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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Strohfeuer
Eingestellt am 13. 07. 2001 14:43


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visco
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Strohfeuer

Strohfeuer


Ein kontrollierender Blick auf die Uhr. Kurz nach halb Drei. Keine zwei Stunden hatten sie f├╝r die Autofahrt bis ins ÔÇ×Northeast KingdomÔÇť ben├Âtigt, wie die nord├Âstliche und nur sehr d├╝nn besiedelte Region Vermonts an der Grenze zu Kanada liebevoll genannt wird. Bestimmt w├╝rden sie p├╝nktlich sein.

Das von lustigen Locken eingerahmte Gesicht an ihrer Seite hatte seine kindliche Fr├Âhlichkeit eingeb├╝├čt. Fahl und ausdruckslos war es geworden, seit sie in Montreal gelandet waren. Schon seit Tagen hatte sie nicht mehr gesprochen. Es gab auch nichts mehr zu sagen. Die Entscheidung war gef├Ąllt, endg├╝ltig, unwiderruflich.

Die dicht bewaldete und von zahlreichen nat├╝rlichen Seen und Fl├╝ssen ├╝berzogene Landschaft Neu Englands pr├Ąsentierte sich in herbstlich atemberaubender Sch├Ânheit. Die von der Sonne wirkungsvoll in Szene gesetzte, leuchtend bunte Laubf├Ąrbung war ein prachtvoller Anblick, und ein strahlend blauer Himmel rundete das eindrucksvolle Panorama eines vollkommenen Naturerlebnisses ab. Nun war es nicht mehr weit.

Es war nicht ihre Schuld. Sie hatten sich doch alle M├╝he gegeben. Es gab keine andere L├Âsung. Mit Engelszungen hatten sie auf sie eingeredet. Ohne Erfolg. Nun gab es kein Zur├╝ck mehr. Sie w├╝rde es verstehen, wenn sie ├Ąlter war.

Ein herrlicher Anblick! Nicht zu vergleichen mit dem gewohnten, allzu schnellebigen Zentrum kollektiven Erfolgstrebens, in dem kein Platz war f├╝r Andersdenkende und keine Zeit f├╝r Erkl├Ąrungen. Fasziniert von der sie umgebenden l├Ąndlichen Idylle, die trotz ihrer Unber├╝hrtheit so wenig amerikanisch wirkte und auf gewisse Weise eher an Europa erinnerte, h├Ątte sie beinahe die Abzweigung verpa├čt.

Staub wurde vom sandigen Untergrund aufgewirbelt und lie├č eine Wolke entstehen, die der Wagen wie eine Rauchfahne hinter sich her zog. Die knapp zwei Meilen lange Zufahrt endete an einem breiten Metalltor. Zu beiden Seiten verlor sich eine hohe Steinmauer in der malerischen Landschaft. Kurz vor Drei. P├╝nktlich auf die Minute.

Von unsichtbaren Augen gelenkt schob sich das Tor mit polterndem Abrollger├Ąusch zur Seite. Ein freundlich l├Ąchelnder Uniformierter empfing sie auf der anderen Seite, und nach der Kl├Ąrung ├╝blicher Formalit├Ąten dirigierte er sie per Handzeichen auf einen Parkplatz zwischen die Nobelkarossen anderer Eltern.

Karen kannte den Weg. L├Ąssig schulterte sie ihre Sporttasche, in der sie ihre wenigen Habseligkeiten aufbewahrte, und durchquerte die elektronisch gesicherte Einz├Ąunung, sobald das erwartete Surren deren Entriegelung verk├╝ndete.


*


Kalt und na├č zeigte sich der Oktober von seiner gewohnten Seite. Die beiden Fl├╝gel einer kunstvoll verarbeiteten Abschirmung zogen sich auf Anweisung zur├╝ck und gaben die Auffahrt zu der zur├╝ckliegenden Villa frei. Eine namenlose Hausangestellte nahm ihren Mantel entgegen und f├╝hrte sie in das Innere der architektonischen Umsetzung ├╝bersteigerten Geltungsbed├╝rfnisses.

