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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Straßenzüge
Eingestellt am 09. 10. 2016 13:28


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samuelmhojn
Hobbydichter
Registriert: Aug 2016

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Ich sah ihn an mit seinen schwarzen Haaren, die leicht gelockt über seine Stirn fielen, seiner olivfarbenen Haut, durchbrochen nur von der tiefen Narbe an seiner Stirn, und seinen tiefbraunen Augen. Früher, daran erinnere ich mich noch, versprühten diese Augen ein Funkeln, das mitreißend, ja geradezu unwiderstehlich war. Es waren Augen gewesen voll von Lebensfreude und Optimismus.
Dieses Funkeln war nun gänzlich erloschen, und auch der Rest seines Gesichts schien irgendwie eingefallen, vergilbt, als wäre er über die letzten Jahre schneller gealtert, als es seine nunmehr 25 Jahre vermuten ließen.
Aus seinem Gesicht sprach die Schwere der Enttäuschung, welche langsam begann, seine Mundwinkel, seine Wangen, ja sein komplettes Gesicht nach unten zu ziehen, gebeugt von dem Erlebten.
Früher, ja früher war mir dieses Gesicht sympathisch vorgekommen. Mittlerweile erschreckte mich dessen Anblick, ich fühlte mich gegruselt, unbehaglich und fremd in dieser Welt, und obwohl ich nicht wusste, nur ahnte was dieses Gesicht so sehr verändert hatte, erschreckte es mich umso mehr.
Wind kam auf und ließ die Oberfläche der Pfütze auf der Straße Wellen schlagen und ich wendete meine Augen ab von meinem Spiegelbild. Mir schauderte, so kalt war die Böe, und mich selbst überraschte, wie sehr ich mich verändert hatte, es schockierte mich so sehr. Was mich besonders störte, war dieses ungreifbare Gefühl, sich selbst nicht mehr zu kennen, diese Diskrepanz zwischen meinem eigenen Ich und der Erinnerung an mein früheres Sein.
Doch sollte mich das wirklich verwundern, nach allem, was ich durchleben musste, nach allem was passiert war? Nein, wahrscheinlich nicht, und wahrscheinlich war meine Veränderung nur natürlich und unvermeidbar gewesen. Wie sonst sollte es der Junge, der jahrelang in Sicherheit, in Ruhe und Frieden gelebt hatte, der wie jeder andere zur Schule gegangen war, es verkraften unter Bombenhagel von zuhause vertrieben zu werden, unter Todesängsten zu fliehen, immer mit dem Gedanken im Hinterkopf, das dieser eine Tag vielleicht der letzte, vielleicht der unglücklichste werden könnte, immer mit dem Schmerz dahinlaufend, die eigene Schwester nicht haben schützen zu können, als diese als „Pfand“ von einer Schleuserbande genommen wurde.
Nie werde ich dieses Gefühl der Schwäche vergessen, dieses Gefühl, sich einfach nicht wehren zu können, ohnmächtig zu sein, gegenüber dem, was passiert.
Meine Flucht aus Syrien scheint tatsächlich traumatisch gewesen zu sein. Wie für so viele andere auch, wie ich vermute. Nein, eigentlich weiß ich es, nur wollen es die wenigsten zugeben, wie wenig sie von den Ereignissen loslassen können, jetzt, zwei Jahre danach.
So lange ist es nun tatsächlich schon fast her, dass ich mit dem Zug in München angekommen bin. Voll von Menschen war der Bahnhof, es war unglaublich, ich erinnere mich noch ganz genau daran, wie freundlich die Leute gewesen waren, wie groß meine eigene Erleichterung, endlich nach langer Odyssee in meinem Traum, in Deutschland, angekommen zu sein, wie mir am Abend meine komplette Flucht noch einmal durch den Kopf gegangen war, mit all ihren Schranken und Schrecken. Wie ich geweint habe, ungläubig, dass ich das alles endlich hatte hinter mir lassen können, den tiefen Schmerz über das Verlorene begreifend, jedoch nicht die Situation, in der ich mich nun befand, war doch alles so neu, so fremd.
