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Leselupe.de > Experimentelle Lyrik
Tage im Leben des Herrn Tobias
Eingestellt am 14. 03. 2015 10:09


Autor
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Stefan Sternau
???
Registriert: Jan 2015

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In einer absurden Welt kann gerade ein scheinbar unsinniger Text sinnvoll sein.


Der Herr Tobias hängt aus dem Fenster
greisenhaft seine Augen
starr sein Lächeln
Denken und Glauben ersterben in ihm
er revoltiert gegen den Geist der Umnachtung
gegen die Dialektik des Unverstandes
wie an einem Faden schwingt er umher
Stunden zerbrechen in ihm
Tage zerfressen ihn wie Ameisen
Zeit zerblättert ihn
hat er nicht gesehen
hat er nicht gehört
die Stimme des Chaos
Tr√§nen h√§ngen wie Wolken √ľber ihm
sein Atem kristallisiert in Siliziumoxiden
am Tag des Baumes wird er sich erheben
und er wird anf√ľhren das Heer der Gas√§ugigen
die antreten zur letzten Schlacht dieses Universums
geisterhaft in ihrem Wesen
schamlos in ihrem Unwesen
Tobias, sei du unser F√ľhrer
wie wir dich f√ľhren werden
in Ewigkeit
Herr Tobias, gib dich zu erkennen
wir haben dich durchschaut
du bist der, der du bist
Menschen wie Maschinen
sie weinen und lachen
Gardinen, leise wie Wellen
rote M√ľtzchen
garstig und doch so rein
kleine Frauen mit nassgekämmten Haaren
das gefällt
und im Schatten des Waldes tanzt der Alte
ein ewiger Protest gegen die Unzucht dieser Welt
aber haben wir denn eine Chance
gibt es sie denn, die Freiheit
die sie meinen und die ich meine
ich und immer wieder ich
mein Atem währet ewiglich
das ist wie ein Fließen
manchmal ein Rauschen und Toben
Schmerz, wo bist du
Geist, wo klebst du
R√ľbe, wo w√§chst du
agiert aus Leute
denn morgen, ja morgen
und dennoch
immer wieder dieses Rufen
dieses Weinen in der Stille
dieses Stöhnen am Nachmittag
dieser Dreck in den Häusern
dieser Dreck in den Menschen

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Stefan Sternau
???
Registriert: Jan 2015

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Hallo Stefan,
da noch niemand diesen Text kommentiert hat, dachte ich mir, ich kommentiere ihn einfach selbst. Oder noch besser, ich befrage den Autor.

- Tag, Stefan!
- Tag, Stefan!
- Was hast du dir blo√ü bei diesem merkw√ľrdigen Text gedacht?
- Ich habe gar nicht viel gedacht, ich habe einfach geschrieben bzw. schreiben lassen.
- Von wem denn?
- Vom Unterbewusstsein bzw. Unbewussten.
- Aha, so sieht es also in deinem Unbewussten aus.
- Nicht nur in meinem. Mal was vom ‚Äěkollektiven Unbewussten‚Äú geh√∂rt?
- Zeigt uns der Text die existentielle Verlorenheit des Menschen in einer absurden Welt?
- Nein, er zeigt uns die verlorene Absurdität in einer weltlichen Existenz.
- Verstehe ich nicht.
- Ich auch nicht.
- Ist der Herr Tobias eine Art postmoderner Christus, der uns erlösen will?
- Nein, er ist nur ein Kauz, der aus dem Fenster guckt und von einem kosmischen Krieg träumt.
- Genau, da wollte ich noch nachfragen. Was soll denn das Heer der Gasäugigen sein?
- Das ist ein Schreibfehler, ich wollte eigentlich sagen, das Heer der Glasäugigen.
- Mal ehrlich Stefan, ist der Text nicht ziemlich sinnlos?
- Man sollte den Begriff des Sinns nicht so restriktiv limitieren, sondern semantisch expandieren.
- Kannst du das noch mal verständlich sagen!
- Na ja, alles hat Sinn, oder vielleicht hat auch nichts Sinn, so genau weiß das niemand.
- Stefan, ich danke dir f√ľr das Gespr√§ch.
- Immer wieder gerne.

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Mondnein
Routinierter Autor
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Selbstkommentierung

Es gibt heftige Gegner aller Selbstkommentierung hier in der Lupa. Ich bin ein Bef√ľrworter gr√ľndlicher Selbstkommentierung, insbesondere dann, wenn der Dichter auf Kommentare antwortet und Dinge erkl√§rt. Wesentlich ist allerdings, da√ü die Deutung jedes Lesers das √úbergewicht hat, und der Schreiber mu√ü es hinnehmen, da√ü da andere "innere Filme" laufen als in ihm, dem Autor als "erstem Leser" seines Textes. Aber eben deshalb, weil der Schreiber immer der erste Leser seines Textes ist, hat er genauso ein Recht auf den eigenen inneren Film, die eigene Deutung, den Selbstkommentar, wie jeder andere Leser auch.
Er verliert nur die "Deutungshoheit" in dem Moment, wo er den Text aus der Hand gibt, veröffentlicht, anderen zu lesen gibt.
Der Kommentar, vor allem in dieser Form, ist wunderbar, sehr erhellend, ich finde ihn gut.

