Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, mĂŒssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5438
Themen:   92255
Momentan online:
269 Gäste und 11 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Stunde der Rache ?
Eingestellt am 10. 04. 2012 20:15


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Herbert Schmelz
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Oct 2009

Werke: 80
Kommentare: 102
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Herbert Schmelz eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil


Randglossen zur >SPIEGEL-AffÀre< des F.J.S. Herbst 62

DemokratiewĂŒste

Angeblich fehlen der Weimarer Republik die Demokraten, die hĂ€tten widerstehen können, als der Marschtritt der Nazis die demokratische >HumanitĂ€tsduselei< nieder zu trampeln beginnt. Und wie steht die Sache der Demokratie in der Bonner Bundesrepublik? Die spielt seit ihrer GrĂŒndung 1949 zunĂ€chst nur eine Statistenrolle, ganz so, wie die in der DDR mit ihrer Regierung im Ostsektor Berlins. Die vorherrschende politische Sprachregelung im Westen buchstabiert den zweiten deutschen Staat noch SBZ, was sich aber allmĂ€hlich in Riten politischer Phantasielosigkeit verflĂŒchtigt. Daher erhielten die Sozialdemokraten, entgegen struktureller Benachteiligung, eine Chance und formulierten Leitlinien zur >neuen Ostpolitik<. Aber, wie schon angedeutet, werden zunĂ€chst die Verfassungen unter Obhut der BesatzungsmĂ€chte erarbeitet und genehmigt. Drehbuch, Regieanweisungen kommen aus Washington bzw. aus Moskau. Die Idee eines dritten Weges aus der TrĂŒmmerwĂŒste der Nazi-Barbarei scheitert.

Spaltung und Einheit als politischer Widerspruch

Die Unionsparteien formulierten, entsprechend der Sehnsucht nach einem besseren Leben, eine politische Programmatik, die die Einheit Deutschlands nur rhetorisch auffasste, praktisch aber eine Perspektive der Spaltung beförderte. Die Sozialdemokratie hielt mehrheitlich an der Einheit fest, konnte aber in allen Machtfragen von Rang keine glaubwĂŒrdige Politik anbieten, die den Konflikt >Demokratie< und >Kommunismus< auf deutschem Boden aussichtsreich hĂ€tte ĂŒberwinden helfen können. An dieser Stelle muss dies nicht weiter ausgefĂŒhrt werden, obwohl die strukturelle Benachteiligung der realpolitischen sozialdemokratischen Konzepte bis heute bedeutend ist.

ZwiespÀltige Restauration

Ehrgeizigen Charakteren, die parlamentarische Strukturen in einem formellen Mehrparteiensystem zu nutzen verstehen, öffnen sich die TĂŒren des politischen Betriebs. Eine Chance, Tritt zu fassen, besteht darin, den Kapitalismus scheinradikal abzuschreiben, den deutschen Militarismus und sein totalitĂ€res Gehorsamsverlangen nach sklavischer Unterwerfung zu verdammen. >Dem soll die Hand abfallen, der jemals wieder eine Waffe in die Hand nimmt< (F.J. Strauß). Die Anerkennung als mehr oder weniger >clevere ParteifĂŒhrer< scheint den neuen demokratischen Aufbruch zu stĂ€rken, obwohl der Gebrauch der Grundrechte fĂŒr breite Kreise erhebliche Probleme aufwirft. Wer heute, ohne groß nachzudenken, auf den Mythos des >deutschen Wirtschaftswunders< und seinen >Erfinder< Ludwig Ehrhard hinweist, muss sich nicht darum scheren, dass die Bundesrepublik Deutschland in den 50er Jahren mit der stickigen Luft der Restauration sich fĂŒllt.

AutoritÀrer CDU-Staat

Ein Jahrzehnt nach Kriegsende sind wir ĂŒberrumpelt, trotz heftigem Aufschrei. Wir haben wieder Soldaten, sind nicht gleichberechtigter, nicht souverĂ€ner Teil im >westlichen BĂŒndnis<; dĂŒrfen als einzige in der >freien Welt< unsere Kommunisten per Verbot ausschalten, aus der Arbeit vertreiben und ins GefĂ€ngnis werfen; wir können so die alten >vaterlandslosen Gesellen< aus dem Kaiserreich, die Sozialdemokraten, leichter der politischen UnzuverlĂ€ssigkeit verdĂ€chtigen. Die bekommen, im Osten zwangsvereinigt, im Westen nur in gĂŒnstigen Sonderkonjunkturen Grund unter die FĂŒĂŸe. Die Bundesrepublik scheint wie gemacht fĂŒr die Unionsparteien – eine Art CDU-Staat mit autoritĂ€r vĂ€terlichen Gehabe.

