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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Tage des Frosts
Eingestellt am 09. 05. 2017 16:55


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Freakingcat
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Registriert: Oct 2016

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Tage des Frosts lagen über dem Land. Mühselig erhob sich der Morgen eines sonnenlosen Tages aus dem Nebel einer sturmgebeutelten Nacht. Die dunkelschwarzen Stämme der uralten Wächter des Waldes verloren ihre Gestalt, verschwammen in undurchdringlichen Nebelschwaden und hörten auf zu sein. Grabesstille. Die Totenstarre eines nicht enden wollenden Winters in der alles Leben unter einer dicken Decke aus Eis und Schnee erstickt. In der Ferne, nur das verhaltene Gurgeln eines Bächleins, welches sich am Fuße des Hügels entlang schlängelt, auf dem die Ruine einer einst stattlichen Burg, die Zeitlichkeit einer Welt einmahnt, welche schon lange aufgehört hatte zu sein. Die schweren Schritte des Mannes versanken tief im Schnee. Der Atem gefror in seinem Bart, während er sich seinen Weg durch die strenge Winterlandschaft bahnte. Er hofft im Wald einen abgestorbenen Ast zu finden oder ein Stück Holz zu schlagen, um ein wärmendes Feuer in die Stube zu bringen, wo sein Weib auf ihn wartet. In den letzten Tagen des Altweibersommers hatte er mit, aus der Ruine gebrochenen Steinen, die Wände seines Häuschens hochgezogen und sie noch vor Leopoldi mit einem einfachen Strohdach eingedeckt, gerade rechtzeitig, bevor der Winter seine frostige Herrschaft begann. Woher er gekommen war und warum sich ein Mann in der Unwirtlichkeit dieses kargen Bodens niederlässt, ob er sein Glück in der Einsamkeit dieses gottvergessenen Landes sucht, ob er sich auf der Flucht aus einem verdrießlichem Leben befand oder sich vor Mächten, die ihm nach seinem Leben trachten, versteckt hielt, werden wir niemals erfahren. Längst schon sind die Spuren seiner Vergangenheit dem Vergessen der Zeit anheim gefallen.

Der todbringende Atem des Teufels und seiner Wilden Jagd bei ihrem Ritt durch die zwölfte Raunacht, hatte selbst die Luft gefrieren lassen. Der Raureif verhüllte Wald und Flur mit einem Schleier spitz-feiner Eisnadeln, der alles Leben fing. Inmitten der Einsamkeit einer, immer wieder aus dem Dasein gleitenden, grauweißen Welt aus Eis und Schnee, einer Welt, befreit von aller Form und Sein, aus dem Nebel einer ewig gebärenden und verzehrenden Weltseele, richtet der Mann seinen Blick in dem Moment nach oben, als einem Wink, einem Fingerzeig Gottes gleich, ein Strahl der verborgenen Sonne— leuchtend, rein und klar wie Bergkristall— den Himmel durchbricht und das Land in ein wunderfältiges Glitzern und Funkeln taucht und sein Herz mit der Hoffnung des Erwachens aus der langen dunklen Nacht seiner Seele erfüllt.

Seine Schritte führten in zu einer Stelle am Ufer des kleinen Bächleins, wo er Spuren eines verwaisten Nachtlagers erspähte: ein paar verstreute Pferdeäpfel, eine Schlafstelle aus Tannenreisig, eine Feuerstelle, erloschen und kalt, an der vielleicht fahrendes Volk, durchreisende Spielleute oder ein Zigeunerklan, die Nacht über verweilt hatten.

Und dann sah er es! Ein Bündel weißen Lakens, auf einem flachen Stein, inmitten des vereisten Rinnsals. Als er es öffnete, blickten ihm zwei Augen, strahlender als das Blau des Himmels eines klaren Sommermorgens, entgegen. Es war in diesem Augenblick, als sich dem Mann, das Wunder des Lebens, auf die unerwartetste Weise offenbarte, sich das Schicksal der beiden Seelen für alle Zeit, unauflöslich ineinander verschlang und zu deren Vorsehung es von nun an wurde, über die Geschicke kommender Generationen, über Kinder und deren Kindeskinder, zu wachen. Der Mann gab dem Findelkind den Namen Wolfgang. So nahm die Geschichte ihren Lauf.

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