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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Tag der Heimkehr
Eingestellt am 11. 09. 2000 22:24


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Norbert Hilgers
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Aug 2000

Werke: 23
Kommentare: 3
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Folgt der Wanderer den Schwalben zur Küste von Salcombe, so trifft er auf die versteckt liegende Bucht Starhole Bay. Klettert er den steinigen Weg, der fast unkenntlich mit der Steilküste verschmilzt hinab, wird er mit einem der herrlichsten Sandstrände der Küste belohnt, der sich zwischen Salcombe und Plymeth im Süden Englands erstreckt. Beim Blick auf das in der Sonne glitzernde Meer entdeckt er nahe der Küste einen Schatten im Wasser, der ihn neugierig macht.
Das blaugrüne Wasser der Bucht bedeckt friedlich die Reste eines Segelschiffes das den stolzen Namen "Herzogin Cecilie“ trug und im Oktober des Jahres 1939 auf dem Weg von Australien nach London im Nebel auf ein Riff lief, und das hier im seichten Wasser auseinanderbrach.
Das Schicksal eines solch großen Schiffes war ein Ereignis, das für wochenlangen
Gesprächsstoff bei den dort ansässigen Menschen sorgte.
Jeder der etwas auf sich hielt, ließ Arbeit Arbeit sein und eilte in die Bucht um sich ein Bild von dem Wrack zu machen. Wie ein riesiger gestrandeter Walfisch lag es dort im seichten Wasser. Unterhalb der Wasserlinie zog sich ein langer Riß durch den Rumpf und legte das Innenleben des Schiffes frei. Scharen von Schaulustigen besuchten tagtäglich die Bucht. Kaum einer nahm Notiz von dem in schwarzes Ölzeug gekleideten Mann, der mit einer Kapitänsmütze auf dem kahlen Schädel immer wieder im Bauch des riesigen Rumpfes verschwand, und kurze Zeit später wieder auftauchte. Man hielt ihn für einen der vielen Glücksritter, die hofften, etwas Brauchbares aus dem unglücklichen Schiff zu erbeuten. Doch während diese nach wenigen Tagen enttäuscht verschwanden, blieb der einsame Mann. Eines morgens jedoch, als nach einer stürmischen Nacht der Rumpf des Schiffes in mehrere Teile zerbrach ,fand man ihn ertrunken zwischen angeschwemmten Planken am Strand.
Erst nachdem man die Besatzung befragte kam die Tragödie eines verzweifelten Mannes ans Licht. Die Matrosen identifizierten den Toten als Ephraim Hool, er hatte als Schiffsgehilfe in Cardiff Südaustralien angeheuert.
Zuerst glaubte man, daß Hool von ihm versteckte Wertgegenstände an Bord der „Herzogin Cecilie“ gesucht habe, doch dann erfuhr man die schreckliche Wahrheit durch die Abschrift eines Briefes die man in der Brusttasche des Toten fand.
In dem Schreiben hieß es, daß er sein einziges Kind, ein 12 jähriges Mädchen, als blinden Passagier im Frachtraum mit nach England bringen wollte.
Der Brief war an seinen Schwager gerichtet, der in der Nähe von London lebte und ihm eine sichere Arbeit und Unterkunft in England zugesagt hatte.
Das Kind war vermutlich bei dem Schiffsunglück von der aus der Verankerung gerissenen Ladung getötet worden, oder es war beim Kentern des Schiffes ertrunken.Obwohl Marinesoldaten noch einige Tage den Rumpf des Schiffes durchsuchten, wurde nicht die geringste Spur des Mädchens entdeckt. Der Matrose wurde unweit der Bucht, auf dem Seefahrerfriedhof von Soar beigesetzt.


