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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Suizid
Eingestellt am 18. 09. 2001 11:42


Autor
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Matthias J Franz
Hobbydichter
Registriert: Sep 2001

Werke: 5
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Graue Welt. Regentropfen prallen gegen die Scheibe, flie├čen als kleine Rinnsale das Glas hinunter und entschwinden meinem Blickfeld. Ich starre aus dem Fenster. Ich sehe die Wolken weinen, meinen Augen gleich. Wie lange mag das schon so andauern? Drei Wochen? Ich wei├č es nicht.

Im K├╝hlschrank steht eine Flasche Tequila. Sie ist nur noch halb voll. Andere Flaschen liegen auf dem Boden herum. Bier, Wein, billiger Fusel. Wann ich sie getrunken habe?
Daran erinnere ich mich nicht mehr. Der menschliche Geist ist schwach. Kaum hat sich die Zukunft in der Gegenwart in die Vergangenheit verwandelt, ist sie auch schon dabei zu verblassen, genauso unbekannt zu werden wie damals, als sie noch die Zukunft war. Die Zeit rast langsam und mit ihr der Strom der Erinnerungen. Fl├╝chtige Eindr├╝cke. Gerade noch in den Nebeln des Morgen verborgen verschwinden die Gedanken und Ereignisse in der Dunkelheit des Vorgestern. Sie ├╝berschwemmen mich wie die t├Âdlichen Wogen des Ozeans, und sie lassen mich wieder los, um Platz zu schaffen f├╝r einen erneuten Angriff.

Wann ich das letzte Mal die Wohnung verlassen habe? Ich wei├č es nicht. Es mu├č kurz nach meiner Entlassung gewesen sein, vielleicht auch kurz nachdem meine Freundin mich verlassen hat. Nein, das war danach. Sie hat gesagt, sie k├Ânne mein
Selbstmitleid nicht mehr ertragen. Und dann ist sie gegangen. Einfach so. Und ich habe sie gehen lassen. Einfach so. Ich habe zugesehen, wie sie ihr h├╝bsches Hinterteil
aus dem T├╝rrahmen herausbewegt hat, in der einen Hand einen Koffer, in der anderen Hand eine Reisetasche. Auf dem K├╝chentisch liegt jetzt ein Zettel. Darauf steht: "Falls
du es dir anders ├╝berlegst:" Darunter die Adresse ihrer Mutter. Meiner Schwiegermutter. Doch der Zettel ist jetzt feucht, stinkt nach Alkohol. Die Tinte ist verwischt. Kaum noch lesbar.

Doch der Regen setzt sich unbek├╝mmert fort. Ein Vorhang aus Wasser trennt mich von den H├Ąusern auf der anderen Stra├čenseite. Ab und zu f├Ąhrt ein Auto vorbei. Ich h├Âre,
wie die Reifen durch die Pf├╝tzen fahren, wie das Wasser von der Stra├če auf den Gehsteig spritzt, wie kleine Wassertropfen rei├čaus nehmen vor den benzinsaufenden
Unget├╝men.

Nein, das ist kein Leben mehr. Regenwetter. Suff. Kein Job. Keine Freundin. Nichts, wof├╝r es sich noch zu leben lohnt. Meine Freunde haben mich verlassen. Der einzige Freund, den ich noch habe, steht auf einem kleinen Schr├Ąnkchen und produziert unabl├Ąssig Bilder. Bewegte Bilder. Bilder von einer Welt, die es l├Ąngst nicht mehr zu geben scheint. Ein grotesker Nachruf auf eine Welt, die mich verlassen hat. Nur noch hier spielt sich mein Leben ab, in einem kleinen, viereckigen Kasten. Nur noch hier kann ich t├Ąglich noch etwas neues erleben. Und doch sehe ich immer wieder die alten Bekannten. Nein, meine alten Freunde haben mich verlassen, und meine neuen Freunde k├Ânnen mich nicht sehen und nicht h├Âren. Sie sehen mich an, aber ich kann ihre Blicke nicht erwidern. Sie reden mit mir, aber ich kann ihnen nicht antworten, und wenn ich ganz der Welt entgleite und eine weite Reise durch das Land des Suffs unternehme, verschwimmen auch sie vor meinen Augen, bis sie schlie├člich ganz verschwinden.

Ich habe den Fernseher ausgemacht und sehe nur noch aus dem Fenster. Was macht das f├╝r einen Unterschied? Das Fernsehen gaukelt mir eine heile Welt vor, die es sowieso nicht gibt. Eine Welt des Erfolges, des Gl├╝cks, und wenn das nicht vorhanden ist, dann wenigstens Abenteuer, Action, Tod.

