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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Surreal Der Anzug
Eingestellt am 11. 06. 2018 17:17


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Reeno RPR
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Feb 2018

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Der Anzug

J├Ârg Dieckmeiser war ein erfolgreicher Kleinunternehmer, der mit seinem Gew├╝rzimport und -handel gut verdiente. Er besa├č ein ├Ąu├čerst gro├čz├╝giges, altes Haus in einer vornehmen Gegend. Eines Tages, er hatte gerade am Morgen im B├╝ro eines Notars sein Gewerbe gewinnbringend an einen Gro├čh├Ąndler verkauft, wurde ihm bewusst, dass sich nun nicht nur sein Alltag ├Ąndern w├╝rde, sondern sein ganzes Leben. J├Ârg war ledig, hatte keine Kinder, keine Eltern mehr und seine Schwester lebte gut versorgt am anderen Ende der Republik. So kam es, dass J├Ârg einige Wochen sp├Ąter wieder beim Notar sa├č und sein Haus gut verkaufte, es war ihm zu gro├č. Er hatte sich eine kleinere Immobilie mit 120 Quadratmetern zugelegt und lebte in den Tag hinein.
Das ging einige Monate so. Er philosophierte gern, und in seinen Tagtr├Ąumen wollte er st├Ąndig unterwegs sein. Schlie├člich kam er darauf, dass auch die neue Immobilie zu gro├č f├╝r ihn sei und er fand sich ein drittes Mal beim Notar ein. Da das Schicksal es gut mit ihm meinte und es zu dieser Zeit noch keine Spekulationssteuer gab, blieb aus den Verk├Ąufen eine stattliche Summe ├╝brig. Nun hatte Dieckmeiser keine Wohnung mehr, doch er war nicht obdachlos. Direkt vom B├╝ro des Notars lie├č er sich mit dem Taxi zu einem Volvo-LKW-Handel fahren, wo schon sein neues Leben mit neuem zuhause und ein neuer Beruf in Form eines gro├čen Lastzuges auf ihn warteten. J├Ârg-Dieckmeiser- Spedition stand in gro├čen, roten Buchstaben auf der langen, silbergrauen Plane an den Seiten des Lasters, der nun neu und gl├Ąnzend ans andere Ende der Republik fuhr. Hier besuchte der Neuspediteur seine Schwester. Telefonisch hatte er mit ihr abgemacht ein kleines Zimmer in ihrem Haus zu mieten, um so eine Postadresse zu haben. Der Gro├čh├Ąndler, der ihm seinen Gew├╝rzhandel abgekauft hatte, war sein erster Kunde. Die Spedition Dieckmeiser furh im ersten Sommer keine finanziellen Gewinne ein, was oft daran lag, dass J├Ârg das Leben auf der Strasse gem├╝tlich geno├č, statt rasend ├╝ber den Asphalt zu hetzen, um P├╝nktlichkeit zu erreichen. Doch das n├Ąchste Jahr verlief wieder erfolgreich. Der Gro├čh├Ąndler erkannte bald, dass Diekmeiser ruhig und besonnen seine Transporte durchf├╝hrte, dabei er nicht erkannte, dass dieses Leben f├╝r den Fahrer ein Genuss war, doch das spielt f├╝r den Fortgang der Geschichte keine Rolle. So kam es dann bald, dass Diekmeiser f├╝r diesen Gesch├Ąftsmann sensible G├╝ter transportierte, die einer besonderen Aufmerksamkeit bedurften. J├Ârg fuhr von nun an Gefahrguttransporte, er bildete sich auf diesem Gebiet fort, lernte was eine UN-Nummer ist und wie man Ladung sichert, was er zusammen laden durfte und was getrennt transportiert werden musste. Bald schon erkannte die Versicherung des Gro├čh├Ąndlers an, wie penibel die G├╝ter gefahren wurden und andere H├Ąndler und Firmen bedienten sich der Dienste der J├Ârg ÔÇô Diekmeiser - Spedition. So wuchs das Unternehmen und mit der Einf├╝hrung der mobilen Telefonie und dem Ausbau des Internets