"Hallo" sprach Sarah die Kleine an. " Hallo" erwiderte das zierliche Mädchen mit dem lichtblauen Kleid, und ließ seinen Blick weiterhin über das blaue Wasser der Bucht von „Starehole Bay“ gleiten. Sarah blickte sich verwundert um und suchte erfolglos nach den Eltern oder Begleitern des Mädchens.
„Bist du alleine hier" fragte sie erstaunt das Kind, das da einsam zwischen Heidekraut und Stechginster fast versteckt an der Küste saß. Die Kleine wandte sich ihr zu, und Sarah konnte ihr Gesicht sehen.
Wie schmal und bleich sie ist, dachte sie, und betrachtete ihre strohblonden Haare, die oben kunstvoll zu einem Zopf zusammengebunden waren. Einen Kranz von geflochtenen Blumen trug sie um ihre hohe Stirn. Große grünblaue Augen, die die Farbe des Meeres widerspiegelten, lagen in tiefen Augenhöhlen.„ Allein ? " entgegnete die jüngere fröhlich, "Nein ich bin niemals allein. Schau dich doch um! “Das Mädchen war aufgestanden und streckte ihren kleinen Arme weit von sich.
„Sie doch" ,sagte sie und deutete auf einen Schwarm Seevögel, die in geringer Entfernung vorüberflogen. "Und da! " weiter unten in der Bucht waren zwei Seehunde zu sehen, die sich vergnügt im flachen Wasser aalten. Das unbekannte Mädchen hatte sich wieder ins Gras gesetzt und starrte gedankenverloren in die Bucht. Sarah, die langsam ihre Geduld mit dem fremden Kind verlor, versuchte es erneut. "Nein, ich meine, bist du denn alleine, ohne Eltern hier ? „.Natürlich nicht, was glaubst du den, mein Vater ist ganz in der Nähe." entgegnete das Mädchen entrüstet. Sarah sah sich um und suchte den gesamten Küstenstreifen ab. „Ich kann niemand entdecken" meinte sie enttäuscht. "Er ist ganz in der Nähe“, sagte die Kleine "du kannst ihn nur noch nicht sehen." Sarah gab auf " Also gut dein Vater hat sich hier irgendwo versteckt und spielt wohl sein Spiel mit uns. Mir jedenfalls reicht es ich muß zurück." Sie erhob sich von dem Felsen, auf dem sie gesessen hatte, mit ihren Hände suchten Halt an der felsigen Wand, dann stelzte sie ungelenk den schmalen Küstenweg hinauf. "Was ist mit deinen Beinen „, hörte sie das Mädchen hinter sich rufen. Sarah drehte sich um und sah, wie es ihr gefolgt war. Große blauen Augen sahen ihr offen und freundlich ins Gesicht. "Ein Autounfall", sagte Sarah mit leiser Stimme " vor fast zwei Jahren, Ich hab hinten gesessen, und nicht soviel abbekommen.“ "Werden deine Beine wieder gesund " erkundigte sich die Kleine. Sarahs Blick beantwortete wortlos ihre Frage.
Bevor Sarah wußte wie ihr geschah, war das Mädchen an sie herangetreten, und legte ihre Arme um sie. Es drückte sie an ihren zerbrechlich wirkenden Körper und strich dann mit sanften Händen über ihr Gesicht. Befremdet über sich selbst ließ Sarah die zärtlichen Berührungen zu. "Weißt du eigentlich wie schön du bist !' fragte die Kleine unerwartet. "Was meinst du damit „ entgegnete Sarah erstaunt " "Ich meine, daß du aussiehst wie eine Wildblume" Sarah dachte einen Augenblick über das zweifelhafte Kompliment nach. Dann bemerkte sie, wie das Mädchen sich lachend entfernte. " Fang mich doch", hörte sie es rufen.
