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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Sturmflut
Eingestellt am 01. 05. 2001 13:06


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Kyra
Fast-Bestseller-Autor
Registriert: Mar 2001

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Sturmflut

Wawa beobachtete ihre Urgro√ümutter, die grade zwei Seiten einer Illustrierten mit Tesafilm zusammenklebte. Die alte Dame stand an ihrem Schreibtisch, hantierte umst√§ndlich mit Zeitschrift und Schere w√§hrend Wawa schon ungeduldig an ihrem schwarzen Jackett zupfte. Sie versuchte einen Blick auf das Foto zu werfen, was sie nicht sehen sollte. Ihre Urgro√ümutter hatte gesagt, es w√§re zu entsetzlich, ein Kind sollte so etwas nicht sehen. Eine Ecke des Fotos hatte sie einen Augenblick erblicken k√∂nnen, einen nackten wei√üen Fu√ü mit Schlammspuren daran. Aber alles Betteln half nicht, sie bekam die Zeitschrift erst als die Seiten sorgf√§ltig zugeklebt waren, nicht der kleinste Spalt blieb ge√∂ffnet. Schmollend zog sie sich auf ihren Lieblingsplatz, einen abgewetzten Ledersessel in der Diele, zur√ľck. Hier im D√§mmerlicht bl√§tterte sie langsam zu den verklebten Seiten. Die Seiten davor und danach waren voller Fotos mit wenig Text. Es waren Bilder einer √úberschwemmung, Mauern die von Haushohen Wellen m√ľhelos √ľberwunden wurden, H√§user die in Schlamm und Dreck versanken, das Foto einer ertrunkenen Kuh, deren Bauch aufgebl√§ht war und deren Zunge weit aus dem Maul heraushing. Eines ihrer aufgerissenen Augen war mit Erde bedeckt. Wawa rieb sich ihre Augen, wie scheu√ülich wenn man Dreck im Auge hat und nicht mehr blinzeln kann. Sie konnte noch nicht lesen, sie ging erst seit einem halben Jahr in die Schule, aber die Bilder waren leicht zu verstehen.
Lange sah sie auf das Bild einer jungen Frau die auf einem ungedrehten Eimer zwischen Tr√ľmmern sa√ü. Die H√§nde hatte sie in dem zerzausten Haar vergraben, das verzerrte Gesicht war gegen den grauen Himmel gehoben. Aus dem weit ge√∂ffneten Mund schien Speichel zu rinnen, ihre Augen waren tr√§nenleer. Wawa √ľberlegte ob die Frau auf dem Foto wohl schrie oder stumm so dasa√ü. Schlie√ülich kam sie zu dem Schluss dass die Frau wahrscheinlich schrie, als sie die Gesichter der beiden Kinder genau ansah die neben ihr standen. Das M√§dchen blickte mit tr√§nennassem, erschrockenem Gesicht auf die Frau, die sicher ihre Mutter war. Am Ausdruck des M√§dchens konnte Wawa sehen, dass die Frau wohl furchtbar schrie. Ein Junge von ungef√§hr drei Jahren zerrte mit w√ľtendem Gesichtchen an der Kittelsch√ľrze der Frau. Er hatte wohl auch geweint, seine Augen waren verquollen, seine Nase lief. Aber jetzt war er b√∂se, das war leicht zu erkennen. Sicher schrie die Frau schon lange und die Kinder bekamen Angst. Wawa stellte sich kurz vor, sie w√§re das kleine M√§dchen und m√ľsste ihrer Mutter jetzt helfen. Sie sah sich den Hintergrund des Fotos an, sie konnte einen kleinen Bauernhof erkennen, eine Wand herausgerissen, Fenster die schief aus den √Ėffnungen hingen, M√∂bel und Hausrat lagen auf dem ganzen Hof verstreut. Hinter der Frau lag ein schwarzer, l√§nglicher K√∂rper auf dem Boden. Wegen der Kette die von dem K√∂rper zu einer umgest√ľrzten H√ľtte ging, wusste Wawa, dass es der Hofhund sein musste. Ihr traten Tr√§nen in die Augen, der arme Hund war ertrunken, weil er an der Kette angebunden war.

