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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Sturmtänzer
Eingestellt am 29. 04. 2017 11:17


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xavia
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Im Programmkino läuft heute Grease, der Tanzfilm-Klassiker aus den Siebzigern mit John Travolta und Olivia Newton-John. Lisa und ich waren noch Kinder, als dieser Film ein großer Erfolg war. Unser erster Kino-Besuch als Freundinnen, ohne Begleitung Erwachsener.

Jetzt warte ich auf Lisa, stehe am Fenster im Foyer des Kinos und blicke auf einen Hof, der umgeben ist von hohen Gebäuden. Es zieht eine steife Brise auf, ich denke an die Sturmwarnung heute morgen im Radio. Eine leere Limonadendose rollt scheppernd über den gepflasterten Platz, verschwindet unter einem der geparkten Autos. Überall parken Autos, auch hier, am Rand des Platzes. Der Wind nimmt zu, er wirbelt zwischen den Mauern herum und eine Horde loser Blätter wirbeln mit ihm.

Ich beobachte, wie sie sich seitwärts zurückziehen, als wollten sie die Bühne freigeben. Stille. Scheinbar aus dem Nichts taucht er auf, tanzt über den Platz, schwerelos. Dreht eine Runde, die Blätter verharren an der Seite, wie gebannt. Atemlos staune auch ich: Seine Bewegungen sind so natürlich, so fröhlich, wie eigentlich nur Kinder sein können. Längst vergessen geglaubte Gefühle keimen in mir auf, seine Lebenslust steckt mich an. Ich bin er, tanze über den Platz, drehe wilde Pirouetten, wage halsbrecherische Sprünge. Und dann bin ich eines der Blätter: Sie haben sich hervorgewagt, um seinen wilden Tanz zu begleiten. Mal sieht es aus, als würde er sie verfolgen, die angstvoll vor ihm fliehen, dann wieder ist die muntere Schar hinter ihm her, wie eine Horde von Fans hinter einem großen Star. Wir jubeln ihm zu, feuern ihn an. Musik erklingt in meinem Kopf, laut, wild und ungestüm wie der Sturmtanz dort draußen vor dem Fenster. Die Klänge branden dramatisch auf, um dann unvermittelt leiser zu werden, als der Tänzer den Pfahl einer Laterne ergreift, ihn umtanzt und mit seinem ganzen Körper umwickelt, leidenschaftlich, voller Hingabe, ja liebevoll und graziöser als jemals eine Tänzerin auf der Bühne das getan hat. Die Musik ist von einer Lieblichkeit und Süße, dass ich weinen möchte, weinen vor Glück.

Traurigkeit wallt in mir auf: Wann ist mir diese Zärtlichkeit abhanden gekommen, diese Natürlichkeit, dieses Leben, diese Liebe? Aber dann löst der Tänzer sich von dem Pfahl und die Musik, komponiert von seinen Bewegungen, wird wieder lauter, als die Blätter ihn abholen und er zu einem neuen wilden Reigen ansetzt. Ich grübele nicht weiter, folge ihm dankbar und froh und es ist mir, als flöge ich selbst über den Platz, schwerelos, unbeschwert. Alles, was mich belastet hat, wird einfach fortgeweht. Der Glückliche, der Glückbringende, dessen Bewegungen in vollkommener Harmonie mit den wilden Lüften sind, tanzt mit mir über den Platz, wir erheben uns hoch in die Lüfte, Schwindel erregend und wunderbar.

Die Musik ist von spielerischer Leichtigkeit, ebenso wie unsere Körper und ein Ausspruch von Mark Twain kommt mir in den Sinn:

»Arbeite, als bräuchtest du kein Geld,
liebe, als seist du nie verletzt worden
und tanze, als sähe dir niemand zu.«

Plötzlich steht Lisa neben mir. Ich möchte sie teilhaben lassen an meinem Glück, finde aber keine Worte, deute nur sprachlos mit ehrfurchtsvollem Blick aus dem Fenster und Lisa schaut hinaus.

In dem Moment hat sich das kleine blaue Tütengespenst, dessen ungestümem Treiben ich zugesehen hatte, wieder um den Pfahl gewickelt und winkt nur ganz heimlich mit einem seiner Eckenzipfel, ist ansonsten reglos.

»Ja, was ist denn da? Ein Parkplatz, oh, wie entzückend« spottet meine Freundin, die Missgestimmte.

Ich versuche, in die Realität zurückzukehren, atme noch einmal tief durch und erkläre es ihr:

»Diese kleine blaue Plastiktüte da draußen, sieh' doch, die hat eben ganz zauberhaft getanzt.«

Noch einmal schaut Lisa aus dem Fenster, sieht die Tüte, die sich stur an den Pfahl klammert. Sie sieht mich an, als zweifelte sie an meinem Verstand: »Der Film fängt gleich an, lass uns gehen.«

Ich werfe einen letzten sehnsuchtsvollen Blick nach draußen, während meine Freundin, die Ungeduldige, sich schon langsam in Bewegung setzt. Da reißt er sich los von seinem Pfahl, schraubt sich in ungeahnte Höhen. Ich muss näher an das Fenster herantreten, um ihn da oben sehen zu können. Sogleich setzt er zu einem halsbrecherischen Sturzflug an, fängt sich erst knapp über dem Boden wieder, um mir nach einem wunderbaren Wirbel um den Platz noch einmal fröhlich zuzuwinken. Mir ist, als hätte er mir verschwörerisch zugezwinkert, als er dem Fenster ganz nah war und ich habe ihm lächelnd zugewinkt.