┬╗Florence! Was f├╝r eine ├ťberraschung!┬ź wurde sie dort von ihrer besten Freundin empfangen. ┬╗So fr├╝h hatte ich euch nicht zur├╝ck erwartet.┬ź

┬╗Wir sind nicht gefahren┬ź, gestand sie aufkl├Ąrend ein. ┬╗Gregory ...┬ź

┬╗... ist wieder einmal etwas dazwischen gekommen┬ź, beendete Laura die z├Âgerlich angesetzte Erkl├Ąrung f├╝r sie. ┬╗Es ist doch immer dasselbe. Die Arbeit, dann die Arbeit und nochmals die Arbeit. Maynard ist nicht anders. Sie k├Ânnen einfach nicht Nein sagen.┬ź

┬╗Ja, da hast du sicher Recht┬ź, stimmte sie ihr mit leidvollem Unterton zu und nahm Laura gegen├╝ber auf einer der langgestreckten Ledergarnituren Platz.

┬╗Also los, ┬┤raus damit! Was hast du auf dem Herzen? Dich bedr├╝ckt doch etwas, das sehe ich dir an. Was ist es? Ist es Gregory?┬ź Die viel zu kurze Unterbrechung, in der Laura sie argw├Âhnisch musterte, bot keine ausreichende Gelegenheit zu einer Antwort. ┬╗Oh nein, es ist Gregory!┬ź glaubte diese inzwischen die Antwort von ihren Augen abgelesen zu haben. ┬╗Doch nicht deswegen? Das kann doch passieren. Daran mu├čt du dich doch schon gew├Âhnt haben. So sind sie eben. Aber davon geht doch die Welt nicht unter!┬ź

┬╗Es ist nicht Gregory┬ź, winkte sie ab, als Laura mit forderndem Blick nach einer Best├Ątigung f├╝r ihre Weisheiten fischte. ┬╗Es ist wegen Karen.┬ź

┬╗Karen?┬ź fragte Laura ungl├Ąubig zur├╝ck.

┬╗Meine Tochter┬ź, reagierte sie pikiert, da Laura diesem Namen offenbar keinen Einflu├č auf ihr Leben beima├č, der gro├č genug gewesen w├Ąre, als da├č davon hervorgerufene Probleme nicht alleine zu regeln gewesen w├Ąren.

┬╗Das war von Anfang an keine gute Idee, das habe ich dir ja gleich gesagt┬ź, ├╝berwand Laura ihre nur kurzzeitig eingetretene Sprachlosigkeit. ┬╗Warum mu├čtest du dir auch ein Kind anschaffen? Es war doch nichts weiter als eine deiner splini├Âsen Ideen, ... von denen du viele hattest, wenn ich dich daran erinnern darf, ... und die sich allesamt in Luft aufl├Âsten, sobald sich einer neuer Spuk in deinem Kopf festsetzte. Erst war es die Malerei, dann die Bildhauerei, du hast geschneidert, getanzt, bist geritten, gesegelt und hast Golf gespielt.┬ź

┬╗Du hast meinen Beruf vergessen.┬ź

┬╗Vielleicht h├Ąttest du besser den wieder aufgenommen als dieses ... Kind ... zu adoptieren.┬ź

┬╗Gregory wollte es nicht.┬ź

┬╗Das ist ja auch nicht weiter verwunderlich. Warum solltest du dich auch damit belasten? Genie├če doch das Leben, das er dir bietet! Ich finde, du k├Ânn...┬ź

┬╗Ich will nicht mehr┬ź, fiel sie Laura niedergeschlagen ins Wort, die auf dieses nur leise verk├╝ndete Eingest├Ąndnis erschrocken reagierte.

┬╗Was ... was meinst du damit, du willst nicht mehr?┬ź

┬╗Ich kann einfach nicht mehr. Und ich will es auch nicht┬ź, erkl├Ąrte sie nun selbstbewu├čter. ┬╗Ich hab┬┤ es einfach satt! Es ist alles so verlogen ... so falsch! Mein Leben, meine Ehe, einfach alles!┬ź Schuldbewu├čt strich sie ihre Haare zur├╝ck. ┬╗Ich h├Ątte nie zustimmen d├╝rfen, da├č sie in diese Anstalt gesteckt wird.┬ź

┬╗Oh Himmel! Und ich dachte schon, du wolltest dir etwas antun! Kannst du dir auch nur entfernt vorstellen, wie sich das auf Gregorys Image niederschlagen w├╝rde? Mu├čt du mir denn einen solchen Schrecken einjagen? Also sch├Ân. Du denkst also an Trennung, hm? Das geht jeder ┬┤mal so. Mach┬┤ dir nichts ┬┤draus. Das geht vorbei.┬ź

┬╗Ich mein┬┤s ernst, Laura! Ich kann so nicht leben!┬ź

Die mit bisher nicht gekannter Entschlossenheit erkl├Ąrte Absichtsbekundung lie├č die Eingeweihte gedankenvoll aufstehen und sich neben sie setzen. Mit m├╝tterlich anmutender Z├Ąrtlichkeit nahm sie die H├Ąnde der unterstellt Trostbed├╝rftigen in ihre, um ihrem nachfolgenden Rat durch eine demonstrierte Anteilnahme mehr Gewicht zu verleihen.

