Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, m├╝ssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5438
Themen:   92241
Momentan online:
265 Gäste und 16 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Tagebuch - Diary
Tagebuch 1955 (edited)
Eingestellt am 24. 09. 2010 05:09


Autor
Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.
Retep
Manchmal gelesener Autor
Registriert: Jun 2008

Werke: 41
Kommentare: 607
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Retep eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Aus meinem Tagebuch 1955


Dass Oma so von uns gehen w├╝rde, hatte wohl keiner erwartet.

Mein Vater kam nach Hause, es war Sommer, ich hatte Ferien. Er war l├Ąngere Zeit abwesend gewesen, wegen seiner Arbeit, wie er sagte.
Das ├╝berraschte uns wenig, dass er aber mit einem Auto erschien, konnten wir kaum fassen.
Der Wagen war zwar ein ├Ąlteres Baujahr, ein DKW, fuhr aber immerhin. Meine Oma lachte, meinte Kurt, so hie├č mein Vater, h├Ątte ihn wahrscheinlich irgendwem gestohlen. Einige Zeit vorher war mein Vater mit einem Motorrad erschienen, das dann aber ein Gerichtsvollzieher bald wieder abgeholt hatte.
Mein Vater winkte m├╝de ab, hatte er sich doch an die Bemerkungen meiner Oma schon lange gew├Âhnt. Er erz├Ąhlte, er sei bei seiner Arbeit in letzter Zeit ziemlich erfolgreich gewesen und h├Ątte viele Uhren verkauft.
In dieser Branche arbeitete er gerade, drehte Leuten Eieruhren, Taschenuhren, Armbanduhren und Uhren f├╝rs Wohnzimmer mit Westminster Gel├Ąute und K├╝chenuhren an.
Bei seiner vorherigen T├Ątigkeit als Zeitschriftenwerber war er nicht sehr erfolgreich gewesen. Er hatte Zeitschriften an Leute verkauft, die nicht einmal lesen oder schreiben konnten F├╝r sie hatte er auch die Unterschrift auf das Bestellformular gesetzt.
Meine Mutter zeigte auch keine Anzeichen von Begeisterung ├╝ber den Erwerb des Fahrzreugs.
Au├čer meinem Vater und mir schien sich niemand besonders an ihm zu erfreuen.
Hatte ich mich schon ├╝ber das Auto gefreut, konnte ich kaum glauben, was mein Vater f├╝r uns geplant hatte:
Von einem guten Freund hatte er eine Campingausr├╝stung geliehen. Wir alle w├╝rden morgen nach Spanien fahren, auf einen Campingplatz. Nach Spanien h├Ątte er schon immer reisen wollen, das sei schon immer das Land seiner Tr├Ąume gewesen, sagte er.
Ein Hotel sei nat├╝rlich zu teuer, campen sei auch viel sch├Âner, naturverbundener und abenteuerlicher, meinte mein Vater.
Das Auto m├╝sste nat├╝rlich heute Nacht in die Garage gestellt werden. Eine Garage hatten wir nicht, aber am Haus war ein Schuppen angebaut. Hier k├Ânnten wir den Wagen parken, sagte mein Vater. Allerdings m├╝sse man die Betonschwelle am Eingang zum Schuppen abbauen, das sei aber ziemlich einfach.