Als ich vor einigen Tagen dieses Gedicht hier las, dachte ich etwas ganz anderes, n√§mlich: es sei eine Art Mitleidsgedicht, Betroffenheitslyrik, √ľber einen Altzheimer-Patienten. Why not, dachte ich, haben wir doch schon √∂fter hier gehabt in der Leselupe. Mitleid ist eine feine Sache, Mitgef√ľhl zu erregen ist schon an sich sympathisch. Wer anderes sucht, "bl√§ttert" weiter im virtuellen Forenheft. Aber ich hatte nicht sehr sorgf√§ltig gelesen, deshalb korrigiert sich in mir einiges durch das Lesen Deines Kommentars.

Okay.

__________________
sato bandhum asati nir avindan
hridi pratishya kavayo manisha

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Stefan Sternau
???
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HALLO MONDNEIN!

- Stefan
- Ja, Herr Tobias
- Hat jemand √ľber mich geschrieben?
- Ja, bisher ein Leser.
- Und wer ist das?
- Ein Dichter und Maler, er besitzt eine beeindruckende Homepage.
- Bestimmt hat er geschrieben, dass meine Geschichte unrealistisch ist. M√ľssen sich die Leute denn immer in meine Realit√§t einmischen!
- Nun bleib mal cool. Das hat er gar nicht geschrieben. Aber er hielt dich zun√§chst f√ľr einen Alzheimer-Patienten.
- Also, das geht ja gar nicht. Vielleicht hat er gemeint, dass du Stefan ein Alzheimer-Patient bist.
- Egal, jedenfalls beansprucht er die Deutungshoheit √ľber dich, Herr Tobias.
- Nun ja, wenn man so bedeutend ist wie ich, muss man es heroisch ertragen, dass einen die Leser deuten. Sie d√ľrfen mich gerne umdeuten, missdeuten, verdeutlichen oder √ľberdeuten, ich meine √ľberinterpretieren. Aber jetzt muss ich mich um die letzte Schlacht des Universums k√ľmmern.
- Schon gut, Herr Tobias.

Viele Gr√ľ√üe
Stefan Sternau


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revilo
???
Registriert: Nov 2008

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Gestatte mir eine Frage, lieber Herr Tobias:

Hast Du - mit Verlaub - noch alle Latten am Zaun?

Viele Gr√ľ√üe von revilo
__________________
Manch mal weiß ich nicht
ob der Tag anbricht oder
ausbricht (revilo)

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Stefan Sternau
???
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An revilo:

- Hallo Stefan.
- Ja, Herr Tobias.
- Interessiert sich denn gar niemand mehr f√ľr mich, Stefan?
- Doch, es hat jetzt noch neu jemand geschrieben, und zwar revilo.
- Was will er denn von mir wissen? Ob das Universum endlich ist? Ob Einstein mit seiner Relativit√§tstheorie recht hat? Ob es eine Unsterblichkeit der Seele gibt? Wie sich das mind-body-Problem l√∂sen l√§sst? Ob ich einen besseren Beweis f√ľr den gro√üen Satz von Fermat habe? Ob der Reduktionismus oder der Emergentismus recht haben? Ob das heutige System der chemischen Elemente vollst√§ndig ist? Ob die Unsch√§rferelation und damit die indeterministische Deutung der Quantenphysik nicht doch als subjektivistisch zu relativieren ist? Oder ob Donald und Daisy Duck Sex haben?
- Nein, er will wissen, ob du alle Latten am Zaun hast.
- Merkw√ľrdig, welchen Zaun meint er denn?
- Unseren Gartenzaun.
- Na gut, wenn es ihm so wichtig ist, guck ich mal nach.
(Er geht raus und kommt nach 5 Minuten zur√ľck.)
- Und wie sieht es aus, Herr Tobias?
- Alle Latten sind noch da, Stefan.
- Dann ist es ja alles bestens. Ich werde das revilo mitteilen.
- Tss, was manche Menschen wissen wollen … und dabei hätte ihm die letzten ungelösten Geheimnisse des Universums erklären können!

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revilo
???
Registriert: Nov 2008

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Na dann bin ich ja beruhigt......LG revilo
__________________
Manch mal weiß ich nicht
ob der Tag anbricht oder
ausbricht (revilo)

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