┬╗Jetzt h├Âr┬┤ mir ┬┤mal zu, Liebes. Das Leben an der Seite eines Mannes, dessen Entscheidungen die Fortf├╝hrung einer jahrzehntelangen Tradition garantieren oder f├╝r Hunderte von Mitarbeitern den Verlust der Arbeitsstelle bedeuten k├Ânnen, verlangt uns gewisse Opfer ab. Daf├╝r werden wir mit einem gehobenen Ma├č an Wohlstand entsch├Ądigt. Und wir haben unsere Freiheiten. Diese beinhalten jedoch nicht, da├č man aus diesem Leben einfach aussteigen kann wie aus einem Zug. Du bist entt├Ąuscht, vielleicht sogar ver├Ąrgert, aber das gibt dir noch lange nicht das Recht, deine Interessen ├╝ber seine zu stellen. Du f├╝hlst dich vernachl├Ąssigt? Dann la├č┬┤ dir gesagt sein, Gregory ebenso. Und ich kenne meinen Bruder! Einer Trennung w├╝rde er niemals zustimmen! Also sprich in seiner Gegenwart besser nicht davon, Liebes. Eigentlich solltest du so etwas nicht einmal denken!┬ź

┬╗Weil das schlecht f├╝r sein Image w├Ąre? Was meinst du, wie egal mir das ist!┬ź Sie zog ihre H├Ąnde zur├╝ck. ┬╗Immer geht es nur um ihn! Was ist denn mit mir? Und was ist mit Karen?┬ź

┬╗Was soll mit ihr sein? Sie mu├č eben begreifen, da├č es gewisse Regeln zu beachten gilt, insbesondere dann, wenn man die Tochter eines Firmeninhabers ist. Die ├ľffentlichkeit achtet auf so etwas.┬ź

┬╗Sie ist auch mein Kind!┬ź

┬╗F├╝r dich gelten ├╝brigens die gleichen Regeln wie f├╝r dieses ungezogene G├Âr, mein Schatz! Daran solltest du dich vielleicht von Zeit zu Zeit erinnern. Sei also bitte nicht so egoistisch und vergi├č diesen Unfug mit der Trennung. Fahr┬┤ ein paar Tage ┬┤raus auf┬┤s Land, such┬┤ dir ein neues Hobby, ... leg┬┤ dir einen Hund oder von mir aus einen Liebhaber zu, wenn es dir hilft, aber sorge daf├╝r, da├č eure Ehe zumindest nach au├čen hin intakt bleibt. Das ist deine Aufgabe. Um alles andere brauchst du dich nicht zu k├╝mmern. Meinst du etwa, du w├Ąrst die einzige, der das ab und an nicht leicht f├Ąllt? Glaubst du das? Ich habe mich genauso daran gew├Âhnen m├╝ssen. Und wenn ich das kann, dann kannst du das ebenso!┬ź

In vor Argwohn gl├╝henden Augen begann eine schmerzende Erkenntnis zu funkeln.

┬╗Es war deine Idee, oder? Du hast ihm von dieser Anstalt erz├Ąhlt!┬ź

┬╗Gregory ist nicht blind. Nat├╝rlich hat er gemerkt, da├č nicht alles rund l├Ąuft zwischen euch. Ja, ich habe mich f├╝r ihn erkundigt. Ich habe ihm diese Einrichtung empfohlen, da ich der Meinung bin, da├č es euch die Gelegenheit bietet, wieder etwas Ruhe in eure Beziehung zu bringen. Letztes Mal hat es doch auch geholfen, oder etwa nicht? Denk┬┤ doch auch ┬┤mal an ihn! Ein Mann sollte immer wissen k├Ânnen, da├č er sich jederzeit auf seine Frau verlassen kann. In letzter Zeit hast du ihm nicht unbedingt dieses Gef├╝hl vermittelt. Du warst eher mit dir selbst oder mit Karen besch├Ąftigt. Nicht unbedingt erfolgreich, wie ich hinzuf├╝gen m├Âchte. So konnte es doch nicht weiter gehen!┬ź

┬╗Und ich dachte, du w├Ąrst meine Freundin! Was bist du nur f├╝r ein Mensch?┬ź entfuhr es ihr fassunglos, bevor sie voller Verachtung den Abstand zwischen ihnen vergr├Â├čerte.

