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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Tanz auf dem Vulkan
Eingestellt am 01. 08. 2003 20:55


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knychen
Routinierter Autor
Registriert: Feb 2002

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Tanz auf dem Vulkan

Es ist am Abend des 22. März. Morgen haben sie Geburtstag; sie wird siebzig, er achtzig.
Im klassischen gestreiften Schlafanzug sitzt er auf dem Bettrand und starrt die Wandleuchte an. Sie bĂĽrstet vor dem Spiegel auf einem Hocker sitzend ihr weiĂźes, aber immer noch volles Haar. Wehmutsvoll streicht er ĂĽber seine Glatze.
„Schatz“ sagt er „Schatz, ich möchte dir zu deinem Geburtstag einen uralten Wunsch erfüllen. Einen Wunsch, den du schon in unseren allerersten Tagen ausgesprochen hast. Es ging halt nicht eher.“
Nur kurz unterbricht sie die gleichmäßigen Bürstenstriche.
„Na nu bin ich aber gespannt.“ Dabei sieht sie ihn durch das Seitenteil des Spiegels an. Er findet ihren Blick sofort, fast fünfzig Jahre sind sie ja schon zusammen.
Aus dem Schränkchen neben seiner Betthälfte nimmt er einen kleinen Behälter, öffnet ihn, schüttet den Inhalt auf seine Hand und streckt diese zu ihr.
„Das hier.“
Sie dreht sich herum.
Das Zimmer ist klein und so kann sie die zwei vergißmeinichtblauen Pillen sehen, ohne näher heran zu rücken.
„Ahja…ja…also da danke ich dir schön.“
Sie weiß, er wird sich gleich erklären, spielt das Spiel aber mit.
„Du wolltest irgendwann mal von mir wissen, wozu das ganze Zeug im Endeffekt gut war, dass ich immer aus dem Wald und dem Sumpf und so weiter mitgebracht habe. Vieles hab ich ausprobiert- früher- manchmal ganz schön gekotzt, aber nu isses fertich.“
Er strahlt.
Sämtliche Falten seines Gesichtes scheinen auf einen Punkt zwischen den Augenbrauen zu zeigen. Er hat viele Falten.
„Du hast dir immer gewünscht, mit mir zusammen einen dieser skurrilen Träume zu träumen, von denen ich dir manchmal erzählt hab. Verstehst du, wir schlafen beide ein, träumen dasselbe und begegnen uns dort.“
Abermals streckt er die Hand mit den blauen Pillen aus.
„Das können wir damit machen. Aber ich hab nur noch die zwei.“
„Mit wem hast du das getestet?“ fragt sie sofort misstrauisch.
„Alleine, Schatz, glaub mir. Die einzelnen Komponenten waren mir schon eine Weile klar, es ging in den letzten paar Jahren bloß noch um Mischungsverhältnisse und Menge. Deswegen ist es so wenig.“
Mit spitzen Fingern klaubt sie eines der Kügelchen von seiner Handfläche. Die Farbe gefällt ihr, aber was sagt schon die Farbe über die Wirkung aus. Seufzend schaut sie auf ihren Nachttisch. Dort liegen fünf verschieden Tablettenpackungen; Nierenprobleme, Blutdruck, zuviel Magensäure, das volle Programm.
‚Eigentlich sollte das Alter ja ganz anders aussehen’ geht es ihr durch den Kopf. ‚Sicher, sie wollten gemeinsam alt werden, steinalt sogar, aber nicht in solch einem Altersheim, abhängig von Medikamenten, mit einem aufgezwungenen Tagesablauf und zwischen lauter anderen Alten. Als damals alles so teuer wurde nach der Einführung des Euro, da war für so einen ganz normalen Arbeitnehmer einfach nicht genug übrig, um sich eine private Altersvorsorge anzusparen. Vierzig Jahre ist das jetzt her. Und die reguläre Rente ist einen Dreck wert.’
Sie wirft die Pille in den Mund.
„Na wenn’s schee macht…“
Ă„chzend kriechen sie unter ihre gemeinsame groĂźe Decke.
„Schatz, machst du noch...“
„…das Licht aus.“ vollendet er brummend ihren Satz.
Er nimmt ihre Hand, drĂĽckt sie leicht.
„Denk ans Meer und ich denk an dich, dann klappt das schon.“
Sie liegen auf dem RĂĽcken und starren ins Dunkel ĂĽber sich. Die ĂĽberreizten Sehnerven gaukeln ihnen nach dem krassen Ăśbergang vom Hellen zum Dunklen tanzende LichtpĂĽnktchen vor. Das beruhigt sich rasch, nur die Umrisse der Lampe erscheinen noch, egal in welche Richtung sie blicken.
Zufrieden schließen beide die Augen. Angenehmer Nebel umfängt sie, webt sie ein in ein Spiel von sphärisch klingenden Pastellfarben.

