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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Talk-Show mit Erkan
Eingestellt am 25. 08. 2002 17:28


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Conny
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Jul 2002

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Ich hatte ihn schon drei Tage nicht mehr gesehen. Versuchte, mir mit oberflĂ€chlichen Sachen die Gedanken zu vertreiben. Aber was ich auch anstellte, es half nichts. Die Gedanken an ihn umlagerten mich wie lĂ€stige Stubenfliegen. Ich versuchte, etwas Neues zu lernen, lieh mir BĂŒcher ĂŒber die spanische Sprache aus der BĂŒcherei aus, aber auch das barg keine Linderung. Stundenlang hockte ich da und starrte das Telefon an. Hatte ich denn ĂŒberhaupt keine Selbstachtung mehr? Ich hatte Sehnsucht nach ihm, auch wenn ich ihn verabscheute. Wieso hatte ich mich mit ihm eingelassen? Lucie hatte mich ja gewarnt. Lass die Finger von Erkan, er ist nichts fĂŒr dich. Er ist ein Weiberheld. Wer weiß, vieleicht hat er Aids, so wie der sich durch die Betten poppt!
Aids? Erkan, niemals! Er hatte so sanfte, weiche Haut, so rein.
Es klingelte, ich stĂŒrzte zur TĂŒr. Das war er, das mußte er sein! Erkan, endlich! Er war es tatsĂ€chlich, er stand ganz cool im TĂŒrrahmen.
- Na, Baby, alles klar bei dir?
- Ja, komm rein.
Mhm, wie gut er wieder roch, nach Lavendel und Orangen. Ein Parfum, das sein Vater Orkam selbst herstellte. Familie Ötzgul stellte vieles selbst her: Brot, Pasta (sie aßen tatsĂ€chlich Pasta), Shampoo, Zahnpasta, Duschgel.
Er setzte sich mit einem Seufzer auf mein neues Zebrasofa.
- Ey, GEIL!, sagte er.
- War auch ziemlich teuer!
- Und haste mich vermißt, Schnecke?
- Wie kommste darauf?
Er grinste, nahm eines der Kissen und drĂŒckte es gegen mein Gesicht. War der verrĂŒckt geworden, auf Droge oder sonstwas?
- HÖR AUF!
- Haste deine Tage oder was?
- Nö. Aber das ist doch bekloppt!
EnttĂ€uscht warf er das Kissen auf den Boden. Ich stand auf und stellte das Fernsehen ein. Irgendeine Talk-Show. Eine dicke Blonde saß auf einem viel zu kleinen Stuhl und schimpfte einen Jungen an. Der saß seelenruhig neben ihr und grinste sie an.
- Du hast wohl mit der Helga rumgemacht! Du bist `n fieses Schwein, weißte das! Du bist ein LĂŒgendrucker! Sag` doch nur einmal die Wahrheit, einmal nur!
Sie fing fast an zu Heulen. Der Junge tippte sich an die Stirn.
- Und was war mit der Party, auf der du dem Kalle einen geblasen hast, hÀ? Das hasste wohl vergessen, was? `Ne billige Schlampe bist du!
Die Moderatorin griff ein und versuchte zu schlichten. Erkan war ganz gebannt, er starrte auf das Fernsehen, als hinge sein Leben davon ab.
- Was fĂŒr `ne Schlampe!, schrie er.
- Was ist los? Du weißt doch gar nicht, wer von den beiden lĂŒgt.
Der hatte ja wohl einen Lattenschuß. Wie konnte der einfach die dicke junge Dame beschimpfen! Ich meine, der kannte die nicht mal.
- Das seh` ich der an ihrer Visage an, dass die lĂŒgt. Guck doch mal, wie die guckt!
- Wie guckt die denn? Die guckt ganz normal.
Erkan lachte höhnisch.
- Und wie fett die ist! Das sagt doch wohl alles. Dicke haben keine Disziplin, deshalb lĂŒgen die eher als DĂŒnne!
- Was laberst du da fĂŒr `ne Scheiße? Biste bekloppt?
- Nö, du bist nur zu blöd, um das zu kapieren. Aber bist `ne Deutsche, mach`dir nix draus!
Das ging entschieden zu weit. Ich holte aus und trat ihn auf den Fuß, ziemlich heftig. Er schrie auf!
- Ey, du billiges Flittchen, willste gefickt werden?
- Nee, danke, von einem KĂŒmmel bestimmt nicht.
- Ja, das sagt ihr alle, aber dann kriegt ihr die Beine nicht schnell genug auseinander, wenn ein cooler TĂŒrke kommt. Sieh es endlich ein! Du bist scharf auf mich.
Ich sagte gar nichts. Was sollte ich schon darauf sagen. Besser schweigen.
Die Dicke im Fernsehen heulte Rotz und Wasser.
