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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Superstau
Eingestellt am 21. 04. 2002 12:26


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Hubel
Hobbydichter
Registriert: Apr 2002

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Superstau

Na, nu sind Se mal nich so nerv├Âs! Das dauert noch 'ne Weile.
Hab ich im Urin.
Also, ich find Staus geil. Absolut stark.
So richtig im Stau stehen, auf der Autobahn, vorne vernebeln Auspuffgase den Himmel, hinten blubbern hei├če Motoren, du z├╝ndest dir eine Zigarette an, wartest und h├Ârst Radio. Find ich echt stark.
Mein l├Ąngster Stau war zehn Stunden lang. Von 11 bis um 9 Uhr abends. Um sechs hab ich mal gemu├čt, na, Sie wissen schon. Bin ins n├Ąchste Dorf gelaufen damals. Hab bei der Gelegenheit gleich 10 St├╝ck FRANKFURTER NACHTAUSGABE gekauft. Tolle Schlagzeile: "Superstau! 60 Kilometer und nichts geht mehr!" Wei├č ich noch wie heute. Die gingen weg wie warme Semmeln im Stau. Jeder wollte halt lesen, was Sache war.
So ein Stau ist ja eine richtige Solidargemeinschaft. Da steh ich drauf: Wenn alle neben den Autos stehen, auf den Seitenstreifen, ganz Mutige balancieren auf den Leitplanken, Blick in die Ferne, andere murmeln "verdammte Schei├če" vor sich hin, ganze Familien mit Kind und Hund, dann kommt ein tolles Gemeinschaftsgef├╝hl auf.
Meine besten Bekanntschaften hab ich im Stau gemacht. Richtige Freundschaften f├╝rs Leben.
Briefe schreib ich ja nicht besonders gerne, aber telefonieren tu ich oft und wir besuchen uns gegenseitig. So ein gemeinsamer Stau verbindet und ich kenn da inzwischen Leute aus ganz Deutschland: Die Meiers aus Aachen zum Beispiel, hab ich am Kamener Kreuz kennengelernt und den Stempel Arno aus Hamburg bei Northeim, um nur zwei Beispiele zu nennen.
Naja, wie gesagt, das is noch 'ne echte Gemeinschaft! Gibts sonst gar nicht mehr.
Also, wenn man da so 'ne Weile gestanden hat und nichts geht mehr - bei gutem Wetter, versteht sich, bei Regen, da ist der beste Stau Schei├če - also, wenn die Sonne scheint, dann kommt Stimmung auf. Ich flez mich bequem und locker hin, h├Âr Musik und krall mir eine Flasche Bier aus der K├╝hltasche. Hab ich immer dabei, auch Proviant, ist ja logisch, oder! Und dann kommt einer zum Wagen, oder ich sto├č zu einer Gruppe und man kommt ins Gespr├Ąch. Alle m├Âglichen Themen, nicht nur Stau, nee, Sport, Politik, Filme, was wei├č ich. Kannste unheimlich viel lernen.
Der eine steuert Kaffee aus der Thermosflasche bei, der andere schmei├čt 'ne Runde Bier. Oft sind auch Leute mit Campingklamotten da, die packen dann ihre Klappm├Âbel aus und einer hat bestimmt Karten dabei. Dann wird's hei├č. Bei Dortmund hab ich mal f├╝nf Stunden lang gezockt. Als ich grad am Gewinnen war, gings auf einmal weiter, ohne Vorwarnung. Das Geld ham'se mitgenommen, die Karten hab ich noch. Solche Sachen, ich mein, so Erinnerungsst├╝cke heb ich auf. Ich f├╝hr auch Tagebuch: Stautagebuch. Drei Schulhefte, Din A4 sind schon voll, Datum, Standort, Dauer, Adressen und so die gro├čen Eindr├╝cke, ich mein, da├č man sp├Ąter mal wei├č, wie man seine Zeit verbracht hat. Ist eben mein Hobby. Der eine ist Heimwerker, der andere sammelt Briefmarken und ich find eben Staus stark. Jeder nach seiner Fassong, oder! Ist ja schlie├člich ein freier Staat, wo wir leben, oder!
