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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Sturm
Eingestellt am 10. 07. 2001 15:07


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muskl
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Registriert: Jul 2001

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Sturm


Gr├Ąsslich grinsende blau-schwarze Wolkenmonster zogen ├╝ber den Himmel. Wenn sie dem Bed├╝rfnis nachgeben und ihre Last ausspeien w├╝rden, konnte es nur kompliziert f├╝r die Welt ausgehen. Das letzte bisschen Helligkeit wurde von einer tiefschwarzen Wolke mit dem Aussehen eines b├Âsartigen Krebsgeschw├╝rs eingenommen. Sie hatten sich so schnell ausgebreitet, dass das Licht keine Chance mehr hatte Gegenma├čnahmen zu ergreifen. Was sollte das Licht auch gegen ein Krebsgeschw├╝r machen, vielleicht heller leuchten? Der Wind hatte zugenommen, wobei es nicht klar war, trieb der Wind die Wolken oder umgekehrt. War der Wind verantwortlich f├╝r die Geschw├╝re am Himmel, oder zogen die Geschw├╝re den Wind und gaben ihm die Geschwindigkeit. Viele Geschw├╝re gaben viel Geschwindigkeit, damit er sie m├Âglichst weit treiben konnte um ihre ungehemmte Wildheit zu unterst├╝tzen. Hemmungslos breiteten sie sich aus und schoben sich nach allen Seiten.

Nachdem die Eroberung des Himmels abgeschlossen war, stand alles f├╝r einen Moment still. In dieser Stille lag ein einzelner Mann auf dem R├╝cken im Gras der Salzwiesen. Es war Herbst und er wusste das ein Unwetter kommen w├╝rde. Die ganzen letzten Wochen bestanden schon aus Unwettern, was aber f├╝r die Norddeutsche Tiefebene nichts ungew├Âhnliches war. Von Zeit zu Zeit kam es aber zu besonders gro├čen Wolkenansammlungen, die mit ihrer tiefen Schw├Ąrze alles verdunkelten und die Menschen dazu brachte, instinktiv den Kopf einzuziehen.

Er lag dort unbekleidet, in v├Âlliger Nacktheit und wartete auf die Best├Ątigung seiner Bef├╝rchtungen. Die K├Ąlte in der Luft und aus dem Boden sp├╝rte er nicht, obwohl die feuchte Meeresluft seinen K├Ârper wie mit Stacheln traktierte und das Gras unter ihm diese K├Ąlte angenommen hatte. Um ihm herum war das weite Land der Wiesen und Z├Ąune des Deichvorlandes, auf denen in den w├Ąrmeren Monaten friedliche Rinder weideten. Hier und da stand eine kleine Windm├╝hle, die das Wasser f├╝r die Viecher herauf pumpte. Vor den Wiesen zog sich langgestreckt der hohe Deich zum Schutz gegen die Sturmflut, Selbst der war eingez├Ąunt, um im Sommer den K├╝hen den Weg einzugrenzen. Eine Deichscharte aus Beton machte die Durchfahrt m├Âglich, sie wurde bei einer Sturmflut mit Balken verschlossen. F├╝r eine Sturmflut an dieser K├╝ste musste der Wind schon Orkanst├Ąrke haben und aus Nordwest wehen, au├čerdem war es dann meistens so, dass er mehrere Tage ohne Unterbrechung blies, die Flut nicht ganz ablaufen lie├č und immer wieder Wasser nachdr├╝ckte.

All das traf nicht zu, er wollte auch nichts wegsp├╝len lassen, auch nicht sich selbst, er wollte sich sp├╝ren. Er wollte sich sp├╝ren und warten, ob das unvermeidliche ihn treffen w├╝rde. Er sp├╝rte sich nicht mehr seit dem er f├╝r den st├Ąndigen Schmerz in der Brust die Konsequenzen tragen musste. Jahrelang hatte er es abgelehnt auch nur dar├╝ber nachdenken zu m├╝ssen, geschweige denn dar├╝ber zu reden. Er hatte ein Leben lang seiner Lunge einiges zugemutet, da waren die vielen Zigaretten, er hatte auch lange Jahre mit Teerstra├čen daf├╝r gesorgt, dass freie B├╝rger freie Fahrt hatten. Das die D├Ąmpfe gef├Ąhrlich waren wussten alle, auch schon damals als er angefangen hatte. Selbst die Firma in der er arbeitete war sich dessen bewusst, aber irgendeiner musste es ja machen und er wurde ja schlie├člich daf├╝r bezahlt. Er hatte schon einige seiner Kollegen am Krebs sterben sehen und immer wieder hie├č es, es waren bestimmt die D├Ąmpfe, aber wer wollte das nachpr├╝fen. Die Firma schickte immer einen Kranz zur Beerdigung, wie sie auch im Leben daf├╝r gesorgt hatte das die Leute bei Laune blieben, so auch im Tod.