Schatten der Nazi-Herrschaft

Mit der sozialen und rechtlichen Diskriminierung der Frauen im brĂŒchigen Gebilde patriarchalischer VerhĂ€ltnisse haben wir nur begrenzte Erfolge - ein keimhafter Fortschritt. Ähnlich ging es mit der ĂŒberlieferten autoritĂ€ren Erziehung und der christlich religiösen Indoktrinierung, die spĂ€te und problematische FrĂŒchte trieben. Die Auseinandersetzung mit der Nazi-Herrschaft ist hoffnungslos randstĂ€ndig, obwohl das Terror-Regime, an das wir uns zwiespĂ€ltig gewöhnt hatten, nur wenige Jahre hinter uns liegt und die Jugend vorsichtig nachzufragen beginnt. Persönlich begreife ich erst Jahre spĂ€ter die Bemerkung Max Horkheimers, die ich zuerst fĂŒr ĂŒbertrieben halte: Die alten Nazis ĂŒberall in der zweiten deutschen Demokratie sind "schlimmer" als das faschistische Original. Drei Prozesse zum Auschwitz-Komplex finden erst nach der >SPIEGEL - AffĂ€re< in Frankfurt a.M. statt.

Freiheitsreservate und historische Schlaglichter

Doch es bilden sich Reservate im Bereich der Meinungs- und Pressefreiheit, die nicht besonders selbstbewusst oder gar sorglos genutzt werden. Absicherungen journalistischer Arbeiten durch staatliche AutoritÀt sind normal, wo die Pressezensur durch BesatzungsmÀchte lÀngst nicht mehr existiert. Der Unterschied zum anderen deutschen Staat ,besonders im Bereich der Meinungsfreiheit, ist jedoch gravierend.

1950 bis 1953 Korea-Krieg; 1953 Aufstand gegen die Erhöhung von Arbeitsnormen in der DDR; 1954 DFB-Elf Fußballweltmeister in der Schweiz; 1956 Volksaufstand in Ungarn – alles Schlaglichter, die in der bunderepublikanischen Wirklichkeit Licht und Schatten verbreiten. 1961 sperrt Ulbricht(SED) >seine BĂŒrger< durch den Bau der Berliner Mauer vollends ein, hindert sie so an der Flucht in den >Adenauer-Staat<. Die hilflose Phrase von der >Wiedervereinigung< steht den harten Fakten des Ost-West-Konflikts gegenĂŒber. Sie wird nicht einmal wahr in der Wendezeit. Der greise Kanzler Adenauer(CDU) wird zum allgemeinen Gespött, zum symbolischen RosenzĂŒchter, in der Schweiz urlaubenden Staatsmann, der von der Macht nicht lassen kann.

"Raketenkrise" der SupermÀchte

Der >Westen< ist unwillig, zugunsten der billig gehandelten Freiheit einzugreifen. Der globale Konflikt jedoch wird durch riskante Manöver der beiden SupermĂ€chte UdSSR und USA verschĂ€rft, sodass militĂ€rische Konfrontation in der >kubanischen Raketenkrise< (1962)unter Einbeziehung >westlicher Raketen< in der TĂŒrkei die reale Gefahr eines dritten Weltkrieges mit Atomwaffen greifbar und zugleich vermeidbar werden lĂ€sst. Kennedy und Chruschtschow können ihr Gesicht wahren. Die kritische Situation jedoch ist ein verstĂ€rkender Faktor fĂŒr die Anti-Atombewegung in Deutschland, die ihren Ursprung in den 50er Jahren hat.

