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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Stromschnellen
Eingestellt am 20. 11. 2011 18:11


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Dani im Sommer
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Nov 2011

Werke: 7
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Stromschnellen (Prolog meines Romans "Lebwohl, aber bleib")

Ein Fluss schlĂ€ngelte sich durch seine Landschaft. Schmal war er, wie jeder Fluss, am Anfang, ehe sich ihm aus zahlreichen Seitenarmen viele Wasser zuflossen und ihn mehr und mehr fĂŒllten, wodurch er an Breite zunahm und schließlich auch an Tiefe. Berge bildeten die Landschaft mit sanften Kuppen und bewaldeten Böschungen, mit spitzen Gipfeln, von denen sich steile HĂ€nge bis an des Flusses Ufer senkten. Bald blieben HĂŒgel ĂŒbrig, die endlich fast unmerklich in eine weite Ebene ĂŒbergingen. Ganz am Ende zerteilte sich der Fluss in zahlreiche Arme und floss in vielfachen Windungen durch eine kultivierte Weide- und eine wilde Graslandschaft.
Vier LĂ€nder durchfloss der Strom, vier LĂ€nder, die mit der Sprache und den Traditionen ihrer Völker auch vier Kulturen hervorbrachten. Da war das Land der GesĂ€nge, Lieder und Gedichte. Da war das Land stolzer FĂŒrsten und fleißiger Bauern und Hirten. Da war das Land mit Geschichten und MĂ€rchen lĂ€ngst vergangener Zeiten. Und da war nur fĂŒr wenige Kilometer entlang enger Kurven und hoher Berge das Land der Bergleute und SteinbrĂŒche. So verschieden auch die Geschichte der Völker war, ihre Kultur und ihre Traditionen, denn die Landschaft prĂ€gten diese mit ErzĂ€hlungen von Kobolden, von Hexen und Teufeln, von Helden und anmutigen Schönheiten, so gab es doch eine Geschichte, die in allen Flussvölkern die gleiche war, wenngleich unterschiedlich erzĂ€hlt.
Es war einmal, so beginnen ĂŒberall die alten Geschichten, und auch in unseren vier LĂ€ndern. Es war einmal ein junges, sehr schönes MĂ€dchen, das öfter aus ihrem Dorf in den Bergen zum Ufer des Flusses kam, um in dessen erfrischenden Wasser zu baden. Es kannte die flachen Stellen und die Tiefen genau, die Untiefen ebenso wie die wirbelbildenden Strömungen um die Felsbrocken nahe dem Strand, zu dem es fast immer, wenn es das MĂ€dchen zu Bade zog, lief. Es wusste also, wie es schwimmen musste, um sich frei in ihrer Bewegung zu entfalten, sich nicht zu stoßen, um nicht an den Fels zu geraten, der ihm hĂ€tte gefĂ€hrlich werden können, um den Wasserwirbel der Untiefen auszuweichen. Auch am sonnigen Morgen eines warmen Sommertages schwamm das MĂ€dchen entspannt in ihrem Fluss. Es war damals noch nicht Mode, irgendwelche Badebekleidung zu tragen. So also badete es ĂŒblicherweise völlig nackt.
In den ErzĂ€hlungen der Alten diesseitig des Stroms wurde das MĂ€dchen Barbara geheißen, auf der gegenĂŒberliegenden Flussseite nannte man es Ursula, und andernorts wiederum hieß es Anna. Doch wir bleiben in unserer Geschichte bei dem wunderschönen Namen Barbara.