Trotz ihrer Behinderung folgte Sarah dem Mädchen bis sie es auf einer kleinen Anhöhe eingeholt hatte. Hier stand es auf dem höchsten Punkt und hatte seinen Kopf dem offenen Meer zugewandt. Eine kräftiger Wind blies von See her, und ließ seine Kleidung wie eine Fahne flattern. Erst jetzt wurde Sarah bewußt, wie dünn das kurzärmlige hellblaue Kleid des Mädchens war. Es trug keine Strümpfe, nur kleine weiße Sandalen an den feingliedrigen Füßen, die sie nur unzureichend bedeckten.
Selbst durch den warmen Mantel spürte Sarah den eisigen Wind.“Ist dir nicht kalt?", fragte Sarah ", und "wie heißt du überhaupt ?".“Fe" sagte das Mädchen "ich heiße Fe".
„Fe ?“, wiederholte Sarah nachdenklich" Fe, was ist das denn für ein Name. Also wie ist es, frierst du nicht." Fe blickte sie verständnislos an. " Ist es denn kalt ?"
„Ob es kalt ist ?" fragte Sarah belustigt. "Es ist Ende Oktober, alle Zugvögel sind längst schon nach Süden geflogen. Gestern morgen war auf unserer Wassertonne schon die erste Eisschicht. ,.Oh, sagte das Mädchen, " muß ich wohl vergessen haben." ,.Vergessen haben, daß schon Ende Oktober ist, vergessen haben, daß es Stein und Bein friert." Diesmal war Fe aufgebracht aufgesprungen. " Nein ich habe nicht vergessen daß es Ende Oktober ist, heute ist der 28. Oktober, ich vergesse niemals den 28. Oktober." Schon gut, schon gut" meinte Sarah" beruhige dich wieder, ich wollte dir doch nicht weh tun, es ist nur so seltsam." „Was ist seltsam ?" entgegnete Fe schroff.
„Ich komme hier bald jeden Tag um diese Zeit vorbei“, meinte Sarah, „und nie ist jemand an der Bucht zu treffen, und heute bist du hier und tust so, als wenn du hier zu Hause wärst."
„Vielleicht bin ich ja hier zu Hause", Fe sah sie aus großen Augen an.
,.Hier ist niemand zu Haus, das nächste Haus steht eine Meile entfernt und gehört den Hastings, und dich habe ich weder bei ihnen noch sonst irgendwo gesehen."
Mittlerweile hatte die Sonne den Horizont berührt und das Wasser, daß sonst ihren Glanz widerspiegelte, war nun klar, so daß man den Grund sehen konnte.
"Schau nur" sagte Sarah. "Da liegt sie !." Sie deutete in das seichte Wasser der Bucht. Undeutlich war ein länglicher Schatten zu erkennen. „Da ist sie, die Herzogin Cecilie, sie war ein großes Segelschiff, daß vor über 50 Jahren hier gesunken ist.
Viel ist nicht mehr von ihr übrig geblieben, und doch jedes Jahr nimmt das Meer ein klein wenig mehr von ihr mit hinaus“ .Die beiden Mädchen saßen nun eng nebeneinander und ließen sich von dem Anblick der untergehenden Sonne gefangen nehmen ."Uns bleibt nicht mehr viel Zeit" sagte Fe leise" nur noch wenige Jahre bis...“ Sarah betrachtet ihr schmales Gesicht" bis was ?" , "Ach nichts ! " wich Fe ihr aus. Es glitzerte verdächtig in ihren Augenwinkeln, doch bevor Sarah etwas sagen konnte hatte Fe eine Träne mit dem Handrücken fort gewischt. „ Willst du nicht mit zu uns kommen ?" schlug Sarah überraschend vor, „meine Tante und ich wohnen keine viertel Stunde von hier, du kannst dich dann erst einmal aufwärmen, Essen von heute Mittag ist auch noch da“. „Das geht nicht, ich muß doch hier auf Papa warten, er bringt mich zurück nach Hause.“ entgegnete Fe. Bei dem Gedanken, daß Fe’s Vater seine Tochter hier ganz allein in der Kälte warten ließ, wurde Sarah wütend. “Es ist unverantwortlich von ihm, dich hier so lange sitzen und frieren zu lassen", erklärte sie betont vorwurfsvoll.
