Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, m√ľssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5438
Themen:   92233
Momentan online:
389 Gäste und 20 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzgeschichten
Susanna, im Banne
Eingestellt am 29. 03. 2010 17:41


Autor
Ein neues Thema ver√∂ffentlichen.     Antwort ver√∂ffentlichen.
Epiklord
Festzeitungsschreiber
Registriert: May 2009

Werke: 66
Kommentare: 49
Die besten Werke
 
Email senden
Profil

Baltus Fehn seine dritte Lebensgef√§hrtin hatte ihn verlassen. Unruhe in rotierenden Galaxien, Verg√§nglichkeit in den Farben des Herbstes, wolkenverhangen war die Welt. Er suchte Zerstreuung in Jerry‚Äôs Schlemmerbude, w√§hrend Susanna Obermeier, eine gedrungene Mittdrei√üigerin, an jenem Freitagabend bem√ľht war, bei einem Imbiss sich selber zu vergessen. Sie verstaute ihre molligen Beine unter der Tischplatte Baltus gegen√ľber. Seidige blonde Haare umfingen ihr weiches Gesicht, in tr√ľben Furchen wand sich ein ferner Schmerz. Eine Mischung aus 4711 und "Urban Motion Woman" umstr√∂mte sie. √úber einem sch√§bigen Mantelkragen quoll der Hals wie eine medizinische Manschette. Die √Ąrmel des Mantels waren ein wenig hochgeschoben √ľber den Unterarmspeck, ihre H√§nde krallten sich in einen Hamburger.

Als Baltus sie bat, ihm den Salzstreuer zu reichen, err√∂tete sie. Ja, dachte er, die verlogene Doppelmoral und diese Frau, welche ihn zum ersten Mal begegnete, eines der Opfer, das Angst davor hatte, er k√∂nnte sie kompromittieren. So √ľberlegte er, wenn pl√∂tzlich eine Methode da w√§re, einen Menschenk√∂rper nach dem Ideal umstrukturieren zu k√∂nnen. Wenn sie jetzt mit gest√§hltem sch√∂nen Leib da s√§√üe, ginge all diese spie√üb√ľrgerliche Herzigkeit, alle Sympathie, die er in ihr erblickte, verloren.

Ihm stellte sich die Frage nach seiner Pers√∂nlichkeit: wer war er eigentlich, au√üer seiner vordergr√ľndigen Identit√§t als halbwegs erfolgreicher Industriekaufmann; doch nur ein armer, nackter Spatz, der aus dem Nest gefallen war, eine Raupe, die sich einen herrlichen Kokon produziert hatte, und l√§ngst selbst zu einem erstarrt war. Er hatte sich eine tolle Fassade geschaffen, und als schillernder Hahn war ihm eins sicher - viele Hennen. Seine ehrw√ľrdigen Damen hatten allesamt diese aufgeputzten Visagen gehabt, die unbedingt gefallen wollten und einem aus s√§mtlichen Illustrierten anl√§chelten, wo jede Falte, die das Leben geschrieben hatte, zugespachtelt war. Auf jeder Cocktailparty hatte er in diese Gesichter gesehen. Es erschien ihm alles selbstverst√§ndlich, und nach der R√ľckseite dessen, was er sah, hatte er nie gefragt. In Susanna Obermeiers aquamarinblauen Augen spiegelte sich ihm erstmals die Stille eines selbstlosen Seins, auch wenn ihr Anblick gleichzeitig gequ√§lt wirkte. Schleppend war ihr Gang, gab ihr dennoch eine seltsame Form von W√ľrde.

Ohne Absprache trafen sie sich nun jeden Freitagabend in Jerry‚Äôs Schlemmerbude, sa√üen meistens still da, horchten schwerbl√ľtig in sich hinein, in eine ungenannte Hoffnungstr√§chtigkeit, sahen sich gelegentlich an, und waren gl√ľcklich. Baltus erahnte, dass Gl√ľck wie ein Schatten ist; es l√§sst sich nicht einmauern. Vielleicht idealisierte er seinen Umgang mit Susanna auch zu sehr und hatte Angst vor der Wahrheit. Sind doch unsere Ideale wie Rockzipfel, die uns ein St√ľck vorauseilen. Er erz√§hlte ihr von dem Pech mit seinen Lebensgef√§hrtinnen und sie trafen sich immer h√§ufiger. Susanna war mit einem Alkoholiker verheiratet gewesen, der seinen ganzen Unrat menschlicher Entt√§uschung von sich und der Welt √ľber seine Frau ausgesch√ľttet hatte. Vor einem halben Jahr war ihr Mann gestorben.

