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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Syd
Eingestellt am 12. 03. 2005 13:47


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Nina K
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Registriert: Aug 2004

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Als ich Syd zurĂŒck auf ihre Insel brachte, erhoffte ich mir so viel. Doch es blieb die Traurigkeit in ihren Augen und der Zug von Schmerz um den Mund. Nachts schrie sie mit einer Stimme, die ich nicht kannte, Boshaftigkeiten in die Dunkelheit. Tags, wenn ich ihren Rollstuhl mit MĂŒhe zu den Klippen gewuchtet hatte, wehte ihr einstmals so herrliches Haar kraftlos im Wind. Die Augen hielt sie geschlossen und nur die Nase zeigte zuckend, wie sehr sie den so geliebten Seewind genoss.

Syd hĂ€tte nie in die Stadt ziehen dĂŒrfen, denke ich manchmal. Doch trieb es sie hinaus in dies Leben, dass sie letztendlich mir nahm. Als ich sie das erste Mal sah, raubte mir ihre Schönheit den Atem. Sie stand inmitten dieses zigarettenrauchverhangenen Kellers und strahlte Leben aus. Damals umringten sie bewundernde Blicke, spĂ€ter trieben ihr genau jene MĂ€nner die FĂ€uste in den Leib.

Wenn ich sie in jenen letzten Tagen badete, hielt ich ihr zĂ€rtlich den Kopf ĂŒber der WasseroberflĂ€che. Nur im Fieber regte sich ihr Körper noch heftig, sonst verhielt er starr in sich verkrĂŒmmt. Das Weiße ihrer Augen wurde allmĂ€hlich gelblich und matt ĂŒberzog die Pupille ein klebriger Film. Sie hasste die Windeln und ihre Arglosigkeit versank in Wut. Doch weinen sah ich sie nie. Auch damals nicht, als sie zerschunden von Eddy heimkam.

Wir wohnten drei Jahre zusammen in der Ein-Zimmer-Wohnung in Sankt Georg. NĂ€chtelang hat sie mir von ihrer Insel erzĂ€hlt und ich spann MĂ€rchen vom Leben. Sie war voller Sehnsucht nach ihrer Heimat, doch zog sie den RĂŒckweg nicht in ErwĂ€gung. Erst als sie krank wurde, gab sie die störrische Haltung auf.

Wenn ich Syd mit Drogen erwischte, lachte sie und ließ mich sie in der Toilette fortspĂŒlen. Ich wusste dennoch, dass sie am nĂ€chsten Tag wieder fĂŒr Nachschub sorgen wĂŒrde. „Wie sonst soll ich die schmierigen Kerle ertragen?“ Manchmal helfen keine Worte, auch nicht die heftigen. Sie entglitt mir an jedem Tag ein wenig mehr.

Syd hatte ein bezauberndes Lachen. Es gluckste in ihr hoch und zerplatzte dann in ihrem Gesicht wie bunte Seifenblasen. Kein UnglĂŒck schien dieses Lachen zu nehmen, doch dann zerfraß es das Fieber. Als ich den ersten schwarzen Fleck auf ihrem RĂŒcken entdeckte, zuckte sie einfach mit den Schultern. „Es wird halt Zeit“, meinte sie.

In Sankt Georg haben wir drei Weihnachtsfeste verlebt. Nur an einem war Syd daheim; Damals kaufte ich eine Tanne und blaue Glaskugeln, die sie so sehr liebte. Als ich ihr die Weihnachtsgeschichte vorlas, verließ sie der Stolz. Sie erzĂ€hlte mir von ihrem Vater. Ich wĂŒnschte mir, er hĂ€tte ein wenig lĂ€nger fĂŒr Syd gesorgt, doch er starb, als sie vier war. Wir haben nie wieder ĂŒber ihn gesprochen.

Manchmal schĂŒttelte ihr Husten den haltlos gewordenen Körper. Dann stieg meine Angst und ich legte ihr heiße, feuchte Lappen auf die Brust. Die Ruhe der Tage zerstob in lauten NĂ€chten, doch ihr Schrei erreichte nicht mehr die, die es anging. Nur ich hörte ihre FlĂŒche und ihr Keuchen. Ich liebte Syd mit all meiner Kraft, doch schien sie es nicht mehr zu merken.

Der Arzt schĂŒttelte hilflos den Kopf: „Wir haben versucht, was wir konnten. Was bleibt, ist der Tod.“ Da sagte ich ihm, dass wir fort auf die Insel fahren wĂŒrden. Wir fuhren entgegen seinem Rat.

Syd atmete die Welt und die Welt sog sie auf. So war das wohl damals. Wir waren vertraut doch sie war stets allein. Ihre Haut war so weich und schimmernd. SpĂ€ter ĂŒberzogen blaue Flecken den Körper, dann sammelte sich letztendlich der Schorf in den Falten. FĂŒr mich war sie immer noch schön. Manchmal, wenn sie nicht schlafen konnte, summte ich ihr ein Lied. Nur selten konnte spĂ€ter meine Sehnsucht ihr LĂ€cheln zurĂŒckholen; aber auch diese Momente gab es noch.

Ich habe Syd begraben, wie sie es wollte: Am Kliff tief in der Erde und Steine hÀufen sich auf dieser Stelle. Kein Holzkreuz ziert diesen Ort. Aber stets finden die Möwen dort Frischfisch, den sie gierig aufpicken. So war einst Syd und nun bin nur ich.

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