Mein Vater holte dann bei einem Nachbarn einen Hammer und fing an, die Schwelle zu bearbeiten, mit wenig Erfolg. Der Hammer war zu klein und die Schwelle zu hart.
Nach l├Ąngerem ├ťberlegen sagte mein Vater, er m├╝sse Hilfe holen. Er ging dann ins Gasthaus Zum Salmen, das er h├Ąufig besuchte. Es lag gegen├╝ber unserer Wohnung.
Nach mehreren Stunden, es wurde schon langsam dunkel, erschien mein Vater wieder. Er wurde von zwei M├Ąnnern begleitet, von Herrn Wiebold, dem Dorfschmied, einem riesigen Kerl, der einen gro├čen Schmiedehammer in der Hand hatte, und Herrn Molnar, einem ├Ąlteren Nachbarn, der wie immer kreidebleich war, als habe er sein bisheriges Leben im Keller verbracht.
Herr Molnar hatte mich schon immer stark mit seinen spitzen Wolfsz├Ąhnen und mit seinen eingefallenen, gelben Wangen beeindruckt. Auf seiner gro├čen Nase trug er eine dicke Hornbrille.
Er war bei allen Nachbarn ├Ąu├čerst beliebt, besa├č er doch den einzigen Fernseher in unserer Stra├če. Auf Grund einer Kriegsverletzung, einer Hirnverletzung, erhielt er eine hohe Rente und konnte sich damit einen Fernseher kaufen.
T├Ąglich fanden sich viele bei ihm zum Fernsehen ein, seine Wohnung war abends immer ├╝berf├╝llt. Im Wohnzimmer sa├č man vor dem Ger├Ąt auf dem Fu├čboden in mehreren Reihen, fast wie im Kino; andere dr├Ąngten sich im Flur, konnten das Fernsehprogramm nicht direkt verfolgen und lie├čen sich berichten. Einige standen auf Leitern vor den Fenstern, konnten das Programm sehen und den Ton im Sommer auch h├Âren, wenn die Fenster auf waren.
An alle verkaufte Herr Franz Molnar Bier, erh├Âhte fortlaufend den Preis, was einigen Unmut hervorrief.
Herr Wiebold fing sofort an, die Betonschwelle zu bearbeiten, das ganze Haus erzitterte. Riesige Steinbrocken flogen in der Gegend umher.
Herr Molnar und mein Vater schauten zu, beide schwankten ein wenig.
Die Nachbarn hingen aus ihren Fenstern.
Im zweiten Stock schaute Fr├Ąulein V├Âgele, die Hausbesitzerin, raus. ├ťber achtzig Jahre war sie schon alt. Sie verbrachte die meiste Zeit in der Kirche, betete auch oft zu Hause und rauchte Zigarren. Sie war wohl von dem L├Ąrm bei ihrem Abendgebet gest├Ârt worden.
Entsetzt schaute sie dem Treiben zu, fragte, ob man jetzt das Haus abrei├čen w├╝rde. Mein Vater konnte sie beruhigen; hier w├╝rden nur kleine bauliche Ver├Ąnderungen durchgef├╝hrt, dem Haus w├╝rde es nicht schaden, ja, es w├╝rde durch diese Arbeiten sogar an Wert gewinnen.Ihr w├╝rden keine Unkosten entstehen.
Dann konnte das Auto auch in den Schuppen gefahren werden.