Sonne, eine untergehende Sonne am Meer.
Die Beiden stehen auf dem höchsten Punkt eines Dünendurchganges und haben den menschenleeren Strand vor sich.
„Gute Wahl“ sagt er anerkennend „ich hatte gehofft, dass wir hier landen.“
Sie schĂĽttelt den Kopf.
„Ich hab gar keine bestimmte Stelle gedacht, nur Meer.“
„Erkennst du, wo wir sind?“
„Wir waren mit den Kindern und dem alten VW-Bus oft hier, später dann mit dem Wohnmobil.“
Sie entwindet ihm die Hand und läuft leichtfüßig über den Strand. Als wäre sie über dieses „leichtfüßig“ gestolpert, bleibt sie ruckartig stehen und schaut an sich herunter.
Jetzt erst nimmt sie wahr, dass ihre Haut glatt und faltenlos ist wie mit dreißig Jahren. Sie lässt eine Handvoll feinen Sand über ihren linken Arm rieseln. Nur wenige Körnchen bleiben an den kleinen Haaren hängen, keine Runzeln füllen sich.
„Wie hast du das gemacht? Warum bist du so groß? Du stehst ja wieder ganz gerade. Herrgott, du hast ja wieder Haare!! Was ist in den Pillen drin??“
Sie stemmt die Arme in die schmalen HĂĽften.
„Konntest du das nicht eher entdecken? Wir hätten jeden Tag so leben können.“
Dabei trägt sie eine so übertriebene Entrüstung zur Schau, dass es eine Pracht ist.
Auch er sieht deutlich jĂĽnger aus als im Moment des Zubettgehens. Nun schĂĽttelt er den Kopf, unmerklich fast.
„Wir können hier bleiben, so lange wir wollen, aber dann gibt es nur diesen einen schönen Platz. Drei Plätze könnten wir aber, dann müssten wir uns allerdings schnell entscheiden.“
„Entscheide du“ sagt sie.
„Nein, mein Schatz, diesmal nicht. Es ist schließlich dein Wunsch gewesen“ erklärt er.
„Gut. Wie lange habe ich Zeit?“
„Nicht lange. Nur drei Gedanken.“
Sie denkt nach: ‚Wie lange dauert ein Gedanke?’
„EINS!“
Erschrocken begreift sie, wie das Spiel gemeint ist.
„ZWEI!“

Vollmond.
So groĂź haben sie ihn schon lange nicht mehr gesehen.
RĂĽcklings liegen sie auf dem harten Berggras des Mont Ventoux. Eine zusammengerollte Decke spendet als NackenstĂĽtze den einzigen Komfort.
Vier weit aufgerissene Augen bohren Löcher in das Sternen gefüllte Nichts über ihnen. Dieses Nichts, dem man dort oben auf dem Sahnehäubchen der Provence soviel näher ist als anderswo. Zu nahe manchmal.
Ein klitzekleiner Vollmond spiegelt sich in ihrem Augenwinkel, als sie ihn fragend anblickt.
Mit der linken Hand zeigt er Zeige- und Mittelfinger.
Sie schaut wieder nach oben.
‚Danke’
„EINS!“