Version vom 29. 04. 2017 11:17
Version vom 30. 04. 2017 08:05
Version vom 02. 05. 2017 10:22
Version vom 04. 05. 2017 15:17
Version vom 06. 05. 2017 09:16

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Tintenkleckser
Schriftsteller-Lehrling
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Liebe Xavia,

Liebe Xavia,

wieder ein schöner Text, den ich mit Genuss gelesen habe, sogar mehrmals!

Dabei ist mir aufgefallen, dass du das Wort „Sturm“ in deinem Text fünfmal benutzt hast.

Ich denke, dass man sich hier Gedanken um Synonyme für „Sturm“ machen sollte, gerade um zu zeigen, dass sich eine laue Brise so langsam in einem Sturm aufschaukelt und unseren Sturmtänzer mit zunehmender Stärke aller Ehre geben kann.

heftiger/starker Wind, Wirbelsturm, Orkan, Unwetter, Sturmwind, Blizzard, Hurrikan, Tornado, Windsbraut; Briese, Lüftchen, Hauch, Windhose, Luftstrom, ...

Was meinst du?

Dein Tintenkleckser

__________________
Was irgend etwas außer diesen
betrifft, mein Sohn, laß dich
warnen: Des vielen Büchermachens

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xavia
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Lieber Tintenkleckser,

ja, du hast Recht! Ich habe bei dieser Geschichte so sehr mit den Gefühlen gerungen, dass mir das gar nicht aufgefallen ist. Dabei sollte ich als Norddeutsche doch einiges über die Winde wissen, ebenso wie die Eskimos, die so viele Wörter haben für die Farbe weiß.

Schön, dass dir der Text gefallen hat, ich werde den Sturm in der nächsten Version wortreicher wehen lassen, vielen Dank für den Hinweis.

Liebe Grüße Xavia.

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Ciconia
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Hallo Xavia,

zum Inhalt ist ja schon einiges gesagt worden, zu Stil und Rechtschreibung leider noch nicht. Ich finde, diese hübsche Geschichte hätte es verdient, dass Du sie noch einmal überarbeitest.

BrieseBrise
zugewunkenzugewinkt

quote:
Lisa und ich waren noch Kinder, als dieser Film ein großer Erfolg war. Unser erster Kino-Besuch ohne Begleitung Erwachsener. Wir waren damals schon Freundinnen.
Vorschlag:
Lisa und ich waren noch Kinder, aber schon Freundinnen, als dieser Film ein großer Erfolg war. Unser erster Kino-Besuch ohne Begleitung Erwachsener.
quote:
Und dann wieder bin ich eines der Blätter, die das sich wieder hervorgewagt haben hat, um sich an seinem wilden Tanz zu beteiligen. Mal sieht es so aus, als würde er die Blätter verfolgen, die angstvoll vor ihm fliehen, dann wieder ist die muntere Schar hinter ihm her,
quote:
Ich muss noch einmal dichter näher an das Fenster herantreten, um ihn da oben noch sehen zu können. Sogleich setzt er zu einem halsbrecherischen Sturzflug an, fängt sich erst knapp über dem Boden wieder, um mir nach einem wunderbaren Wirbel um den Platz noch einmal fröhlich zuzuwinken

Vielleicht hast Du Lust, noch ein wenig an dieser Geschichte zu feilen.

Gruß Ciconia


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xavia
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Liebe Ciconia,

ich danke dir sehr für deine Hinweise! Mit Freuden habe ich sie umzusetzen versucht, um daran zu lernen. So lange es jemanden gibt, der oder die etwas zu einer Geschichte von mir sagt, habe ich Lust, sie zu überarbeiten. Dass ich die Brise falsch geschrieben habe, obwohl Tintenkleckser sie mir doch richtig hingeschrieben hat, deutet zwar auf Lernresistenz hin, aber es geschah nicht absichtlich und ich arbeite daran, aufmerksamer zu werden.

Das Wort „gewunken“ habe ich nicht in „gewinkt“ geändert, das widerstrebt meinem Sprachgefühl und der Duden gibt mir (noch) die Erlaubnis, es so zu lassen: Hier klicken
Wahrscheinlich wird es irgendwann abgeschafft

Herzliche Grüße Xavia.

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Ciconia
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Hallo Xavia,

freut mich, dass Du diese Geschichte noch einmal überarbeitet hast – sie hat dadurch definitiv gewonnen.

Gewunken kann man sicher sagen, aber für mich ist das (regional) umgangssprachlich. Für einen literarischen Text würde ich immer gewinkt wählen. Aber das ist Deine Entscheidung, wenn es für Dich so besser passt.

Gruß Ciconia


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xavia
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Liebe Ciconia,

ich habe aufgrund deines erneuten Einwands noch mal weiter recherchiert und dieses gefunden:
Hier klicken
Ich gebe mich geschlagen und werde umlernen, vielen Dank dafür!

Dass die Geschichte gewonnen hat durch deine Hinweise merke ich auch, wenn ich sie jetzt lese. Danke!

Liebe Grüße Xavia.

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