┬╗Jetzt bleib┬┤ aber auf dem Teppich, ja? Es gibt ├╝brigens Siebenschl├Ąfer zum Dinner. Ich werde Maria bitten, ein weiteres Gedeck aufzulegen. Du bleibst doch? Maynard w├╝rde sich sicher sehr dar├╝ber freuen. Maria, unsere neue K├Âchin, sie ist eine Zauberin ... oder eine Hexe, ganz wie man will, ... aber ihr Siebenschl├Ąfer ist exzellent, einfach unverge├člich. Wir k├Ânnten Gregory Bescheid geben lassen. Er kann es sicher einrichten. Ich lasse sie ├╝brigens extra aus England einfliegen┬ź, trug die sich als exentrisch entlarvende Liebhaberin exotischer Delikatessen dick auf. ┬╗Wu├čtest du, da├č es sich ... zumindest dem Gewicht nach berechnet ... um eine der teuersten Fleischsorten ├╝berhaupt handelt?┬ź

┬╗Tats├Ąchlich?┬ź reagierte sie sichtlich irritiert auf den kaltherzigen Themenwechsel.

┬╗Mein Metzger macht damit etwa Hundert in der Woche┬ź, benannte die in anderen Gr├Â├čenordnungen denkende Laura das sechsstellige Einkommen lasch. ┬╗K├Âstlichkeiten haben eben ihren Preis. Marias Rezept ... Maria Gasparian, so hei├čt meine K├Âchin, ... sie kommt aus Georgien, ...┬ź

┬╗Ach wirklich.┬ź

┬╗... ihr Rezept stammt noch aus der R├Âmerzeit. Stell┬┤ dir das vor! Es ist ├╝ber zwei Tausend Jahre alt! Richtig antik! Sie f├╝llt ihn mit gehacktem Schweinefleisch, Pfeffer, Pinienkernen und einem nach Knoblauch riechenden Harz. ... Wahrscheinlich ist sie doch ein Hexe┬ź, lachte Laura kurz auf, bevor sie ihre Beschreibung fortsetzte. ┬╗Maynard mag sie lieber ger├Âstet. Ich hingegen bevorzuge sie in Butter gebraten und anschlie├čend anderthalb Stunden in Rotwein geschmort.┬ź

┬╗Eine sicher ausgezeichnete Wahl┬ź, stimmte sie ihr nur halbherzig zu, w├Ąhrend ihr l├Ąngst jeder Appetit vergangen war.

Binnen weniger Augenblicke hatte sich ihre bisherige Vertraute so sehr von ihr entfremdet, da├č sich die l├Ąngst f├╝r ├╝berwunden geglaubte Unsicherheit ihrer erneut bem├Ąchtigte. Die vorausgegangene und nun als unertr├Ąglich empfundene T├Ąuschung war mehr als sie verkraften konnte. Der Schmerz sa├č einfach zu tief, als da├č jedwede Form einer offenen Reaktion diesem h├Ątte gerecht werden k├Ânnen. Also schwieg sie. Den ganzen restlichen Abend ├╝ber w├╝rde ihr kein einziges weiteres Wort mehr ├╝ber die Lippen kommen.

Gregory nahm dies mit seiner unnachahmlichen Gelassenheit zur Kenntnis, die weniger ├╝berheblich, vielmehr erleichtert wirkte, als stellten schweigsam eingenommene Mahlzeiten keine ernsthafte Bedrohung dar. Sie schienen ihm zumindest weitaus angenehmer als emotionsgeladene und dann meist unsachlich gef├╝hrte Argumentationen, denen er ohnehin nicht folgen konnte oder wollte.

Nat├╝rlich hatte er es einrichten k├Ânnen, und wie selbstverst├Ąndlich gab er ihr v├Âllig unbeachtet ihres teilnahmslos zu Boden gerichteten Blicks zur Begr├╝├čung einen Ku├č auf die Stirn. Die bereits im Stillen brodelnde Auflehnung bemerkte er nicht. Vielleicht ignorierte er sie auch, so wie er allem in seinen Augen Nebens├Ąchlichem keine Beachtung schenkte. Viel zu lange schon hatte sie das kommentarlos hingenommen, und nun ha├čte sie sich daf├╝r. Sie war doch mehr als nur ein Teil von ihm, mehr als nur ein vorzeigbarer Bestandteil eines makellosen, bl├╝tenreinen Images, und sie verdiente es nicht, da├č er sie als einen solchen behandelte.