Sie stieg ins Wasser, ging langsam an einigen Felsen vorbei, auf sicheren Stand achtend, denn die Kiesel im Fluss waren sehr beweglich und glatt, als sie die Tiefe erreichte, breitete sie die Arme aus und schwamm langsam zur Mitte. Im Fernen sah sie flussaufwĂ€rts eine kleine Insel. Einige Male war sie bereits dorthin geschwommen, hatte Pause gemacht und war von dort wieder zurĂŒckgekrault. Doch heute wollte sie weiter hinaus, was war wohl hinter der Biegung, in die der Fluss sich hinter der Insel hinein schlĂ€ngelte? Mit ruhigen Armbewegungen kam sie voran. Sie freute sich auf die Insel und war ob des Abenteuers, das dann folgen sollte, neugierig. Deshalb achtete sie wenig auf die Umgebung, es war wohl so, wie immer sonst. Sie musste an einer Stelle einen weiten Bogen um eine Untiefe, die von der Spitze eines Felsbrockens markiert wurde, machen, denn sie war dort schon einmal in einen Wirbel hineingeraten und hatte sich nur mit grĂ¶ĂŸter Konzentration und Kraft wieder herauswinden können. Doch inzwischen kannte sie alle TĂŒcken des Flusses und zog in Ruhe ihre Bahn.
Es war einmal, so könnte auch eine andere Geschichte beginnen, jedoch wollen wir einen anderen Anfang fĂŒr die neue Geschichte wĂ€hlen: Es geschah am gleichen Tage, zur gleichen Stunde, an einem Ort auf der anderen Seite des Flusses.
Dort nĂ€mlich stieg ein junger Mann ins Wasser. Wir könnten ihn Heinrich oder Friedrich nennen, doch in den ErzĂ€hlungen der Alten wurde er meistens Konrad genannt. Konrad also kam das erste Mal zu dem Fluss, er kannte bisher nur das kleine FlĂŒsschen, das sich um sein Dorf herum seinen Weg bahnte und in dem er schon als kleiner Junge mit seinen Freunden herumtollte. Und wie staunte er ĂŒber das gewaltige Wasser. Lange stand er am Ufer und betrachtete ehrfĂŒrchtig die Strömung, die Wellen und die weite Sicht bis in eine unbekannte Ferne, in der sich die Einzelheiten verloren. Der Ehrfurcht gegenĂŒber wuchs jedoch eine Neugier nach dem Unbekannten der Ferne, bis er sich in die Tiefe des Flusses wagte und gegen den Strom schwamm. Fast wie FlĂŒgel kreisten seine Arme durch das kĂŒhle Wasser. Ruhig ging sein Atem, und dennoch war er durch diese einzigartige Situation innerlich erregt. Neu war das GefĂŒhl, er war Herrscher ĂŒber den Fluss. Das machte ihn stark. Er kĂ€mpfte gegen die Strömung, ließ sich fĂŒr Augenblicke zurĂŒckfallen, um erneut seine Kraft mit den Flussschnellen zu messen.
Ein GebĂŒsch kam nĂ€her. Er steuerte geradewegs drauf zu. War es das gegenliegende Ufer. Konrad wunderte sich, nein, das Ufer war weit entfernt. Es konnte nur eine Insel sein, der er sich zielbewusst nĂ€herte. Sie kam ihm gerade recht, so konnte er sich etwas ausruhen, die Einsamkeit genießen und sich auf dem fremden Eiland umsehen. Nachdem er einige ZĂŒge tief Luft geholt hatte, schaute er sich um und bemerkte plötzlich ein MĂ€dchen im Grase liegen, von GrasbĂŒscheln bedeckt. Wie wir uns denken können, war dieses MĂ€dchen unsere Barbara.
Sie schlief nicht, nein, sie ruhte und genoss die Natur, das Vogelgezwitscher, das Rauschen der BlĂ€tter von Baum und Strauch im Winde und das fortwĂ€hrende Rollen der Wellen ans Ufer. In dieser Ruhe wurde ihr eine unbestimmte VerĂ€nderung gewahr und sie öffnete die Augen. Als sie den jungen Mann sah, lĂ€chelte sie, richtete sich auf und fragte: „Wer bist du denn und woher kommst du?“ „Du sprichst eine mir fremde Sprache, aber ich verstehe dich. Konrad nennt man mich bei uns im Dorf“, ging er auf sie ein, „dort drĂŒben liegt es.