konnte J├Ârg aus dem F├╝hrerhaus heraus die zwei weiteren Lastz├╝ge, die er nun erworben hatte, koordinieren. Aus den nun insgesamt drei LKW wurde im Laufe des vierten Jahres eine Flotte von neun, ein Jahr sp├Ąter gar von vierzehn Lastz├╝gen. Als das Gewerbe auf neunzehn Fahrzeuge angewachsen war, sa├č Dieckmeiser abermals beim Notar und verkaufte sein Unternehmen mitsamt der Philosophie seiner Gr├╝ndlichkeit. Dieckmeiser kaufte sich einen neuen LKW und war fortan nur noch als Fahrer und nicht als Unternehemer unterwegs, manchmal reiste er wochenlang ohne Ladung, einfach aus Freude, ohne Hast und Stre├č durch die Lande. Er dachte mit Grauen an die Zeit in den gro├čen Immobielien zur├╝ck. Ihn st├Ârten keine Staus, ├╝berf├╝llte Rastst├Ątten nahm er l├Ąchelnd hin. Er f├╝hlte sich frei, Geldsorgen w├╝rden ihn nie plagen, Verantwortung hatte er nur f├╝r sich und hin und wieder f├╝r seine Ladung. In seinem luxuri├Âsen F├╝hrerhaus mangelte es ihm an nichts. Nur acht Kubikmeter Kabine waren ihm vom einst riesigen Haus in der Stadt geblieben und er war sehr zufrieden damit. Im Sommer sorgten Durchzug oder die Klimaanlage f├╝r die richtige Temperatur, doch J├Ârg liebte die kalten Wintern├Ąchte in seinem Laster, wenn die Standheizung warme Luft in sein kleines Reich pustete und der Strum drau├čen pfiff, dann f├╝hlte er sich wohl und schlief gut ein. "Je kleiner das Heim, desto unabh├Ąngiger das Leben". Eines Tages hielt er f├╝r eine Pause an einer Rastst├Ątte in Fidjebakken, Norwegen an. Er kam dort mit einem alten Spanier ins Gespr├Ąch, der einen ├╝ber drei├čig Jahre alten Lastwagen fuhr. Voller Ehrfurcht bewunderte J├Ârg den alten LKW, ging mehrmals um das Auto, wobei ihm auffiel, dass der Pflegezustand schlecht war, so besah er sich unauff├Ąllig den Fahrer und lud ihn, da dieser ├Ąrmlich aussah, kurzerhand ins Autobahnrestaurant ein. Die beiden M├Ąnner sprachen lange miteinander, dabei stellten sie fest, dass sie eine deckungsgleiche Einstellung zum Leben und der Stra├če hatten. Sie verlie├čen Stunden sp├Ąter gemeinsam das Lokal. Bevor jeder in seiner Kabine verschwand schenkte der Spanier J├Ârg einen Arbeitsanzug, einen klassischen, so genannten Blaumann. Der Spanier nannte ihn das Kleidungsst├╝ck Curioso, als er ihn an Dieckmeiser ├╝berreichte. Brav bedankte J├Ârg sich, im Wagen angekommen legte er den Anzug in das Staufach f├╝r Werkzeuge. Vor dem Einschlafen ging er in den Waschraum der Rastst├Ątte, putzte Z├Ąhne und wusch sich. Dann verlie├č er das Bad, ging zu seinem LKW, als er den alten Laster, der neben seinem fast zerbrechlich wirkte, im Gehen betrachtete, beschloss er dem Spanier nach dem Aufwachen auch ein Fr├╝hst├╝ck zu spendieren. Als J├Ârg erwachte, die Vorh├Ąnge zur├╝ckzog und in die Morgensonne blinzelte, erkannte er, dass der Spanier nicht mehr da war. Tage sp├Ąter dachte Dieckmeiser nicht mehr an den alten Lastwagen und seinen Fahrer. Monate sp├Ąter, J├Ârg fuhr nun kein Gefahrgut mehr, sondern Ladung, die noch vorsichtiger gehandhabt werden musste. Er lenkte seinen Lastzug wieder durch Norwegen. Sein Wagen war leer, er sollte aus dem Norden des Landes ein wertvolles Boot abholen. Es war ein Prototyp, ein Forschungsunterseeboot im Wert von ├╝ber sechs Millionen Euro. Die teure Fracht wurde verladen, J├Ârg kontrollierte die Ladungssicherheit, verlangte noch einige ├änderungen, es ging um Anschlagpunkte und