Wawa wurde durch ihre Mutter gest√∂rt, die zielstrebig auf ihr Versteck zukam. Sie konnte nicht weg, sa√ü in ihrem Sessel wie in einer Falle. Sofort bemerkte sie, dass ihre Mutter leicht betrunken war. Wawa roch widerwillig den schwachen Alkoholatem, als sie sich √ľber sie beugte um ihr einen feuchten Kuss auf die Stirn zu dr√ľcken w√§hrend sie neugierig in die Illustrierte starrte.
‚ÄěWarum sind denn die Seiten hier zusammengeklebt?‚Äú
fragte sie erstaunt als sie darin bl√§tterte. Wawa war es peinlich ihr gestehen zu m√ľssen, dass die Urgro√ümutter ihr verboten hatte, ein Foto anzusehen. Als sie es mit m√∂glichst gleichg√ľltiger Stimme erz√§hlt hatte, lachte ihre Mutter kehlig und meinte,
‚Äěwenn du das Bild doch sehen willst, komm in mein Zimmer‚Äú.
Sie entfernte sich summend mit leicht wiegendem Gang und verschwand im hinteren Teil der Wohnung. Wawa hatte vor einer Stunde beobachtet, wie ihre Mutter leise die Wohnungst√ľr aufschloss und sich verstohlen umsah. Als sie dachte, keiner beobachte sie, hob sie ihren weiten Rock und zog oben aus ihren Nylonstr√ľmpfen zwei Flaschen. So schmuggelte sie h√§ufig ihre Tagesration in die Wohnung.
Wawa bl√§tterte missmutig weiter und versuchte nicht an die zusammengeklebten Seiten zu denken. Auf einem anderen Foto war eine lange Reihe von S√§rgen zu sehen, Menschen standen mit ratlosen, traurigen Gesichtern davor. Wawa dachte an ihre Urgro√ümutter, die ihr immer einsch√§rfte, sie solle sofort zu einem Priester gehen, wenn ihre Mutter sie nach Russland zu bringen versuche. Solange ihre Urgro√ümutter lebte, w√ľrde ihre Mutter das nicht wagen. Aber als letzten Winter ein Flugzeug √ľber der M√ľnchener Innenstadt abst√ľrzte und sie mit ihrer Mutter vor dem Radio sa√ü und die Meldungen h√∂rte, war sie sicher, dass ihre Urgro√ümutter die ihre Weihnachtseink√§ufe machte, unter den Toten war. Da hatte sie gemerkt, dass sie nie wagen w√ľrde zu einem Priester zu gehen, ganz gleich wohin ihre Mutter sie br√§chte. Zum Gl√ľck war nichts passiert, nur wusste sie seitdem, dass sie ausgeliefert war.
Auf einem doppelseitigen Bild sah man die Luftaufnahme eines kleinen Dorfes, bis zu ersten Stock war alles unter Wasser. Kleine Boote fuhren zwischen den H√§usern, aus dem Fenster eines Hauses wurde eine alte Frau von kr√§ftigen Armen zu einem Schlauchboot gereicht. Sie trug ein helles Nachthemd das bis √ľber den Bauch hoch gerutscht war. Obwohl die Einzelheiten winzig waren, meinte Wawa zu erkennen, wie sie sich ihrer W√ľrdelosigkeit sch√§mte. Vielleicht w√§re es der alten Frau lieber gewesen zu sterben √ľberlegte sie. Ihre Urgro√ümutter w√§re sicher lieber gestorben als sich so aus dem Fenster heben zu lassen. Aber vielleicht auch nicht, sie sagte ja immer, sie m√ľsse noch leben bleiben bis Wawa gro√ü sei. Der Gedanke machte sie ungl√ľcklich, sie konnte nicht ertragen wenn ihre Urgro√ümutter nicht w√ľrdevoll war. Darum weigerte Wawa sich auch immer einer Stra√üenbahn nachzulaufen, wenn sie mit ihrer Urgro√ümutter einkaufen ging. Ihr kam es so l√§cherlich vor die alte Dame mit kleinen unbeholfenen Schritten laufen zu sehen. Zum Gl√ľck nahmen sie meist ein Taxi.
Schlimmeres als das Bild mit der alten Frau konnten die zusammengeklebten Seiten auch nicht zeigen. Wawa wollte jetzt wissen was man vor ihr verbergen wollte. Sie kletterte entschlossen √ľber die Sessellehne und lief zu ihrer Mutter. Sie h√∂rte Musik durch die geschlossene T√ľr und musste laut klopfen um eingelassen zu werden. Wawa hielt ihrer Mutter schweigend die Zeitschrift entgegen, als sie in den Raum trat der nur von einigen Kerzen erleuchtet war. Ihre Mutter l√§chelte, ging ohne ein Wort zu ihrer Frisierkommode, kam mit einer Nagelschere zur√ľck, nahm Wawa bei der Hand, ging mit ihr zusammen zu dem zerw√ľhlten Bett und lie√ü sich mit einem Seufzer darauf fallen. Der kleine Plattenspieler stand auf dem Boden neben dem Bett und spielte immer wieder die gleiche Platte. Eine Frau mit einer weichen tiefen Stimme sang ein Lied auf franz√∂sisch. Neben dem Bett lagen noch andere Schallplatten verstreut. Im Kerzenlicht erkannte Wawa die H√ľlle von ‚Äěder Wolf und die sieben Gei√ülein‚Äú, noch bevor ihre Mutter angefangen hatte die Seiten zu trennen, fragte Wawa sch√ľchtern, ob sie das auflegen d√ľrfe. Meistens wollte die Mutter wenn sie getrunken hatte Musik h√∂ren, aber heute war sie gn√§dig und legte rasch die Platte auf. W√§hrend sie mit kleinen Schnitten den Tesafilm zerteilte, h√∂rte Wawa dem M√§rchen zu. Sie war ganz versunken, als die Mutter ihr die aufgeschlagene Illustrierte in den Scho√ü legte. Ihr Blick fiel auf ein doppelseitiges Foto. Einen nackten Fu√ü hatte sie ja bereits gesehen, er geh√∂rte zu einem kleinen M√§dchen, das tot auf der Erde lag. Auch der andere Fu√ü war nackt. Wawa schauderte zusammen, als sie die kleinen wei√üen Flecken als Schneereste auf der Erde erkannte. Die Beine des Kindes waren grade ausgestreckt, ein nasses Wollkleid klebte um ihren K√∂rper. Das Gesicht mit den geschlossenen Augen sah entspannt aus, nur der Mund war weit ge√∂ffnet, als wolle sie etwas rufen. Das passte nicht zu den geschlossenen Lidern. √úber die Wange zog sich eine breite Schmutzspur die dem M√§dchen was Verwegenes gab. Lange sah Wawa das Bild an, l√§ngst hatten die sieben Gei√ülein um den Brunnen getanzt und gesungen,
‚Äěder Wolf ist tot, der Wolf ist tot‚Äú
Sonst tat Wawa der Wolf an dieser Stelle immer leid, der mit den Wackersteinen im Bauch in den Brunnen geworfen wurde. Jetzt war sie so in das Foto vertieft, dass sie nicht einmal das Rauschen und regelmäßige Knacken der abgelaufenen Platte bemerkte.
Wawa starrte dem M√§dchen ins Gesicht und versuchte sich vorzustellen, wie sie sich wohl f√ľhlte. Es sah nicht schlimm aus, tot zu sein. Ihre Hand lag locker neben ihrem K√∂rper in einer kleinen Pf√ľtze. Auf einem Knie konnte Wawa noch schwarze Klebereste von einem Pflaster erkennen. Ihr w√ľrde nie wieder etwas wehtun. Sie war in Sicherheit, gesch√ľtzt gegen die K√§lte des Schnees, gegen die Angst vor dem Ertrinken, gesch√ľtzt gegen das Mitleid der Nachbarn, gegen eine betrunkene Mutter. Auch gesch√ľtzt davor, nach Russland verschleppt zu werden. Zudem sah sie nicht so w√ľrdelos aus, wie die alte Frau, die aus dem Fenster gerettet wurde. Sie sah aus, wie ein Wesen, das sich gleich in eine Fee verwandeln w√ľrde. Wawa strich ihr leicht √ľber das Gesicht. Obwohl die Lider geschlossen waren, hatte sie das Gef√ľhl dass die Augen dahinter sie freundlich ansahen.