Wie groß war doch meine Hoffnung gewesen – so groß ist nun wohl auch meine Ernüchterung. Zwar habe ich schnell einigermaßen akzeptables Deutsch lernen können - obwohl die Sprache wirklich der Horror ist, mit all ihren Wirrungen-, aber die herzliche Stimmung, die mir am Münchner Hauptbahnhof entgegenschlug, hat sich zu einer eisigen gewandelt. Das Land scheint gespalten zu sein und ich weiß, dass ich Angst habe, obwohl ich es mir nicht eingestehen will, Angst, dass ein erneuter Rechtsruck schwere Folgen für mich haben könnte und alle meine Hoffnungen endgültig begraben würde.
Manche würden wohl sagen, dass ich es gut getroffen hätte, habe ich doch schnell einen Job gefunden. Als Straßenkehrer. Die meisten denken, der Beruf des klassischen Straßenkehrers sei in Deutschland längst ausgestorben, doch dem ist nicht so, es gibt sie immer noch vereinzelt, man muss sie nur suchen. Und so kehre ich nun Tag für Tag die Straßen und Stege von Hamburg. Immerhin ist dieser Job mir bisweilen sicher, auch, wenn das sicher nicht das ist, wovon ich immer geträumt hatte.
Bevor der Krieg über uns hereinbrach, plante ich, Psychologie zu studieren. Psychologie, das hatte mich immer am meisten interessiert, und ich schien gut genug zu sein - bis die erste Bombe fiel. Alles fiel in sich zusammen wie ein Kartehaus. Irgendwann dann beschlossen wir zu fliehen, meine Schwester und ich, unsere restliche Familie notgedrungen in unserem Heimatland zurückzulassen. Und wenigstens ich habe meinen Weg gefunden, möchte man meinen… doch jeden Tag die Straße zu kehren, frustriert mich, diese Eintönigkeit ist es, was mich innerlich zermürbt.
Manche sagen, das Glück liege auf der Straße. Sollte dem so sein, habe ich es bislang noch nicht gefunden. Oder übersehen. Oder vielleicht in den Abfluss gekehrt, mit all dem ganzen anderen Schutt und Dreck, der mir täglich begegnet.
Wenn ich also schon nicht von Glück im eigentlichen Sinne sprechen kann, so sage ich mir, dass die Sicherheit, die ich hier genieße, doch eigentlich das größte Glück für mich sein müsste. Doch irgendwie glaube ich mir das selbst letztendlich nie.
Und selbst dieses bisschen Glück, in Sicherheit zu sein, könnte mir bald genommen werden.
„Deutschland wählt!“ Das ist, was überall auf Plakaten, die jedes Format sprengen, zu lesen ist. Darauf nur dieser eine Spruch in schwarz-rot-goldenen Lettern. Und darüber ein Bild, den lächelnden Frank Post abbildend.
Ich kann nicht verneinen, dass er auch auf mich sympathisch wirkt, vertrauenswürdig, so als wolle, als könne er etwas bewegen, das Land, wenn es ihm denn beliebt, komplett reformieren, besser machen, als es je war. Selbst ich muss zugeben: Es ist ein Kandidat wie aus dem Bilderbuch.
Trotzdem ruft sein Bild in mir stets nur blanken Hass hervor, immer, wenn ich es sehe, immer, wenn ich seinen Namen höre, immer, wenn seine Umfragewerte wieder ein Stück geklettert sind. Er ist ein Rechter. Ach was, nicht irgendein Rechter, er ist die Hoffnung der Rechtspopulisten, mit seinem smarten Auftreten und der perfekt sitzenden Krawatte.
Und womöglich mein Ende. In mir wallt das Unbehagen, immer, wenn ich daran denken muss, dass dieser, dieser eine Mann meinem Traum, hier endgültig Fuß fassen zu können, ein jähes Ende bereiten könnte. Nicht umsonst hat er sich längst für eine schärfere Politik gegen Asylanten und Migranten ausgesprochen, was bedauerlicherweise immer größeren Zuspruch findet.
Deswegen setzte ich all meine Hoffnung in Anton Mannskind, den Kandidaten der Mitte, der mit seiner unnachahmlichen Art zu reden eine Welle der Begeisterung entfacht hatte und im Begriff war, Post zu stoppen. Natürlich durfte ich nicht wählen. Trotzdem stieg in mir eine beinahe kindliche Vorfreude hoch, wenn ich daran dachte, dass er in wenigen Minuten auf der eigens für ihn errichten Bühne erscheinen würde.