DER SPIEGEL durchschaut Strauß

In der jahrelang schwelenden, spannungsgeladenen AtmosphĂ€re erkennt das Wochenmagazin DER SPIEGEL, dass der CSU-Politiker Franz Josef Strauß (F.J.S.) besonderen politischen Ehrgeiz zeigt, in KorruptionsaffĂ€ren und RĂŒstungslobbyismus verwickelt ist, als Verteidigungsminister eine riskante, offensiv ausgerichtete militĂ€rpolitische Konzeption verfolgt.

FĂŒr Deutschland, an der Nahtstelle des Ost-West-Konflikts, erscheint dem Bayern die Forderung nach atomarer Bewaffnung der Bundeswehr ein sinnvolles politisches Manöver, wobei er sich im schĂŒtzenden Bereich der Denkgewohnheiten des Kanzlers bewegt. Er kann so >strategischen Weitblick< und vor allem DurchsetzungsfĂ€higkeit erproben. Gute GrĂŒnde fĂŒr die gedruckte Presse, das Radio und schwarz-weiß Fernsehen, zu beobachten, wie sich die Politik des Ministers in der Bundeswehr selbst niederschlĂ€gt.

Am Beispiel des Nato-Manövers >Fallex< bescheinigt die SPIEGEL Titelgeschichte >bedingt abwehrbereit<(41/1962) der Bundeswehr SchwĂ€chen, sodass sie einem unterstellten Angriff aus dem Osten kaum standhalten könne. Die Autoren der Story sind ausgewiesene MilitĂ€rexperten, die sich beim BND versichern und mit weiteren Kennern der Materie kommunizieren – Problem ist der >publizistische Geheimnisverrat<. VerdĂ€chtigungen in dieser Richtung soll der Boden entzogen werden. Und man zielt bei den verwendeten Fakten darauf, dass die deutsche MilitĂ€rpolitik angemessener, realistischer zu gestalten sei. Das ist fĂŒr den Verteidigungsminister unertrĂ€glich, der, wie die konservativsten Kreise in der Gesellschaft, den SPIEGEL als nihilistisch oder gar versteckten kommunistischen Staatsfeind einordnet.

Strauß begeht eine "schlichte Dummheit"

Conrad Ahlers und Hans Schmelz als SPIEGEL Redakteure und Autoren tĂ€uschen sich samt ihrem Verleger Rudolf Augstein ĂŒber den gerissenen Intriganten in der Bonner CDU-FDP Regierung. Dort ist es fast schon >enttĂ€uschend< ruhig. Was die SPIEGEL Macher zu dieser Zeit nicht wissen, ist, dass der Verteidigungsminister im Stillen an einer regelrecht putschartigen Aktion arbeitet, die von vielen unbekannten Faktoren bestimmt sein wird. Die Tatsache, den Bundesjustizminister Stammberger(FDP)und den Außenminister Schröder(CDU) aus den geheimen Machenschaften herauszuhalten, bezeugt die hohe Risikobereitschaft von Strauß. Auch Adenauer selbst zieht er nicht ins Vertrauen, obwohl der seine GrundĂŒberzeugungen teilt.

Diesen geheimen Grundzug des staatlichen Vorgehens gegen den SPIEGEL, gepaart mit der Ignoranz und Inkompetenz der hohen Karlsruher Justiz, nimmt die FAZ als >schlichte Dummheit<, >Tölpelhaftigkeit und Plumpheit< wahr. Was aber nicht davon ablenken kann, dass etwas gewaltig stinkt. Was >da stinkt<, schreibt die FAZ, > geniert nicht nur den SPIEGEL, nicht nur die Presse, es geniert die Demokratie in unserem Lande<.

Das Ermittlungsverfahren wegen Landes- und Geheimnisverrats, das wohl schnell im Hauptverfahren kulminieren soll, wird durch eine Anzeige des Parteifreunds von der Heydte in Karlsruhe und ein >unabhĂ€ngiges< und hochtönend hohles Gutachten aus dem Strauß-Ministerium in Gang gebracht, das bald mit dem Stempel >geheim< versehen wird. Der riskante Schritt des Abenteurers F.J.S. hat als unmittelbare Wirkung eine ErschĂŒtterung der Koalitionsregierung zur Folge. Die AnwĂ€lte, Richter aus Karlsruhe, der MAD aus Bonn, die Hamburger Polizei sind ĂŒberfordert, die Medien sofort hellhörig und das Ausland auch.