„ 0h ! sag das nicht', entgegnete Fe verletzt " er kann noch nicht bei mir sein, seine Zeit ist noch nicht gekommen. „Und denke nicht schlecht über ihn, es ist der beste Vater, den man nur haben kann, außerdem friere ich nie !"
„Dann bleibe ich eben so lange hier bis dein Vater dich abgeholt hat", meinte Sarah trotzig.
Sie zog ihren Mantel aus und hängte ihn, trotz aller Proteste, über Fe’s Schultern.
Stumm saßen sie minutenlang da bis Fe plötzlich aufsprang, ihre Augen hatten sich erregt geweitet, sie streifte den Mantel ab und rannte den engen Klippenpfad zur Bucht hinunter. “Halt, wo willst du denn hin" rief Sarah ihr hinterher. Fe drehte sich im Laufen kurz um, blickte Sarah aus traurigen Augen an, und rief ihr etwas zu.
Der rauhe Wind übertönte ihre leisen Worte, so daß Sarah bloß etwas wie " nur ein einziger Tag im Jahr" verstehen konnte, dann lief Fe ohne ein weiteres Wort hinunter zur Bucht. Sarah sprang nun ebenfalls auf, und folgte ihr ,so schnell das verletzte Bein es zuließ, nach. Sie entdeckte Fe, die schon ein großes Stück voraus gelaufen war, und nun sah sie auch einem Mann in dunkler Kleidung, der den Küstenweg aus Richtung Soar herunterkam. Sarah blieb auf halben Weg stehen und betrachtete ein wenig verlegen, wie Fe mit kleinen Schritten, die kaum den Boden berührten, dem Mann entgegenlief. Bei ihm angekommen, bückte er sich zu ihr hinunter, und hob sie sanft auf. Fe’s Arme schlossen sich fest um seinen Hals, und ihr Kopf schmiegte sich an seine Schulter. Der Mann beachtete Sarah nicht, er ließ seine Tochter wieder auf den felsigen Boden der Steilküste hinunter. Beide nahmen nun den schmalen Weg hinunter zur Bucht.
Dort gingen sie ein Stück den Strand entlang und wandten sich dann der offenen See zu. Mittlerweile war es so dunkel geworden, daß Sarah die Beiden kaum noch erkennen konnte. Aber es schien ihr, als wenn sie Hand in Hand durch das flache Wasser hin zur „Herzogin Cecilie" gingen.
Sarah wollte noch etwas rufen, als sie im letzten Licht der untergehenden Sonne schemenhaft erkannte, daß die See schon die Hüften des Mädchens umspülte.
Da wendete Fe sich noch einmal um und winkte ihr wie zum Abschieds zu.
Bestürzt blieb Sarah stehen, doch da kam ihr eine der vielen Geschichten der Starhole Bay wieder in den Sinn, die einige alte Leute heute noch erzählen.
Und während der Seewind mit ihrem schulterlangem Haare spielte, erwiderte sie Fes Gruß, selbst dann noch, als das spiegelglatte Wasser der Bucht ihre Anwesenheit längst verleugnet hatte.

Bemerkung

Die Herzogin Cecilie hat es wirklich gegeben, sie lief von Australien kommend auf das „Ham Stone Riff „vor der Küste von Devon Südengland.
Leckgeschlagen wurde sie von Schleppern in die „Starholebay“ verbracht. Da das Schiff eines der letzten großen Viermast - Vollschiffe war, daß noch in der Frachtschiffart eingesetzt wurde, zog das unglückliche Boot viele Sympathien auf sich. Es wurde über Englands Landesgrenzen hinaus Geld gesammelt um die „ Herzogin Cecilie „ wieder flott zu machen. Aber alle Bemühungen wurden jedoch durch eine stürmische Grundsee zunichte gemacht, die ihren Rumpf in einer Nacht unreparierbar zerstörte.
Reste des Schiffes sind auch heute noch vom Küstenwanderweg nicht weit von Bold Head aus zu erkennen.






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Norbert Hilgers

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