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Leselupe.de > Tagebuch - Diary
Stufen II
Eingestellt am 29. 04. 2007 13:21


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Haremsdame
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Entwicklung

quote:
Wie jede BlĂŒte welkt und jede Jugend
dem Alter weicht, blĂŒht jede Lebensstufe,
blĂŒht jede Weisheit auch und jede Tugend
zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.

Diese Zeilen stammen aus Hermann Hesses Stufengedicht, entstanden am 4.5.1941. In all den Jahren haben seine Zeilen in meinen Augen nichts an Aussagekraft verloren.

Auch wenn dieses „darf nicht ewig dauern“ zum Widerspruch reizt. Denn gerade, wenn wir uns wohl fĂŒhlen, wollen wir diesen Zustand fĂŒr immer erhalten. Wir können und wollen uns dann nicht vorstellen, dass Besseres nachkommt.

Bei Situationen, die unser Leben zur Qual machen, sieht das bei den meisten von uns anders aus. Trotzdem gibt es auch Menschen, die sich in ihrem Leid suhlen – viel zu lange nicht einsehen, wie sehr sie sich das Leben damit unnötig vergĂ€llen...


quote:
Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe
bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
in andre, neue Bindungen zu geben.



Wie schwer fĂ€llt es uns, geliebte Menschen loszulassen! Festhalten wollen wir sie! VerĂ€nderungen in der Beziehung leugnen wir, so lange es geht. Und dann kommt der Schmerz, die Trauer. Unaufhaltsam. Wir können nicht verstehen, warum und wieso nichts mehr so ist, wie es einmal war. Vielleicht war alles so selbstverstĂ€ndlich, dass wir unser GegenĂŒber nicht mehr wĂŒrdigten?

Noch hĂ€rter ist es, wenn eine unheilbare Krankheit uns den Geliebten oder die Geliebte nehmen. Dann werden wir hilflos. Können nur das geben, was wir noch haben – bis den Kranken oder uns Gesunde die Kraft verlĂ€sst.

Tapfer sein? FĂŒr wen? FĂŒr was? Warum mĂŒssen wir so leiden? Was haben wir verbrochen? Hat uns das GlĂŒck nun fĂŒr immer verlassen? Woher sollen wir den Mut nehmen, neue Bindungen einzugehen? Sollen wir uns wirklich der Gefahr aussetzen, wieder verletzt zu werden?

Die Wahrheit in Hesses Zeilen habe ich im Laufe meines Lebens schon mehrmals durchlitten. Ebenso wie jeder Mensch musste ich Vergangenes hinter mir lassen und das ZukĂŒnftige an mich heranlassen. Auch wenn das nach PassivitĂ€t aussieht; Schmerz loslassen und warten, was dann kommt, ist aktives Tun...


quote:
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
der uns beschĂŒtzt und der uns hilft zu leben.



Drei Wochen Schonzeit gab mir der Arzt, den Schmerz in meinen Knien loszulassen. Liegen war angesagt. Zeit zum TrĂ€umen. Zeit, mich mit mir und meinen WĂŒnschen zu beschĂ€ftigen. Zeit, mich in der Leselupe umzusehen und mich dem alten Hobby des Lesens und Schreibens hinzugeben. Zeit gesund zu werden – körperlich und seelisch.

Das war ein Geschenk des Himmels! Wer hat in dieser hektischen Welt schon das GlĂŒck, ohne schlechtes Gewissen so viel Zeit fĂŒr sich selbst zu finden? Und dabei noch von Menschen, die einem teuer sind, verwöhnt zu werden...


quote:
Wir wollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
an keinem wie an einer Heimat hÀngen.
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
er will uns Stuf um Stufe heben, weiten.



Nun nĂ€hert sich die Zeit des Aufstehens. Ich darf meine Knie langsam wieder belasten. Wohin mich meine realen Schritte fĂŒhren werden, ist klar. Wir wollen bald umziehen. Uns schrittweise wieder der vor Jahren verlassenen Heimat nĂ€hern.