- Ich habe dir schon tausend Mal gesagt, dass ich nichts mit dem Kalle angfangen hab`! Er wollte was, aber ich hab` nix gemacht. Gar nix! Nich mal einen kleinen Kuss.
Sie guckte Hilfe suchend zur Moderatorin. Die schĂŒttelte beschwichtigend den Kopf.
- Wieso glaubst du ihr nicht, Thomas. Wenn sie dir doch versichert, das mit Kalle nichts gelaufen ist...
- Nichts gelaufen! Ha! Einen geblasen hat`se ihm! Das ist ja wohl was, oder?
Erkan grabschte sich die Schale mit den ErdnĂŒssen.
- ErdnĂŒsse machen dick, sagte ich.
- Guck mich an. Ich bin ein Traummann.
Er zog seinen Pulli hoch und entblĂ¶ĂŸte seinen Waschbrettbauch. Erkan ging mindestens drei Mal die Woche ins Fitnesszentrum.
- Und hier, fĂŒhl mal!
Er hielt mir seinen Oberarm hin.
Ich drĂŒckte ihn ein bißchen.
- Tja, Perle. Was jetzt?
Er war sichtlich stolz, seine Augen leuchteten und hatten den gewissen Glanz, der mich immer ganz schwach werden ließ. Sie sahen aus wie flĂŒssige Schokolade, und sein Blick war flehend. Er wollte doch nur ein bißchen Anerkennung, wieso sollte ich ihm die nicht geben? Er hatte es ja auch nicht leicht. Jetzt hĂ€tte ich ihn einfach so abknutschen können, aber ich traute mich nicht so richtig. Also rutschte ich nur ein StĂŒck nĂ€her.
- Na, doch noch heiß geworden. Ich sag`s dir doch: ich bin unwiderstehlich. Erst gestern haben mich wieder drei geile Weiber angemacht.
- Ach ja?
Er platzte fast vor Stolz.
Die Dicke im Fernsehen schrie:
- ICH BRINGE MICH UM! WENN DU MIR NICHT GLAUBST, BRINGE ICH MICH UM!
Kurz danach kam die Werbung.
- Ey, guck Mal, geil!, rief Erkan und zeigte mit seinem Zeigefinger auf das Fernsehen. Es lief irgendeine Handywerbung.
- Das hol ich mir vielleicht. Cool, oder?
- Jaja.
TĂŒrken und Handys, eine unendlich zĂ€rtliche Liebe. Ich glaube, TĂŒrken lieben ihre Handys mehr als ihre Mama, ihre Anne.
- Du hast ein Scheißhandy, sagte er. Das ist der grĂ¶ĂŸte Mist, der auf dem Markt ist! Außerdem ist es viel zu groß und hĂ€ĂŸlich. Der Mustafa hat das Beste! Was meinste, der hat dafĂŒr fast siebenhundert Euro hingelegt! Aber das Teil ist geil, das sag` ich dir, Baby!
Ich zuckte mit den Schultern.
- Ich mach mir nix aus Handys.
- Wird Zeit, dass du ins Altenheim gehst und dich FĂŒttern lĂ€ĂŸt!, sagte Erkan.
Er meinte das nicht so, ich kannte ihn doch, innen drin war er so weich wie Joghurt.
- Was ist jetzt? Poppen wir, oder nicht?
- Was? Das fragst du mich so einfach?
Er sah mich entrĂŒstet an.
- Denkste, ich bin nur zum Quatschen gekommen? DafĂŒr hab`ich den Mustafa. Mit dem kann ich alles bereden. Oder denkste, ich berede meine Klamotten mit Frauen?
- Könntest du ja mal versuchen.
Er lachte laut auf. Klatschte mir mit der Hand auf meinen Oberschenkel.
- Du bist echt gut, Baby!
Die Dicke war wieder da. Mittlerweile hatte sie sich etwas beruhigt. Ihre Nase war ganz rot und geschwollen. Sie hatte mehrere TaschentĂŒcher auf ihren schwabbeligen Schenkeln liegen.
- Geht`s wieder?, fragte die Moderatorin.
Die Dicke nickte und sagte:
- Ja, denk` schon.
- Also, was ist jetzt?, wollte Erkan wissen.
- Ficken oder nicht?
- Nö.
- O.k., dann hau ich wieder ab.
Er stand auf. Bitte gehe nicht, dachte ich, aber ich konnte nichts sagen. Meine Kehle war wie zugeschnĂŒrt.
Er öffnete die WohnungstĂŒr.
- NĂ€chstes Mal bring ich ÂŽn Porno mit, damit du in Fahrt kommst, Baby!
Er kĂŒĂŸte meine Wange, ich zuckte zurĂŒck.
- Machs gut, Baby, aber nicht zu oft.
Er sprang die Treppenstufen runter und pfiff dabei irgendein Poplied. Mir wollte nicht einfallen, welches. Aber ich kannte die Melodie. Er war fort. Die Wohnung leer und kalt.
Ich starrte in den Fernseher. Die Dicke klagte:
- Nur weil ich so dick bin, geht er so mit mir um. Nur weil ich so dick bin.
Sie fing wieder an zu Heulen. Ich guckte an mir herunter. Ich war nicht dick, sondern schön schlank. Warum liebte er mich dann nicht?



