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Leselupe.de > Kurzprosa
Suche nach dem Glück
Eingestellt am 12. 03. 2006 18:00


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KurzeXL
Festzeitungsschreiber
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Großmutters bewegende Erfahrungen auf der Suche nach dem großen Glück.
Oder: "Was Hänschen nicht lernt - kann Hans doch noch lernen!"
**************************************************************

"Mensch Omi! Du hast es gut, du bist so glücklich."

Kati, die Siebzehnjährige, fällt ihrer Oma tränenüberströmt um den Hals. "Ich habe einfach kein Glück bei den Jungs. Robby ist jetzt mit Jessica zusammen. Ich habe sie gestern Händchen haltend vor dem Kino stehen sehen. Und Robby hat vorhin zu mir gesagt, das ich mir einen anderen suchen soll. Ach Omi, was mache ich nur falsch?"

Die Großmutter lächelt, auch wenn ihr Katis Tränen, die gerade die Schulter ihrer Bluse durchtränken, nicht gleichgültig sind: "Kind, du willst alles und sofort. Mit der Liebe muss man geduldig sein. Sie kommt nun einmal nicht, wenn man sie sich wünscht. Sie ist eines Tages einfach da.
Früher, da dachte ich wie du. Ich wollte verliebt sein, so wie scheinbar alle um mich herum. Und aus diesem Grunde habe ich damals dann auch deinen Großvater geheiratet. Dass wir nicht lange glücklich waren, das weißt du ja."

"Ja, aber du hast doch dann Günther gefunden." Kati sieht ihre Großmutter fragend an.
"Und wie viele Irrwege bin ich zuvor gegangen? Wie viele solcher Augenblicke, wie du ihn gerade erlebst, habe ich erleben müssen. Wie oft war ich vermeintlich nah dran und doch so weit fort vom Glück."
"Das verstehe ich nicht. Wie kann man nah und fern zugleich sein? Ach Omi, du hast doch immer Glück gehabt. Du hast so viel gemeistert."

"Ja Kati, das habe ich. Doch welchen Preis habe ich manchmal dafür bezahlt? Welche Irrwege ging ich und was habe ich nicht alles versucht. Wenn du magst, dann setze dich zu mir, ich will dir offen und ehrlich davon erzählen:
~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~

Es war Mitte der Achtziger, als ich mich von deinem Großvater trennte. Du warst damals gerade geboren und eigentlich waren wir alle gemeinsam eine heile Familie. Jedenfalls dachten das alle. Ich hingegen war unglücklich. Das Leben spielte sich da draußen irgendwo ab, an mir ging es vorbei. Ich war Hausfrau, Mutter, Angestellte, machte das, was man von mir erwartete. Doch glücklich Leben, das musste etwas anderes sein.
Jedenfalls verspürte ich eine unbändige Sehnsucht nach Freiheit, nach der Erfüllung meiner Träume. Ich hatte viel zu früh geheiratet. Was hatte ich denn bis dahin erlebt? Was erlebte ich dann, in meinen jungen Ehejahren, als ich mit Wolfgang gerade verheiratet war?
Er ging zu seinem Fußball, abends manchmal auf ein Bier in die Kneipe an die Ecke. Manchen Sonntag fuhren wir ins Grüne. Wolfgang tat das mir zuliebe, er hatte nie Freude daran. Und so verzichtete ich irgendwann auf diese Pflichtveranstaltung.
Als dein Vater dann geboren war, fuhr ich statt dessen sonntags mit ihm in den Park. Wolfgang blieb dann daheim. Er machte es sich auf dem Sofa gemütlich, meist schlief er dann oder schaute fern. Er war damit zufrieden.
Doch da draußen, da war das Leben: Wie viele Ausstellungen habe ich nicht gesehen, wie viele Freunde nie kennen gelernt. Wie viele Bücher las ich nie und wie viele Städte habe ich nie besucht.
Ich weiß, Kati. Man kann nicht alles im Leben haben. Ich hatte eine Familie, liebe Kinder und einen Mann, der mich auf seine Art liebte. Doch in mir brannte eine Sehnsucht, die sich mit jedem Jahr, das ich älter wurde, zu verdoppeln schien. Ich glaubte allerdings felsenfest: Diesen Kreis der mich umgab, den durfte und konnte ich nicht durchbrechen. Ich wusste es einfach nicht anders.

