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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Surreal Schiksalsakzeptanz
Eingestellt am 13. 07. 2018 16:04


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Reeno RPR
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Feb 2018

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Schicksalsakzeptanz

Seit Wochen endlich wieder ein heller, sonniger Morgen. Sie sa├č am Tisch, trank Kaffee und a├č ein Fr├╝hst├╝cksbrot. Noch in der Nacht hatte es geregnet, nun gl├Ąnzten die nassen Bl├Ątter im Sonnenlicht, durch die offene Balkont├╝r str├Âmte klare Morgenluft in die kleine K├╝che.
Er hatte eine unruhige Nacht gehabt, hatte schlecht geschlafen. Er w├╝rde heute auf der Sitzung bekannt geben, dass die Firma 140 Mitarbeiter entlassen wird. Nicht das er sich daran st├Ârte, dass die Leute nun arbeitslos w├Ąren, nein, ganz im Gegenteil. Er war es schlie├člich, der die harten Verhandlungen mit den Gewerkschaftsf├╝hrern gef├╝hrt hatte und als die Verhandlungen ergebnislos blieben, war er es, der ohne weiteres Z├Âgern hohe Bestechungsgelder auf den Tisch legte. Er hatte sogar noch einmal 50 Arbeitspl├Ątze mehr zum so genannten sozialvertr├Ąglichen Abbau herausgehandelt, als der Vorstand erhofft hatte. Nein, nicht sein Gewissen war es, was ihm die unruhige Nacht bescherte. Es war die Frage, wo er unauff├Ąllig seine sechsstellige Provision anlegen sollte. Niemand, weder das Finanzamt, noch seine Frau sollten von diesen Geldern je erfahren. Er nahm die Schl├╝ssel f├╝r den Jaguar, den heute dem Audi vorzog vom Schl├╝sselbrett.
Sie stand auf, zog eine leichte, helle Jacke an, nahm das Schl├╝sselbund und ging zur Haust├╝r. Pl├Âtzlich ├╝berkam sie die Gewissheit, dass, wenn sie nun durch die Haust├╝r ginge, es das letzte mal in ihrem Leben sein sollte. Sie konnte sich entscheiden sp├Ąter zu gehen oder gar in der Wohnung zu bleiben. Doch sie versp├╝rte keine Angst, mit der Ahnung, die nun zu Wissen wurde, kam etwas Warmes, etwas Spirituelles in ihr auf. Sie z├Âgerte nicht einmal, schlo├č die Wohnungst├╝r auf, ging wie jeden Tag ins Treppenhaus und die Stufen hinunter.
Der dunkel blaue Jaguar scho├č aus der Tiefgarage. Der Fahrer drehte die Musik ein wenig lauter. Seine Nacht war unruhig, doch der sch├Âne Morgen war wie gemacht f├╝r seinen Triumph in der Kanzlei und anschlie├čend in der Vorstandssitzung seiner Mandanten.
W├Ąhrend sie die zwei Stockwerke hinunter ging dachte sie noch einmal ganz bewu├čt daran, dass sie gehen w├╝rde um ihr Schicksal, was auch immer das sein w├╝rde, zu erf├╝llen. In ihr kam ein Vertrauen in das Schicksal auf, alles war gut so. Sie trat vor die Haust├╝r, wo sie von gnadenlosem Verkehrsl├Ąrm empfangen wurde. An der Kreuzung stand sie entspannt mit vielen anderen Menschen, die zur Arbeit, zur Schule oder zum Einkauf hetzten, an der Ampel.
An den Weg aus der Vorstadt, bis hier ins Zentrum konnte er sich nicht mehr erinnern, was ihm nun auch bewu├čt wurde. Pl├Âtzlich kam ihm die Idee noch schnell zu seinem Schulfreund in die Bank zu fahren. Dieser B├Ąnker hatte ihm vor einiger Zeit angeboten Finazangelegenheiten, sollte es ich um gr├Â├čere Summen handeln, und das tat es, sehr diskret zu bearbeiten. So f├Ądelte er den Jaguar kurzentschlossen in die Rechtsabbiegerspur ein. Er stand als erster an der Ampel, Pole-Position, und beobachtete die blinkende Leuchtreklame in einem Schaufenster.
