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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Suizid
Eingestellt am 07. 01. 2003 20:33


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Bessarion
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Ganz hoch, auf’s Hochhaus

Als Matthias seine Wohnung verließ, war alles wie immer. Er schaute, ob das Licht in Bad und Toilette aus war, zog seine Jacke an, schloss zweimal ab und ging auf die Straße. Die Leute kannten ihn und er grüßte sie, wie immer, freundlich. Keinem wäre aufgefallen, dass heute etwas nicht wie immer war. Aber in seinem Geist sah alles anders aus. Er hatte einen Entschluss gefasst. Sein Ziel war heute nicht seine Arbeitsstelle, sondern in das Plattenbaugebiet ging er, was man im Volksmund die „Golanhöhen“ nannte. Wegen der Hochhäuser, die es dort gab.
Er fasste noch mal in die Jackentasche. Ja, die Zange und das Glasröhrchen hatte er. Und dann dachte er noch mal an seinen Sohn Valentin. Am Abend zuvor hatte er mit Valentin gestritten. Matthias wollte mit Valentin diskutieren, darüber, was wichtig im Leben ist. Wollte darüber reden, dass man Ziele im Leben braucht und wie man ihnen näher kommt. Matthias wollte daran erinnern, dass zum Erreichen dieser Ziele notwendig ist, dass man sich die Aufgabe klarmacht und daraus resultierend mit sich selbst Kompromisse eingeht. Und dass man sich selbst besiegen muss, einige seiner eigenen Wünsche zurückstecken muss, um andere wahr werden zu lassen. Aber Valentin hatte ihn nur angeschrieen. Ein Looser sei er und seine Ansichten noch aus der Steinzeit.
Matthias musste an 1986 denken. Als Valentin geboren wurde, hatte er gerade Kasernenarrest gehabt, durfte also seiner Frau nicht mal ein paar Blumen bringen. Schnittblumen waren zu DDR-Zeiten rar. Doch Matthias hatte seine Beziehungen und hätte schon welche besorgen können. Nur war gerade wieder irgendeine Drecksarbeit, die man auf ihn abgeschoben hatte, nicht zur Zufriedenheit des Kommandeurs erledigt gewesen. Und so musste er eben 5 Tage hinter dem Stacheldraht der Kaserne verbringen. Aber danach freute er sich um so mehr, diesen niedlichen kleinen Kerl zu sehen und seiner Frau Gabi zu gratulieren, dass sie es geschafft hatte, ein so kräftiges, gesundes Kind zur Welt zu bringen. Valentin sah aus, wie seine eigenen Babyfotos oder die von Matthias’ Mutter. Die typischen slawischen Backenknochen waren unverkennbar. Aus dem würde mal was Gutes werden, auf den jeder stolz sein würde.
Ein paar Wochen später hatte ihn die Stasi für 10 Wochen in die Klapsmühle gesteckt. Während dieser Zeit hatte er Valentin auch nicht zu Gesicht bekommen. Am Anfang hatte also Gabi alles allein im Griff haben müssen. Aber Matthias wollte das versäumte nachholen. Aus der Armee wurde er aus „gesundheitlichen Gründen“ entlassen. Angeblich hatte er psychische Probleme. Er lachte trocken und sarkastisch vor sich hin. Damals! Da war sein Geist doch noch middle of the road! Aber es war gut so, dass man ihn rauswarf und auf einen Posten abschob, wo er keinen politischen Schaden anrichten konnte. So hatte er Zeit. Zeit für seinen Sohn, Zeit zum Nachdenken, Zeit für die Kunst. Er fand Freunde, mit denen er philosophieren konnte und Bilder malen. Bilder vom „Weltschleim“, wie er es nannte.