Baltus Mietvertrag lief aus, auf Susannas Vorschlag hin zog er zu ihr. Sie erz√§hlte ihm von der Zeit vor ihrer Ehe, als noch nicht alle Blumen unter dem Schotterhaufen von Resignation und Hoffnungslosigkeit begraben waren. Und er bem√ľhte sich, ihrem gr√§mlichen Gesicht ein L√§cheln zu entlocken, wenn sie versuchte, sich mit ihren erf√ľllten Jahren zu tr√∂sten. Sie konnte kein gleichg√ľltiger, eint√∂niger Mensch gewesen sein; sie musste etwas gefordert haben, denn sonst h√§tte sie jetzt nicht verbittert sein k√∂nnen, und warten verwelkte Blumen nicht darauf, auferstehen zu k√∂nnen in einem neuen Fr√ľhling.

Eine platonische Beziehung gewährte sie ihm. So konnte er endlich ohne sexuellen Zwang sein, dem er sich täglich bei seinen verflossenen Weibern ausgesetzt wähnte. Und vielleicht hatte diese Frau ja eine verborgene schöngeistige Disposition, von der sie selber nichts ahnte.

An einem Sonnentag im Fr√ľhling fuhr er mit ihr ins Gebirge, mit der Seilbahn hinauf auf einen Gipfel. Baltus frohlockte √ľber die √Ąsthetik der weiten Naturlandschaft, ihm war, als wenn ein Flair des Sch√∂pfers jeden Grashalm, jeden Strauch beseelte. Ehrfurcht √ľbermannte ihn, doch Susanna trottete zu einem riesigen Stein, lie√ü sich seufzend nieder, blickte unentwegt gr√ľblerisch vor sich hin und st√∂hnte: ‚ÄěWir m√ľssen unbedingt noch H√§hnchenschenkel einkaufen, damit sie bis morgen Mittag auftauen k√∂nnen.‚Äú Er nahm Susanna nie wieder mit in die Natur, der Schmerz, die Entt√§uschung √ľber den misslungenen Versuch, gemeinsam ihre Seelen zum Klingen zu bringen, konnte er nicht verwinden. Er sagte ihr, dass alle Psychiater pseudomedizinische Pfeifenk√∂pfe w√§ren und sie allm√§hlich Abschied von diesen toxischen Antidepressiva nehmen solle. An besonders gl√ľcklichen Tagen umarmte sie ihn wie eine neurotische Mutter ihren Sohn; sie dr√ľckte ihn an sich und gleichzeitig stie√ü sie ihn ein wenig zur√ľck.

Aus Verdruss drang er immer tiefer in sich, begrub das Modell, was er von der Wirklichkeit hatte, denn es war nicht ganz falsch, aber auch nicht richtig. Nun wollte er die ganze Wahrheit der Stadt erfassen, jedes Augenzucken ihrer Bewohner, jedes Kacken einer Taube als Puzzleteil zu einem Ganzen zusammentragen, denn alle vorliegenden Charakteristiken √ľber ihre Stadt Hannover dienten lediglich einer Stadtkennung und weitl√§ufigen Orientierung.

Der Ariadnefaden zur√ľck zu seinem Selbst war in Gefahr abzurei√üen. Doch er sp√ľrte eine neue Macht in sich, die Ebenen der Realit√§t nach Belieben f√ľr sich zu verschieben und verstieg sich immer mehr in gef√§hrliche Tiefen phantastischer Visionen, was √§hnlich euphoriesierende Wirkung hatte, wie sie vor allem √§ltere Leute beim H√∂ren von moderner Volksmusik erleben.