Gr├╝n, die Fu├čg├Ąngerampel sprang auf Gr├╝n um. Leute eilten los und irgendwer stie├č sie so stark an, dass ihre Tasche auf die Strasse fiel, sie b├╝ckte sich und begann den Inhalt wieder einzusammeln.
Gr├╝n, der Geradeausverkehr bekam gr├╝nes Licht und str├Âmte los, das erkannte er aus dem Augenwinkel und schnellte ebenfalls los. Den roten Rechtsabbiegerpfeil an der Ampel nahm er nicht wahr. Sein Jaguar scho├č um die Ecke.
Noch in geb├╝ckter Haltung sah sie den Jaguar direkt auf sich zu kommen, sie war nicht entsetzt. Der Aufprall von 58kg Mensch auf 1,8Tonnen Auto folgte. Er war verst├Ârt, bremste und stieg bleich aus dem schweren Fahrzeug.
Er kniete sich im teuren, wohl geschneiderten Ma├čanzug, auf die Strasse neben die Frau und guckte sie sich an, als w├Ąre dies eine Szene aus einem Film. ├ťblicherweise wurde ihm schwindlig, wenn er auch nur kleine Mengen Blut sah, hier lief das Blut aus dem Mund, der Nase und einem Ohr, diverse Fleischwunden f├Ąrbten sich rot, die helle Jacke bekam dunkle Flecken, die immmer gr├Â├čer wurden. Vorsichtig ber├╝hrte er die, die...ja was eigentlich fragte er sich, die Verletzte oder die Leiche?
Sie lag verdreht auf dem Asphalt und nahm um sich herum genauso wenig wahr wie er. Sie hatte keine Schmerzen, keine Angst, keine K├Ąlte, keine Empfindungen. Ihre Gedanken rasten klar und geordnet durch sie hindurch. Ich kann diesen Unfall nicht ├╝berleben. Mein Leben zieht nicht noch einmal an mir vorbei, also ist das Sterben doch nicht so wie allgemein behauptet wird. Dann blickte sie den Mann, der neben ihrem sterbenden K├Ârper kauerte aus klarem Blick an. Sein Gesicht wurde zu dem ihres Vaters, dann kam ihre Mutter und ihre Eltern blickten zu ihr in die Wiege. Es war Weihnachten und sie stand unter oder neben dem Tannenbaum, sie drehte sich um und hatte eine Schult├╝te in der Hand, nun kamen sie also doch die Bilder, das Leben zog wirklich wie ein Film an ihr vor├╝ber.
Er frohr, ihm war hei├č, seine Nase tropfte, sein Mund wurde trocken. Er sp├╝rte nicht, das er sich die Knie auf der Stra├če blutig scheuerte, als er sich umdrehte um nach Hilfe zu rufen.
Sie lag noch immer auf dem Asphalt, doch nun sah sie, nein sie nahm in aller Klarheit wahr, wie sie sich aus ihrem unnat├╝rlich verdreht liegenden K├Ârper l├Âste und ├╝ber der Unfallstelle verharrte. Sie erkannte ihre sterbende H├╝lle, den entsetzten Mann neben ihr, das dunkle Auto und etwa 20 Meter dahinter die Ampel und den ├ťberweg, soweit war ihr K├Ârper also durch die Luft gewirbelt worden. Sie hatte Physik immer gemocht, welch ein Versuch sich mit ihrem Unfall bot, Kinetik, ein Auto mit der Masse von 1,8 to prallt mit einer Geschwindigkeit von 40km/h auf einen K├Ârper (58kg), doch dann erkannte sie wie unwichtig in diesem Moment eine Berechnung sei. Sie sah all die Menschen, die erschreckten Gesichter. Ruhe und Vertrauen ergriffen sie.
Ein Rettungswagen kam, der Notarzt kam, die Polizei kam, der Abschleppdienst kam, alle fuhren wieder ab, die Stra├če wurde wieder frei gegeben und der Verkehr rollte wie immer ├╝ber die Unfallstelle hinweg. Einsatzberichte, kurze Zeitungsmeldung, Briefe der Versicherungen, Totenschein, Bestattungsinstitut, das Vergessen konnte beginnen.