“ Er deutete mit einem Fingerzeig auf das entferntere Ufer des Flusses hinter dessen BĂ€umen sein Dorf lag und sagte weiter: „Ich kenne dich nicht, wer bist du und wo liegt dein Dorf?“ Barbara stellte sich vor und wies ebenso mit dem Finger auf das diesseitige Ufer, „in den Bergen liegt mein Dorf.“ Barbara erzĂ€hlte, dass sie hin und wieder den Fluss bis zu dieser Insel schwömme, heute aber gern weiter wolle, das Unbekannte suchte. Konrad schaute sie an: „Du bist ein hĂŒbsches MĂ€dchen, du gefĂ€llst mir. Wir können gemeinsam noch ein StĂŒckchen den Fluss entlang schwimmen.“ Und so geschah es.
Sie tauchten in das Wasser und erkundeten Neuigkeiten. Barbara schwamm vorn, Konrad hinterher, er ĂŒberholte sie und wieder schwamm sie vorn. Konrad schaute von Zeit zu Zeit zu ihr hinĂŒber. Sie berĂŒhrten einander, waren neugierig auf den anderen, kamen sich nĂ€her, entfernten sich wieder. Das Spiel war Innigkeit. DarĂŒber vergaßen beide, auf VerĂ€nderungen ihrer unbekannten Umgebung zu achten. Das Wasser schien mit seiner Strömung ĂŒberall gleich. Zwar bemerkten sie einen Fels vor sich, allerdings nahmen sie ihn nicht ernst, obzwar Barbara sehr genau hĂ€tte die Gefahren einschĂ€tzen können. Doch sie neigte sich eher Konrad im Scherzen, ErzĂ€hlen und in ZĂ€rtlichkeiten zu. So kam es, wie es kommen musste.
Konrad konnte nur schwer den stĂ€rksten Stoß abfangen. Die Frau umarmend prallte er mit leichten Blessuren vom harten Stein ab. Die Strömung war krĂ€ftig. Sie verloren fĂŒr Augenblicke den Kontakt, fanden einander wieder, hielten sich an den HĂ€nden und wurden erneut auseinander gezerrt. Barbara hatte mit energischen Armbewegungen die Kontrolle ĂŒber ihren Körper gewonnen. Allerdings trafen ihre kraftvollen BefreiungsstĂ¶ĂŸe Konrad am Kopf, so dass er fĂŒr Momente die Orientierung verlor. Zugleich wurde er in den Wasserstrudeln durcheinander gewirbelt, stieß unsanft an Barbaras RĂŒcken, suchte ihre HĂ€nde zu fassen und nicht mehr loszulassen, um dennoch nach Momenten des Eins-Seins von ihr fortgerissen zu werden. Abermals trieben sie beide einem gewaltigen Stein zu. Barbara schwamm rechts an jenem vorbei, Konrad links. Nun hatte auch er seinen Schwimmrhythmus wiedergefunden. Doch die Strömung war stĂ€rker, als selbst der Wille der jungen Menschen, und schied sie endgĂŒltig. Barbara drĂ€ngte in eine Richtung, Konrad in eine andere. Sie rief ihm als letztes noch energisch zu: „Rette dein Leben, sonst stoße ich dich noch in die Tiefe“, danach hörte er nichts mehr von ihr. Es hatte nunmehr fĂŒr beide Schwimmer keinen Sinn, sich mit schier unermesslichen Kraftanstrengungen einander zu nĂ€hern und sich gar festzukrallen. Jeder musste fĂŒr sich selbst mit der Situation klarkommen, sein eigenes Ziel stecken und ihm folgen, wie es oft im Leben ist, dass zwei Menschen sich finden, eine Wegstecke gemeinsam gehen und durchleben, bis die UmstĂ€nde oder eigene Entscheidungen eines unbĂ€ndigen Willens sie fĂŒr immer trennten.
Barbara wurde in das Land der MĂ€rchen und Geschichten verschlagen, Konrad in das Land der Bauern und Hirten. Und wenn sie nicht gestorben sind, so endet vorerst unsere Geschichte, dann leben sie noch heute gesund mit ihren Kindern und Kindeskindern und mit den Gedanken an die wunderbare Begegnung im Fluss.

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DL

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