Langsam wurde dein Vater flügge, auch dein Onkel Thomas wuchs langsam heran und würde uns bald ganz verlassen. Wolfgang ging zu seinem Fußball oder traf seine Kumpels beim Skat. Seine Welt war in Ordnung.
Nein, er ist nicht schuld, er hat nie etwas falsch gemacht. Er war eben so, wie er war. So hatte ich ihn mir gewählt. Ich selbst hatte mein Leben dort hin geführt. Also musste ich selbst auch den Weg da heraus wählen oder eben dort bleiben. Ich hatte die Wahl.

Und ich wählte:
Ich packte eines Tages meine Sachen und fuhr in den Urlaub, zum ersten mal, einfach so. Ich ließ Wolfgang allein und erlebte plötzlich eine Welt, die mir seit Jahren irgendwie verborgen geblieben war. Abends zog ich mich hübsch an, ging tanzen, sogar ins Theater. Ich erlebte, wie fremde Menschen mich empfanden, wie offen und freundlich man auf mich zu ging. Männer lächelten mir anerkennend zu, manchmal machte mir einer Komplimente. Da war so viel Herzlichkeit, so viel Wärme mir gegenüber. Ich spürte mich und das Leben. Kind, ich war nie so glücklich, wie in diesen Tagen!

Als ich heim kam, sah ich Wolfgang mit anderen Augen. Er interessierte sich wenig für das, was ich erlebt hatte. Kein Wunder - seine Welt war in Ordnung! Aber seine Welt war nicht mehr die meine. Und so verließ ich ihn.

In vollen Zügen genoss ich jetzt das Leben. Meine Wohnung bekam einen verrückten Anstrich, ich kleidete mich modern, ich ging aus, ich lernte neue Freunde kennen. Ja, und ab und an schielte ich ganz intensiv und gierig nach dem großen Glück, was das Leben doch irgendwo noch für mich bereithalten musste.
Doch das Komische war: Ich traf viele solche Männer wie Wolfgang, begann mit ihnen eine Beziehung. Anfangs fiel mir das gar nicht auf. Doch nach ein paar Wochen spürte ich, dass ich wieder im selben Kreis angekommen war. So folgte auf Wolfgang der Herbert, der Richard, der Klaus. Ich suchte fieberhaft. Schließlich war ich schon älter und wer weiß, wie viel Zeit mir noch blieb:

Ich wollte glücklich sein - und das sofort!

Was habe ich damals nicht alles angestellt: Ich schaltete Anzeigen oder schrieb auf solche. Ich ging auf Single-Partys und stürzte mich auf jeden, der mich anlächelte. Ich war wohl die älteste Besucherin, die das Internet-Cafe, welches damals in meiner Straße eröffnet worden war, jemals gesehen hatte. Ja, ich chattete stundenlang quer durch Deutschland und flirtete, was das Zeug hielt. Irgendwo da draußen musste mein Prinz doch sein!
Insgeheim schüttelte ich über mich selbst den Kopf. Doch niemals hätte ich mir ehrlich eingestanden, dass es so nicht geht. Ich hatte ein Ziel und da wollte ich hin - um jeden Preis!