Bei "Nacht und Nebel" Obrigkeit gegen Pressefreiheit

In einer Demokratie mĂŒssen Landes- und Geheimnisverrat, zumal sie sich auf >Bestechung< begrĂŒnden sollen, penibel und öffentlich nachgewiesen werden. Der >Nacht und Nebel< Angriff auf das Hamburger Pressehaus vom 26. Oktober 1962, einem Freitag, ist aber das Gegenteil eines demokratischen Verfahrens. Seiner politischen Bedeutung nach ist es nach einem halben Jahrhundert immer noch schwerwiegend prĂ€sent, aber auch etwas aus dem KollektivgedĂ€chtnis verdrĂ€ngt.

Je substanzloser die politisch-rechtliche Motivation von Strauß ist, umso ernster sind die folgenden Ereignisse, von denen angenommen werden darf, dass sie die zweite deutsche Demokratie indirekt, lĂ€ngerfristig positiver und nachhaltiger beeinflussen als irgendwelche anderen Fakten der deutschen Nachkriegsgeschichte. Strauß ist gemĂ€ĂŸ seinem Credo von der obrigkeitsstaatlichen Regulierung der Dinge in der Offensive, wobei es aus seiner Sicht undenkbar, ja politischer Selbstmord wĂ€re, fĂŒr alle Repressivmaßnahmen die politische Verantwortung zu ĂŒbernehmen. Das tut Strauß auch nicht. Es ist also sein Offensivgeist, der in der Besetzung, Durchsuchung, Beschlagnahme, der Einrichtung einer richterlichen Zensur im Hamburger Pressehaus und Bonner SPIEGEL BĂŒro wirksam ist – nicht nur fĂŒr einen kurzen Moment, wochenlang auf die Zerstörung der wirtschaftlichen Existenz eines Presseorgans zielend.

Am bedrĂŒckendsten sind die Verhaftungen der verdĂ€chtigen >LandesverrĂ€ter<. Sieben Redakteure und Verlagsmitarbeiter wandern in Sicherungshaft, Rudolf Augstein allein sitzt ĂŒber 100 Tage im GefĂ€ngnis, unter Bewachung und notdĂŒrftig im >Freigang< sein Unternehmen leitend. Conrad Ahlers wird mit seiner Frau am spanischen Urlaubsort von der Polizei des Franco-Regimes aus dem Hotelzimmer abgeholt, Sicherungsverwahrung in Spanien – und zwar auf Anordnung von Strauß, weiter vermittelt durch seinen MilitĂ€rattache Oster in der deutschen Botschaft Madrids, der ein Interpoltelegramm aus Wiesbaden,direkt am Botschafter vorbei, den spanischen Behörden vorweisen kann. Die deutschen Behörden nehmen Ahlers in Frankfurt a.M. in Empfang. Hans Schmelz schlĂ€gt in Ungarn ein Asylangebot aus, reist ĂŒber Österreich sofort nach Hause und direkt in Untersuchungs- bzw. Sicherungshaft. Das alles ist unvollstĂ€ndig, nĂŒchtern auf den Kern der Sache beschrĂ€nkt.

Öffentlicher Protest, parlamentarisches Roll-Back können politische Karriere von Strauß nicht beenden

Öffentlicher Protest von SchĂŒlern, Studenten und ihren Lehrern, von Intellektuellen unterschiedlicher Couleur ist viel emotionaler, ĂŒberrascht den entpolitisierten Frieden in der bundesrepublikanischen Gesellschaft. Praktische SolidaritĂ€t ĂŒberwindet Differenzen von VerlagshĂ€usern zum SPIEGEL und hilft bei der pĂŒnktlichen Erscheinungsweise und der enormen Auflagensteigerung des Magazins. Eine Tatsache, die den >schlauen Fuchs< Adenauer im Bundestag veranlasst auszurufen: >Wir haben einen Abgrund von Landesverrat im Lande<. Und er kommentiert zugleich erregt: >Die Leute stehen nicht sehr hoch in meiner Meinung, die ihm so viel Annoncen gegeben haben<.

