Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, m├╝ssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5438
Themen:   92251
Momentan online:
283 Gäste und 16 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzgeschichten
Sturz
Eingestellt am 12. 09. 2001 11:51


Autor
Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.
flammarion
Foren-Redakteur
Routinierter Autor

Registriert: Jan 2001

Werke: 278
Kommentare: 8208
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um flammarion eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Sturz

In der Mittagspause wollte ich etwas frische Luft schnappen und bin die Treppe hinuntergest├╝rzt. Da lag ich nun und konnte mich nicht mehr r├╝hren. Die Kollegen halfen mir auf und brachten mich zum Arzt. Es wurde festgestellt, da├č nichts gebrochen war, ich hatte nur ein paar gezerrte B├Ąnder, blaue Flecken und Prellungen davongetragen. Der Arzt lie├č mir ein Schmerz- und Beruhigungsmittel verabreichen. Er sagte, es w├╝rde vielleicht mein Wahrnehmungsverm├Âgen beeintr├Ąchtigen. Ich bin geistig topfit, also glaubte ich ihm nicht. Und jetzt steh ich in meiner Wohnung und traue meinen Sinnen nicht!
Ich habe die Deckenleuchte eingeschaltet. Drei Einhundertwatt- Birnen sollten eigentlich die Stube taghell erleuchten, aber sie erscheinen mir jetzt wie tr├╝be Funzeln. Ein dichter Nebel durchwallt mein Wohnzimmer, von kurzen gr├╝n-lila-blauschimmernden Blitzen durchzogen. Hin und wieder tauchen aus dem Nebel gr├Ą├čliche Fratzen auf. Sie verharren vor mir und scheinen mich zu bedrohen und zu verh├Âhnen. Sowie ich mich bewege, tanzen bunte Kreise vor mir, diagonal, horizontal und vertikal, sich willk├╝rlich vereinend und trennend. Sie gebieten mir mit ihrem Tanz, mich nicht von der Stelle zu r├╝hren. Die Blattpflanzen bewegen sich, strecken bedrohlich ihre Ranken nach mir aus. Langsam wird mir angst und bange. Es ist, als ob eine kalte Hand nach meinem Herzen greift. Mein Herz rast und mein Mund ist v├Âllig ausgetrocknet. Ich presse die H├Ąnde auf die Augen, bis sie schmerzen, aber der Spuk geht nicht vorbei. Dabei m├╝├čte die Wirkung des Medikaments l├Ąngst abgeklungen sein!
Nun h├Âre ich eine unheimliche, dumpfe Stimme meinen Namen fl├╝stern, rufen und mit falscher Betonung sagen. Sie scheint aus der Wand zu kommen. Alles folgt so rasch aufeinander, da├č ich mich immer unsicherer f├╝hle, und das in meinen eigenen vier W├Ąnden! Starr vor Schreck vernehme ich die widerw├Ąrtige Stimme in einem grauslichen Singsang: ÔÇ×Heute ist mein Geburtstag, Rudi!ÔÇť Es ist mir unklar, was das jetzt soll. Wessen Geburtstag? Die Wand spricht weiter: ÔÇ×Erinnerst du dich nicht an mich? Wir waren Freunde, Rudi.ÔÇť Ja, Freunde habe und hatte ich viele. Die Wand geh├Ârt eigentlich nicht dazu. Die unheimliche Stimme beginnt ein Lied zu singen. Es dauert eine Weile, ehe ich es erkenne. Vor vielen Jahren hatte ich es oft mit meinem Freund zusammen gesungen, mit Hans Walther. Ich war dabei, als er starb. Wir kletterten in den Bergen herum und wollten zum Adlernest hinauf. Hans st├╝rzte ab und ich hing zitternd in der Steilwand, konnte mich nicht r├╝hren. Als ich sp├Ątabends zu Hause ankam, war ich zu feige, das Geschehene zu erz├Ąhlen. Ich war es, der unbedingt zum Nest hinauf wollte, man h├Ątte mir die gr├Â├čten Vorw├╝rfe gemacht. Wie sollte ich den Eltern je in die Augen sehen?
Nach vier Tagen wurde Hans gefunden. Der Arzt sagte, er sei erst am Abend nach dem Sturz gestorben. Ach, warum hab ich mir bei dem Treppensturz nicht das Genick gebrochen? Ein Schluchzen w├╝rgt in meiner Kehle. Ich ├╝berlasse mich zum erstenmal seit jenen Kindertagen meinem Schmerz. Ich will nichts mehr h├Âren und sehen, nur noch weinen.
Am anderen Tag ist alles so wie immer. Ich denke daran, in die Heimat zu fahren und einen Strau├č auf das Grab meines Freundes zu legen, aber heute so wie damals bin ich zu feige. Ich tu das, was viele M├Ąnner tun: mich besaufen.