Ich wohn' ja auch ziemlich g├╝nstig. In der N├Ąhe vom Kasseler Kreuz. Da brauch ich nicht weit zu fahren: Zwischen Kassel und G├Âttingen, bei Northeim, oder Ostheimer Senke, falls Ihnen das was sagt, oder mehr ostw├Ąrts, Richtung Eisenach, ehemalige DDR, da ist immer was los.
Als Junggeselle bin ich auch unabh├Ąngig. Ich h├Âr um 10 Uhr HR 3, also am Wochenende, weil in der Woche geh ich ja schaffen. HR 3 Inform. Und dann gehts los. Ne halbe Stunde oder so, dann steh ich im Stau. Schlafsack hab ich immer dabei. Fr├╝her, als das hier um Kassel herum noch nicht so dick war, da bin ich oft Stunden gefahren, bis Frankfurt, Richtung N├╝rnberg oder nach Dortmund. Manchmal total f├╝r die Katz. Einmal bin ich fast bis Salzburg, bis zum Irschenberg, falls Sie den kennen. Guter Tip. War aber nichts, absolut nichts, nicht mal z├Ąhfl├╝ssiger Verkehr. War Schei├če, verkorkstes Wochenende. Aber jetzt, null Problem, ich mein, die ehemalige DDR hat schon 'ne Menge gebracht in der Hinsicht.
Naja, das Staustehen, das ist schon saisonbedingt. Im Winter, iss nich. Bei Null Grad und Schnee und so, da h├Ârts bei mir auf. Soll ja Staufans geben, die sind auch winterstaugeil. Ich nicht. Ab April, da fang ich an. Juni, Juli, August, da ist Hochsaison. Ich mach keinen Urlaub. Brauch ich nicht. Wenn ich in so einen richtigen 50-Kilometerstau erwische, hab ich Urlaub genug. Kriegt man ja alles mit: die einen kommen aus Italien, die andern aus Griechenland oder T├╝rkei. Gibt ja Leute, die machen halbe Weltreisen. Und wenn die dann richtig aufgetaut sind, dann gehn die Urlaubsfotos rund und dann wird erz├Ąhlt, wer mit wem, und wie und wo. Was meinen Sie, was ich alles erfahr von all den Urlaubsl├Ąndern. Die ber├╝hmten Ferienorte, kenn ich alle. Kann ich Ihnen die Str├Ąnde aufz├Ąhlen, Hotels und wo man gut i├čt und so. Wof├╝r soll ich da noch selbst hinfahren. Nee, mein Urlaub ist im Umkreis von 300 Kilometer um Kassel herum. Da kenn ich aber jeden Kilometerstein, k├Ânnen Sie mir glauben.
Quatsch, da braucht man keinen schnellen Superschlitten. Sehn'se ja, ich fahr Golf, Baujahr 86: Liegesitze, gute Stereoanlage, eine K├╝hlbox f├╝r anzuschlie├čen am Zigarettenanz├╝nder, das ist alles. Keine Extras oder so. Ist ja kein teures Hobby. Staufan kann eigentlich jeder sein. Kann ich nur empfehlen, weil, das ist einfach beruhigend, nervenschonend und so. Ich mein, das ist ja ein Riesenunterschied, ob man irgendwohin will, also ein Ziel hat und dann und dann da sein mu├č, oder ob man einfach so im Stau stehen will, sich ausruhen, Leute kennenlernen, kl├Ânen, also sinnvoll sein Wochenende verbringen.
Aber was red ich, gucken Sie mal nach vorne. Da r├╝hrt sich was. Ich glaube, Sie m├╝ssen einsteigen, gleich gehts weiter, ich kenn mich da aus.
Alsdann, gute Fahrt noch, und wir sehen uns bestimmt mal wieder.
Tschau!




__________________
R.N.

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