Er hatte schon vor l├Ąngerer Zeit aufgeh├Ârt die Vorsorgeuntersuchungen beim Arzt f├╝r sich in Anspruch zu nehmen. Der sprach in zwar von Zeit zu Zeit darauf an, aber er fand immer einen Grund es zu verschieben. Es war, als h├Ątte er das unvermeidliche kommen sehen, aber beschlossen es durch ignorieren fernzuhalten. Das ging auch eine vermeintliche lange Zeit gut, bis die Schmerzen und der Husten zu stark wurden. Er kr├╝mmte sich schon morgens nach dem aufstehen unter dem Husten und der Atemnot. Irgendwann blieb ihm dann keine Wahl mehr sich einer Untersuchung zu entziehen. Die R├Ântgenbilder zeigten Schatten, die aber auch wer wei├č was sein konnten, aber er hatte die medizinische Maschinerie in Bewegung gesetzt und konnte sie nicht mehr stoppen. Schlag auf Schlag kam es zu weiteren Untersuchen, die aber nichts genaues ergaben, man wusste da war etwas, aber nicht was.

In dieser Woche war er kurz im Krankenhaus gewesen, damit sie aus seinem K├Ârper Gewebeproben entnehmen konnten. Er h├Ątte es am liebsten alles gestoppt, sich auf seinem Grundst├╝ck in die Sonne gesetzt und den Tag genossen. Aber es war wie ein unvermeidlicher Ablauf, den er selbst nicht mehr steuern konnte. Er stemmte sich zwar mit beiden Beinen in den Boden, aber er wurde weitergezogen. Ein nie gekanntes Gef├╝hl von Machtlosigkeit und Angst hatte von ihm Besitz ergriffen, die beiden Themen waren noch nie seine Freunde und bisher hatte er es immer wieder geschafft sie zu ignorieren oder zu verdr├Ąngen. Mit seiner m├Ąchtigen inneren Energie war das bisher auch kaum ein Problem, aber diesmal hatte er wohl zu sp├Ąt reagiert, oder es hatte ihn ignoriert, war ihm ├╝berlegen. Irgendwie hatte er das Gef├╝hl viel Energie in seinem Leben verschwendet zu haben, mit dem Kampf gegen die inneren Windm├╝hlenfl├╝gel.

Die letzten Tage hatte er auf das Ergebnis der Untersuchung gewartet, die Angst hatte ihn immer mehr ausgef├╝llt. Das es nichts war glaubte er nicht mehr, aber es gab noch die M├Âglichkeit von Gut oder B├Âse. Von Anfang an war ihm dieser Gedanke verhasst gewesen, er konnte nur abwarten und musste sich der Entscheidung ergeben, konnte keinen Einfluss darauf aus├╝ben. Zuerst hatte sich der Umgang mit dieser Situation in kalter Wut gezeigt, er war gegen alles und jeden unfair und ungerecht, was ├╝berging in Selbstmitleid und schlie├člich zu tiefer Traurigkeit f├╝hrte. Auf diese Art und Weise hatte er seine Umgebung an seinem Problem teilhaben lassen, ihm war zwar kurz der Gedanke gekommen dar├╝ber zu reden, aber das war noch nie seine Art gewesen. Er sah keinen Sinn darin auch noch die anderen damit zu belasten, er lie├č sie lieber sp├╝ren wie schlecht es ihm damit ging.

Heute war ein etwas anderer Tag, er hatte l├Ąnger als ├╝blich geschlafen, nach einer Nacht voller Tr├Ąume. Es waren verschiedene Tr├Ąume, aber in allen hatte er ein tiefes Gef├╝hl von N├Ąhe, das ihn immer wieder im Traum zum Weinen brachte. Seit dem Morgen war er ruhig und in sich zur├╝ck gezogen, auf Fragen wusste er keine Antwort, ein Gespr├Ąch war nicht m├Âglich. Er wusste das sich seine Umgebung um ihn sorgte, das hatte in den letzten Tagen zugenommen, was ihn aber immer mehr erdr├╝ckte. Ohne ihn m├╝ssten sie sich keine Sorgen machen, also hatte er doch noch eine Entscheidung. Der Telefonanruf mit dem Ergebnis ├╝berraschte ihn nicht mehr.

Das Wetter passte zu seinen Stimmungen, ein starker Wind trieb viele dunkle und helle Wolken schnell abwechselnd ├╝ber den Himmel. Zwischendurch gab es immer wieder starke Regenschauer, mit denen sich dann auch ein starker Sturm austobte. Das einzige was nicht erschien war die Sonne, kein Lichtblick zwischen all den Wolken. Er stand drau├čen und lie├č jede Wetterstimmung ├╝ber sich ergehen, vielleicht w├╝rde es die Unklarheit seiner Gedanken reinigen, bisher konnte er sich immer auf seine Klarheit verlassen. Auch wenn er kaum mal ein Gef├╝hl zeigte, konnte er sich der Gef├╝hle der anderen sicher sein, er wusste mit seiner geistigen Sachlichkeit eben immer was zu tun war, wenn andere durch ihre Gef├╝hle ins Schleudern kamen. Das machte ihn zu einem gefragten Ratgeber f├╝r die praktische Anwendung von Gef├╝hlen, allerdings nur wenn er nichts damit zu tun hatte.