Er vermochte diesen letzten Blick nicht recht zu vergessen. Es war nicht so wie im Film, dass ihn die Bilder des Gesehenen nicht loslie├čen, er war nicht einmal am Boden zerst├Ârt. Ja er bereute seine Tat, er w├╝rde den Unfall sofort ungeschehen machen, wenn er k├Ânnte, doch das waren nicht die Motivationen f├╝r das, was er dann tat. Dieser letzte Blick der Get├Âteten, lie├č ihn mehr neugirieg, als ersch├╝ttert zu dem Psychologen gehen. Was haben sie empfunden, was f├╝hlten sie, wie wirkte dieser Blick, hatten sie einen vergleichbaren Moment im Leben? Sein innigster Wunsch, alles sei eben dumm gelaufen, ohne dass er wirklich schuldig war, wurde bedient.
Lange schon war sie an dem Ort, an den man nach dem Tode kommt, der Ort von dessen Existenz nur wenige moderne Menschen wissen. Hier durchlebte sie nun ihr Leben r├╝ckw├Ąrts. Es war nicht nur so, dass die Ereignisse vom Tode bis zur Geburt erf├╝hlt werden, nein diese Ereignisse werden aus der Sicht der Menschen, mit denen man zusammenlebte empfunden, hat man jemanden im Leben zum Beispiel geholfen, so empfindet man wie dankbar derjenige war, genauso durchleidet man Sorge und Schmerz, den man anderen zugef├╝gt hat. Sie hatte die Gewissheit ein Drittel ihrer Lebenszeit, also ungef├Ąhr 15 Jahre an diesem Ort zu verweilen, denn das ist die Zeit, die sie zu Lebzeiten im Schlaf verbrachte.
Der Brief seiner Werkstatt lag auf dem Tisch, sein Jaguar war repariert. Ein weiterer Brief kam tags zuvor, seine Pr├Ąmie sollte ├╝berwiesen werden. Das Schreiben der Staatsanwaltschaft hatte er unterschrieben, seine Stellungnahme darin zum Unfall lautete: Ich war es, es ist meine Schuld. Kein Anwalt, keine L├╝gen, die Pr├Ąmie sollte unauff├Ąllig verbucht werden, da braucht er niemanden, der in seinem Leben schn├╝ffelt, eigentlich war er heute mehr Beteiligter an einem Unfallgeschehen, bei dem eine Frau zu Schaden kam, als ein Schuldiger.
Die Spiegelwelt in der sie empfand lie├č sie nicht nur ihre Wirkung auf Andere wie im Spiegel erfahren. Nein, sie musste auch ihre im Leben erworbenen Begierden durchleiden. Ihre Begierde war es zu naschen, nur das sie nun keinen K├Ârper hatte um dieses Verlangen zu befriedigen, keine H├Ąnde zum Greifen der S├╝├čigkeiten und keinen Gaumen zum Schmecken des Zuckers. Es ist wie ein Brennen dieses Verlangen und ihr kamen Erinnerungen aus ihrer Konfirmationszeit, in der vom Fegefeuer nach dem Tod gesprochen wurde. Das also ist es, das Fegefeuer und danach, was kommt dann? Es geht weiter ├╝ber eine Zeit in der man sein neues Leben vorbereitet und schlie├člich wiedergeboren wird.
Mit der Zeit kam endlich das v├Âllige Vergessen, das Ereignis wurde t├Ąglich unwichtiger, er hatte daf├╝r bezahlt, seine Reparaturkosten getragen, sich juristisch schuldig bekannt, drei Monate keinen F├╝hrerschein besessen, drei Monate in denen er sich kein Radarfoto erlauben durfte, da er nat├╝rlich trotzdem ein Auto bewegte. Er war sich nun sicher, es war nur ein Blick aus Augen, die ein sterbendes Gehirn steuerten, rein mechanisch. Dieser Blick sagte nichts, es gab nur dieses eine Leben und danach wird nichts sein, ganz sicher. Morgen wird er wieder den Jaguar fahren.

__________________
RPR

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