Am n├Ąchsten Morgen sagte mein Vater, es k├Ânne jetzt alles eingepackt werden, er hatte das Auto aus dem Schuppen geholt.
Meine Oma sch├╝ttelte nur den Kopf, lachte immer wieder f├╝rchterlich, schaute dann finster drein. Meine Mutter sagte, sie w├╝rde auf keinen Fall mitfahren.
All dies beeindruckte meinen Vater wenig; er holte Kleider aus dem Schrank und packte dann sorgf├Ąltig seinen Koffer, auch seinen feinen Anzug nahm er mit.
Um sein Aussehen war er immer sehr besorgt. Er benutzte kein Feuerzeug sondern Streichh├Âlzer, damit k├Ânne man n├Ąmlich seine Fingern├Ągel reinigen. Seine Hose musste tadellose B├╝gelfalten haben. Fr├╝her, in besseren Zeiten, war er von einem Stuhl aus in die Hose gestiegen, die ihm ein Dienstm├Ądchen halten musste, um die B├╝gelfalten zu schonen.
Er w├╝rde dann alleine mit mir fahren, sagte er.
Dass k├Ąme ├╝berhaupt nicht in Frage, rief meine Mutter; sie w├╝rde dann doch lieber mitkommen. Sie fing an zu packen.
Meine Oma kam aus ihrem Zimmer gerannt. Trotz ihrer achtzig Jahre und ihrer nicht gerade d├╝nnen Statur war sie noch gut zu Fu├č, stie├č fast meinen Vater um, lief an ihm vorbei die Treppe zum Dachboden hoch, rief, sie w├╝rde sich aufh├Ąngen und verschwand.
Alle anderen packten ruhig weiter, meine Mutter suchte dann auch Sachen f├╝r Oma zusammen.
Alles wurde im Kofferraum des Autos verstaut, der sich dann nicht mehr schlie├čen lie├č Er quoll ├╝ber. Omas Koffer wurde wieder rausgeholt und aufs Dach gebunden, was nicht ganz einfach war, da wir keinen Dachgep├Ącktr├Ąger hatten.
Vor dem Haus hatte sich inzwischen eine Menschenmenge angesammelt, die gute Ratschl├Ąge gab. Mein Vater erz├Ąhlte ihnen, er habe im Fu├čballtoto gewonnen, alle begl├╝ckw├╝nschten ihn. Keiner wunderte sich sehr ├╝ber den Totogewinn, hatte mein Vater doch immer gro├če Sachkenntnis in Diskussionen ├╝ber Fu├čball gezeigt. Er war ja auch aktiver Spieler gewesen, wie er sagte.
Meine Oma hatte mir erz├Ąhlt, mein Vater sei zwar Fu├čballspieler gewesen, ausnahmsweise habe er da nicht gelogen, habe aber in der untersten Liga gespielt; sie habe auch nie geh├Ârt, dass sein Verein jemals ein Spiel gewonnen habe.
Herr Molnar war auch wieder erschienen, zeigte sein Wolfsgebiss, schwankte immer noch oder schon wieder, sagte, auf den Gewinn m├╝sse man zun├Ąchst einen trinken, daf├╝r m├╝sse immer Zeit sein. Es sei ja auch schon fast alles eingepackt.
Mein Vater ging dann auch sofort mit ihm in den Gasthof Salmen. Meine Mutter packte weiter, versuchte nun mit meiner Oma auf dem Dachboden Kontakt aufzunehmen, was aber nicht gelang: Oma antwortete nicht auf das Rufen meiner Mutter, die T├╝r zum Boden war verschlossen.
Dann erschien auch mein Vater wieder, man m├╝sse jetzt losfahren.
Er versuchte den Motor anzumachen, was auch nach mehreren Versuchen gelang, ein Gebrause erhob sich, fast wie bei einem Flugzeugstart.
Bevor wir in den Goldenen Westen gekommen waren, hatten wir eine G├Ąrtnerei bei Weimar gehabt, direkt neben einem Milit├Ąrflugplatz der Russen. Hier konnte man sich ├Âfter nicht unterhalten, wenn Flugzeuge starteten.
Nur nachts war es ruhig, in dieser Zeit hatte mein Vater damals auch von den Russen Holz abgeholt, einige Arbeiter hatten ihm dabei geholfen. Ich durfte auch mitmachen. Meine Oma hatte f├╝r einen erfolgreichen Holztransport gebetet, meine Mutter geweint.

