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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Strafstoß
Eingestellt am 13. 02. 2002 18:59


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Gedankenprobe
Hobbydichter
Registriert: Feb 2002

Werke: 5
Kommentare: 4
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Als er den Mann mit dem maßgeschneiderten Anzug auf ihn zukommen sah, rief dieser Anblick sofort Erinnerungen an seinen Vater wach. Paul wußte was ihm drohte, wenn Vater von der Arbeit und schnellen Schrittes auf ihn zukam. Er bekam die Vaterliebe in Form von Schlägen und Tritten zu spüren. Paul lernte damit umzugehen, er verstand seinen Vater sogar.
„Papa geht es nicht so gut...“,
beruhigte Paul seine Mutter manchmal. Er fand sie nach Vater´s Anfällen meist weinend am Küchentisch sitzend auf.
„Vater steht zur Zeit sehr unter Druck, Paul.“,
erwiderte sie des öfteren, während sie mit zitternden Fingern durch seinen blonden Haarschopf strich und ihn mit glasigen Augen ansah.
Paul dachte oft zurück, an die vielen Stunden, die er mit seiner Mutter Maria in der kleinen Küche verbrachte, wie er stundenlang vor ihr saß, während sie ihn von hinten umarmte und ihm Geschichten erzählte.

Der geschniegelte Mann passierte Paul, wobei er einen kleinen Bogen um ihn machte, wahrscheinlich um seinem Ekel ihm gegenüber mehr Ausdruck zu verleihen, wie Paul dachte.
Paul sah den Mann, der jeden Blickkontakt mit ihm vermied und dessen Duftwolke ihn verfolgte, noch kurz hinterher. Der Duft stellte einen angenehmen Kontrast zu der feucht warmen Luft dar, die ihn belastete. Dann wandte er den Blick ab und hob wieder seine Bierflasche. Er beobachtete die Tauben, die vor ihm auf und ab liefen, ständig auf der Suche nach Nahrung.
Paul schwitzte in seiner zerissenen schwarzen Stoffjacke, seiner durchlöcherten schwarzen Jeans und seinem schwarzen T-Shirt. Ein schwarzer Tag, der nur einer unter vielen in seinem Leben auf der Strasse war. Paul richtete seine Brille zurecht. Er benötigte sie nicht, war jedoch davon
überzeugt, daß sie eine gewisse Intellektualität vermitteln würde.

Es dämmerte bereits und der Brunnen, an dessen kalter Begrenzungsmauer Paul saß, stellte seinen Betrieb ein. Das Rauschen, verursacht durch die Wasserfontänen, die eben noch in hohem Bogen auf den Boden plätscherten, verstummte, wie ein Orchester, dessen letzter Klang erlosch und dem Zuhörer klarmachte, daß es Zeit war aufzubrechen.
Paul war umgeben von Stille, abgesehen von einigen Vögeln, die ihr ganz eigenes Lied spielten und einigen Passanten, die gemächlich an ihm vorbei spazierten. Als die Laternen ihren Dienst antraten, setzte Paul die Bierflasche ab und stand mühsam auf. Es war die gleiche Zeremonie wie an jedem Tag der letzten acht Jahre,nachdem er das Elternhaus verlassen hatte. Er verließ damals einen Vater, dessen Freundeskreis wichtiger war als die Familie und eine Mutter, die nur noch einen Freund hatte, den Alkohol.

Paul sah sich noch einmal um, betrachtete den Ort, der acht Jahre lang sein Zuhause war, zumindest tagsüber, als der Brunnen wie ein vertrauter Freund für ihn da war und ihm einen Ort des Friedens und der Geborgenheit gab. Paul betrachtete den schlafenden Brunnen und nickte, als würde er sich für die vielen Stunden bedanken wollen. Er drehte sich um und schlürfte langsam davon, über den schmalen Weg aus Kieselsteinen, welcher auf beiden Seiten mit Pflanzen und Blumen gesäumt war. Er atmete die frische Luft tief ein und wußte bereits, daß der Brunnen an diesem Abend zum letzten mal für ihn gespielt hatte.