Ja, der Weltschleim. Wie war Matthias nur auf diesem Begriff gekommen? Es gab eben Tage, da fühlte er richtig körperlich, dass es nicht vorwärts ging in der Gesellschaft. Sein Traum war ein besseres Land. Aber fast niemand machte mit, beim Verändern des Landes. Sein Bruder Conrad wohnte weit weg. Ja, Conrad... Mann, was war er stolz auf seinen Bruder, der vom Westfernsehen gefilmt wurde bei einer illegalen Protestaktion in Dresden-Gittersee. Warum gab es nur nicht mehr solcher Leute, wie Conrad? Wenn Matthias Holzfiguren aus dem Erzgebirge in das Sorbenland und von dort Grillholzkohle in das Erzgebirge umverteilte, dann hatte er das immer gemacht um Versorgungsengpässe auszugleichen, also seinem Land zu helfen. Wenn andere das gleiche machten, wollten sie daran verdienen. Dieses mehr-haben-wollen als andere war ihm fremd und wenn er damals darüber nachsann, warum das so ist, wurde ihm der Unterschied bewusst zwischen dem „fröhlich auf eine schöne Zukunft zumarschieren“, wie er es mit blauem Halstuch oder Blauhemd empfunden hatte und der Realität, die aus dem fröhlichen Marschieren ein Schritt für Schritt gehen machte, wie durch Schleim. Vor seinem geistigen Auge sah er diese Parabel richtig bildlich vor sich: wie der Schleim Fäden zog zwischen seinen Füßen und dem Boden und wie er dadurch nicht vorwärts kam. Und so taufte er für sich alle Menschen, die das Land am Vorwärtskommen hinderten, mit dem Begriff „Weltschleim“. Vielleicht kann man sein damaliges Denken naiv nennen. Aber seine Lebensumstände hatten ihn so geformt. Vieles, was in Parteistatuten und Proklamationen der SED stand hatte er für bare Münze genommen und nichts war ihm widerfahren, was ihm zum Umdenken hätte kommen lassen können.
Trotz allem war er immer optimistisch. Da wuchsen auf seinen Bildern kleine rote Disteln, die sich über den Weltschleim hinwegsetzten und ähnliche Symbole. Und plötzlich schien die Welt seinem Optimismus recht zu geben: Es kam zu den Montagsdemonstrationen. Es gab plötzlich mutige Leute, die sich dem Weltschleim entgegenstellten und nicht über Ungarn oder die Prager Botschaft davor flüchteten.
Aber lange währte die Freude nicht. Aus „Wir sind das Volk!“ wurde „Wir sind ein Volk!“ und aus dem Kampf um ein besseres Land wurde der Kampf um die D-Mark, die man endlich haben wollte, um sich „auch mal was leisten zu können“: Es kam die „Wende“. Alles in ihm schrie: „Nein, das könnt ihr doch nicht machen! Meine Heimat einfach verkaufen, des schnöden Mammons wegen!“ Doch selbst sein Bruder fand es normal, was passierte. Das Volk wählte nicht das „Neue Forum“ oder den „Demokratischen Aufbruch“, oder eine andere neue Partei der Weltverbesserer, sondern die alte Blockpartei CDU, die Seite an Seite mit der SED zum Weltschleim gehört hatte. Das war ihm zu viel. Wie eine Raupe, die irgendwie weiß, dass sie ein Schmetterling wird, verpuppte er seine Seele mit einem Lächeln nach außen, was heißen sollte: „Wartet’s nur ab, wenn der Frühling kommt, werdet ihr mich als Naturphänomen bewundern!“