st├Ąrkere Gurte. Die Werftarbeiter montierten einen Generator auf den Trailer, der nach ihren Worten st├Ąndig laufen musste um die hochmoderne, alternative Antriebseinheit des Bootes unter Strom zu halten. Nachdem alle Vorkehrungen und Bestimmungen der L├Ąnder, durch die er bis an die kroatische Adria reisen w├╝rde, eingehalten werden w├╝rden und alles gekennzeichnet und befestigt war, startete der Lastzug hinaus in den leichten Schneesturm. J├Ârg hatte stabile Schneeketten auf die Reifen gezogen, denn er war kein Freund von Schleuderketten, Sicherheit ging ihm vor allem. Die Schneeflocken tanzten im Scheinwerferlicht, m├╝helos hielten die gro├čen Wischer seit zwei Stunden die riesige Frontscheibe frei, aus den Boxen drang ein H├Ârspiel. Pl├Âtzlich gab es einen lauten, dumpfen Knall, gleichzeitig erhellte ein bl├Ąulicher Feuerball, der kurz den Lastzug ├╝berholte, die Umgebung. Sehr viel sp├Ąter fanden Techniker heraus, dass Wasserstoffflaschen an Bord des Bootes vergessen wurden, durch die Stromzufuhr aus dem Generator erhitzen sich Bauteile, Ventile schmolzen und es kam zur Katastrophe. Der hintere Teil des Lasters wurde vollkommen zerst├Ârt, fast pulverisiert. Die Zugmaschine st├╝rzte um und bevor sie komplett ausbrannte wurde J├Ârg wie in Zeitlupe in den Stra├čengarben geschleudert. So unerwartet schnell wie sie kamen verschwanden die blauen Flammen, tr├Ąge gelbe Feuerzungen fra├čen den Rest der Innenverkleidung des Wagens, Teile des Bootes hingen brennend in mehreren umstehenden B├Ąumen, Motor und Reifen qualmten und der Stra├čengraben der Gegenfahrbahn beleuchtete die Szenerie, da dort hinein eintausend Liter Diesel gelaufen waren, bevor sie von dem brennenden Beifahrersitz entz├╝ndet wurden. Statt des H├Ârspiels hatte Dieckmeiser nur ein hohes Pfeiffen in den Ohren. Er stand unverletzt zwischen kargen Nadelb├Ąumen und beobachtete wie die Flammen kleiner wurden. J├Ârg, der Fahrer ohne Fahrzeug war ganz ruhig. Pl├Âtzlich wurde ihm klar, dass er hier allein in der K├Ąlte war, nur in Hose und Pulli, im eiskalten Winter in Nordnorwegen. Bevor die Flammen erloschen, nutze er deren Licht und durchsuchte den Unfallort nach warmer Kleidung und seinem Handy, doch er fand nichts au├čer verbrannten undefinierbaren Teilen. Was sollte er machen? Vor morgen Abend w├╝rde ihn niemand vermissen, denn dann hatte er einen Platz auf der F├Ąhre gebucht. Er ahnte, dass hier kein Mensch war, der etwas von der Explosion bemerkt hatte. Nur nicht einschlafen und auf der Stra├če bleiben. Um sich warm zu halten, ging er immer wieder um die Unfallstelle herum. Pl├Âtzlich entdeckte er im Schein der letzten Flammen, einige Meter neben dem ausgebrannten Fahrerhaus den blauen Arbeitsanzug des Spaniers. Hastig zog er sich das Kleidungsst├╝ck ├╝ber. Sofort w├Ąrmte ihn der Baumwollstoff. Er fror nicht mehr, auch nicht an H├Ąnden und F├╝├čen. So schlurfte er bis zum eisigen Morgengrauen Runde um Runde um die Unfallstelle, ohne das ein Auto ihn passierte. Er drehte weiter seine Runden, von der Sonne war nichts zu sehen, leichter Schneefall setzte wieder ein. Seine Schritte wurden kraftvoller, er war nicht m├╝de, ihm tat nichts weh, er hatte keinen Hunger. Als er ├╝ber seine Situation nachdachte, wurde ihm allm├Ąhlich bewusst, dass sein Wohlbefinden nicht zu der Gesamtsituation passte, es konnte nicht sein, dass er ohne k├Ârperliche Bed├╝rfnisse war.