Die geistigen Wege dagegen zeichnen sich erst schemenhaft ab. Die gleißende Helligkeit am Ausgang des langen dunklen Tunnels blendet meine Augen. Sie verspricht aber auch eine Vielfalt von Möglichkeiten.

Meine TrĂ€ume sagten mir, dass mein Bauch schon weiß, wohin der Weg mich fĂŒhrt. Der Kopf versteht die Aussagen bisher nur andeutungsweise. Aber er bemĂŒht sich, tiefer einzutauchen...


quote:
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen.
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
mag lÀhmender Gewöhnung sich entraffen.



Wie haben wir gekÀmpft, um uns die ehemals fremde Umgebung zur Heimat werden zu lassen! Wir haben aus- und umgebaut. Wir haben Blumen und einen Baum gepflanzt. Ich habe eine neue Sprache gelernt und versucht, die MentalitÀt der hier beheimateten, mir fremden Menschen zu verstehen. Wir haben keinen Gedanken daran verschwendet, dass alles nur eine Episode in unserem Leben sein könnte.

Doch das Schicksal will es anders. Zum GlĂŒck haben wir gute Ohren. Wir hörten den Ruf der Zukunft! Wir fanden eine Möglichkeit, all das Schwere, Dunkle, UnverstĂ€ndliche, das zur Verzweiflung treibende abzuschĂŒtteln. Das gemeinsame Tragen der Last hat uns stark gemacht. Stark fĂŒreinander. Stark miteinander. Stark zu neuem Aufbruch.


quote:
Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
uns neuen RĂ€umen jung entgegensenden.
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden...
Wohlan denn, Herz: nimm Abschied und gesunde!



Morgen muss ich nun Abschied von drei Wochen Faulheit nehmen. Es rufen der Alltag und die damit verbundenen Pflichten. Es ruft körperliche AktivitĂ€t. Nach der Abstinenz der letzten drei Wochen freue ich mich schon drauf, wieder Treppensteigen zu dĂŒrfen. Neuen Zielen entgegen zu wandern...

Die Weisheit „Ohne Abschied kein Neuanfang“ hat mich schon vor Jahren beschĂ€ftigt. Inzwischen weiß ich, dass sie sich nicht nur auf Menschen und Orte bezieht. Ich weiß aber auch, dass der Abschied - mit Verstand angegangen – oft weniger schmerzt, als wir uns vorstellen.

Hoffentlich werden unsere Herzen auch kĂŒnftig den Ruf des Lebens hören.

29.04.2007 gst

__________________
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ENachtigall
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Gestaltung

Hallo Haremsdame,

mir hat, ganz abgesehen vom Inhaltlichen, die Gestaltung des Beitrags sehr gefallen. Durch die Hervorhebung der Zitate erfĂ€hrt der Text eine Struktur, die dem Lesen Raum und Ruhe gibt, den Text mitzufĂŒhlen.

GrĂŒĂŸe von Elke
__________________
Wer Spuren sucht, wird Wege finden.

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Milko
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tag 03

hallo haremsdame ( da fÀllt mir noch was ein...ich schrieb zu deinem namen haremsdame,
die sich nicht ganz geben , so oder so Àhnlich ! worauf du meintest "falsch interpretiert "
dazu nur eins
eine frau die einen weg im harem geht , teilt mit vielen frauen einen mann , der mann ist in der pflicht sich der an diesem tage zugewendeten , sich ganz zu geben .
( nicht nur das diese frau das dann in diesen wenigen stunden fordert , sie empfindet und regestriert doch sofort "fehlhaltungen des mannes / der mann bekommt dies doch meist nicht mit !)
wenn ich mir also vorstelle wieviele unglĂŒckliche ehen es gibt, zumeist die frauen darunter seelisch leiden,
und empfinden ,
ist eine frau im harem , nur ein stĂŒck vom ganzen gegenĂŒber /partner ,
muss sich also nicht voll und ganz auf den herrscher einlassen , sondern nur dies zeitfenster des wunsches /vereinbarung vom haremsmann.
das dazu
zur stufe 2 .