Das Dachfenster ├Âffnete sich, meine Gro├čmutter schaute heraus und schrie, dass sie auch mitfahren w├╝rde, um hier nicht alleine zu bleiben und zu verhungern.
Wir stiegen ein, hinten im Auto sa├čen meine Gro├čmutter und ich.
Winkend fuhren wir los, der rechte Kotfl├╝gel des Autos blieb vor einer Hauskante liegen.

Ohne gro├če Kontrolle kamen wir dann ├╝ber die Grenze nach Frankreich. Mein Vater sang fr├Âhlich Lieder, ÔÇ×Mit dem Pfeil und BogenÔÇť, ÔÇ×Im Fr├╝htau zu Berge, falleraÔÇť, deklamierte Jagdgedichte von Hermann L├Âns, Balladen und aus Goethes Faust, den er fast ganz auswendig konnte, und erz├Ąhlte von Frankreich. Hier war er Kriegsgefangener gewesen. Im Gefangenenlager hatte er mit anderen zusammen den ÔÇ×FaustÔÇť aufgef├╝hrt. Er hatte auch Franz├Âsisch gelernt, wie er sagte.
Mich hatte er in dieser Sprache unterrichtet, bevor ich noch aufs Gymnasium kam. Der Erfolg war aber etwas zweifelhaft, mein Franz├Âsischlehrer verstand mich nicht. Ich h├Ątte eine merkw├╝rdige Aussprache, ob ich l├Ąngere Zeit in Russland gelebt h├Ątte, fragte er mich.
Meine Mutter und meine Oma sprachen auf der Fahrt nicht viel, zeigten auch nicht viel Interesse an den Liedern und Gedichten meines Vaters und an der Landschaft.
Irgendwann sagte meine Oma, dass mein Gro├čvater gro├čes Gl├╝ck gehabt habe, ihm sei das alles erspart geblieben. Er s├Ą├če jetzt im Himmel bequem herum und nicht wie sie in einem ratternden und stinkenden Gef├Ąhrt.
Mein Opa war bei Kriegsende von einem Polen zuf├Ąllig erschossen worden; abends hatte er in einem Sessel gesessen, die Vorh├Ąnge waren zugezogen gewesen.

Gegen Abend fuhren wie von der Hauptstra├če ab und kamen zu einem Bauernhof. Hier verhandelte mein Vater mit dem Bauern, der ihn zun├Ąchst nicht verstand. Dann fing mein Vater an H├Ąnde und F├╝├če zu bewegen, wedelte seine Arme durch die Luft, deutete mit den H├Ąnden umher. Ich hatte mal jemanden gesehen, der die Taubstummensprache beherrschte, so ├Ąhnlich sah das aus.
Wir durften in einem Stall beim Bauern ├╝bernachten, bekamen auch etwas zu essen.
Mein Vater sagte, der Bauer habe kein Franz├Âsisch gesprochen.

Am Nachmittag kamen wir in Spanien an, mein Vater sang jetzt ÔÇ×Auf, in den Kampf TorreroÔÇť und andere Lieder aus Operetten, die in Spanien spielten. Er unterbrach seinen Gesang nur, als pl├Âtzlich eine riesige Dampfwolke aus dem Motor aufstieg.
Meine Oma fragte, ob wir jetzt in London angekommen w├Ąren. Verbl├╝fft wollte mein Vater wissen, warum sie von London redete.
Wegen des Nebels, meinte meine Oma und lachte wieder einmal f├╝rchterlich.
Mein Vater belehrte sie aber, die Dampfabstrahlung sei ein nat├╝rlicher Vorgang bei der Hitze, die hier herrsche. An einer Tankstelle f├╝llte er aber Wasser nach.

Der Campingplatz lag direkt hinter der franz├Âsischen Grenze, am Meer. Wir kamen am fr├╝hen Nachmittag an, allerdings ohne den Koffer meiner Gro├čmutter.
Der m├╝sse irgendwann vom Dach geflogen sein, sagte mein Vater, er w├╝rde sie aber so neu ausstatten, dass man sie nicht von einer Spanierin unterscheiden k├Ânne.
Wir w├╝rden jetzt schnell das Zelt aufbauen und uns dann einen gem├╝tlichen Abend machen, meinte mein Vater noch voller Zuversicht.
Zuerst m├╝sse man es aber meiner Gro├čmutter bequem machen.
Er stellte f├╝r sie einen Klappstuhl auf, auf den sich Oma ziemlich misstrauisch setzte. Mein Vater setzte ihr dann noch einen Hut auf, wegen der Sonne, auch eine Flasche s├╝├čen Sprudel bekam sie in die Hand gedr├╝ckt.
Nun solle sie einmal aufpassen, wie man fachgerecht ein Zelt aufstelle.

Er holte aus dem Kofferraum einen Sack, packte dann viele Blechrohre aus, Zeltplanen, Schn├╝re und lange N├Ągel aus. H├Ąringe hie├čen die, sagte er.