Verrückte Gestalten habe ich kennen gelernt, denn so manchen meiner vermeintlichen neuen Lieben habe ich sofort besucht oder gar zu mir eingeladen. Ein Sammelsurium an Menschen, deren Bekanntschaft ich nie missen möchte, weil sie mir zeigten, welche Individuen auf unserer Welt ihr Unwesen treiben. Ja, Unwesen - denn nicht einen Bruchteil davon, was ich dadurch erfuhr, hätte ich mir jemals vorstellen können:

"Wie kaputt manche Menschen doch sind!", dachte ich nicht selten. Oder ist wirklich alles erlaubt, was gefällt?

Was muss ein Mensch erlebt haben, der seine Geliebte erniedrigen und beschimpfen muss, um sie körperlich lieben zu können? Wie weh hat man einem Menschen getan, der jeden, dem es gut zu gehen scheint, verachten muss? Welchen Hass trägt so jemand in sich?
Kann so ein Mensch überhaupt von Herzen lieben?

Wie abgestumpft ist ein Mensch, der seinen alltäglichen Trott weiterführt, während ihn eine vielleicht zukünftige Lebensgefährtin besucht? Einer, der erstmal die Wäsche vom Sessel schiebt, damit sie ungehindert Platz nehmen kann.

Was passierte einst mit einem Mann, der sich in Damenkleidern wohl fühlt und seiner Angebeteten in diesem Aufzug am liebsten zu Diensten ist?

Wie kommt es, dass sich ein sonst "normal" wirkender, angesehener Geschäftsmann sexuell ergötzt, wenn er an den getragenen Schuhen seiner Geliebten riechen darf?

Der Fetischismus treibt seltsame Blüten. Nein, ich habe diese Menschen nie verachtet. Ich bin offen und unbefangen auf sie zu gegangen, vielleicht skeptisch, ja.

Doch hieß der Gedanke jener Stunden immer: Sieh hin, worin findest du dich selbst wieder? Wie weit kannst du (wenigstens gedanklich) mitgehen und wo fängt für dich das Unverständnis an. Wie weit kannst du so jemanden achten?
Die interessanteste Erfahrung: Welche sexuellen Dinge sind es eigentlich, die mich selbst ausmachen?
Ich war Anfang vierzig und wusste das nicht einmal.
Ich begriff, das normal und unnormal nicht eine Frage dessen ist, was "sich gehört", sondern eher eine Frage dessen, womit zwei Menschen eins werden können. Denn was hinter verschlossenen Türen passiert, das ist so privat, das kein Außenstehender das Recht hat, darüber zu urteilen.

Nun gut. Ich stehe dazu: Ich lernte eine Menge Männer kennen und ich erlebte so Einiges. Ich war mal verliebt und mal ernüchtert. Ich lernte die Menschen besser verstehen und vor allem mich.

Doch wo war nach all der Zeit des Suchens mein Glück?

Ich war müde von der Suche, aber ich hatte noch immer nichts erreicht. Meine Suche wurde immer mehr zum Krampf. Ich griff immer wieder zu und zunehmend daneben. Tja, ich war halt nicht mehr zwanzig, nicht mehr knackig. Aber vor allem: Ich hatte meine festen Vorstellungen und meine eingefahrenen Gewohnheiten.
Wenn sich wirklich so ein Traummann finden würde, dann müsste auch dies passen. Es war also wie die Suche nach dem letzten Puzzle-Teil in einem Bild, was seit Jahren bis auf dieses winzige, aber wichtige Detail fertig war. Die Suche nach dem letzten Zahnrad in einem Getriebe, das den Lauf der Zeit endlich rund und ausgeglichen fortführen sollte. Je mehr mir das klar wurde, um so mehr resignierte ich. Hör auf zu suchen, so was finden die wenigsten Menschen!

Ich gab auf zu suchen. Ich lebte nach zwei verrückten Jahren mit der Gewissheit, dass ich einem Phantom nachgejagt sei.