ist es ein toller ansatz deines schreibens und mitteilens
zum schluss wird es immer interessanter , in wortwahl fragenspiel und gewÀhltem
zwar weiß man nun:
du lebst im ausland mit deinem partner
schafften dort ne neue heimat ,
sehr viel arbeit , arbeit die bei dir diese auch nur arbeit ist ( 3 wochen krank .....wer kann das schon !)
-bitte lÀcheln ....
bei diesem format
das einzige was mir dazu enfÀllt
- bzw mir fehlte beim lesen
ein klein wenig mehr bezug zu euch
als beispiel dazu:
du schreibst von einer anderen sprache ,
dadurch auch anderes land
doch nicht ein kleiner hinweis wo und was
oben , nach den treppen auf dich wartet !
so habe ich das gefĂŒhl ( ein wenig)
du hast dieses schöne stĂŒck gar nicht fĂŒr andere (leser=)
geschrieben .
dies tolle willst du selbst.
but
mehr als nur das wort
gut
nacht
milko
__________________
gedachtDenn die Einen sind im DunkelnUnd die Andern sind im LichtUnd man siehet dieIm LichteDie im Dunkeln sieht man nichtBerthold Brecht

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Haremsdame
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Hallo Milko,

woher weißt Du eigentlich so viel ĂŒber das Leben im Harem ?

Aber zum Text: Dir fehlt der Hinweis, was oben auf den Treppen auf uns wartet? Wie soll ich ihn Dir geben, wenn ich selbst noch wenig Ahnung habe? Aber zum Trost: heute ist im Kopf die Fortsetzung entstanden. Eine Zustandsbeschreibung - auch noch kein klarer Hinweis, was kommen wird...

Auch meine Leser brauchen Geduld - nicht nur ich...

Frohes Warten

Haremsdame
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Haremsdame
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Unterwegs

ENachtigalls Vorschlag folgend, werde ich die auf „Stufen II“ folgenden Entwicklungsschritte in diesem Thread fortfĂŒhren.
Wen es interessiert, kann die ersten beiden Folgen unter „Stufen“
und „Zerbrochen“
nachlesen. Zum Themenkreis gehören auch „Einen Menschen so nehmen, wie Gott ihn gemeint hat“
und „Alzheimer“.

Auf dem Weg

Seit Anfang Mai bin ich wieder auf den Beinen. Die körperliche Bewegung ist im Vergleich mit der geistigen Entfaltung ist ein Klacks. Ich fĂŒhle mich, als wĂŒrde in meinem Kopf ein zerknittertes StĂŒck Papier glatt gestrichen und die darauf stehenden, lĂ€ngst vergessenen Zeichen zum Leben erweckt.

Mein Wunsch, schreibend in Gedanken zu versinken, nimmt immer mehr Gestalt an. Dank der Leselupe findet rege Befruchtung statt. Die Hoffnung, aus den AnfÀngen mehr zu machen, wÀchst...

Sechs Jahre lang stand die Frau meines LebensgefĂ€hrten im Mittelpunkt unserer gemeinsamen Sorge. Sie ist vor ĂŒber neun Jahren, noch vor Vollendung des 50. Lebensjahres, an Alzheimer erkrankt und lebt nun seit Januar dieses Jahres in einem dementengerechten Heim.

In den vergangenen Monaten haben wir aus der Zwangsisolation ins Leben zurĂŒckgefunden. Nur ab und zu kommen alptraumartige Erinnerungen an unruhige NĂ€chte und stĂ€ndige Lauschbereitschaft hoch. Erinnerungen an festgezurrte Rituale, die den Alltag mit der Alzheimer-Krankheit erst ermöglichten. Erinnerungen an den stĂ€ndigen Blick zur Uhr, um den nĂ€chsten Toilettengang nicht zu versĂ€umen. Erinnerungen an gemeinsame Mahlzeiten, bei denen wir uns mehr auf den Hilfebedarf der Kranken konzentrierten, als auf unsere eigenen Teller. All das können wir nun hinter uns lassen und werden nur beim Besuch im Heim an das unaufhaltsame Fortschreiten der Krankheit erinnert.