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"Die HĂ€lfte ist manchmal mehr als das Ganze."

Hesiod

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sammy
AutorenanwÀrter
Registriert: Aug 2002

Werke: 8
Kommentare: 98
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Authentisch

Liebe Conny,

du schreibst sehr authentisch. Deine DialogfĂŒhrung ist gekonnt.
Nur die Schlussfrage gefĂ€llt mir nicht. Die wĂŒrde ich weglassen.

Liebe GrĂŒĂŸe
Sammy

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Conny
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Jul 2002

Werke: 12
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Hallo Sammy,

danke fĂŒr deinen Kommentar.
Den letzten Satz streichen. Mhm....ich weiß nicht so recht. Ich habe versucht, damit die NaivitĂ€t, aber auch die Hilflosigkeit des MĂ€dchens darzustellen, die ja ziemlich mies von Erkan behandelt wird.

Mich wĂŒrden andere Meinungen dazu interessieren.

Danke erstmal.


Conny
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Hesiod

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Arno1808
Guest
Registriert: Not Yet

Erkan

Hallo Conny,

ich bin bezĂŒglich des letzten Satzes anderer Meinung als sammy. Dieser Schluß ist das logische Resultat der Geschichte. Deine ErzĂ€hlerin hinterlĂ€ĂŸt bei mir einen - um in ihrem Jargon zu bleiben - ziemlich dĂ€mlichen Eindruck.
Dass sie gemerkt hat, dass er sie nicht liebt, zeugt zumindest fĂŒr einen kleinen Restbestand von Intelligenz.

Die Geschichte an sich hat mir, vielleicht gerade wegen des unkonventionellen Stils, recht gut gefallen.
Allerdings muß ich gestehen, dass sie nicht lĂ€nger hĂ€tte sein dĂŒrfen und dass ich diesen Stil nur tröpfchenweise mag.

Gruß

Arno

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Conny
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Jul 2002

Werke: 12
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Hallo Arno!

Danke fĂŒr deine Meinung. Ich weiß, dass dieser Stil vielen nicht so gut gefĂ€llt, weil er doch ziemlich krass ist. Von aller Poesie befreit und einfach nur authentisch. Ab und zu muß ich so schreiben. Ich lebe in Gelsenkirchen und es ist meine eigene Sprache. Hier ist alles cool und krass und geil. AuslĂ€nder gibt es hier viele, kam aber immer gut mit ihnen aus. Leider gibt es aber auch solche unter ihnen wie Erkan. Und zahlreihe MĂ€dchen, die wirklich so blöd sind wie die Hauptfigur meiner Geschichte.

GrĂŒĂŸe

Conny
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Hesiod

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GabiSils
???
Registriert: Mar 2002

Werke: 1
Kommentare: 1405
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Liebe Conny,

die Geschichte ist gut. *Mit* Schlußsatz; der paßt genau in die beschrĂ€nkte Denkwelt der beiden.
Man möchte allen beiden eine reinhauen <s>. Gut gemacht!

Gruß,
Gabi

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