Unglaublich war die Begeisterung, die ihm entgegen schlug, und niemals hätte ich gedacht, dass ein Politiker hier eine solche Euphorie auslösen könnte. Doch auch ich spürte, dass heute etwas Besonderes passieren würde, ganz sicher war ich mir da. Es lag in der Luft, sie knisterte förmlich vor Energie, vor Spannung.
Etwas Großes entsteht hier, dachte ich und ich spürte Hoffnung in mir aufflammen, Hoffnung, von der ich schon gar nicht mehr gewusst hatte, wie gut, wie befreiend sie sich anfühlen konnte.
Schließlich trat er unter ohrenbetäubendem Tosen auf die Bühne.
„Hallo Hamburg“, begann er und schon diese einfachen Worte lösten weitere Begeisterungsstürme aus. Als sich die Menge wieder beruhigt hatte, fuhr er fort:
„Zwei Jahre ist es nun her, dass tausende am Münchner Hauptbahnhof in unser Land geströmt sind. Keine lange Zeit möchte man meinen. Doch seitdem hat sich viel verändert.
Wie groß doch war die Überraschung in der Welt, als wir uns vor knapp zwei Jahren als weltoffen und gastfreundlich zeigten, wir, die Deutschen, die in der Welt doch sonst eher für ihre Humorlosigkeit und Härte bekannt sind. Ja, tatsächlich die ganze Welt war überrascht von uns, von uns allen. Und wieso auch nicht? Uns geht es noch nie so gut wie heute, noch nie stand Deutschland besser da in der Welt
Und doch ist das deutsche Volkgespalten wie nie – geistigen Brandstiftern sei Dank -, obwohl noch immer tausende Menschen im Mittelmeer ihr Grab finden, der Tod kein auf Bewährung ausgesprochenes Urteil ist, sondern endgültig.
Welch ein Armutszeugnis für das kultivierte Europa, Menschen so ganz einfach, so unnötig zu verlieren.
Und so lasst uns das Feld nicht den geistigen Brandstiftern überlassen, die dabei sind, Deutschland, ja ganz Europa und die Welt an den Abgrund zu treiben. Schon die Briten mussten auf schmerzlichste Weise die Konsequenzen erfahren. Populisten fielen sie zum Opfer, die sich just nach der Abstimmung zurückgezogen haben. Verantwortungslosigkeit kann man von ihnen erwarten, sonst nichts.
So lasst uns zusammenrücken, vereint und geschlossen. Lasst uns zusammenstehen gegen die Kräfte, die uns zerreißen wollen, gegen all das, was gegen uns und gegen die Menschlichkeit ist.“
Die Kunstpause, die er daraufhin einlegte, wurde gefüllt vom lauten Tosen der Menge, auch ich selbst konnte mich nicht mehr halten, applaudierte und schrie. Die Kraft seiner Worte war atemberaubend, seine Ausstrahlung überwältigte schier.
„Denn die Menschlichkeit ist das, was uns ausmacht, das, was wir nicht verlieren dürfen, was uns stark und sicher macht. An alle in diesem Land appelliere ich: Lasst uns zusammenstehen, zusammenkämpfen, das, was uns zerstört, vernichten. Lasst uns…“
Ein Knall. Schreie. Panik. Voller Schock stand ich wie angewurzelt da, traute meinen Augen kaum, als ich sah, was passiert war.
Menschen schrien, probierten, sich aus der Masse zu winden, einige klammerten sich aus Angst an ihre Nebenleute, die meisten aber starrten einfach nur ungläubig auf die Bühne, zu schockiert um die Augen abzuwenden.
Was sie sahen, entmutigte mich. Es zerriss mich innerlich so sehr, dass ich meine Wut nach draußen schreien wollte. Doch brachte ich keinen Ton hervor. Vielleicht ist die Erinnerung aber auch inzwischen nur so verschwommen, dass sie mir immer unwirklicher und unklarer wird.
Der Boden der Bühne war rot besprenkelt. Zwischen all den Blutstropfen lag Mannskind. Tot. Erschossen von Attentätern. Immer noch konnte ich nicht glauben, was ich da sah, dass dieser so starke Mann tatsächlich Feiglingen zum Opfer gefallen war, dass alles hier womöglich ein Ende haben, dass mir meine Hoffnung auf Glück von einer Kugel Blei genommen werden sollte.
Nun stürmten Polizisten und Notärzte auf die Bühne. Doch längst nahm ich all dies nur noch schemenhaft wahr, zu sehr gestresst war ich.