Fast automatisch trugen ihn seine F├╝├če den kurzen Weg zum Au├čendeichsland, vor├╝bergehende Bekannte gr├╝├čte er nur kurz und abwesend. Die erstaunten Blicke die sie ihm nachwarfen sp├╝rte er, aber es war ihm egal. Wie sollten sie es auch pl├Âtzlich einordnen, ihn an diesem Ort, zu dieser Zeit zu begegnen, das war v├Âllig untypisch f├╝r ihn und ihre Welt, die starr ihren Weg ging. Am Deich angekommen, zog er sich v├Âllig aus und lie├č seine Sachen achtlos liegen. Er ging ein St├╝ck in die Wiesen und suchte sich seinen Platz, dort legte er sich in das feuchte, kalte Gras und blieb still liegen.

├ťber und in ihm tobte der Sturm und versuchte ihn fortzutragen, aber er war zu schwer, innen wie au├čen. In seine Gedanken kamen Menschen die er liebte, sie hatten versucht ihn zu tragen, aber er hatte auch nur da gelegen, er wollte sich nicht tragen lassen. Vielleicht waren der Sturm und er nicht in der Lage ihn zu tragen, es fehlte noch eine Kraft, wie es schien eine entscheidende Kraft. Es war aber keine nat├╝rliche Kraft die er einfach erwarten konnte, wie seine eigene oder den Sturm, er musste um diese Kraft bitten und sich tragen lassen.

Diese Erkenntnis und deren eigentlich Selbstverst├Ąndlichkeit verwirrten ihn, noch mehr aber die Tr├Ąnen, die mit dem Regen ├╝ber sein Gesicht flossen. Er f├╝hlte sich allein und ausgesetzt, wie sehr er doch die Menschen um ihm herum brauchte. Uns sie brauchten ihn, nicht nur in der St├Ąrke und Klarheit, sie brauchten seine Schw├Ąche um selbst zur St├Ąrke und Klarheit zu kommen, sie taten ja nichts anderes f├╝r ihn. Er hatte sehr oft den Spruch gebraucht, dass das Leben ein Geben und Nehmen sei, er hatte aber nur gegeben, hatte das Nehmen nur als etwas R├╝cksichtsloses gesehen. Es war die Art des Nehmens, die ├╝ber gut oder schlecht entschied, nicht die Verweigerung, die Ablehnung bedeutete. Nicht nur das Geben kann helfen, auch das Nehmen. Wenn er sich innerlich ganz klein f├╝hlte, sollte er sich st├╝tzen lassen, statt Selbst zu st├╝tzen.

Es wurde ganz warm in ihm, er brauchte diese Menschen so sehr und sie brauchten ihn, daf├╝r musste er sie aber auch mit ihm gehen lassen, sie an ihm teilhaben lassen. Bisher hatte er nicht mit ihnen gestanden, sondern ├╝ber ihnen, um den ├ťberblick und die Kontrolle nicht zu verlieren, aber dabei ging es eher um die Kontrolle ├╝ber sich selbst. Wenn er seine Schw├Ąche mitteilen w├╝rde, w├Ąre sie eine Gemeinsamkeit und w├╝rde sich zu einer St├Ąrke wandeln. Er war nicht alleine, viele wollten mit ihm sein, er musste sie blo├č lassen und er musste sich lassen.

Er erhob sich aus dem Gras, ging zum Deich und streifte sich die feuchte Kleidung ├╝ber. Durch die ├ľffnung des Deiches, der Deichscharte, ging er seinem Zuhause entgegen. Er brauchte auch eine Deichscharte in seinem Deich, wo Menschen durch gehen konnten, um seine sch├Ânen Wiesen zu sehen und sich dort auszuruhen, zu einem klaren Gedanken zu kommen. Nicht jede Flut die kommt ist eine Sturmflut.

Zuhause angekommen ging er ins Haus, setzte sich an den Tisch zu seiner Familie die er liebte und fing an zu Weinen. Sie hielten seine Hand, streichelten und umarmten ihn, waren bei ihm in seiner Not und gaben ihm Kraft es zu sagen: "Ich habe Angst vor dem leiden, ich habe Angst vor dem sterben."

2001 / Michael

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flammarion
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sehr

anr├╝hrende geschichte. ich finde, du schreibst wie ein maler. man sieht alles gleich vor sich. und die probleme dieses mannes sind mir so bekannt und vertraut . . .
ganz lieb gr├╝├čt
__________________
Old Icke

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muskl
???
Registriert: Jul 2001

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manchmal bringt nur ein innerer Sturm zur Besinnung. Daf├╝r ist die N├Ąhe zur Naturgewalt gew├Ąhlt, das Land tut sein ├╝briges. Danke Dir, hat gutgetan.
Lieben Gruss
Michael

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