Die georgische Hexenmeisterin hatte den Kopf des Siebenschl├Ąfers nicht entfernt, angeblich des ansprechenderen Aussehens wegen, wie Laura versicherte, wahrscheinlich aber nur deswegen, weil die Auflehnungsbereitschaft einer vermeintlich Abtr├╝nnigen auf die Probe gestellt werden sollte, die ihre Zugeh├Ârigkeit wenn auch nur einen Moment lang in Abrede gestellt hatte. Er bleckte die Z├Ąhne, die Schnurrhaare str├Ąubten sich spr├Âde, und unter der aufgeplatzten Haut sah der nackte Sch├Ądel hervor.

Karen verdiente es gewi├č nicht. Aber sie hatte wenigstens den Mut aufgebracht, es ihm offen ins Gesicht zu sagen ÔÇô und wurde aus Feigheit daf├╝r bestraft. Sie lehne es ab, einfach nur anzugeh├Âren, hatte sie altklug erkl├Ąrt. Wer angeh├Ârt, sei nicht mehr er selbst. Wer angeh├Ârt, der sei verf├╝gbar, verwaltbar, ausgeliefert. Wie Recht sie doch hatte!

Der Geschmack war mit dem eines Kaninchens vergleichbar, vielleicht etwas s├╝├čer. Lauras Metzger, dessen Name originellerweise Blunt lautete (engl.: to blunt = abstumpfen), sei rechtschaffen stolz auf seine Siebenschl├Ąfer, die er nach eigenen Angaben bei einer Hochzeit in Frankreich entdeckt und kurzentschlossen in sein Sortiment aufgenommen haben soll. Der Kaufpreis f├╝r ein Paar, den er zum einen mit den Schwierigkeiten bei der Nachzucht der wieselflinken Nager sowohl deren Talent rechtfertigte, selbst aus gesicherten Gehegen zu entfliehen, lag Lauras Aussage zufolge derzeit bei etwa 250 Dollar, Tendenz steigend.

Sie h├Ątte indes eine profanere Fleischsorte bevorzugt oder noch besser einen gemischten Salatteller der Saison mit italienischem Dressing. Die Vorstellung, mit dem Verzehr eines Nimmersatt den Geldbeutel eines britischen Metzgers mit sechsstelligen Einnahmen pro Woche zu f├╝llen und damit zu dem fragw├╝rdig erlesenen Kreis der Uners├Ąttlichen zu z├Ąhlen, konnte eben keine wahren Gourmetfreuden ersetzen. Die weiteren Empfehlungen aus Maria Gasparians Speisekarte, angef├╝hrt von Alligatorenfleisch, Schwarzb├Ąr und L├Âwe bis hin zu Klapperschlange, darunter Umschreibungen wie nahrhaft, dunkel, w├╝rzig, fettig oder geschmacklich vergleichbar mit z├Ąhen Muscheln, best├Ąrkte sie in ihrer Absicht, die Annahme zuk├╝nftiger Einladungen auf ein Minimum zu beschr├Ąnken.

┬╗Ich werde mich von dir trennen┬ź, platzte sie achtlos in den angeregten Austausch extravaganter Belanglosigkeiten hinein. ┬╗Gleich morgen fr├╝h hole ich Karen ab┬ź, erg├Ąnzte sie mit unumst├Â├člicher Entschlossenheit und ohne ihn dabei anzusehen.

In der vor├╝bergehend eingetretenen Stille wechselten entgeisterte Gesichter fragende Blicke.

┬╗Einen Dreck wirst du!┬ź lie├č Gregory die H├╝llen der H├Âflichkeit fallen, um ihre Entschlossenheit durch Einsch├╝chterung noch zu ├╝bertreffen.

┬╗Das werden wir ja sehen┬ź, gab sie herausfordernd zur├╝ck.

Ihre Erregung m├╝hsam unterdr├╝ckend faltete sie ihre Serviette, legte sie behutsam auf ihrem Teller ab und stand auf. Noch bevor sie den ersten Schritt in Richtung T├╝r tun konnte, war Gregory bereits aufgesprungen und um den Tisch herum zu ihr hingelaufen. Au├čer sich vor Wut packte er sie am Arm und hinderte sie daran zu gehen.