Und gerade da geschah es: Ich wurde eines Tages einfach so von ihm auf einen Kaffee eingeladen. Ich hatte Zeit, nichts anderes vor, ich ging also hin:

Günther hatte sich weder fein rausgeputzt noch versuchte er, mir in irgendeiner Weise schöne Augen zu machen. Er war glücklich, dass ich seiner Einladung gefolgt war, dass wir uns locker und ungezwungen unterhielten und uns verstanden.
Als ich ging, war alles noch so, wie es zuvor auch gewesen war. Nur hatten wir uns vorgenommen, in ein paar Tagen wieder ein wenig mit einander zu plaudern. Warum auch nicht. Wir blieben wir selbst, verbogen uns nicht, um zu gefallen, sahen uns nicht als Objekt der Begierde. Berührungen erzeugten keine elektrischen Schläge, weder aus Abneigung noch vor Spannung, ob es wohl diesmal klappt. Wir plauderten über unsere Erfahrungen, unsere Wünsche, unsere Vorstellungen vom Leben. Wir gingen einkaufen, um gemeinsam etwas zu kochen und wir saßen vorm PC, wenn der eine dem anderen etwas erklären konnte. Wir bummelten anschließend durch die Stadt, wenn einer einen Weg zu erledigen hatte.

Kurz: Wir teilten bald viele Stunden des Alltages und machten gleichzeitig das Beste daraus.

Es war für uns beide schön und nicht lange, da waren Tage, an denen wir uns nicht trafen, einfach langweilig. Es entwickelte sich eine Gemeinsamkeit, die schöner nicht hätte sein können. Selbst dass wir manchen Abend nicht mehr heim gingen, auf dem Sofa des anderen übernachteten, wenn es mal spät geworden war, wurde selbstverständlich.

Und so langsam schlich sich ganz unversehens die Liebe ein. Manchmal, wenn wir uns umarmten, da erwachte bei mir für einen Augenblick die Sehnsucht nach seiner körperlichen Liebe. Doch ich fragte mich, ob ich das überhaupt wollte. Klar war sie wichtig und ein Bedürfnis, aber mit ihm? Wenn er mir ein Küsschen gab, weil wir wieder einmal ein schönes, ausgiebiges Frühstück mit einander genossen hatten, begann ich jetzt in seinen Augen zu suchen, ob da nicht auch der Wunsch nach mehr war.

Wir waren glücklich: Unsere Beziehung lebte von all den liebenswürdigen Kleinigkeiten des Alltags. Wir waren verrückt und normal zugleich. Eines Abends fasste ich mir ein Herz, kuschelte mich wie selbstverständlich in das Bett neben ihm und wir schliefen schließlich glücklicher als jemals zuvor ein.

Nun, den Rest kennst du. Seit fünf Jahren sind wir nun ein Paar und gerade weil er nicht der Traumprinz war, nach dem ich so sehr gesucht hatte:

Er ist mein Prinz des Alltages und darauf kommt es an.

Hör auf die Liebe und das Glück zu suchen. Es wird dich finden, je mehr du dich selber magst und je mehr du authentisch bist. Denn wer dich lieben soll, der liebt dich so, wie du eben bist und nicht so, wie du glaubst sein zu müssen."

Kati hatte ihrer Großmutter mit leuchtenden Augen zugehört. Draußen war es längst dunkel geworden. Irgendwo fehlte ihr noch immer des Rätsels Lösung, dafür aber war Kati wohl noch zu jung, zu unerfahren. Doch eines hatte sie genau verstanden:

Das Lebensglück kann man nicht suchen. Man kann es jedoch herbeiführen, indem man so lebt, wie man selber ist, individuell und einzigartig auf seine Weise, wie man sich selber liebt und geliebt werden möchte.

Und die Liebe, das große Glück, ist nicht etwas ganz mächtig daher kommendes: Es ist eine Summe aus kleinen Details, die das Leben jeden Tag lebenswert machen.





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Euch viel Spaß beim Lesen und mir konstruktive Kritik wünscht
die Kurze

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