Er ahnte nicht, dass sein Navigationsger├Ąt, trotz aktuellem Update, ihm nicht die neue Umgehungsstra├če, die im Herbst er├Âffnet wurde, angezeigt hatte und er jetzt auf der alten, fast nicht mehr befahrenen Route unterwegs war. Ohne Erfolg suchte er die Unfallstelle nach Essbarem und Kleidung ab. So senkte sich die Sonne nach einigen Stunden, ohne dass er sie gesehen h├Ątte und wieder umschloss ihn Dunkelheit. Nur der tr├╝b schneegraue Streifen Asphalt war zu sehen, sonst nichts, auch kein Ger├Ąusch. Er ging los, genau in die Richtung aus der er gekommen war, denn nur hier, war er sich sicher, dass er nach sp├Ątestens 90 Kilometern auf Hilfe sto├čen w├╝rde. Wieder kreisten seine Gedanken um sein Befinden, das scheinbar immer weniger zu den Widrigkeiten passte, denn nun, da er die Stra├če entlang ging, merkte er, dass die Schmerzen in den Schultern, die ihn seit Jahren dumpf begleiteten, nicht mehr peinigten. So warm konnte ein einfacher Arbeitsanzug aus d├╝nnem Baumwollstoff nicht sein. Da ihn niemand beobachtete machte er die Probe, er zog den Blaumann aus, schon beim Herunterziehen des Rei├čverschlusses biss ihm kalte Luft gnadenlos in die Brust. Als er die ├ärmel abstreifte schossen die Schmerzen zur├╝ck in seine Schultern. Nachdem der Anzug im Schnee auf der Strasse lag stand J├Ârg m├╝de, frierend und mit schmerzenden Schultern, wie ein H├Ąufchen Elend, hungrig in der Nacht da. Erst jetzt bemerkte er die Sch├╝rfwunden am Oberarm, dem Ellenbogen, der H├╝fte und am Oberschenkel. Trockenes Blut f├Ąrbte seine Hose und seinen zerrissenen Pulli im tr├╝ben Mondlicht dunkel. Hastig tastete er nach dem Kleidungsst├╝ck, was er eben ausgezogen hatte, mit klammen Fingern schl├╝pfte er, so schnell es die plagenden Schultergelenke zulie├čen, in die Arbeitskleidung. Noch bevor er den Rei├čverschluss ganz schloss, war alle Pein vergessen. Mit dem k├Ârperlichen Wohlbefinden kehrte auch die Zuversicht zur├╝ck. Angstfrei und kraftvoll wanderte er die Stra├če entlang. Nun hatte J├Ârg Dieckmeiser die kleinst m├Âgliche Behausung, es war nur dieser mysteri├Âse Anzug, den er am K├Ârper trug und darin f├╝hlte er sich wohl. Der aufkommende Sturm zerrte an dem Stoff, Haare wehten in der Dunkelheit, er ging und ging. Quer trieb der Orkan nun die Flocken ├╝ber die Stra├če, manche f├Ąrbten sich blau, andere hautfarben und sie stoben hinauf in den Himmel.

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RPR

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