Große Tumulte im >Hohen Hause<, das >Gespenst des Obersten Gerichtsherrn< ĂŒbernehmen in diesen Augenblicken die Regie im Plenarsaal. Die >ZĂŒricher Woche< trifft damit zwar vage die Stimmung, aber zugleich auch ziemlich daneben. Denn als Hitler 1934 sich der mörderischen Beseitigung der innerparteilichen Opposition als >oberster Gerichtsherr< rĂŒhmt, gibt es keine frei gewĂ€hlte Volksvertretung mehr. Alles ist >gleichgeschaltet< auf den totalitĂ€ren Staat.

Die veritable Regierungskrise zeigt uns Franz Josef Strauß zuerst als zurĂŒckhaltendes Unschuldslamm, das dann aber in den Novembertagen auf bohrende Dringlichkeitsanfragen der Sozial- und Freidemokraten aus der Deckung hervortritt, sich windet, wendet, stottert, lĂŒgt und keinerlei Übergriffe gegen den Rechtsstaat zugibt. Aber wer ist verantwortlich fĂŒr die SchĂ€den an der Demokratie? Dem Ă€ußeren Anschein nach hat sich Strauß noch einmal aus der AffĂ€re gezogen, lehnt RĂŒcktrittsforderungen ab. Was ist also die Deutung wert, die Theodor Eschenburg der Parlamentsdebatte gibt? >Wenn in einem parlamentarisch regierten Staat ein Minister dem Parlament auf dessen Fragen keine, falsche, höchst unvollstĂ€ndige oder schuldhaft verspĂ€tete Antworten gibt, weil er die Verantwortung scheut, dann ist dies ein schweres Vergehen gegen die parlamentarische Ordnung – ein Vergehen, das parlamentarisch geahndet werden muss<.

Wir können einen einfachen Fortgang der Geschichte mit einigen Überraschungen beobachten. Strauß scheidet nicht einfach aus den höchsten RĂ€ngen des politischen Lebens aus, sondern sagt beim >großen Zapfenstreich< auf Wiedersehen! Alle Minister treten zurĂŒck. Adenauer regiert ein weiteres Jahr mit den Freidemokraten. Er ĂŒbergibt 1963 widerwillig an Ludwig Ehrhard (CDU). Der fĂ€hrt 1965 einen großen Wahlsieg ein.

Erste große Koalition beschrĂ€nkt Demokratie zugunsten von "StabilitĂ€t"

Nach einem Jahr ungemĂŒtlicher Kanzlerschaft, ungewohnter Rezession, schief gelaufener Diskussion ĂŒber das technokratische Konzept einer >formierten Gesellschaft< gibt Ehrhard den Stab 1966 an den Parteifreund Kurt Georg Kiesinger(CDU) weiter, der somit Chef der ersten großen Koalition ist, wo die FDP nicht gebraucht wird. In ihr spielen Conrad Ahlers als stellvertretender Regierungssprecher, Franz Josef Strauß als Finanzminister bis 1969 ihre Rolle.

Zwei der wichtigsten Aufgaben erledigt die erste große Koalition unter teilweisem Protest der Gewerkschaften und einer im Verlauf der 60er Jahre gewachsenen, kritischen Bewegung innerhalb der jungen Generation. Die staatliche Lenkungsfunktion in der leicht tumultuarischen Wirtschaft wird besser ausgestattet mit dem >StabilitĂ€tsgesetz< (1967), fĂŒr den Fall >ĂŒbergesetzlicher NotstĂ€nde< gilt der MehrheitsĂŒberzeugung eine Notstandsgesetzgebung als Demokratie stabilisierend. Sie wird im Grundgesetz 1968 verankert, gestattet erhebliche Eingriffe in die Grundrechte.

Billige Abrechnung der Strauß-AffĂ€re und des Scheingefechts mit "LandesverrĂ€tern"

Und die Justiz, die verratenen Staatsgeheimnisse, die Amtsanmaßung und Freiheitsberaubung? Strauß ist des Amtsmissbrauchs und der Freiheitsberaubung gerichtsnotorisch ĂŒberfĂŒhrt, wird aber wegen möglichen >Verbotsirrtums< nicht weiter verfolgt. Die Eröffnung des Hauptverfahrens wegen Geheimnisverrats wird im August 1966 rechtzeitig vom Bundesgerichtshof abgelehnt. Der schwer wiegende Vorwurf des Landes- und Geheimnisverrats gegen SPIEGEL und >undichte Stellen< im Verteidigungsministerium, der ĂŒber 40 einzelne Punkte umfasst, ist auf null heruntergeschraubt.