Paul trat durch das große Tor am Eingang des Parks, den Blick auf den Boden gerichtet, wie ein Sklave, der von seinem Besitzer vorwärts gedrängt wird. Er erreichte die Fußgängerpassage, die ihn in etwa zwanzig Minuten an sein Ziel geleiten sollte, dem Hauptbahnhof.
Er wußte, was er an diesem Abend zu tun hatte. Er hatte lange darüber nachgedacht, versucht, sich sein Vorhaben auszureden, aber er sah immer wieder das Bild seiner Mutter vor sich. Seine Mutter, die ihn damals festhielt, als er die Wohnung verlassen wollte. Er war ausgerüstet mit seinem kleinen blauen Rucksack und seiner Gitarre, die er auf seinen Rücken geschnallt hatte. Hätte sie ihn doch festgehalten, dachte Paul später immer wieder, aber sie besaß nicht mehr die Kraft dazu. Der Alkohol, welcher nicht zu überriechen war, als sie ihn anschrie und verzweifelt versuchte ihn aufzuhalten, tat sein Übriges. Das letzte, was Paul damals sah, war eine Frau mit zerzaustem Haar, die weinend auf dem Boden saß und ihn anstarrte, wie ein Hund, der nicht mehr in der Lage war zu seinem Herrchen zu laufen.
Dieses Bild begleitete Paul Tag für Tag, auch an diesem Abend, als er durch die noch belebte Fußgängerzone mit den alten Fachwerkhäusern strich. Paul ignorierte die Menschen, die hektisch an ihm vorbeiliefen und ihre Einkäufe erledigen wollten, bevor die Läden schlossen.
Ein Junge zog jedoch seine Aufmerksamkeit auf sich.
Der Junge kam ihm entgegen, einen kleinen roten Ball vor sich herstupsend.
Der Ball, welcher in der Dunkelheit trotz der Laternen kaum zu sehen war, rollte langsam an Paul vorbei. Er sah ihm hinterher. Der Junge, der dem Ball folgte, drehte sich um und starrte Paul mit großen Augen an, bevor er den Ball aufhob und ihn fest umklammerte. Paul ging wie ein
gebrechlicher alter Mann in die Hocke und sah dem Jungen tief in die Augen. Der Junge umklammerte den Ball noch fester, sah kurz nach hinten, drehte sich aber blitzschnell wieder zu Paul um, der ihn immer noch mit ausdruckslosem Blick musterte. Paul hob die rechte Augenbraue und ließ sie wieder sinken. Nichts passierte. Dann hob er die linke Augenbraue, sein Blick immer noch auf den Jungen fixiert. Nichts tat sich. Der Junge senkte seinen Kopf seitlich und Paul merkte, daß die Angst langsam der Verwunderung wich. Paul hob erneut die rechte Braue und kurz darauf wieder die linke. Noch immer starrte er den Jungen ausdruckslos an, konnte ihm jedoch ein Lächeln entziehen. Plötzlich blähte Paul seine Backen und wackelte mit den Ohren.
Jetzt lachte der Junge. Er lachte aus vollem Halse und auch Paul lächelte nun und nickte mit dem Kopf. Er sah den Jungen traurig an, wie ein Vater, der seinen Sohn liebte, aber wußte, daß er ein Unbekannter für seinen Sohn war. Der Junge wurde von seiner Mutter, die soeben aus dem Lebensmittelmarkt gestürmt war, am Arm gezogen und fortgezerrt. Die Frau drehte sich noch einmal kurz um und bedachte Paul mit einem bösen Blick, bevor sie dem Jungen etwas ins Ohr flüsterte, was Paul nicht verstand. Sie verschwanden hinter der nächsten Häuserecke und Paul richtete sich, mit der rechten Hand auf sein Knie gestützt, wieder auf. Er setzte sich seine Brille zurecht und sein Lächeln verstarb wieder. Paul setzte seinen Weg fort und nichts konnte ihn jetzt noch davon abbringen.


