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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Stimmen in den Wellen
Eingestellt am 02. 01. 2002 23:48


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Markus Veith
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Stimmen in den Wellen

F├╝r eine Stadtpflanze wie mich ist Sylt der Name des immer gleichf├Ârmigen Fleckens auf dem Heck vieler Autos. Will ich ehrlich sein, muss ich gestehen, dass mir Sylt kaum mehr sagt, als Begriffe wie "Gesellschaftsinsel" und "Ferienwohnungen", "Strandk├Ârbe" und "Prominentenpromenade".
Dabei: Was mich weitaus mehr anspricht, ist der Begriff "Meer"...
Ich war nie auf Sylt. Ich war als Pseudokruppgeplagtes Kind auf F├Âhr, wo das Meer mich gesund pflegte, mir Herz und Lungen weitete. Jahre sp├Ąter dann auf Norderney. Klassenfahrt. Himmel, was war ich dort verliebt! Rasendes Herz, flatternde Lungen. Zum ersten Mal gl├╝cklich ungl├╝cklich. Und vielleicht in Folge dessen: Zum ersten Mal glaubte ich Gemurmel zu verstehen, wenn die Bran-dung den Strand salzig leckte.
In meinem Arbeitszimmer h├Ąngt ein gro├čes Bild. Eine Jungen-Silhouette steht barf├╝├čig auf Holzpfl├Âcken vor dem fr├╝hen Abend des Atlantiks. Dem Meer zugewandt. Die Arme weit ausgebreitet, als wolle er die Flut empfangen. Die untergehende Sonne scheint direkt aus seinem Kindskopf zu strahlen.
Dieser Junge war ich. Vor noch gar nicht allzu langer Zeit. Ich kann die Kameraklicksekunde noch genau nachempfinden. Nichts mehr hinter mir. Alles vor mir. Brandungsberauschtes Gl├╝ck str├Âmte mir aus dem Anblick des Meeres in alle Poren.
Das Meer, dieser weite Teppich, auf dem der Blick ruhen kann, sich in Tr├Ąumen schlafen legt, die von keinem anderen Ort in solcher Intensit├Ąt zugelassen werden. Und der Strand. Binsengespicktes Hell, muschelgepflastert und seetangbehangen, windgek├Ârnt und spurenverziert. Wo sonst, wenn nicht hier, kommt die Phantastenseele ins Dahintreiben? Wo sonst soll sie die Suche nach den Geschichten beginnen, die noch nicht erz├Ąhlt worden sind? All die Pionierfiktionen - die es bereits gibt, sicherlich: Irgendwo hinter der blauen Linie, die Tr├Ąume, Ideen und all jene hirngespinstigen L├╝gen zul├Ąsst, die wir Menschen Literatur nennen?
Um von der Weite der See immer wieder verzaubert zu werden, muss man nicht auf einer Insel oder am Meer geboren worden sein. Vielleicht darf man es gar nicht. Inseln sind die Sch├Ânheitsflecke auf der Pudersandhaut dieser Welt. Und sie sind dazu da, entdeckt zu werden. - Oh, entdeckt sind sie alle. Davon darf man ├╝berzeugt sein. Aber verstanden sind sie noch nicht.
Die, ach, so erfahrenen Stadtmenschen sagen, ich sei ein Fabelwesen der Unvernunft, ein Draufgeher, ein Senkrechtentarter, ein Wolkenzerkratzer. Mein Kindskopf h├Ârt Stimmen in den Wellen. Doch die kreischende Stimme der Stadt hat meine Ohren zugestaubt. Das Meer wird sie mir wieder freifl├╝stern.

Wie ├╝bersetzten sie doch berauscht die Sprache der tidenden Wasser, meine geliebten Br├╝der mit den Schreibfederseelen? Dante, der die H├Âlle durchquerte, um den Gestaden des L├Ąuterungsberges zu lauschen. Stevenson, der mit der Ebbe fl├╝chtete und den Schatz entdeckte. Melville, der dem Leviathan huldigte. Hemingway, der mit den Schwertfischen sprach. Ende, der sich neue Inseln ersann. Eco, der die Sintflut begriffen hat. - Ein Narr, der behauptet, das Meer sei stumm. Seine Winde dr├╝cken Geschichten in das Land. Ihre L├╝fte sind so alt wie die Welt. Die Wasser wissen, wo die Zeiten den Heldentod starben und ihre Spuren vergruben. Kann es denn anders sein: Sie warten doch nur darauf, ihre Geschichten zu erz├Ąhlen, ihre Weisheit in willige Ohren zu wehen und die Zeiten zu erkl├Ąren, die sie geflutet haben. Inseln sind umgeben von Sprache. Aus der Brandung br├╝llen uns die Geschichten zu, erz├Ąhlt werden zu wollen! Wir m├╝ssen sie nur verstehen wollen. Ihren Dialekt in Zeilen ├╝bersetzen.
Ich sehe mich in den D├╝nen sitzen. Br├╝derschaft trinkend mit den Gezeiten. Auf die Neugier! Bed├Ąchtig nippe ich an der Flut, bis sie mir zu Kopfe steigt; philosophiere mit der Ebbe ├╝ber die Sehnsucht des t├Ąglichen Kommen und Gehens. Eine menschliche Antenne. Meine Bleistifthand als Fahrtenschreiber der Poesie. Mit rot gelauschten Ohren. Und Wellenstimmen in meinem Kindskopf.

__________________
"Ich wollte der Welt nur ein einziges Wort sagen. Da ich es nicht konnte, wurde ich Schriftsteller." - Stanislaw J. Lec

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flammarion
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donnerwetter!

was f├╝r eine wundersch├Âne geschichte und in so lyrischer sprache! tief beeindruckt verneigt sich
__________________
Old Icke

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Markus Veith
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Registriert: Nov 2000

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Vielen Dank ...

... f├╝r solch einen Lob einer so LL-pr├Ąsenten 'Platina'. Dr├╝ck mir die Daumen, da├č die Juroren des Inselschreiber-Stipendiums ├Ąhnlicher Meinung sind.
Mit literarischen Gr├╝├čen
Markus Veith
__________________
"Ich wollte der Welt nur ein einziges Wort sagen. Da ich es nicht konnte, wurde ich Schriftsteller." - Stanislaw J. Lec

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flammarion
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oh ja,

ich dr├╝cke wie verr├╝ckt und w├╝nsche dir das beste. ganz lieb gr├╝├čt
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Old Icke

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