Wer kann wollen, dass unter allen UmstĂ€nden die Unionsparteien an der FĂŒhrung der RegierungsgeschĂ€fte beteiligt sind ?

AusfĂŒhrliche Kungelei noch wĂ€hrend der >SPIEGEL-AffĂ€re< fĂŒhrt uns das Parteiensystem als flexibles Planungsinstrument fĂŒr die politische Zukunftsgestaltung vor, ein Instrument, das heute noch funktioniert. Nicht ein Mehrheitswahlrecht zur Ausschaltung kleinerer Parteien soll das etwas wackelige System stabilisieren. In >schwierigen Zeiten< soll es eine >große Koalition< richten. In >normalen Zeiten< dĂŒrfen Mehrheitsbeschaffer mitspielen. BestĂ€ndige Änderungen der politischen Landschaft fĂŒhren zu komplexeren Situationen im ParteiengefĂŒge, besonders die Anzahl der Mehrheitsbeschaffer nimmt zu mit der sich vermindernden Unterscheidbarkeit der beiden >Volksparteien<. TatsĂ€chlich gelingt es bisher nur durch die >sozial-liberale< und die >rot-grĂŒne< Koalition, die Union formal von der Macht zu distanzieren. Aber es ist eine bis heute nicht ganz geklĂ€rte Frage, wie es den Unionsparteien gelingen kann, stets auch dann mit zu regieren, wenn sie in der Opposition sind, und weiter zu regieren, wenn sie im illegalen Spendensumpf, im korruptionsverdĂ€chtigen Amigo-GewĂŒrge zu versinken drohen.

Nach 50 Jahren erinnert uns die sogenannte SPIEGEL AffĂ€re des Franz Josef Strauß, die in Wirklichkeit eine AffĂ€re des CDU-Staats war und ist, unter verĂ€nderten weltpolitischen Konstellationen daran, dass in Deutschland eine Vertiefung und Erweiterung der Demokratie noch immer ein dringendes BedĂŒrfnis ist. DER SPIEGEL hebt leichtglĂ€ubig, verstĂ€ndlich auf den Rachegesichtspunkt ab (12/2012). Nach Aufhebung der Geheimhaltung erzĂ€hlt uns das Gutachten des Oberregierungsrats Heinrich Wunder jedoch deutlicher von einer tief sitzenden deutschen Bedrohungsangst, mit der noch immer ideologisch Politik gemacht wird. Spannend und faktenreich erzĂ€hlt Joachim Schöps erst 1983, 20 Jahre danach, die SPIEGEL - AffĂ€re des Franz Josef Strauß. Heute, 30 weitere Jahre spĂ€ter, lohnt als LektĂŒre das Projekt von Heinrich Schlötterer (CSU), der einer Mythenbildung um Strauß entgegenwirken will. Seine kenntnisreiche Sicht im inneren GehĂ€use der Macht konzentriert sich auf >Macht und Missbrauch Franz Josef Strauß und seine Nachfolger. Aufzeichnungen eines Ministerialbeamten< (2009).


__________________
Ernst H.Stiebeling,EHS

Version vom 10. 04. 2012 20:15
Version vom 11. 04. 2012 18:05
Version vom 14. 04. 2012 10:18
Version vom 14. 04. 2012 10:52
Version vom 16. 04. 2012 14:12
Version vom 22. 04. 2012 19:31
Version vom 22. 04. 2012 20:55
Version vom 04. 05. 2012 11:39
Version vom 04. 09. 2012 13:27
Version vom 17. 10. 2012 10:27
Version vom 24. 10. 2012 12:34
Version vom 11. 11. 2012 18:51
Version vom 07. 12. 2012 21:27
Version vom 09. 12. 2012 14:34
Version vom 16. 12. 2012 22:14
Version vom 24. 12. 2012 22:42
Version vom 30. 05. 2013 21:35
Version vom 15. 05. 2016 09:06

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


ZurĂŒck zu:  Essays, Rezensionen, Kolumnen Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!