Auf dem Bahnhof herrschte reger Betrieb. Die Menschen huschten an ihm vorbei und rempelten ihn ab und zu an, was Paul nicht wahrnahm, als er müde und gedankenverloren durch die Bahnhofshalle schlenderte. Paul sah sich um und hatte das Gefühl, die gesamte Menschheit würde flüchten,
aber wohin ? Jeder dieser Menschen hatte ein Ziel, ob nah oder fern und er ? Er hatte ein anderes Ziel. Er strebte einen Ort an, vor dem sich die meißten Menschen fürchten, dachte er. Ihm fiel auf, daß es ihm genauso ging. Er hatte Angst. Wie in Trance ging er weiter.

„Ey Paule !“, rief jemand, der zusammengekauert und in eine Wolldecke gewickelt auf dem Boden neben dem Toilettenraum saß und ihn mit halbgeschlossenen Augen ansah.
„Fährste in Urlaub, Alter ?“, fragte die Gestalt nun und zwinkerte Paul zu. Wie mag es Dieter wohl ergehen, dachte Paul, obwohl er sich die Frage auch selbst beantworten konnte. Paul drehte sich kurz nach links, lächelte die Gestalt verkrampft an und wurde im nächsten Moment hart an der linken Schulter angerempelt. Er fiel und verlor seine Brille, kümmerte sich jedoch nicht weiter um den Passanten. Paul raffte sich wieder auf und ging in gebückter Haltung weiter.
Die Brille ließ er liegen. Er brauchte sie nicht mehr.

Gleis 12. Paul war an seinem Ziel angelangt. Er sah den Mann in seinem Armani-Anzug, der in eine Wirtschaftszeitung vertieft, auf den Zug wartete. Wie sein Vater damals, wenn er auf Geschäftsreise ging und er ihn, gemeinsam mit seiner Mutter, am Bahnhof verabschiedete. Einer der wenigen Glücksmomente für Mutter und Sohn, wie Paul immer dachte.
Der Intercity sollte in wenigen Minuten eintreffen.
Vier Minuten noch. Paul überlegte, wie er sein Leben in vier Minuten zusammenfassen sollte. Er versuchte es.
Er sah seinen Vater in seinem geschniegelten Anzug, wie er auf ihn zukam, mit dem Holzkleiderbügel in der Hand.
Er sah seine Mutter mit dem zerzausten Haar, wie sie sich entfernte, mit einer Bierflasche in der Hand.
Er sah den Jungen mit dem roten Ball. Er sah den Intercity, der in diesem Moment erschien und auf ihn zukam.

Paul trat einen Schritt nach vorne. Dann noch einen. Er blieb stehen. Er war nur noch einen Schritt entfernt von den Schienen.
Würde er Schmerzen haben ?
Würde es schnell gehen ?
Die Gedanken schossen ihm durch den Kopf, aber er versuchte ruhig zu bleiben und schloss die Augen. Dabei vernahm er das Rauschen des Brunnens, welches ihm so vertraut war.
Das Rauschen wurde lauter und lauter. Jetzt kniff Paul die Augen vor Anspannung zusammen.
Das Rauschen betäubte seine Sinne. Plötzlich riss er seine Augen auf. Aus dem Augenwinkel nahm er das von links kommende weiße Metall war, aber er wandte sich nach rechts und humpelte mit aller Kraft auf den Mann im Armani-Anzug zu. Er ergriff ihn von hinten und stieß ihn nach vorne.
Der Mann hatte keine Gelegenheit mehr zu schreien.
Paul nahm den dumpfen Aufschlag wahr, als der Zug an ihm vorbei rauschte.
Er sah Gesichter mit aufgerissenen Augen, sah Menschen die umher rannten, ohne zu wissen wohin.
Er sah Menschen die schrien. Er sah alles, aber hörte nichts. Er fühlte sich wie ein Fernsehzuschauer, der eine Szene betrachtete und dabei den Ton abstellte.
Er ging in die Hocke, dann legte er sich seitlich auf den kalten Steinboden, kauerte sich zusammen und weinte. Verschwommen sah er das Geschehen vor sich. Er schloss die Augen.

Er sah den kleinen Jungen mit dem roten Ball. Der Junge lachte und nahm Anlauf. Dann konzentrierte er sich, nahm alle Kraft zusammen und schoss. Der Ball flog in hohem Bogen, als würde er nie wieder landen wollen.


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