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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Süße Mutter!
Eingestellt am 01. 05. 2010 09:24


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Hedwig Storch
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Vor Jahren schon bin ich in der Galerie Alte Meister in ein spätmittelalterliches Gemälde versunken. Nur ein paar Stunden hinterher wußte ich auf einmal, was Kunst ist. Die Kunst rüttelt zwar nicht auf, aber sie bewegt etwas in uns, das eine Zeit lang arbeitet, bevor es hinabsinkt.

In diesem Forum hier geht es um Texte. Also darf nicht über jenes Bild an der Wand geredet werden. Verlassen wir notgedrungen den Dresdner Zwinger und schlendern ostwärts hinüber zum Italienischen Dörfchen. Dort unten an der Elbe fahren wir ein paar hundert Kilometer den Strom hinab und landen, an Barby vorbei, in Magdeburg, dem Ort der Handlung. Wir reden heute über Die Abberufung der Jungfrau von Barby. Die Adelige starb am 5. Juni 1524 bei einem Angriff der Magdeburger Bilderstürmer auf ihr Kloster St. Agneten. Das kleine Kunstwerk läßt sich in wenigen Stunden durchlesen. Vermutlich hatte Hermann Hesse genau diese Novelle im Sinn, bevor er - leider vergeblich - die Autorin Gertrud von le Fort für den Literatur-Nobelpreis vorgeschlagen hat.

Der Text ist ein Kunstwerk - so wurde oben behauptet. Warum? Nun, bevor die Nonne Mechthild von Barby stirbt, macht sie im Leben zwei Sprünge. Den ersten vollführt sie als seliges Kind. Jubelnd überspringt sie die Schwelle der Klausur und landet inmitten der Klosterfrauen. Aus ist es mit dem Jubel. Im Kloster wird der Äbtissin gehorcht. Geredet wird nur, nachdem man von der Äbtissin angesprochen wurde. Beinahe jeder Antwortsatz wird mit: "Eia, ja, meine Mutter!" oder mit "Süße Mutter!" eingeleitet. Vor der Mutter wird beim leisesten Anflug von Halsstarrigkeit niedergekniet.

Die Jungfrau hat eine Vision. Die Seherin wird für eine Zeit von Gott abberufen. Das Gesicht, von dem die Nonne der Äbtissin berichtet, erzürnt die hohe Dame. Für ihren "Ungehorsam" wird die Jungfrau in ihre Zelle eingesperrt und kommt - wie gesagt - darin um, als der Magdeburger Bildersturm losbricht. Das ist ihr zweiter Sprung. Die Jungfrau überspringt die Schwelle zur Ewigkeit.

Das Besondere an der Novelle ist nicht bloß ihr maßvoller Chronikton. Die Jungfrau von Barby, ohne Arg, von kindlicher Redlichkeit, kann nicht anders - sie muss sprechen über das Verschwinden Gottes in der Ferne, auch wenn sie nicht gefragt wurde.

Gertrud von le Fort wurde 11. Oktober 1876 in Minden geboren und starb am 1. November 1971 in Oberstdorf.

Quelle
Gertrud von le Fort: Die Abberufung der Jungfrau von Barby.
101 Seiten. Michael Beckstein Verlag München 1940 (11. - 20. Tausend) Leinen.
Mit Klappentexten von Reinhold Schneider und Gerd Vielhaber.


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Hedwig

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Die Argumentation versteh ich nicht: Weil die "Figur" zwei Sprünge macht, ist der Text Kunst?
Die Hälfte des Textes skizziert den Inhalt des Textes, darin schwingt eine "Wertung" des Inhalts mit – Inhalt macht aber noch keine Kunst. Dafür braucht es (auch) den Stil und die Wirkung.

Handwerklich auch eher unglücklich: der große Einstiegsbogen. Groß im doppelten Sinn: 1/4 des Textes lang (und damit sehr gewichtig), recht emotional-theatralisch (in Vergleich zum Rest) und thematisch/geografisch nur entfernt benachbart (vom Gemälde zum Text und dann auch noch von Dresden nach Barby).
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jon
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Liebe Hedwig,
ich hoffe, ich trete dir nicht zu nah (ich lese deine Rezis durchaus mit Interesse), aber ich habe immer öfter den Eindruck, dass du die "Schuld" an Nicht-Reaktionen auf den Leser abwälzt, statt zu versuchen, ihm entgegen zu kommen.

Dass Wiederholung eine notwendige Voraussetzung für Kunst ist, ist mir als Lehrsatz neu. Auch wenn was dran ist – das als DAS Merkmal von Kunst zu verkaufen, ist schon kühn und verlangt dem Leser extrem viel "dazu denke man sich noch dies und jenes" ab.

Versuch doch mal, direkter zu bleiben, nicht zu "quer durch die Botanik zu denken", sondern eher "bauchnäher" schreiben!
Was ist so schlim daran, statt dieses Ausfluges in die Dresdner Galerie (und in die Vergangheit – der Besuch ist ja schon Jahre her) zu schreiben: Kunst muss nicht immer groß sein. "Die Abberufung der Jungfrau von Bary" beweist es. Das in nur wenigen Stunden … Da weiß der Leser sofort, worum es geht und was du davon hälst. Gleichzeitig wird klar, dass dich der Text beeindruckt hat (sonst hättest du es kaum als Kunst bezeichnet). Das ist effektiv und geht direkt ins Hirn und ins Herz (an bekannte Gefühle appellieren).

Der zweite Schritt wäre, anzudeuten, was dich so beeindruckt hat. Im Moment scheinte es vor allem der Inhalt der Story zu sein, wenngleich auch das eher sehr schaumgebremst vermittelt wird.

So, wie die Rezi hier steht, macht sie (mir) keine Lust, die Novelle zu lesen. Weder interessiert mich das Thema noch sehe ich einen Hinweis, dass mir der Text (die Schreibweise) gefallen könnte. Auch ein "na ich bin ja gespannt, wie der/die das gemacht hat/haben soll!"-Effekt (wie damals bei der Böll-Autobiografie) tritt hier nicht auf. Heißt: Du weckst in mir keinen "Unglauben", keinen Zweifel daran, dass der Text Kunst sein könnte, so dass deine Idee mit dem "unglübigen Leser" auch nicht aufgeht.


Übrigens und als Fazit aus all dem: Der Leser muss dir (oder jedem anderen Autor) gar nichts glauben! Du musst es dem Leser glaubhaft machen, das ist was ganz, ganz anderes …

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Hedwig Storch
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