Ich bin schon l├Ąngst tot. F├╝r diese Welt. Der Suizid ist ein rein formaler Akt. Ich mu├č nur ins Bad gehen. Dort sind noch frische Rasierklingen im Schrank. Auch Schlaftabletten,
die meine Freundin hier gelassen hat. Es ist ganz einfach. Ich wei├č zwar nicht, was mich auf der anderen Seite erwartet, aber es kann nur besser sein, als dieses
Na├č-in-na├č-Gem├Ąlde, diese Grauerei des Alltags, diese Realit├Ąt, die mir st├Ąndig entgleitet, die nur in den kurzen Pausen zwischen Schlaf, Suff und TV-Tr├Ąumen pr├Ąsent ist, nur f├╝r einen Augenblick die Sinnlosigkeit dieses Lebens offenbart, das eigentlich kein Leben mehr ist. Lebendig begraben, gefangen in der eigenen Wohnung, das Vorzimmer zur H├Âlle. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis ich die letzte Schwelle ├╝berschreite.

Mir wird ├╝bel. Der viele Alkohol bekommt mir nicht. Ich renne ins Bad, beuge mich ├╝ber die Klosch├╝ssel, und wieder kommt es heraus - eine gelbbraune Masse, die f├╝rchterlich stinkt. Ich halte mir die Nase zu, aber der Geschmack/Gestank ist ├╝berall. Ich sp├╝le mir den Rachen aus, aber es n├╝tzt nichts. Nein, ich ertrage es nicht l├Ąnger.
Dieses Leben ist kein Leben. L├Ąngst bin ich tot. Warum stehe ich nicht dazu? Warum qu├Ąle ich mich noch weiter damit herum? Warum ziehe ich nicht endlich einen Schlu├čstrich? Es wird Zeit. Es wird endlich Zeit daf├╝r. Zeit f├╝r den letzten, dein einzigen Ausweg: Den Suizid.

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nuzz
???
Registriert: Jun 2001

Werke: 0
Kommentare: 34
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suizid


nicht doch!
lass die schei├če.
schei├č auf deine freundin.schei├č auf das wetter.
schei├č auf die situation.nur du bist real in deiner
story.
gleich so heavy einzusteigen, respekt.

lass noch mehr von dir h├Âren!!!


der nuzz

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Matthias J Franz
Hobbydichter
Registriert: Sep 2001

Werke: 5
Kommentare: 2
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Selbst ich bin nicht real in dieser Story. Die Story ist durch und durch erfunden. Real ist nur die Stimmung, mit der ich die Story vor vielen Jahren mal geschrieben habe, also keine Angst, ich bin nicht suizidgef├Ąhrdet... :-)

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Breimann
???
Registriert: Dec 2000

Werke: 38
Kommentare: 169
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Nun ja,

das Thema Suizid ist hier schon in (fast zu) vielen Geschichten beleuchtet, ausgearbeitet worden. Nun ja; es gibt noch Tausend Varianten! Deine Sprache ist gut. Es gibt aber ein paar Kleingkeiten, die nicht stimmen: >...wie sie ihr h├╝bsches Hinterteil aus dem T├╝rrahmen herausbewegt hat...< ist v├Âllig unpassend f├╝r die depressive Stimmung. ich w├╝rde deshalb noch einmal durchgehen und leicht verbessern.
Dann: >Auf dem K├╝chentisch liegt jetzt ein Zettel. Darauf steht: "Falls du es dir anders ├╝berlegst:" Darunter die Adresse ihrer Mutter. Meiner Schwiegermutter.<
Darin sind wohl gleich zwei Fehler: 1. Ist sie ja doch angeblich seine Freundin, wie kann er dann eine Schwiegermutter haben. Au├čerdem h├Ątte der Hinweis auf ihre Mutter gen├╝gt.
2. Sie hat ihn doch verlassen, weil sie sein Selbstmitleid nicht ertrug. Wieso schreibt sie dann, >"Falls du es dir anders ├╝berlegstst..<? Das passt nicht.
Andere kleine Fehler w├╝rde ich auch noch ausbauen.
Liebe Gr├╝├če und weiterhin so gut geschriebene Geschichten w├╝nscht dir
eduard
__________________
Ich schreibe - also bin ich.

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Ralph Ronneberger
Foren-Redakteur
Autor mit eigener TV-Show

Registriert: Oct 2000

Werke: 64
Kommentare: 1400
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Hallo Matthias,

hier kann mich Breimann nur voll und ganz anschlie├čen. Was ich bei solcherart Stimmungsaufnahmen allerdings stets vermisse, das ist die Antwort auf die Frage "Warum?". So bleibt es eben nur eine Skizze.

Gru├č Ralph
__________________
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