Wawa wurde durch ein Ger√§usch aus ihren Tr√§umen gerissen. Ihre Mutter hatte ein Glas fallenlassen, nachdem sie es geleert hatte. Schwankend b√ľckte sie sich, um die Scherben aufzuheben. Sie merkte nicht als ihre blo√üen F√ľ√üe in die Glassplitter traten. Sie fluchte leise auf russisch, w√§hrend sie die Scherben langsam, St√ľck f√ľr St√ľck, unter das Tischchen neben dem Bett legte, damit niemand drauf trat. Wawa beobachtete sie voller Wut. Schlie√ülich versenkte sie sich wieder in das Foto, sah das M√§dchen lange an, um sich alles zu merken und schloss die Augen.

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Renee Hawk
???
Registriert: Jan 2001

Werke: 17
Kommentare: 1142
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Hallo,

ich musste mir erstmal ein Tag Zeit geben um das gelesene zu verdauen. Es war wirklich Interesant, die Gedanken eines Kindes zu ergr√ľnden, ist nicht einfach und ich, f√ľr mich, finde es ist dir gut gelungen. Besonders gut fand ich, wie du die einzelnen Bilder bildhaft gestaltet hast. Beim lesen entwickelte sich f√ľr mich den Wunsch mehr √ľber Wawa zu erfahren. Vielleicht bekomme ich noch ein mal die Gelegenheit etwas aus ihrem kleinen Leben zu lesen.

Gruß
Reneè

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Kyra
Fast-Bestseller-Autor
Registriert: Mar 2001

Werke: 64
Kommentare: 74
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Hallo Reneè

schön dass es Dir gefallen hat, hier im Forum stehen noch viele Geschichten von Wawa im Archiv (bis auf Selbstmordattentat, Olly Baby und Benjamin/Im nächsten Leben) also wenn Du Lust hast kannst Du noch viel von ihr erfahren ;-)))

Liebe Gr√ľ√üe

Kyra

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