Heute fĂŒhlen wir uns frei. Jeder unbeschwerte Tag ist wie Urlaub. Die Alltagsarbeiten gehen ohne grĂ¶ĂŸere Unterbrechungen leicht von der Hand. Wir finden Zeit fĂŒreinander und jeder auch Zeit fĂŒr die Dinge, die ihm allein wichtig sind. Unsere Liebe blĂŒht in ebenso krĂ€ftigen Farben, wie die Blumen im Garten.

Ich will das Rad der Zeit nicht mehr zurĂŒckdrehen. Ich stehe zu meinen graumelierten Haaren und meinen Falten im Gesicht. Der SpĂ€tsommer des Lebens hat begonnen, ich bauche die reifen FrĂŒchte nur noch ernten.

Mein in jungen Jahren offen als Geschenk dargebotenes Herz, das ich in AlptrĂ€umen gegen eine wunderschön verzierte, aber leider leere Schachtel eintauschte, quĂ€lt mich nicht mehr. Heute schlĂ€gt es mit einer geheimnisvollen Kraft in meiner Brust und ich kann bestimmen, wem ich es öffne und wem nicht. Ich muss mich nicht mehr beweisen. Ich muss nicht mehr fĂŒr meine Ideale kĂ€mpfen. Ich weiß, dass meine FĂŒĂŸe immer wieder festen Boden finden. Ich weiß, dass ich mich auf meine StĂ€rke verlassen kann. Und ich weiß, dass ich genug StĂ€rke habe, sie mit anderen zu teilen...

Am Wochenende haben wir in unserer neuen Wahlheimat an der tschechisch/deutschen Grenze eine passende Wohnung mit weit ĂŒber 100 Quadratmetern WohnflĂ€che gefunden. Die Fassade des GrĂŒnderzeithauses in DĂŹĂšin (an der Elbe) ist zwar noch dem Verfall preisgegeben, doch im Inneren ist es ebenso gut in Schuss wie wir. Der Blick aus den Fenstern fĂ€llt auf bereits restaurierte, grĂŒne, blaue, orange Hausfassaden, hinter denen sich die Berge der tschechischen Schweiz erheben.

Ganz anders als hier, wo „Lysa Hora“, der höchste Berg der tschechischen Beskiden, ĂŒber 30 Kilometer entfernt und deshalb nur an klaren Tagen von unserem Wohnzimmerfenster aus zu sehen ist. DafĂŒr haben wir hier nicht nur einmal vom FrĂŒhstĂŒckstisch aus erlebt, wie Hasen ĂŒber das Feld hoppelten, Rehe Ă€sten, Goldfasanen durchs Gras staksten und ein Storch sich auf dem Nachbarhaus niederließ.

Abschied und Neubeginn werden unser Leben weiterhin begleiten. Mal intensiver, mal weniger spĂŒrbar. Hoffentlich schaffen wir es, flexibel zu bleiben.





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Haremsdame
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Vorurteile?

Die Vorfreude auf die neue Wohnung hat nicht lange gedauert. Kurz nachdem ich meinen Beitrag in die Leselupe gestellt hatte, bekamen wir einen Anruf. Die jetzige Besitzerin der Wohnung hat es sich anders ĂŒberlegt, sie will nun doch nicht verkaufen. Dabei habe ich speziell diese Wohnung schon Ende Januar zum ersten Mal besichtigt. Dann fanden wir jedoch eine Wohnung zum Mieten, was uns zu jenem Zeitpunkt, als unser hiesiges Haus noch nicht verkauft war, viel lieber war. Wir schlossen bereits im Februar einen Mietvertrag, der ab Juli in Kraft treten sollte und bezahlten die Kaution. Beim Ausmessen der Zimmer stellten wir mit Erschrecken fest, dass der Vermieter einen kleineren Maßstab als wir verwendet haben musste. Statt ĂŒber 100 blieben nur noch 87 Quadratmeter ĂŒbrig. Dann wagten wir es, noch ein paar Fragen zu stellen. So etwas sind tschechische Vermieter nicht gewöhnt. Vor zwei Wochen wurde der Mietvertrag einseitig aufgehoben, auf die KautionsrĂŒckzahlung warten wir noch heute.

