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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Stolz ohne Vorurteil
Eingestellt am 20. 11. 2015 20:01


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writing man
Möchtegern-Schreiber
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Stolz ohne Vorurteil

Stephan hatte die drei erfolgreich in die Flucht geschlagen. Drei gegen einen ‚Äď und wenn dieser eine Stephan hei√üt, dann setzt sich dieser eine eben durch. Sie h√§tten sich alle in das Wohnzimmer setzen k√∂nnen, h√§tten Wein aus der Silberglas-Karaffe trinken k√∂nnen, h√§tten in Ruhe den Schrecken verarbeiten k√∂nnen, h√§tten dies, wenn Maik und nicht Stephan der Held des Abends gewesen w√§re, unter einer zyklischen Selbstbeweihr√§ucherung Maiks tun k√∂nnen, in dem dieser mit einem milden L√§cheln alle paar Momente S√§tze von sich g√§be wie: „Ich sah es als meine Pflicht an, dir zu helfen‚Äú - „Na, na, halb so schlimm‚Äú und „Ich muss zugeben, es war ziemlich einfach, diese Kerle zu verjagen. Die hatten ja nicht so viel auf dem Kasten‚Äú.
Nun war es nicht Maiks Heldentat, sondern Stephans und dieser stand jetzt ohne Cape aber mit ziemlich schlechter Laune mitten im Wohnzimmer, den Unterkiefer nach vorne geschoben, die Schneidezähne aufeinander gepresst und das Gesicht verzogen, als hätte er eine Zitrone gegessen. Um ihn herum standen oder saßen seine Freunde, die noch etwas perplex waren. Maja, Pascal und Lena sahen Stephan vom Sofa aus zu, wie dieser sich immer mehr in Rage redete.
„Diese Dreckskerle, diese miesen, feigen, hinterh√§ltigen Verbrecher! Abschaum! Unrat! Glatzk√∂pfige Nichtsnutze! Einsperren sollte man sie. Ohne Verhandlung. An wie vielen ist 1939, fr√ľher und sp√§ter ein rechtskr√§ftiges ‚Äď dieses Wort betonte er besonders scharf - „Urteil vollstreckt worden, ohne dass es eine Verhandlung gab? Da k√∂nnen sie wenigstens diese Halbaffen ohne Verhandlung ins Gef√§ngnis sperren!‚Äú
Sandra und Frederick blieben wie angewurzelt an der Fensterbank stehen und sahen sich nur an und dann wieder zu Stephan. Christina traute sich kaum herein und blieb in der Wohnzimmert√ľr stehen. Sun wusste nicht, ob sie sich wohl f√ľhlen sollte, oder nicht. Vorhin, so viel Sicherheit bestand, da hatte sie sich auf jeden Fall nicht wohl gef√ľhlt. Die drei Kerle in den schwarzen Jacken waren schon an ihrem Auto vorbeigelaufen. Sie stieg aus und warf die T√ľr zu. Einer der drei blieb stehen, drehte sich um und rief „Hey, das ist ja eine Chinesin!‚Äú Und gleichzeitig blieb Suns Herz stehen. Wenn dieser Satz in hundert Kontexten auch hundert Bedeutungen h√§tte haben k√∂nnen, so hatte er im gr√§ulichen Schimmer der Laterne genau die eine, die Sun zuerst verstand und die ihr Herz zu Recht hatte stehen lassen. Langsam kamen die drei auf sie zu. Ihr Gang wirkte etwas steif, weil sie versuchten, m√∂glichst breitbeinig zu gehen. Den Kopf hatten sie gerade nach oben gereckt, die Brust rausgestreckt und die aufgebl√§hten Jacken taten den Rest an ihrer merkw√ľrdigen Erscheinung. Vielleicht wollten sie imposant wirken, doch sie erschienen nur bedrohlich und widerlich. Die vom Regen nasse, in einem unheimlichen schwarz gl√§nzende Stra√üe wurde zu einem un√ľberwindlichen Abgrund und das Haus, aus dem noch leise Musik und die traurige Stimme Amy Winehouse‚Äô drang, r√ľckte in weite Ferne.