┬╗Was bildest du dir eigentlich ein, he?┬ź br├╝llte er sie an. ┬╗Glaubst du, ich lasse mir ein solches Verhalten bieten? Von niemandem, h├Ârst du? Von niemandem! Und ganz sicher nicht von dir!┬ź

┬╗La├č┬┤ mich gehen, Gregory┬ź, forderte sie v├Âllig ruhig.

Keine Drohung oder Diskussion, nicht einmal ein Versprechen konnte sie jetzt noch umstimmen. Daf├╝r war es l├Ąngst zu sp├Ąt. Gregory realisierte das sofort, und es machte ihn rasend. Er war nicht bereit, seine ├ťberlegenheit der Uneinsichtigkeit einer in seinen Augen selbsts├╝chtigen Undankbaren zu opfern. Wom├Âglich war er nicht einmal dazu im Stande, aber welchen Unterschied machte das schon?

┬╗Nirgendwo wirst du hingehen! Verstehst du? Nirgendwo! Du wirst dich jetzt wieder hinsetzen und erst wieder aufstehen, wenn ich es dir sage! Hast du verstanden? Wenn ich es dir sage!┬ź

┬╗Nein, Gregory, ich werde mich nicht hinsetzen, und ich werde nicht l├Ąnger nur das tun, was du von mir erwartest. Das habe ich schon viel zu lange getan. Und jetzt la├č┬┤ bitte meinen Arm los. Du tust mir weh.┬ź

┬╗Ich tue dir weh, wie? Tue ich das, ja?┬ź

┬╗Gregory! Bitte!┬ź mischte sich nun Laura ermahnend ein, w├Ąhrend sich der wortkarge Maynard beobachtend im Hintergrund hielt und nicht eingriff, wie es von ihm auch nicht anders zu erwarten gewesen w├Ąre.

Sich dem r├╝cksichtslosen Einsatz k├Ârperlicher ├ťberlegenheit nicht widersetzend lie├č sie sich vor ihren Stuhl zerren und an den Schultern darauf niederdr├╝cken. Im Anschlu├č an die vollendete Machtdemonstration r├╝ckte er unn├Âtigerweise sein Jackett zurecht, bevor ein stets griffbereiter Kamm den einwandfreien Sitz seiner Frisur wiederherstellte.

┬╗Und jetzt glaubst du wohl, damit sei die Sache erledigt. Der Herr braucht nur ein Machtwort zu sprechen, und alles kuscht? F├╝r wen h├Ąlst du dich? Etwa f├╝r meinen Vormund?┬ź

┬╗Das ist wohl kaum der richtige Zeitpunkt, Florence!┬ź hielt Laura ihr vorwurfsvoll vor, aber die Gescholtene konnte sich gar keinen besseren Zeitpunkt vorstellen.

Im Beisein der anderen w├╝rde er sich nicht einfach dadurch aus der Aff├Ąre ziehen k├Ânnen, indem er einem strategisch unbedeutenden Schlachtfeld kampflos den R├╝cken kehrte. Au├čerdem hatte er doch diese Situation erst provoziert. Er w├╝rde ihr also entweder Rede und Antwort stehen oder sie gehen lassen m├╝ssen.

┬╗Ich werde mich von dir trennen, ob dir das nun pa├čt oder nicht. Aber was sollte dir das schon ausmachen? Ein Bild von mir sollte allemale gen├╝gen, um die Art von Beziehung aufrechtzuerhalten, die uns noch verbindet, die dich mit mir verbindet!┬ź

┬╗Maynard, so sag┬┤ doch etwas!┬ź dr├Ąngte Laura, aber noch ehe dieser seine gewohnt bed├Ąchtigen Worte formulieren konnte, sah sich Gregory bereits weiteren Vorw├╝rfen ausgesetzt.

┬╗Deine Tochter w├╝rdest du ja nicht einmal auf einem Bild wiedererkennen! Wei├čt du eigentlich, wie sie sich dabei f├╝hlt? Interessiert dich das ├╝berhaupt? Sie hei├čt Karen, falls ich dein Ged├Ąchtnis auffrischen darf. Du hast sie vor kurzem in eine Erziehungsanstalt f├╝r schwererziehbare Jugendliche abschieben lassen. Daran erinnerst du dich doch sicher. Nat├╝rlich nicht wegen der Betroffenen. Sicher aber wegen der 18 Tausend Dollar, die dich der Zwangsaufenthalt wieder einmal kostet.┬ź

┬╗Habe ich sie da etwa hingebracht?┬ź hielt er ihr den Spiegel vor Augen, dessen Abbild unwillk├╝rlich zu einer entstellten Fratze verzerrte.