Zehn Jahre, Arbeitstag um Arbeitstag wartete Baltus regelm√§√üig am Feierabend an der Hintertreppe eines B√ľrohauses auf Susanna, die hier putzte. Jedes Mal stieg sie schwerf√§llig schnaufend zu ihm herab, dann trottete er hinter ihr her zum Auto. Doch diesmal rissen ihn flotte hakenharte Schritte aus seiner Lethargie, er sah zur Treppe hoch. Sein Blick streifte zwei kniehohe, rote Lederstiefel und blieb an schlanken, wundervoll erotisierenden Schenkel haften. Sie geh√∂rten einer ehemaligen Jugendfreundin von ihm, die ihn spontan zum Essen einlud, worauf er sofort einwilligte. So vorm Wahnsinn noch gerade bewahrt, bewegte er sich wieder auf fast vergessenem aber aufregend-konkretem Boden. Die Kulisse der bizarren intellektuellen Erfahrung r√ľckte ins geistige Hinterland.

Irgendwann merkte Susanna etwas. Sie hatte Baltus immer umsorgt, war ihm eine gute K√∂chin gewesen, hatte sorgf√§ltig seine Hemden geb√ľgelt und ihn auch sonst ohne Murren m√ľtterlich gepflegt. Sie schaute ihm nach unendlicher Zeit wieder fest in die Augen und sagte: ‚ÄěWenn du nicht bei mir bleiben willst, ich verstehe es, bin ich dir doch nie eine richtige Frau gewesen.‚Äú Er schlug seine Augenlider nieder, weil er ein schlechtes Gewissen hatte wegen seiner Liebe zu Janine. Doch Baltus wollte Susanna sein Leben lang um sich behalten, aber nicht aus Dankbarkeit. Es war die selbstlose Atmosph√§re und kuriose Lebensqualit√§t mit ihr, die Verl√§sslichkeit, ihre Aufrichtigkeit und Bescheidenheit, obwohl Susanna ihm im Kern fremd geblieben war.

Die folgenden Tage kam er sp√§t heim von Janine zur√ľck. Er h√∂rte oft, wie Susanna sich im Bett r√§usperte. Nachdem er noch etwas ferngesehen hatte, legte er sich dann schlafen, neben ihr im franz√∂sischen Bett, wie jedes Mal. Einige N√§chte kam Susanna ihm besonders ruhig vor, sie drehte sich nicht in seine Richtung. Vielleicht war sie doch verstockt wegen Janine. Nie hatte sie etwas Vorwurfsvolles im Blick gehabt und gerade dieses stumme Verharren qu√§lte ihn, war schlimmer als ein kl√§rendes Todesurteil eines Strafgerichts. Baltus w√§lzte sich in immer den gleichen unruhigen Tr√§umen. H√§scher moralischer Gerechtigkeit und S√ľhne ergriffen ihn, zerrten und schleiften ihn aus dem Bett von Janine hin in die Gosse vors Mietshaus von Susanna. Regungslos blieb er dann auf dem Bauch liegen. Lie√üen die Schergen von ihm ab, blickte er gegen die untergehende Abendsonne auf die Silhouette von Susannas pyknischem K√∂rper. Breitbeinig fordernd stand sie da, beschimpfte ihn: ‚ÄěGeh` doch zu deiner Geliebten, du Mistkerl!‚Äú Ihr Gesicht verzog sich kurz zu einer Fratze, sie spuckte nach ihm aus, ein winziges St√ľck Gestalt gewordener Verachtung; dann hastete sie schluchzend weg. Ihm war nat√ľrlich klar, dass Susanna in Wirklichkeit so etwas nie machen w√ľrde. Es war ganz einfach seine eigene Selbstverachtung, die das Gewissen traumatisierte und gleichzeitig ins Unterbewusstsein verdr√§ngt wurde, sich schuldbewusst, doch leichtfertig davon stahl, eine fl√ľchtige Luftbewegung in einem gigantischen Kosmos, welche die Spucke mit sich hinfort riss.

Baltus hielt diesem zwiesp√§ltigem Alltag zwischen dem ewigen Wandeln von Susanna zu Janine und Retoure nervlich nicht l√§nger stand, packte seine Koffer und quartierte sich endg√ľltig bei Janine ein. Susanna zeigte sich beim Abschied verst√§ndnisvoll und konsequent auf dem Fu√ü verfolgten ihn abermals noch Tage sp√§ter diese entsetzlichen Alptr√§ume.