Sie husten.
In einem unwirklichen Licht balancieren sie auf dem bröckligen Rand eines Vulkankraters. Schroff, fast senkrecht öffnet sich vor ihren Füßen ein bodenlos scheinender Schlot. Ihr Händedruck wird fester. Wenn die Fallwinde den Qualm im Krater weit genug auseinander reißen, sieht man in unschätzbarer Tiefe diffuses Rot.
„Die Überraschung ist dir gelungen“ brüllt er gegen den Wind an. „Aber die Zeit ist gleich um. Komm, lass uns tanzen.“
„Du willst hier tanzen?“ Ungläubig wehrt sie ab.
„Komm schon, wackliger als bei unserer Hochzeit wird der Walzer hier auch nicht. Außerdem sieht niemand zu.“
Sie erwischt sich dabei, dass sie den letzten Satz ĂĽberprĂĽft.
„Los, es ist gleich vorbei!“ drängt er wieder.
„Und dann?“ ruft sie fragend.
„Dann schlafen wir.“
Sie schauen sich in die Augen, nehmen Tanzstellung ein. Er nickt, sie nickt und der Tanz auf dem Vulkan beginnt.
Nach zwei Drehungen fängt das Gestein an zu rutschen.
Sie tanzen weiter.
Ihre gesamte Tanzfläche bröselt weg, alles ist in Bewegung, wie im Inneren einer Sanduhr. Sie stolpern, fallen. Fallen durch den Nebel dem Rot entgegen. Im freien Fall küssen sie sich.
„Es war ein Traum!“ ruft er.
‚Es ist ein Traum!’ denkt sie und dann noch: ‚Aber warum erst drei Gedanken, dann zwei? Was soll das? Drei…zwei…dreiundzwanzig. Klar, wir haben beide am Dreiundzwanzigsten Geburtstag, ich war süße Dreiundzwanzig als wir zusammenkamen, wir haben in der Dreiundzwanzig gewohnt, in allen Autos war sie im Kennzeichen….drei…zwei…jetzt sind wir eins…..was kommt no…?’

Als der 23jährige Altenpfleger am nächsten Morgen mit einem Strauß Blumen in das Zimmer tritt, liegt das alte Pärchen seelenruhig auf dem Rücken. Ihre entspannten Gesichter zeigen in Richtung Zimmerdecke. Seine Rechte ruht unverkrampft in ihrer Linken und beider Lippen sind geschürzt wie zum Kuss. Sie sehen zufrieden aus und sind es wohl auch, aber sie sind tot.
‚Verjüngt durch den Tod’ denkt der Pfleger.
‚Ob das Ende vielleicht doch ein neuer Anfang ist?’

__________________
kny

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Daktari
Guest
Registriert: Not Yet

Nachdenklich schön

Hi!
Mir gefällt der Text, weil er etwas positiver mit dem Thema Tod umgeht. Hat mich ein wenig an die "Brüder Löwenherz" von Astrid Lindgren erinnert. Ich persönlich bin eher eine kitschig-gefühlvolle Natur. Ich glaube, ich hätte das Ende eher so geschrieben wie im "Brandner Kasper", aber das wäre natürlich nicht richtig, denn wir wissen ja nicht, was danach kommt.

Eine hĂĽbsche Idee, das Thema Tod zu verarbeiten. Sehr einfaltsreich, sehr einfĂĽhlsam geschrieben.

Tim

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knychen
Routinierter Autor
Registriert: Feb 2002

Werke: 51
Kommentare: 426
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nicht ganz getroffen

hallo tim,
eigentlich wollte ich in dem text den widerspruch von "wĂĽrdevollem altern" und derzeitiger "rentenpolitik"
respektive "krankenkassenleistungen" verarbeiten.
aber egal, bin ich wohl etwas abgeglitten. wenn es trotzdem gefällt, ist das (also das "abgleiten") nicht weiter schlimm.
schönen gruß aus berlin von knychen
__________________
kny

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Daktari
Guest
Registriert: Not Yet

mehr verzweiflung, Bitterkeit

Hallo!

Wenn die Story depressiver hätte wirken sollen, wäre denke ich mehr Bitterkeit, Verzweiflung, Ernüchterung nötig gewesen. Die Situation der miesen Rente sickert zwar schon durch, aber es scheint, daß es den beiden weniger ausmacht, so lange sie nur zusammen sind. Vielleicht wäre eine eingebaute Szene gut gewesen, wie sie am Tisch sitzen und mit ihrem geld kalkulieren und dann fest stellen: Es reicht hinten und vorne nicht. Oder so ähnlich.

Dankle und Ciao
Tim

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Denschie
Guest
Registriert: Not Yet

Hey Knychen,
es kommt nicht soo gut heraus, dass es um die Rente bzw. Geldmangel geht. Mich erinnert es eher an Harold and Maud, nur dass hier beide gleich alt sind und deshalb beide sterben können.
Insgesamt finde ich e sehr gelungen!
GruĂź, Denschie

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