Es war schon fast dunkel als das Zelt endlich stand. Mehrere Male war es umgefallen, Zeltstangen schienen zun├Ąchst zu fehlen, tauchten dann aber auf, Schn├╝re wurden entwirrt, fast w├Ąre Oma mit ihrem Klappsitz umgerissen worden.
Zeltnachbarn hatten dann geholfen.
Meine Oma hatte zun├Ąchst interessiert dem Zeltaufbau zugeschaut, ironische Bemerkungen gemacht, war dann eingeschlafen.
Mein Vater stellte noch einen Klapptisch und die ├╝brigen St├╝hle auf. Wir setzten uns alle zusammen um den Tisch, meine Oma war wieder aufgewacht. Wir a├čen Brath├Ąhnchen, die mein Vater irgendwo gekauft hatte. F├╝r sich hatte er noch drei Flaschen spanischen Rotwein mitgebracht.
Nun solle es gem├╝tlich werden, sagte mein Vater, holte Spielkarten aus seinem Koffer, 17 + 4 wurde gespielt, nat├╝rlich um Geld, ohne einen Einsatz mache das Spiel keinen Spa├č, meinte er.
Sogar meine Oma spielte mit, obwohl sie sonst Kartenspiele als Teufelszeug verdammte, irgendein Familienmitglied hatte mal in einer Nacht seine ganze Ziegelei verspielt.
Und meine Gro├čmutter gewann, sie gewann eigentlich immer bei allen Spielen. Als ich noch kleiner war, hatte sie mit mir immer ÔÇ×Mensch ├Ąrgere dich nichtÔÇť gespielt, immer gewonnen, f├╝rchterlich gelacht hatte sie dabei, w├Ąhrend ich heulte.
Ich nehme an, sie hat immer betrogen!
Je l├Ąnger das Spiel dauerte, desto mehr Geld gewann sie, lachte immer lauter Meines Vaters Gesicht verfinsterte sich immer mehr, er hatte bereits zwei Flaschen Rotwein zu sich genommen.
Dann sagte meine Oma, sie sei m├╝de, habe jetzt auch genug gewonnen, stellte ihren Stuhl etwas zur├╝ck.
Mein Vater lie├č mich jetzt mitspielen, das Spiel m├╝sste ich jetzt kapiert haben, mein Taschengeld k├Ânne ich einsetzen.
Und ich gewann und gewann, hatte Gl├╝ck, mein Vater schaute immer nachdenklicher und verdrossener drein, meine Mutter staunte. Jetzt lachte ich.
Nach einiger Zeit sagte mein Vater, wir sollten langsam aufh├Âren, es sei schon sp├Ąt. Ich steckte das gewonnene Geld in meine Hosentaschen, fast passte es nicht rein.
Mein Vater trank noch den Rest Rotwein, dann legten wir uns auf Luftmatratzen, meine Oma hatte ein Klappbett. Wir schliefen bald ein.

Fr├Âhlich pfeifend kam mein Vater vom Klo, wollte uns wecken, wir waren aber schon wach.
Nur meine Gro├čmutter schien noch zu schlafen.
ÔÇ×Lass sie schlafen, KurtÔÇť, sagte meine Mutter, ÔÇ×sie ist eine alte Frau und die Reise war anstrengend.ÔÇť
Wir fr├╝hst├╝ckten also alleine.Mein Vater und ich gingen dann an den Strand, beobachteten Leute, die im Meer herum schwammen. Mein Vater kl├Ąrte mich ├╝ber die verschiedenen Schwimmarten auf, wedelte dabei mit den Armen in der Luft herum und legte sich auf den Bauch in den Sand, um mir die jeweiligen Bewegungen der F├╝├če zu zeigen. Badeg├Ąste sahen uns zu, einige glaubten sicher, dass mein Vater einen epileptischen Anfall h├Ątte.
Ins Wasser gingen wir beide nicht, wir konnten n├Ąmlich beide nicht schwimmen.
Als wir zum Zelt zur├╝ckkamen, schlief meine Oma noch immer, meine Mutter bereitete das Mittagessen vor.
Eine Bullenhitze herrschte im Zelt, mein Vater sagte, wir m├╝ssten jetzt Oma aufwecken, sie k├Ânnte sonst einen Hitzschlag erleiden.
Wir fingen an zu rufen, erst leise, dann immer lauter, aber trotz unseres Gebr├╝lls ├Âffnete sich nicht der Rei├čverschluss der Schlafkabine.
Oma gab keine Antwort, r├╝hrte sich auch nicht, als meine Mutter sie r├╝ttelte, sie war in der Nacht gestorben. Auch Versuche meines Vaters, sie wiederzubeleben waren erfolglos.
Meine Mutter sagte nichts, sie hatte wohl einen Schock bekommen.
Mein Vater blieb gelassen wie immer, behielt die ├ťbersicht. Eine Tote offiziell transportieren zu lassen, sei ziemlich teuer. Ein Spezialfahrzeug m├╝sste bezahlt werden. Au├čerdem g├Ąbe es mit der spanischen Polizei sicher gr├Â├čere Schwierigkeiten, vielleicht w├╝rde man sogar alle festnehmen. Man k├Ânnte glauben, wir h├Ątten Oma ermordet.