„Ja, diese Ausl√§nder! Wenn irgendein immigrierter, wom√∂glich nicht ganz Wei√üer, ein kleines Kind, einen alten Mann, eine schutzlose Frau angreifen w√ľrde, w√ľrden wir es aus jeder Zeitung und √ľber jedes andere Medium erfahren und diese Verbrecher w√ľrden eine sofortige Ausweisung fordern, und wenn sie so richtig in Fahrt sind, gerne auch die Todesstrafe. So ein Unsinn. Was hier sinnvoll ist, soll doch ein Richter kl√§ren. Doch verh√§lt es sich umgekehrt anders?‚Äú Stephan redete nicht nur mit dem Mund. Sein ganzer Oberk√∂rper war in Bewegung. Seine Finger spreizten sich, seine H√§nde ballten sich zu F√§usten, ein Zeigefinger strecke sich in die H√∂he. „Es scheint √ľberhaupt kein Problem f√ľr diese Schei√ükerle zu sein, wenn jemand angegriffen wird, der seine Wurzeln nicht in Deutschland hat. Im Gegenteil, sie gehen selbst zum Angriff √ľber, gehen auf Farbige, auf Kopftuch-Tragende, auf nach Asylanten und Immigranten Aussehende los und wenn die Bullen denen im Weg stehen, bekommen die halt auch was aufs Maul.‚Äú Stephan war so voller Wut, dass etwas Wildes, Ungest√ľmes in seiner Gestallt sichtbar wurde und die anderen ihm nicht unterbrechen wollten. Die Zwillinge standen gegen√ľber dem Sofa. Daniela hatte ihre Schwester Laura am Arm gepackt und zog sie sanft zur√ľck. Sie alle kannten ihn. Er war immer freundlich, ruhig und besonnen gewesen. Ein lieber Kerl. Das Bild, das sie von ihm hatten, stand in gro√üem Kontrast zu seinem pl√∂tzlichen lautstarken Wutausbruch.
Es ist nicht ganz sicher, was die Glatzen mit Sun gemacht h√§tten, h√§tte man sie machen lassen, doch der schraubstockartige Griff, ausge√ľbt von wulstigen Fingern, in dem sich Suns Arm befand und ihr erfolgloser Versuch, sich aus diesem zu befreien, lie√üen nicht Gutes erahnen. Melda war kurz in die K√ľche gegangen, hatte gl√ľcklicherweise einen Blick aus dem Fenster auf die Stra√üe geworfen und die anderen gerufen. W√§hrend Sandra und Christina in die K√ľche liefen und Christina ihr Handy in ihrer Handtasche suchte, lief Stephan aus dem Wohnzimmer durch den Flur und aus dem Haus heraus. Er lief √ľber die Stra√üe, sagte kein Wort, sagte nichts von „lasst das M√§dchen los‚Äú, lief nur geradeaus auf die vier zu. Stephan sagte nicht deswegen nichts, um auf so etwas wie ein √úberraschungsmoment zur√ľckzugreifen zu k√∂nnen. Er war schlicht und einfach so w√ľtend, dass er kein Wort raus brachte. Andere Menschen m√ľssen schreien, wenn sie richtig w√ľtend sind. Bei Stephan will die Wut nicht zum Munde raus, sondern zu den F√§usten. Erst kurz bevor Stephan die drei M√§nner erreicht hatte, wurde ihnen klar, welches Unheil auf sie hereinbrach. Stephan setze ein Fausthieb gegen die rechte Gesichtsh√§lfte des ersten der drei, der noch auf der Stra√üe stand, nun aber seinen K√∂rper etwas unkoordiniert √ľber den B√ľrgersteig bewegte, kurz den Anschein erweckte, er k√∂nne sein Gleichgewicht wieder finden und gleich darauf lang auf den Rasen fiel. Ein paar Links-Rechts-Kombinationen und einen gezielten Tritt in eine Kniekehle sp√§ter humpelten drei fluchende Gestalten die Stra√üe runter. Der regennasse schwarze Asphalt war immer noch regennass und schwarz. Die Musik aus dem Wohnzimmer war immer noch leise und traurig. Doch alles wirkte pl√∂tzlich viel freundlicher und sch√∂ner. So schnell die Gefahr gekommen war, so schnell war sie auch verschwunden. Stephan sei Dank.
Die ganze Szene dauerte nur einen Moment und als Sandra Sun ins Haus bugsierte, hielt Christina noch ihr Handy in der Hand.