Janine schien sich seit ihrer gemeinsamen Zeit an der Uni nicht ver√§ndert zu haben. Schon damals schw√§rmten sie f√ľr eine br√ľderliche Gesellschaft, glaubten, dass sich das Gehirn w√§hrend seiner Evolution in genug Falten gelegt h√§tte, um daf√ľr die n√∂tige Weisheit erlangt zu haben. Nun hockten sie in Janines Appartement bei Kerzenschein und einem Glas Whiskey und redeten von dem Richtschwert der Natur, von der Ungleichheit, dass die W√ľstens√∂hne √ľber √Ėl verf√ľgten, wonach unsere Limousinen d√ľrsteten. Dann wieder lachten sie dar√ľber, dass St√∂rche sich von Fr√∂schen ern√§hrten, w√§hrend sich diese mit Fliegen zufrieden geben m√ľssten. Am meisten bedauerten sie, dass die Flower-Power-Bewegung kontraproduktiv verlaufen war. Und sie w√ľrden selbstverst√§ndlich in die Bresche springen und der Welt wieder ihre jungfr√§uliche Unschuld von Eden zur√ľck bringen. Die Gespr√§che mit Susanna hatten stets in ratloses Schweigen gem√ľndet. Doch mit Janine gab es ein inniges miteinander Einssein, ein weitverzweigtes Seelencluster.

Dann begleitete er Janine auf unz√§hligen Cocktailpartys, an denen ihr viel gelegen war, auch im Hinblick auf ihre Karriere als PR-Managerin; und obwohl Baltus die Leute fremd waren, erblickte er in ihnen doch ur-uralte Bekannte. Es waren lauter aufgeblasene Kerle, die um die Gunst von Frauen mit mumifizierten Visagen buhlten, wobei die Raffinesse der Maske im Mimikrygetue √ľber den Sieg entschied. Janine meinte, die Br√ľderliche Gesellschaft m√ľsse warten. Schlie√ülich m√ľsse man erst mal Kontakte zu wichtigen Leuten kn√ľpfen, um Einfluss nehmen zu k√∂nnen, und auch kleine Revolutionen erforderten Kapital.

Eines Abends schlie√ülich; sie a√üen gerade ein paar Schnittchen und schauten dabei SAT 1, wurde eine Studie √ľber das Sexverhalten der Europ√§er gesendet. Demnach sollten die Deutschen drei Mal die Woche Sex haben. Nun hatten Janine und er es die vergangene Woche aber nur zweimal miteinander gemacht, weil er eine sehr angespannte Zeit auf einer Industriemesse verbringen musste und danach keine rechte Lust mehr versp√ľrte, und so entfuhr ihr bei der Fernsehsendung ein aufbegehrendes, verzweifeltes St√∂hnen mit strafendem Augenflackern. Offenbar hatte Janine aber vergessen, dass sie zwei Wochen zuvor viermal beigeschlafen hatten. Als er sie eifernd darauf hinwies und so erwartete, damit ihre Freude anheben zu k√∂nnen wie einen gasgef√ľllten Luftballon, zerplatzte der. Es wurden noch allerlei Unzufriedenheiten mit Baltus Verhalten im Allgemeinen freigesetzt und die flogen ihm um und in die Ohren. Zudem schmeckten ihm ihre Schnittchen fad.

Betr√ľbt schlenderte er hinaus, erneut in einen kalten November, suchte Zerstreuung in Jerry‚Äôs Schlemmerbude. Es war wieder Freitagabend, und wieder sa√ü Susanna am selben Tisch.

*


Version vom 29. 03. 2010 17:41
Version vom 02. 04. 2010 12:40
Version vom 02. 04. 2010 13:46
Version vom 02. 04. 2010 18:36
Version vom 02. 04. 2010 22:20
Version vom 06. 04. 2010 09:29
Version vom 07. 04. 2010 14:45
Version vom 14. 04. 2010 14:50

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Zur√ľck zu:  Kurzgeschichten Ein neues Thema ver√∂ffentlichen.     Antwort ver√∂ffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!