Wir packten schnell alles zusammen, Oma wurde auf einen Campingstuhl gesetzt, ein Hut wurde ihr weit ins Gesicht geschoben. Sie sa├č nun da, allerdings in etwas ungew├Âhnlicher Haltung, gestreckt, sie war etwas steif.
Kommentare gab sie auch keine mehr ab, zeigte auch wenig Interesse an unseren T├Ątigkeiten, wie das bei Toten allgemein ├╝blich ist.
Alles passte nun in den Kofferraum, Omas Koffer hatten wir ja nicht mehr.
Probleme gab es, als mein Vater Oma auf den R├╝cksitz des Autos setzen wollte, sie war zu steif, lie├č sich nicht in eine normale Sitzposition bringen.
Mein Vater schlug vor, sie in das Zelt einzuwickeln und auf dem Dach fest zu binden. Meine Mutter aber lie├č sich darauf nicht ein, sie k├Ânnte vom Dach fliegen wie schon ihr Koffer.
Irgendwie gelang es dann doch noch, meine Oma auf den R├╝cksitz zu quetschen, der Hut bedeckte ihr ganzes Gesicht Man konnte annehmen, dass sie schlief.
Wir fuhren ab, meine Mutter neben meinem Vater vorn, ich hinten neben meiner toten Gro├čmutter.
Mein Vater hatte Zeltnachbarn erz├Ąhlt, dass er wegen dringender gesch├Ąftlichen Angelegenheiten leider sofort die R├╝ckreise antreten m├╝sse.
Bald kamen wir an die Grenze, mein Vater meinte, er m├╝sse hier unbedingt einen starken Kaffee trinken, weil er direkt nach Hause fahren w├╝rde, ohne irgendwo zu ├╝bernachten.
Noch auf der spanischen Seite war ein Restaurant, wir hielten an und stiegen aus. Oma blieb im Auto. Sie lag auf dem R├╝cksitz, zugedeckt mit einer Wolldecke.
Ich bekam ein Eis, meine Mutter und mein Vater tranken Kaffee. Nach dem dritten Cognac, den mein Vater immer zum Kaffee zu trinken pflegte, erkl├Ąrte mein Vater, wie es mit Oma weiter gehen sollte. Daheim w├╝rde man sie ins Bett legen, den Doktor rufen, ihm erkl├Ąren, dass sie gerade verschieden sei. Er w├╝rde dann einen Totenschein ausstellen und alles ginge wieder seinen normalen Gang.
Mein Vater bezahlte, wir gingen wieder hinaus, fanden unser Auto nicht mehr, es war gestohlen worden.








__________________
>Die Kritiker nehmen eine Kartoffel, schneiden sie zurecht, bis sie die Form einer Birne haben, dann bei├čen sie hinein und sagen: ÔÇ×Schmeckt gar nicht wie Birne.ÔÇť< (Max Frisch)

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Zur├╝ck zu:  Tagebuch - Diary Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!