Stephan, der Mann, der Sun immer anl√§chelte, wenn er sie zum ersten Mal am Tag sah, sah nun sehr grimmig aus. „Nein, ich wei√ü nicht viel √ľber S√ľdkorea, aber ich wei√ü, dass diese Frau, die nach Deutschland gekommen ist, um hier zu studieren und zu arbeiten, keine Angst vor diesem Schritt ins Ungewisse hatte. Ich wei√ü, dass sie unsere Sprache in nur wenigen Monaten recht gut gelernt hat und hier schon viele Freunde gefunden hat. Es war ihr Interesse an einem fremden Land, das sie nach Deutschland f√ľhrte und der gute Ruf unserer Universit√§ten. Das hat mit den Vorurteilen wie Sozialschmarotzerei nichts zu tun. Diese Frau hat meine Anerkennung verdient. Sun sah Stephan etwas verbl√ľfft an. Erst setzte er sich durch Taten f√ľr sie ein, jetzt folgten Worte. Er hatte nur ein T-Shirt an und schien vor Hitze fast zu gl√ľhen. An seiner rechten Hand war etwas trockenes Blut. Es war nicht seins.
„Die Herkunft einer Person spielt immer noch eine Rolle in den K√∂pfen vieler Menschen‚Äô‚Äô und drehte sich dabei um seine Achse, um alle Anwesenden kurz zu mustern. „Man h√§tte doch meinen k√∂nnen, dass die Menschheit endlich weiter ist. Ich blicke mich hier um und sehe v√∂llig verschiedene Menschen. Und nicht verschieden, weil ihr aus unterschiedlichen L√§ndern kommt, sondern weil einfach jeder Mensch vom n√§chsten verschieden ist. Auf einer Linie zwischen Sun und Melda stand Stephan jetzt in etwas Entfernung vor Ersteren mit dem R√ľcken zur Letzteren. Drau√üen war es kalt. Im Wohnzimmer herrschte dagegen eine angenehme Hitze. Suns lange schwarze Haare gl√§nzten samtig im wei√ü-gelben Licht der Wohnzimmerlampe. Sie fror nicht mehr, zitterte nicht mehr. Doch sp√ľrte sie eine merkw√ľrdige Aufregung in sich. Ihr war, als w√ľrde in den n√§chsten Minuten noch irgendwas passieren.
„In Deutschland ist so viel passiert, dass wir manchmal beinahe Identit√§tsprobleme bekommen. Unsere Vergangenheit ist immer da. Doch soll ich euch was sagen?‚Äô‚Äô, und er l√§chelte dabei. „Ich bin stolz ein Deutscher zu sein. Seht mich an, h√∂rt meine Stimme! Ich bin ein echter Deutscher. Ein kerniger, z√§her, flei√üiger, der manchmal ganz ruhig und leise ist und sich zur√ľckh√§lt, um dann, wenn es n√∂tig wird nach vorne zu preschen und wutentbrannt und mit wenig Feingef√ľhl, daf√ľr aber mit um so gr√∂√üerem Elan und unvergleichbarer Ausdauer seine Sache zu verteidigen, sich f√ľr die einzusetzen, die Hilfe brauchen und auch bekommen, weil ich nicht von meinen sturen Zielen abweiche. Wir waren und wir sind ein Volk der Dichter und Denker. Das darf sich nicht √§ndern. Wir brauchen die Demokratie, um es zu bleiben. Wir brauchen Meinungsfreiheit und Meinungsvielfalt.‚Äô‚Äô
Stephan war Sun langsam n√§her gekommen, w√§hrend er sprach. Er sah von ihr zu den anderen. „Das, was wir hier untereinander haben, meine Freunde, brauchen wir in ganz Deutschland, in der ganzen Welt!‚Äô‚Äô Stephan stand nun so dicht vor Sun, dass er ihr Parf√ľm riechen konnte. Seine Gestik wurde ruhiger und seine Stimme etwas leiser. „Es mag dieser braunen Bande nicht gefallen, aber durch die vielen Immigranten werden wir nicht schw√§cher, sondern st√§rker. Doch die Rechten, die Diktatoren, die Nationalisten ohne Verstand wollen alles voneinander trennen. Stephan stand nun direkt vor Sun und sah ihr tief in die Augen. „Was f√§llt ihnen ein, zwischen uns Gr√§ben auszuheben und Mauern hochzuziehen, wo doch keine Gr√§ben und keine Mauern zwischen uns geh√∂ren!‚Äú Schlie√ülich legte er seine H√§nde an ihr Gesicht, zog sie an sich heran und k√ľsste sie leidenschaftlich.


Gewidmet denen, die nicht √ľber Toleranz reden, sondern Toleranz leben:
Maja, Stephan, Laura, Daniela, Frederick, Lena, Sandra,
Christina, Pascal, Maik, Sunny und Melda


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