┬╗Maynard! Jetzt sag┬┤ doch endlich ┬┤was!┬ź unternahm Laura einen zweiten Anlauf, und dieses Mal schuf die anhaltend konsternierte Reaktion seitens der Mitschuldigen die n├Âtige Voraussetzung.

┬╗Unter Ber├╝cksichtigung aller mir derzeit bekannten Fakten scheint deine erneut dokumentierte emotionale Verwirrung gen├╝gend Anzeichen daf├╝r zu liefern, da├č ein professioneller Beistand dringend geboten ist, meine Liebe. In zunehmendem Ma├če etablierte Bereiche deiner bizarren Vorstellungswelt ...┬ź

┬╗Was?┬ź fuhr sie aufgebracht zu ihm herum, aber es gelang ihr nicht, seine bereits begonnenen Ausf├╝hrungen zu unterbrechen.

┬╗... verringern proportional deinen Bezug zur Realit├Ąt. Die daraus resultierenden Widerspr├╝che in deinem eigenen Wertesystem, die unter anderem f├╝r deine extremen Stimmungsschwankungen verantwortlich sind, erzeugen eine stabile Charakterabwehr, mittels derer widerspr├╝chliche Forderungen toleriert werden, allerdings eine offene Auseinandersetzung verhindern und schlie├člich in der Leugnung der eigenen Mitverantwortung m├╝nden. Mit dem Verlust der F├Ąhigkeit zur Selbstkritik schwindet auch dein Verantwortungsempfinden f├╝r das eigene Tun.┬ź

┬╗Du bist krank, Florence! Sehr, sehr krank!┬ź brachte Laura es auf den Punkt.

┬╗Was wollt ihr mir hier weismachen? Da├č ich unzurechnungsf├Ąhig bin?┬ź Den beinahe betroffen wirkenden Gregory durchbohrte ein giftiger Blick. ┬╗Damit kommst du nicht durch!┬ź

┬╗Das werden wir ja sehen┬ź, gab er fingerzeigend ihre Drohung mit gleicher M├╝nze zur├╝ck und erzielte damit das angestrebte Remis, aus dem er bei weitem den gr├Â├čeren Nutzen zog.


ÔÇô Ende ÔÇô

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visco
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Strohfeuer

Also jetzt bin ich wirklich platt!
Ist mein Text wirklich so gut, da├č niemand etwas daran auszusetzen hat? Nicht das Geringste? - Das kann ich gar nicht glauben!

Oder ist er so langweilig, da├č man ihn gar nicht zu Ende lesen mag?
Vielleicht ist er aber auch nicht fl├╝ssig zu lesen?
Oder unverst├Ąndlich?
Oder bl├Âd?
Oder, oder, oder ...?

Ihr wollt doch sicher auch, da├č EURE Beitr├Ąge kommentiert werden, oder etwa nicht?

Mit freundlichem Rundumgru├č,
Viktoria.

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Roberpropp
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Da hast du ja zweifellos Recht...
Aber ich bin ganz ehrlich: Wenn ich zu einem Text wenig Konstruktives zu sagen hab, ziehe ich's vor, ueberhaupt nichts zu sagen.
Da ich aber verstehe, was du meinst, vielleicht drei generelle Dinge (bitte immer in Gedanken hinzufuegen: Es handelt sich selbstverstaendlich NUR um meinen persoenlichen Eindruck - damit nur um eine Lesermeinung von vielen):
1.) Die Personen sind sehr stark klischeeisiert. Das macht sie uninteressant und austauschbar. Sie "leben" nicht, wirken auf mich nicht glaubhaft.
2.) Lange Schachtelsaetze stoeren den Lesefluss.
3.) Persoenlich mag ich Formulierungen wie "┬╗Das werden wir ja sehen┬ź, gab er fingerzeigend ihre Drohung mit gleicher M├╝nze zur├╝ck" ueberhaupt nicht. Natuerlich ist es nicht weniger unerfreulich, staendig Synonyme von "sagte er" zu lesen. Aber im lebendigen Dialog, in dem jede handelnde Person ihre eigene Sprache besitzt, sind die auch meist ueberfluessig (bzw. koennen sparsam gehandhabt werden). Gehaeufte lange Erklaerungen und Begruendungen fuer etwas Gesagtes ("Show, don't tell") finde ich im Dialog ermuedend.

