiden, so schnell sie konnte sch√§lte sie sich aus den Pullovern Hemden und Str√ľmpfen, warf schlie√ülich ihr letztes Hemd auf das B√ľndel und rannte los, den Abhang hinunter. Sie lachte laut, niemand konnte sie sehen, nur schnell hinab. Erstaunt blickte sie sich um, als sie das schwere Stampfen von schweren Schuhwerk hinter sich h√∂rte, raue M√§nnerstimmen die sich gegenseitig anfeuerten, ihr folgten, sie einholten, niederrissen. Als sie auf der Erde lag, war sie von Stiefeln umringt.

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