Während er vor sich hinschritt und an die politischen Umstände dachte, hatte er immer seinen Sohn vor Augen, wie dieser sich langsam entwickelte und nun in das Alter kam, wo er anfing, die Welt zu begreifen. Aber sein Weg hatte ihn unterdessen vor das Hochhaus geführt. Er klingelte irgendwo. Auf das metallische „Ja?“ hin sagte er nur „Ich bin’s!“ und schon schnarrte der Türöffner. In einem Krimi hatte er gelesen, dass das in den meisten Fällen klappen würde und der Erfolg gab ihm recht. Er holte das Glasröhrchen aus der Jacke und 2 Pillen dort heraus. „Tranquilizer“ stand auf der Packung. Er nahm so etwas sonst nicht. Aber er wollte Mut haben, wollte seine Angst besiegen. Das sollten Tranquilizer ja angeblich können. Den Fahrstuhl benutzte er nicht, denn er wollte keinem Menschen begegnen. Er hielt das Treppenhaus für den einsameren Weg nach oben und ging ihn deshalb: Stufe für Stufe. Nach oben. Und verfiel wieder in seine Erinnerungen...

Valentin war gerne mit seinem Vater zusammen. Auf Spaziergängen, Wanderungen oder abends vor dem Schlafengehen unterhielt er sich mit seinem Vater. Matthias erklärte ihm einige Naturgesetze, seine Weltsicht und philosophierte. Seine Gedanken schienen auf fruchtbaren Boden zu fallen. Genau das, was Valentin am Vorabend während des Streits negiert hatte, wurde seinerzeit von ihm akzeptiert. Zumindest verbal war es so. Doch dann bekam Valentin Akne und hatte eben keine Lust, sich selbst zu besiegen und die verschorften Pickel nicht aufzukratzen, wenn es juckte. Und er hatte auch keine Lust, sein Bedürfnis zu bekämpfen, ständig bei seinen Freunden zu sein. Valentin hatte auch keine Lust, etwas für die Schule zu machen. „Entweder der Lehrer ist in der Lage, mich zu begeistern, dann lerne ich im Unterricht, oder nicht, dann ist er selber Schuld, wenn ich nichts kann.“ war seine Maxime. Und so kam es, wie in den meisten Familien, wo ein Kind etwa 15 Jahre alt ist: Valentin rebellierte. Wie 15-jährige so sind, sie rebellieren eben. Matthias versuchte zu verstehen und die Meinung seines Sohnes zu akzeptieren. Er selbst hatte die eigene Meinung auch immer angezweifelt und sie auch gewechselt, wenn er an Informationen gekommen war, die eine andere Weltsicht als vernünftiger erscheinen ließen. Vielleicht würde sein Sohn ja durch das Infragestellen von Vaters Meinung einen besseren Weg gehen. Aber da waren bestimmte Tabus, die sein Sohn brach: Für den Sohn waren Drogen etwas normales, nichts Schlimmes. Durch seine Ignoranz der Schule gegenüber brachte Valentin Sechsen und Fünfen heim und war drauf und dran, auf ein Abiturzeugnis zuzusteuern, was ihm jedes Bewerbungsgespräch zum Scheitern führen würde. Das schwer verdiente Geld wurde durch den Sohn einfach auf dem Fenster hinausgeworfen. Und wenn seine Frau oder er etwas sagten, brüllte der Sohn einfach zurück...
Nungut, dachte Matthias, 15 ist ein schwieriges Alter und es geht irgendwann vorbei. Auch seine Kollegen meinten, dass sein Sohn seinen eigenen Weg gehen würde und er könne nicht erwarten, dass die eigenen Kinder wie geklont das selbe machen würden, wie man selber. Aber das wollte Matthias auch gar nicht. Er wollte nur, dass sein Sohn etwas Besonderes würde. Nicht herausragend, aber doch anders, als alle anderen. Er hätte es verkraftet, wenn der Sohn Anarchist oder Kommunist geworden wäre, wenn Valentin fernöstlichen pseudowissenschaftlichen Weltauffassungen nachgegangen wäre, wenn er mit Kumpels Musik gemacht hätte und dem unrealistischen Traum nachgehangen hätte, mal ein Star zu werden. Matthias hätte auch nichts dagegen gesagt, wenn Valentin dem Abitur seinen Sinn abgesprochen hätte, um einen Weg mit einem „handfesten Beruf“ wie Bäcker, Fleischer, Schlosser, Maurer oder so etwas anzustreben. Aber nein, Valentin schlug einen Weg ein, der in Matthias’ Augen zu 08/15 war, denn sein Sohn wurde wie alle und orientierte sich an irgendeiner „Gruppennorm“. Was das auch immer sein sollte, diesen Begriff ließ Matthias für sich selbst nicht zu. Einfügen in ein Team, das war für ihn o.k., aber die „Masse“ à la Le Bon oder Canetti war ihm suspekt. Ganz anders Valentin. Der hörte moderne Musik und fürchterlich laut, ging in’s Fußballstadion und nannte harmlose Fans der gegnerischen Mannschaft „Schachtscheißer“, grölte dort mit anderen zusammen brutale, beleidigende Songs, saß abendelang bei Sangria oder Bier in irgendeinem Hinterhof mit Freunden zusammen und, was für ihn das schlimmste war, tolerierte Geschmack und Meinungen anderer nicht mehr. Jede Minderheit war für seinen Sohn nur noch Ziel des Spotts...
Er sah die Bilder vor Augen, wie die Zukunft seines Sohnes aussehen konnte: Ein hässlicher Säufer (weil Alkohol doch nicht unbedingt schöner macht) konnte aus seinem Sohn werden, der fast jeden Abend in der Kneipe saß, weil er nicht gelernt hatte, sein Bedürfnis nach Alkohol und Geselligkeit hin und wieder zu besiegen. Vielleicht würde Valentin dann seine Frau schlagen, weil er nicht gelernt hatte, seinen Frust durch Bilder malen oder Gedichte schreiben abzubauen, sondern würde ihn eher durch Gewalt ausleben. Oder er würde vielleicht auf Ausländer schimpfen, die ihm angeblich seinen Job wegnehmen würden, weil er zu faul war darüber nachzudenken, ob nicht sein Aussehen oder das Schulzeugnis für die Unternehmen nur den Schluss zuließen, dass er die Leistung nicht bringen würde, die man brauchte.
Und so kam Matthias zu dem Schluss, dass er nicht gebraucht wurde. Denn um Valentin so zu erziehen, hätte es nicht ihm bedurft. Das hätte jeder x-beliebige hinbekommen. Es war also sinnlos, das fortzusetzen, was er so in den Sand gesetzt hatte.