Was ich danach gemacht habe, weiß ich nicht mehr, nur, dass ich irgendwann nach langem Herumirren durch die Stadt wieder zuhause angekommen war.
Den Attentäter hat man nie fassen können, was wahrlich erstaunlich ist, bei der Welle, die der Tod Mannskinds verursachte. Wochenlang überschlugen sich die Medien mit immer abstruseren Theorien und jeder, der glaubte, auch nur den leisesten Hauch einer Ahnung zu haben, meldete sich zu Wort. Religiöse Splittergruppen, seien es gewesen, munkelten manche, die meisten jedoch vermuteten rechten Terror hinter dem Ganzen. Mir war es eigentlich gleich, war doch das Ergebnis letztendlich derselbe tote Politiker. Eigentlich, denn niemals werde ich herausfinden, warum er wirklich sterben musste, niemals.
Mannskinds Ermordung jedenfalls löste riesige Solidarität aus, was der Mitte den Wahlsieg bescherte. Jedoch hielt es Regierung es ohne ihren Spitzenmann nicht lange zusammen, weshalb sie schließlich zerfiel.
Bei den Neuwahlen siegten dann schließlich die Rechtspopulisten. Anscheinend waren die Ereignisse da längst vergessen, ich weiß nicht, wie das passieren konnte. Noch heute gehen mir die Bilder immer wieder durch den Kopf, quälen mich, lassen mich den ganzen Schmerz, die Furcht und Enttäuschung, die in mir aufkeimende Wut wieder und wieder fühlen. Es ist ein Gefühl der Leere, schwer zu beschreiben - doch vielleicht kann ich wenigstens das bald hinter mir lassen.
Diese Straße wird die letzte sein, die ich fege. Schritt für Schritt. Schritt für Schritt näher hin zum nächsten Tag, zum letzten. Vielleicht wusste ich mein Glück, hier zu leben, nie zu schätzen, wird es mir doch erst jetzt richtig bewusst, was ich hier hatte. Sicherheit, einen Job, wenn auch keinen guten, einen Platz zum Leben, Dinge, die viele als selbstverständlich erachten. Und morgen vielleicht für mich nicht mehr selbstverständlich sein werden.
Nur noch bis zum heutigen Tag läuft meine Aufenthaltserlaubnis. Und so, wie die Dinge stehen, hatte ich keine Chance mehr, mein Leben hier zu verlängern. Morgen werde ich zurückfliegen, abgeschoben werden. Selbst, wenn man die deutsche Sprache nicht perfekt beherrscht, klingt „abgeschoben“ abstoßend, irgendwie eklig und unangenehm. Noch viel schlimmer als der Klang dieses Wortes ist jedoch die Aussicht, die es mir vermittelt. So ist Syrien zwar befriedet, aber längst nicht mehr das, was es vielleicht vor Jahren mal gewesen ist. Mehr als ein großer Trümmerhaufen ist nicht geblieben. Eigentlich, denn irgendetwas muss ja noch geblieben sein, sage ich mir, wenn ich wieder anfangen soll, dort zu leben.
Ich schaue in die Pfütze links neben mir auf dem Boden. Ihr Wasser ist dreckig, aber mein Spiegelbild ist trotzdem klar erkennbar. So sieht es also aus, das Gesicht eines Abgeschobenen, eines Mannes, der zum zweiten Mal in seinem Leben vor dem Nichts steht. Hatte ich vor ein paar Jahren noch das Gefühl, dieses Gesicht wäre zu schnell gealtert, muss ich nun feststellen, dass die Sorgenfalten tiefe Furchen in mein Gesicht gegraben hatten, ganz gleich dem Netz aus Straßenzügen, das ich jeden Tag gekehrt habe. Hatte ich vor ein paar Jahren noch das Gefühl, aus diesen Augen wäre das Funkeln gewichen, so ist da nun eine trübe Leere; es scheint, als würden sie etwas suchen, das sie womöglich niemals finden werden, wahrscheinlich niemals werden finden können.
Ich kehre die letzten Meter der Straße. Falls das Glück irgendwo auf ihr gelegen haben sollte, habe ich es wohl verpasst, so muss ich es wohl zu all dem anderen Dreck geschoben haben, unwissend, was ich gerade mache.
Vielleicht liegt Glück aber auch nicht auf der Straße. Vielleicht genauso wenig, wie meine Hoffnung auf ein neues, ein besseres Leben hier erfüllt wurde.

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