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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Tag des IRDA oder Ruhe, vor allem Ruhe
Eingestellt am 31. 05. 2003 20:22


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Kabelkolb
AutorenanwÀrter
Registriert: Mar 2003

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Tag des IRDA oder Ruhe, vor allem Ruhe


„Warum ĂŒberlĂ€st man den Irakern nicht ihre eigene FĂŒhrung?“
---„Man will nicht!“
„Das wird auf Dauer schwierig durchzusetzen sein.“

Wenn die Nachrichtensendungen die Information nicht zu sehr verunstaltet haben, um sie fernsehfĂ€hig zu machen, und es stimmt, dann sieht es ja fast so aus, als hĂ€tte das irakische Volk schon den nĂ€chsten Diktator im Land. Der Neue ist allerdings viel besser organisiert und hat nicht nur im nahen Osten unermessliche Macht. Der Andere, der alte Diktator hat die Iraker jahrelang daran gewöhnt, keine Stimme zu haben und im Prinzip seine persönliche Sklavenhorde zu sein. Einige Gruppen von speziellen Irakern haben sich damals als hilfreiche Vasallen herausgestellt und unterdrĂŒckten fĂŒr ihren Diktator stetig ihre Landesleute. Diese UnterdrĂŒcker hat man jetzt, nach dem Krieg, aus dem Land, oder mindestens, aus der Stadt gejagt. Ihre BĂŒros, die einst Vorhallen der Hölle gewesen waren, werden anderen, neuen Vasallen zur VerfĂŒgung gestellt. Das Blut wurde abgewaschen, alles ist renoviert, viele schwere Sessel, Stoffe an den WĂ€nden usw. Ausgestattet mit einer Klimaanlage fĂŒr das ganze Ministerium, einem Saunabereich in den ehemaligen Folterkellern und der besten Sportanlage der Stadt erhebt sich dieses GebĂ€ude hoch ĂŒber den Platz des ehemaligen Königs. Hinter dem GebĂ€ude liegt ein riesiger Hof. Er ist begrĂŒnt, (man könnte fast sagen: bewaldet,): Fasane springen zwischen den FarngewĂ€chsen und Palmen umher, kleine Elefantenbabys, die Dank Genetik niemals wachsen werden, trotteln durch die Anlage und lassen sich von SicherheitskrĂ€ften fĂŒttern, Springbrunnen verschiedener Bauart zieren das gesamte GelĂ€nde und im mittlerem Teil gelegen spielt ein kleines Kammerorchester zur Unterhaltung. Man hört es noch bis zum Palast hinĂŒber, der sich nördlich anschließt. Einst speisten hier des alten Herrschers Schergen und er selbst, von goldenen Tellern goldenes Obst, sahen in goldenes Fernsehen und machten ihr GeschĂ€ft auf goldenem Boden. WĂ€hrend sich ihr Volk einen einzigen Apfel teilen musste begeisterten sie sich fĂŒr amerikanische Konsolenspiele aus den frĂŒhen Achtziger Jahren. Seit die freundlichen Besatzer hier eintrafen, sind sie auf der Flucht. In ihren goldenen Wohnmobilen haben sie sich davongemacht und sind in Richtung der heiligen WĂŒste im Sandsturm verschwunden. Sie essen jetzt von anderen Tellern anderes Obst, allerdings nicht ohne den nötigen Komfort usw. Jahrelang hatte man sich an ein bestimmtes Establishment herangearbeitet, selbstverstĂ€ndlich; und das gab man nicht einfach so auf. Außerdem ist ja in Bagdad noch alles in Ordnung. Das Volk will zwar eine eigene Regierung wĂ€hlen, demokratisch eben, aber die, die unbedingt in diese Regierung rein wollen, lassen einen Großteil von den Irakern gar nicht mitreden. So ist das nun mal mit einer importierten Demokratie. Das hatten jene, die nach der Macht strebten, nicht bedacht. Sie haben vielleicht mit Landminen, brennenden Ölfelder, Guerilla-Trupps usw. gerechnet, aber keinen einzigen Gedanken an das Konsolen-Prinzip verschwendet!
Der alte König und seine mitflĂŒchtenden Vasallen kannten diese Prinzip lĂ€ngst. In all den Jahren Herrschaft hatte seine MajestĂ€t eines gelernt: Man kann die auslĂ€ndischen Importe nicht auf den heimischen Konsolen zum laufen bringen, ohne dafĂŒr einen Adapter zu verwenden. Diesen Adapter hatte man nicht. Japan war zwar mal im Begriff gewesen den IRDA, den Irak-Demokratie-Adapter, zu bauen, aber in dieser schlimmen Zeit der Sanktionen und Wirtschaftsembargos, als das Geld knapp war und das Volk litt, gab man die Reserven lieber fĂŒr ein umfangreiches Deckenfresko aus, das die Vasallen und ihren Herrscher beim letzten Abendmahl zeigte und dessen Farben nicht mit Wasser, sondern mit flĂŒssigem Gold angerĂŒhrt waren. Vielleicht denkt der alte König heute manchmal zurĂŒck, an die Zeit, als er der Herrscher war. Vielleicht erinnert er sich an den Tag, an dem alles begann und daran, wie gut er damals alles machen wollte, ebenso gut, wie es die neuen Herrscher heute tun möchten. Und vielleicht, ja vielleicht..., aber ich denke das geht dem Volk im Irak auch zu weit, denn die mĂŒssen immerhin mit den Neuen leben, die garantiert auch irgendwann zu den Alten werden. Die Zeit der Mutmaßungen ist nun vorbei! Ja, vielleicht denkt sich das gerade auch Ahmed Mahbahan.
Ahmed passiert in diesem Moment die TrĂŒmmer seiner ehemaligen Oberschule und fragt sich, wir er diesen Tag zu Ende bringen sollte. Er kommt von einer Versammlung auf der viel geredet wurde. Am nĂ€chsten Montag will man demonstrieren wie einig man sich ist. Doch er versteht nicht, warum alle seine Freunde sagen, es wird besser, alles wird besser, wenn wir nur zusammenhalten, zusammenhalten und zeigen, was wir wollen. Was er will: Nach Hause und endlich Ruhe. Ruhe vom Krieg, Ruhe von der Angst, Ruhe, vor allem Ruhe. In seiner Wohnung liegt immer noch eine Waffe, da er den Aufforderungen der Soldaten, alle Waffen abzugeben, nicht nachgekommen ist. Bis jetzt hatte ihn noch niemand gefragt und niemanden hat diese Waffe bis jetzt gestört. Das Gewehr ist zur Verteidigung und Schluss! Die Mutter lag ihrem Sohn seit Tagen in den Ohren, er solle es wegschaffen, bevor die Truppen ihr Haus durchsuchten. Im Dorf sprach manch einer davon, das die, die Waffen haben, mit dem alten König zu tun hĂ€tten, manchmal erzĂ€hlt man sogar, er sei irgendwo hier bei ihnen. Soldaten kommen fast tĂ€glich in ihr kleines Dorf und durchsuchen HĂ€user. Nach Waffen und nach Menschen. Aber egal, das Gewehr muss bleiben. Ahmed wird es wie an jedem Montag zur Demonstration mitnehmen, es geht doch immerhin um seine Freiheit.

__________________
Mein Name sei Kolb.

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