Inzwischen war er oben angekommen. Wie er die Hochhäuser kannte, gab es ein Fenster, durch das man auf’s Dach steigen konnte und nur der Riegel war abgeschraubt. Er nahm die Zange aus der Jacke und öffnete das Fenster am Vierkant. Er kletterte auch heraus und die Tabletten wirkten inzwischen. Nur war die Wirkung nicht so, wie er erwartet hatte. Zwar hatte er keine Angst mehr vor dem Sprung in die Tiefe, aber gleichzeitig war auch seine Wut auf sein Versagen bei der Erziehung und sein fast körperliches Gefühl der Hoffnungslosigkeit verschwunden. Statt dass er also an die Dachkante ging und hinunterschaute, schloss er die Augen, kehrte sein Gesicht zur Sonne und breitete die Arme aus, als ob er fliegen wolle.
„Ist doch Quatsch!“, sagte er zu sich, „Die Stasi hat dich nicht kleingekriegt und so manches Mobbing an den verschiedenen Arbeitsstellen hast du überstanden. Und nun willst du in den Tod gehen? Nein!“ Er dachte noch an die schönen Stunden mit seiner Frau, an seine schöne Heimat, durch die er noch öfter wandern und an seine Freunde, die er nicht im Stich lassen wollte. Er raffte sich auch zu dem Gedanken auf, dass Valentin ihn gerade jetzt brauchen würde.
Er hatte seinem Tod in’s Auge geblickt und ihn überwunden. Aber als die Wirkung der Tabletten nachließ, kehrte der Schmerz in seine Brust zurück und war noch lange nicht geheilt.



__________________
La vita è così bella!

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kaffeehausintellektuelle
Guest
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tut mir leid, aber ich kann keine selbstmörder-geschichten mehr lesen.
ich mag nämlich nicht depressiv werden.
und ich hab das gefĂĽhl, es wimmelt hier davon.

die kaffeehausintellektuelle

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Rainer
???
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hallo bessarion,

literarisch finde ich deinen text o.k., er klingt sehr sympathisch, wie die erzählung eines menschen den man im bahnabteil trifft.
inhaltlich habe ich aber mächtige probleme. die vater-sohn-beziehung ist ohne echtes highlight geschildert. suspekt ist mir auch die tranquilizer-geschichte. wo hat dein prot die her, warum hat er sie sich besorgt? ist es eine aussage deines textes, daß psychopharmaka dich auf den rechten weg zurückbringen?
der schluß scheint mir ein schnellschuß zu sein, entschuldige, ich finde ihn oberflächlich.
als kurzgeschichte wenig geeignet, vielleicht solltest du eine erzählung draus machen, und deinen prot etwas genauer schildern.

gruĂź

rainer

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