__________________
Old Icke

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Willi Corsten
Manchmal gelesener Autor
Registriert: Apr 2001

Werke: 87
Kommentare: 1122
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Willi Corsten eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Liebe oldicke,
eine tiefsinnige Geschichte, gekonnt geschrieben und ohne Stilbruch zuende gef├╝hrt. Die Logik am Schluss ist leider auch keine Seltenheit.
Da du Hinweise w├╝nschst, folgendes:
Nach dem Satz ÔÇ×Die unheimliche Stimme beginnt ein Lied zu singenÔÇť m├╝sste m. E. ein ÔÇśkleiner PaukenschlagÔÇś kommen, ein aufr├╝ttelndes Wort, z.B. pl├Âtzlich. Der ├ťbergang in die R├╝ckblende wurde mir erst beim wiederholten Lesen deutlich genug bewusst, wenn du verstehst, was ich meine.
Ansonsten super!
Es gr├╝├čt dich lieb
Willi

Bearbeiten/Löschen    


Breimann
???
Registriert: Dec 2000

Werke: 38
Kommentare: 169
Die besten Werke
 
Email senden
Profil
Sch├Ân ist falsch

bei so einer Geschichte, liebe flammarion. Das Gewissen ruht eben nie. Manchmal sind es kleine Dinge, die uns an vergangene S├╝nden erinnern. Ist das die Botschaft? Ja, du kannst gut und stimmungsvoll erz├Ąhlen.
Ein kleiner Hinweis: Der Satz >...dumpfe Stimme meinen Namen fl├╝stern, rufen und mit falscher Betonung sagen.< w├╝rde sich vielleicht anders etwas beser machen, weil fl├╝stern, rufen und sagen zuviel ist. Fl├╝stern und rufen widersprechen sich au├čerdem.
Etwa: >...meinen Namen mit falscher Betonung fl├╝stern/ rufen.<
Ansonsten, wie gesagt, eine ansprechende, kleine Geschichte.
Dein
eduard
__________________
Ich schreibe - also bin ich.

Bearbeiten/Löschen    


flammarion
Foren-Redakteur
Routinierter Autor

Registriert: Jan 2001

Werke: 278
Kommentare: 8208
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um flammarion eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil
oh,

vielen dank f├╝r eure freundliche reaktion. ich werde bei . . . beginnt ein lied zu singen . . . ein pl├Âtzlich einf├╝gen, das ist wirklich ein guter vorschlag. bei . . . fl├╝stern, rufen und mit falscher betonung sagen . . . fehlt das wort "abwechselnd", wie ich jetzt wei├č. ganz lieb gr├╝├čt
__________________
Old Icke

Bearbeiten/Löschen    


Ralph Ronneberger
Foren-Redakteur
Autor mit eigener TV-Show

Registriert: Oct 2000

Werke: 64
Kommentare: 1400
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Ralph Ronneberger eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Hallo Christa,

sag mal, f├Ąllt man so unspetakul├Ąr eine Treppe hinunter?
"In der Mittagspause wollte ich etwas frische Luft schnappen und bin die Treppe hinuntergest├╝rzt."
Mehr gibt es dazu nicht zu sagen? Wo bleibt die Dramatik dieses Augenblicks? Ich habe zwar schon erfahren, da├č Du aus einem Kahn fallen kannst, ohne ein gro├čes Drama daraus zu machen - aber ein Kahn ist doch auch keine Treppe!
Aber nun zum Rest der Geschichte. Mir gef├Ąllt se. Und ab dem Moment, wo Du die Wohnung betrittst, beginnt auch die Dramatik, die einen sogar als Leser ein wenig gruseln l├Ą├čt. Haste gut hinbekommen. Kleiner Nebeneffekt: Mir fielen auch gleich ein paar Jugends├╝nden ein, bei denen allerdings keine Todesf├Ąlle zu beklagen waren.
Noch eine Anmerkung: " Es ist, als ob eine kalte Hand nach meinem Herzen greift. Mein Herz rast und mein Mund ist v├Âllig ausgetrocknet." Hier ist mir das zweite Herz zuviel. La├č doch einfach den Puls rasen.

Gru├č Ralph

__________________
Schreib ├╝ber das, was du kennst!

Bearbeiten/Löschen    


Felicitas
Hobbydichter
Registriert: Sep 2001

Werke: 2
Kommentare: 15
Die besten Werke
 
Email senden
Profil
Geschmackssache...

Hallo!

Ja! Man f├Ąllt so unspektakul├Ąt die Treppe herunter! Genau das ist es, was mir gef├Ąllt.

In der Mittagspause wollte ich etwas frische Luft schnappen und bin die Treppe hinuntergest├╝rzt.

Ich finde den ersten Satz gerade gut in seiner Schlichtheit, ohne Trara drumherum. Ja, ich musste sogar schmunzeln beim lesen, und war eher ├╝berrascht, dass dann die dramatische Geschichte am Ende kam. Ich wollte nach dem Satz auf jeden Fall sofort weiterlesen. Ich w├╝rde ihn nicht ├Ąndern! Die Geschichte gef├Ąllt mir! LG Felicitas

__________________
Bitte um Kritik! Dankesch├Ân, Felicitas

Bearbeiten/Löschen    


Zur├╝ck zu:  Kurzgeschichten Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!