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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Stompy Jones geht ins Aquarium
Eingestellt am 27. 05. 2013 16:42


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wowa
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Registriert: Jan 2013

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Stompy Jones geht ins Aquarium

Stompy war nervös. UnĂŒbersichtliche Situationen waren Teil seines Jobs, aber die Organisation um Hilfe gebeten hatte er noch nie.
Mit knappen, unauffĂ€lligen Kopfbewegungen sah er sich um. Der Raum war groß, vierzig yards im Quadrat, schĂ€tzte er, eher ein Saal, angenehm kĂŒhl, gedĂ€mpftes Licht. Die gegenĂŒberliegende Wand strahlte in tiefem Blau, Glas vom Boden bis zur Decke, große Fische zogen dahinter stoisch ihre Bahn. Ein Rochen mit langem, schwingenden Schwanz, gute drei yards Spannbreite, stand mit eigentĂŒmlich wiegenden Bewegungen in Augenhöhe direkt hinter der Scheibe und musterte die Besucher.
Sehr voll war es nicht, keine lĂ€rmenden Kinder, gut, dachte Stompy. Kinder sah er am liebsten im Fernsehen. DafĂŒr auffĂ€llig viele junge Paare, die sich leise unterhielten und verstohlen an den HĂ€nden berĂŒhrten.
Stompy ging nach vorne und setzte sich auf eine Bank im Blickfeld des Rochen. Einer von diesen beschissenen Stachelrochen, dachte er fasziniert. Er schaute auf den hĂ€ĂŸlichen Trockenblumenstrauß in seiner Hand, das Erkennungszeichen fĂŒr seinen Kontakt und versuchte, nicht zum ersten Mal in den letzten zwei Tagen, den Geschehnissen eine logische Struktur aufzuzwingen.
Was war schiefgelaufen?
Gut, die Zielperson war ausgeschaltet, der Auftrag ausgefĂŒhrt. Das war positiv, aber den RĂŒckzug hatte er vermasselt wie ein AnfĂ€nger. Die Camera im zweiten Stock, die hatten sie neu installiert, da ist er voll reingelaufen. Im nĂ€chsten Moment wimmelte das Haus von Bodyguards, er schaffte es trotzdem bis zur TĂŒr, Stompy lĂ€chelte. Im Park in der Dunkelheit hatten sie keine Chance, er fand auch den Wagen relativ schnell, so weit, so gut, nur am Hotel warteten schon die Bullen. Wie war das möglich? Kleines Land, kurze Wege, die fĂŒr ihre Effizienz berĂŒhmten SicherheitskrĂ€fte, war das die ErklĂ€rung? Oder hatten sie einen Tip bekommen?
In derselben Nacht rief er die Nummer an, nannte den Code, schilderte die Lage, und sagte, was er brauchte: Geld, Ticket und einen Paß. Zwei Tage werden wir benötigen, sagte die Stimme, kommen sie dann und dann ins Aquarium mit einem Trockenblumenstrauß.
Die nĂ€chsten zwei Tage waren nicht die einfachsten in Stompys Karriere. Sein Bild und sein Name erschienen in allen Zeitungen. Auch ein paar Informationen aus den Staaten hatten sie rangeschafft, alles reißerisch aufgemacht, sehr unangenehm, das Ganze. Doch seine FĂ€higkeit, den Durchschnittsloser ĂŒberall glaubhaft darstellen zu können, hatte auch in diesem Fall geholfen, spurlos in der Öffentlichkeit zu verschwinden. Und jetzt war er hier, pĂŒnktlich, und fragte sich, ob die Organisation nicht eher die einfache Lösung bevorzugt, sicherheitstechnisch gesehen. Er war ein Risiko, das war klar.
„Mr. Jones?“ Eine Frau saß neben ihm, große Sonnenbrille, dichtes schwarzes Haar unter hellgrĂŒnem Kopftuch, brauner Teint, volle, dezent geschminkte Lippen, heller landesĂŒblicher Staubmantel. An der Seite trug sie eine dieser modischen, sackĂ€hnlichen UmhĂ€ngetaschen. Anfang Dreißig, schĂ€tzte Stompy
„Miss Elaine,- seien Sie nett und geben Sie mir die Blumen. Dies ist ein Ort fĂŒr Verliebte.“
Akzentfreies Englisch. Stompy tat es.
„Haben sie die Sachen?"
„NatĂŒrlich,“ sie lĂ€chelte, griff in ihre Tasche,- Stompy stockte der Atem,- und gab ihm ein dĂŒnnes Buch. Er blĂ€tterte es kurz durch, Paß, Ticket, einige Dollarscheine, alles da. Er steckte es ein.
„Der Paß lautet auf Ed Burell, Kansas City, geb. 29.8.62 . Beherrschen sie den Akzent?“
Stompy nickte. „Haben Sie auch an das Visum gedacht und den Einreisevermerk?“
„Mr. Jones, wir arbeiten professionell,“ sie lĂ€chelte, „auch der Ausreisestempel ist bereits eingetragen. Wir fliegen sie mit einer Privatmaschine zum nĂ€chsten großen Flughafen. Der hiesige ist zu gefĂ€hrlich. Ich bringe sie zum Startplatz.“
Stompy fĂŒhlte sich unbehaglich. Er blickte nach oben. Die Camera rechts ĂŒber ihnen hatte sie in den Fokus genommen.
„Wir werden beobachtet.“
„OK, Zeit zu gehen, Mr. Jones.“
Sie standen auf und bewegten sich ohne Haßt Richtung Ausgang. Ihnen entgegen kommen drei MĂ€nner, die Stompy fixieren. Miss Elaine oder wie auch immer sie heißt, stĂ¶ĂŸt einen leisen Fluch aus und Stompy macht sich locker. Doch der erwartete Nahkampf bleibt aus, Miss Elaine hat wie hineingezaubert einen großkalibrigen Coltrevolver in der Hand, dessen Lauf auf den Bauch des einen deutet. Sie zischt zwei halblaute, scharfe SĂ€tze und seltsam gestelzt gehen die drei vorĂŒber. Der Ausgang ist frei. Miss Elaine geht rĂŒckwĂ€rts, behĂ€lt die Gruppe im Auge und kurz vor der rettenden Straße hebt sie die schwere Waffe und feuert ĂŒber die Köpfe der MĂ€nner in die Glaswand des Aquariums.
Stompy fĂŒhlt, wie die Schallwelle der Detonation seine Trommelfelle kitzelt, ein vielstimmiger Schrei und dann ist ĂŒberall nur noch Wasser und gurgelndes GebrĂŒll, der Stachelrochen scheint zu fliegen, weiße Haie lĂ€cheln sich zu und eine dicke Seeschlange verschwindet diskret in der Kanalisation.

Hier verliert sich die Spur von Stompy Jones, niemand weiß Genaues, keiner hat ihn seither gesehen, auch sein Name taucht nie mehr auf, - aber der war ja sowieso falsch.


Version vom 27. 05. 2013 16:42

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