EinzelfĂ€lle? Unsere Erfahrung lehrt uns etwas anderes. Wenn ein Tscheche sagt: „ich ruf Dich morgen an“, dann gehen wir inzwischen davon aus, dass das der letzte Kontakt war. Kommt dann tatsĂ€chlich ein RĂŒckruf, sind wir angenehm ĂŒberrascht. Auf tschechische Versprechen zu vertrauen, haben wir verlernt. Auch der Umgang mit Behörden erfordert ein gutes NervenkostĂŒm. Oft weiß die rechte Hand nicht, was die linke gerade getan hat. Nur die Frage nach dem Vorgesetzten bringt so manchen Besserwisser auf Trab.

Zur Entschuldigung der Tschechen möchte ich bemerken, dass wir noch vor dem Beitritt zur EU in dieses Land kamen. Mit der Offenheit, die wir aus Deutschland mitgebracht hatten, konnten die Menschen hier nichts anfangen. Sie waren das Improvisieren gewohnt, egal ob es um Reparaturen oder Gesetze ging.

Noch heute fragt man lieber nicht, ob etwas erlaubt ist, man macht einfach. So entstehen Komposthaufen, sofern sie ĂŒberhaupt angelegt werden, außerhalb des eigenen GrundstĂŒckes. Viel lieber wird frisch geschnittener Gartenabfall im Freien verbrannt – unabhĂ€ngig davon, ob die Nachbarn der nĂ€heren und weiteren Umgebung frische Luft genießen wollen oder nicht. Im Winter werden, vor allem in dörflichen Gemeinden, Feststofföfen mit AbfĂ€llen beheizt. Fassaden und DĂ€cher sind graue Zeugen der Luftverschmutzung. Atemwegserkrankungen bei Kindern und Erwachsenen sind an der Tagesordnung.

Im Laufe unseres Aufenthaltes hier habe ich mir angewöhnt, fĂŒr meinen Seelenfrieden zu sorgen, indem ich meine Augen auf die positiven Entwicklungen richte. Immerhin werden jedes FrĂŒhjahr die Straßen, die mit ihren Unmengen von Schlaglöchern eher PanzerĂŒbungsstrecken gleichen, wieder mit Teerflicken versehen. Ich freue mich, wenn ein verrostetes BrĂŒckengelĂ€nder frisch gestrichen ist und versuche dabei zu ĂŒbersehen, dass nach dem Verbrauchen des einen FarbkĂŒbels der Inhalt des zweiten Eimers einen anderen Farbton aufweist.

Sicher gibt es auch Ausnahmen. Landschaften zum Verlieben haben schon vor Hunderten von Jahren BlaublĂŒtige dazu animiert, ihre Herrensitze hier anzusiedeln. So manche Schlossanlage wurde seit der „samtenen Revolution“ mit viel Aufwand fĂŒr Touristen aufpoliert. Ausgestattet mit ursprĂŒnglichen Möbeln und reichen Waffenkammern sind sie wirklich einen Besuch wert.

Doch angesichts der vielen negativen Erfahrungen mit der UnzuverlĂ€ssigkeit der Menschen ĂŒberlegen wir nun ernsthaft, ob fĂŒr uns eine RĂŒckkehr nach Deutschland nicht sinnvoller wĂ€re. Mein Lebenspartner, in Tschechien geboren, aber 1969 nach Deutschland emigriert, hat gegen sein ehemaliges Vaterland eine Abneigung entwickelt, die dem Verhalten eines Exrauchers gegenĂŒber Rauchern gleicht.

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