Ich hoffe, Du verstehst das nicht falsch. Ich kann (wie auch bei deiner anderen Geschichte, zu der ich - wie schon gesagt - gern einen Original-Ausschnitt lesen wuerde)an einzelnen Elementen deutlich erkennen, dass du treffend und sinnlich schreiben kannst. Im Ganzen aber erscheint mir diese Erzaehlung nicht gelungen. Vor allem durch die starke Klischeeisierung entsteht ein "Kenn-ich-schon" Eindruck, durch den mich das weitere Schicksal der Personen kaum interessiert. Eventuell zu viel Plot fuer eine kurze Erzaehlung? Es ist ja nicht einfach, auf wenigen Seiten mehrdimensionale Charaktere zu schaffen, wenn man gleichzeitig eine so umfangreiche Handlung praesentieren muss. (Dabei faellt mir noch etwas ein: Die wiederholte, ausfuehrliche Abhandlung ueber das Fleisch, dessen Preis etc. kann auf alle Faelle raus. Damit haettest du Platz gespart!)

Noch einmal: Dies ist nur eine Einzelmeinung. Vielleicht haben andere (Zaunpfahlschwenk) ja einen ganz anderen Eindruck?!?

Schoenes Wochenende und viele gute Einfaelle wuenscht
Robert.

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visco
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Danke, Roberpropp!

Auf dich ist wenigstens Verla├č, Robert! Danke dir f├╝r deine Kritik und Ratschl├Ąge. Genau das habe ich haben wollen.

Ich denke, ich verstehe, was du meinst, und jetzt ist mir sogar peinlich, da├č mir das nicht selber aufgefallen ist.
Deine Anmerkungen werde ich mir bei meiner n├Ąchsten Geschichte auf jeden Fall zu Herzen nehmen. Dabei werde ich mich ┬┤mal einem ganz anderen Thema zuwenden. ┬┤Mal sehen, ob mir das besser liegt.

Ich mu├č allerdings gestehen, da├č es mir etwas schwer f├Ąllt, Geschichten zu schreiben, die "kurz genug" sind, um hier ver├Âffentlicht zu werden. Aber das macht nichts (siehe Signatur).

Es gr├╝├čt dich herzlichst,
Viktoria.

__________________
Ich hatte eine L├Âsung gefunden, nur passte sie nicht zum Problem.

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Roberpropp
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Ach Gott, da koennen wir uns die Haende reichen... ich muss (bzw. besser "muesste") seit WOCHEN zwei Kurzgeschichten schreiben - und es kommt absolut nichts.
Oh ja, ich gehoere auch zu denen, die 400 Seiten fuer durchaus machbarer halten als vier...
Auf kleinstem Raum eine dichte Atmosphaere zu schaffen, glaubhafte Charaktere vorzufuehren UND einen interessanten, moeglichst pointierten Plot zu erzaehlen - ich bewundere jeden, der das fertig bringt. Was soll's, ueben wir eben - im Sinne deiner Signatur - weiter!

Aber hier kannst du doch durchaus auch Ausschnitte aus laengeren Erzaehlungen (in einer anderen Rubrik zumindest) einstellen, oder? Ich weiss natuerlich nicht, wie es den anderen geht, aber ich zumindest lese sowas genauso gern wie in sich abgeschlossene Texte (Verlagslektoren urteilen schliesslich auch nach drei bis fuenf Seiten Leseprobe...). Und wenn ich mich dann aergere, weil der Text ploetzlich abbricht - dann ist das wohl das groesste Kompliment, was ich Autor und Text machen kann!

Produktiven Sonntag wuenscht
Robert.

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ElsaLaska
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auch auf mich ist ab und an verlass,

visco,
diese geschichte hat mir besser gefallen als die schicksalhafte begegnung. sie war schlicht interessanter zu lesen.
du kannst dich sehr gut ausdr├╝cken, aber deine s├Ątze sind bisweilen derart gedrechselt, das sie eine gewisse k├Ąlte beim lesen verursachen. dabei f├Ąllt es dann schwer, zu deinen helden einen emotionalen bezug aufzubauen.
das ende ist mir auch zu abrupt gewesen. dann soll er sie doch gleich einliefern lassen, und nicht nur damit drohen.
im ├╝brigen war ich zum schluss fast auf gregorys seite, die heldin ging mir ein wenig auf den keks. das war aber sicher nicht deine absicht, oder?
das mit den siebenschl├Ąfern ist wirklich zu langatmig. es gen├╝gt der hinweis, dass in diesem haushalt kistenweise exotenfleisch vertilgt wird, egal , was es kostet.
beste gr├╝sse
elsa

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